Dienstag, 11. Oktober 2011

Eike Jessen über ein Informatikerleben in Industrie und Hochschule

Eike Jessen war von 1964 bis 1972 Leiter der Großrechnerentwicklung von AEG/Telefunken in Konstanz und war unter anderem für die Entwicklung und den Bau des Rechners TR-440 verantwortlich. Jessen verließ Telefunken, um sich an einer Hochschule das inzwischen entstehende Informtik-Wissen anzueignen. Er war zunächst als Informatik-Professor in Hamburg tätig, mit einer einjährigen Beurlaubung an die Universität der Bundeswehr München, ehe er 1983 an die TU München berufen wurde. Seit 2003 ist er emeritiert. Neben seiner Lehrtätigkeit engagierte er sich besonders für den Aufbau des Deutschen Forschungsnetzes (DFN). Als langjähriger Vorsitzender des DFN-Vereins initiierte er 1988 das deutsche Wissenschaftsnetz. Jessen wurde in Elektrotechnik an der TU Berlin promoviert. Er wurde 2004 zum GI-Fellow ernannt. 



Bertal Dresen (BD): Wir beide lernten uns kennen, als Sie noch bei Telefunken in Konstanz arbeiteten. Ich selbst war damals auf der Seite Ihrer Konkurrenz tätig, nämlich bei IBM in Böblingen. Mitte der 1970er Jahre waren wir beide gleichzeitig im Präsidium der GI. Seit dieser Zeit habe ich den Eindruck, dass Sie eine andere Herangehensweise an viele Dinge haben, als diejenigen Kollegen, die ihr ganzes Berufsleben an der Hochschule verbrachten. Sehen Sie das auch so? Wenn ja, wie würden Sie diese Unterschiede charakterisieren? Sind Sie so wie es Ernst Denert in diesem Blog sagte, auch der Meinung, dass man in der Praxis Erfahrungen sammeln kann, die einem nützlich sind, auch wenn man in eine Hochschullaufbahn möchte? Wenn ja, welche dieser Erfahrungen halten Sie für besonders wichtig?

Eike Jessen (EJ): In den klassischen Ingenieurwissenschaften ist es die Regel, dass die Lehrstuhlinhaber vor ihrer Berufung Erfahrungen in der Berufspraxis außerhalb der Universität gesammelt haben. Insbesondere sollte damit erreicht werden zu lernen, wie man eine verantwortliche Rolle in einem großen Verbund spielen kann. Die Informatik in Deutschland konnte bei ihrer Gründung nicht auf ein Potenzial von praxisbewährten Wissenschaftlern zurückblicken. Das schmälert in keiner Weise die großen Leistungen, die in den 70ern beim Aufbau der Universitätsinformatik vollbracht wurden.

Ich glaube, dass neben dem Gefühl der Verantwortlichkeit für die Umgebung, in der ich arbeite, mich vor allem der Eifer gegen das Vage zu kämpfen und klare Ziele zu setzen, bestimmt hat. In dem üblichen Wissenschaftsbetrieb fühlte ich mich immer etwas fremd.

BD: Die von ihnen geleiteten Projekte bei Telefunken in Konstanz waren de facto der letzte Versuch, mit eigenen nationalen Entwicklungen im Großrechner-Bereich Fuß zu fassen, wenn wir einmal von Suprenum absehen. Darf ich Sie bitten, etwas über diese Erfahrungen zu reflektieren, technische und nicht-technische? War der anvisierte Markt zu klein, um eigene Entwicklungen zu rechtfertigen? Waren die für die Entwicklung erforderlichen Kapazitäten und Kompetenzen zu beschränkt? Wäre der Markt, in dem Heinz Nixdorf Erfolg hatte, für Sie eine Alternative oder Ergänzung gewesen? Warum hat sich im Bereich der Basis-Software (Betriebssysteme, Datenbanken, Grafiksysteme) kein deutscher Hersteller profiliert?

EJ: Mit dem TR 440 gingen wir in Konstanz in ein Projekt, das unter den Anforderungen des Marktes während der Entwicklung anwuchs, und auf technischen Grundlagen (z.B. CAD, Großrechner aus integrierten Schaltungen) basierte, die zwar im Prinzip vorhanden waren, aber eher als internes Wissen und Erfahrung einiger großer Hersteller, aber nicht in einem offenen Markt oder als Gemeingut der Fachleute. Eine Informatikausbildung gab es nicht. 

Trotz nachdrücklicher politischer Unterstützung (50% der Entwicklungskosten als DV-Förderung des Bundes, Unterstützung von TR 440-Beschaffungen in der Wissenschaft) und Verkauf von 44 Anlagen war das Vorhaben nicht profitabel. Es war immer klar, dass eine Fortsetzung der Rechnerentwicklung in Konstanz nur mit einem Partner möglich sein würde. Trotz vieler Gespräche wurde ein solcher nicht gefunden. Auch Siemens, gebunden durch die Unidata-Kooperation und die Anlehnung an die /370-Architektur, war dafür nicht geeignet.

Für den Markt, in dem Heinz Nixdorf so erfolgreich war, hatten wir weder das richtige Produkt noch Branchenwissen oder Kundenbeziehungen. Das Joint Venture Telefunken Computing zwischen AEG/Telefunken und Nixdorf scheiterte daran. 

Im Bereich Software waren die Erfolge allerdings größer als sie heute vielleicht aussehen. Da waren das Siemens BS 1000 und BS 2000. Das Telefunken BS 3 [für den Rechner TR440] war seiner Zeit ein gutes Stück voraus, die Compiler vorzüglich. Schließlich gab es Encarnaçaos Graphisches Kernsystem (GKS).

BD: An den Hochschulen, an denen Sie tätig waren, haben Sie in Lehre und Forschung  die Analyse und Optimierung von Rechensystemen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit in den Vordergrund gestellt. Wie beurteilen Sie heute die Relevanz dieser Arbeiten? Nach der Meinung vieler Kollegen haben unsere Rechner schneller ihr Preis-Leistungsverhältnis verbessert, als wir es ausnutzen konnten. Wozu sind dann noch Leistungsanalysen notwendig? Außerdem haben Sie eine Keimzelle der KI-Forschung, das Automatische Beweisen an der TU München (mit Wolfgang Bibel, Ulrich Furbach u.a.) aufgebaut. Haben sich auf diesem Gebiet Ihre Erwartungen erfüllt?

EJ: Ich verließ AEG/Telefunken mit dem Gefühl, dass wir die Abläufe für unsere Maschinen im Kleinen bestens kannten (wir hatten sie ja entworfen), dass aber ihr Verhalten im Großen, bei einer gegebenen Konfiguration und Programmlast eher wie in einer Naturwissenschaft durch Beobachtung und Messung erkundet wurde, was doch eigentlich verbürgtes Resultat einer erfolgreichen Entwicklung sein müsste. Sie haben recht, der Druck, die Leistungseigenschaften durchschauen und verantworten zu können, wurde durch die andauernde Steigerung der Halbleiterleistung gemindert, die es attraktiver machte, auf die nächste Technologiegeneration aufzuspringen als die Systementwürfe zu optimieren. Das gilt aber kaum für komplexe Systeme, mit der Durchdringung von Leistungs-, Zuverlässigkeits- und Sicherheitsproblemen.

Im Automatischen Beweisen kommt der Verdienst, diese Arbeitsrichtung in Deutschland so erfolgreich (in zahlreichen internationalen Wettbewerben demonstriert) vorangetrieben zu haben, Wolfgang Bibel und seinen Mitarbeitern zu. Daran ändert auch nichts, dass andere Verfahren der Wissensdarstellung und Deduktion sich ebenfalls verbreitet haben.

BD: Meine Kollegen und ich verbinden mit Ihrem Namen die Gründung und den Aufbau des Deutschen Forschungsnetzes (DFN) sowie den Aufbau der verschiedenen Generationen des Wissenschaftsnetzes einschließlich des auf Glasfasern basierten Höchstgeschwindigkeitsnetzes (X-WiN). Wie sehr haben diese Arbeiten die schnelle Akzeptanz des Internets an Hochschulen und anderswo vorbereitet? Gab es nicht auch Sackgassen, die man – nach dem, was man heute weiß – hätte vermeiden können? Worin besteht der nachhaltige und bleibende Wert dieser außergewöhnlichen Anstrengungen für die deutsche Wissenschaft und Wirtschaft?

EJ: Das DFN konnte ab Mitte der 90er Jahre an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen Bandbreiten der Übertragung bieten, von denen die übrigen Kommunikationsanbieter weit entfernt waren. Ab 2000 galt das auch für die Links nach USA. Das ermöglichte an den Hochschulen eine Generation in Netznutzung auszubilden, die anderswo unverfügbar oder unbezahlbar war. DFN ist auch beispielgebend in der Markt- und Ordnungspolitik gewesen (der X.25-Vertrag von 1989 war der erste privatrechtliche Netzdienstvertrag, nicht länger eine hoheitliche Aufgabe). DFN ist auch das Paradebeispiel, was die Wissenschaft durch Bündelung und Formierung ihrer Bedarfe erreichen kann. Aus einem anfänglichen Rückstand von etwa 4-5 Jahren gegenüber den USA entstand bis 2001 im DFN das größte und leistungsfähigste Wissenschaftsnetz der Welt.

In der DFN-Entwicklung gab es 1989/1990 eine Phase, in der DFN die herstellerunabhängige Kommunikation über die entstehenden Normen der ISO abwickeln wollte (übrigens ermutigt durch NSF und Pentagon!), während in der Wissenschaft die Internetwelt [basierend auf den TCP/IP-Protokollen] schnell heranwuchs. Bleibender Wert des DFN ist ein erstklassiges Netz, international bestens eingebettet, und eine schlagkräftige Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft. DFN hat gerade in den letzten Jahren gezeigt, dass es mit dem Trust Management AAI für die Gemeinschaft Vorteile herausholen kann, von denen der Markt noch entfernt ist.

BD: Ich erinnere mich, dass Sie während Ihrer Zeit an der TU München intensive  Kontakte zu Universitäten in den baltischen Ländern pflegten. Welche Form und welchen Inhalt hatten diese Kooperationsprojekte? Was ist daraus geworden? Was empfehlen Sie jüngeren Kollegen, was sie in puncto Auslandskooperationen tun sollten? Was kann man daraus lernen?

EJ: Die Frage ist sehr liebenswürdig. Könnte ich noch einmal anfangen, so würde ich viel intensiver international arbeiten. Ich habe die Universität Vilnius bei der Entwicklung ihrer Informatik unterstützt und in einem von der KTH Stockholm geleiteten Projekt die baltischen Länder beim Aufbau einer (Grid-) Infrastruktur beraten.

BD: Sie können auf eine sehr lange und aktive Mitgliedschaft in der GI zurückblicken. Nicht erst als GI Fellow haben Sie mehrmals die Initiative ergriffen, um sich mit aktuell relevanten Problemen zu befassen. Welche Probleme waren dies? Was ist aus den Initiativen geworden? Wie sehen Sie generell die GI? Wird sie den Erwartungen an eine Fachgesellschaft gerecht, die berufsständige Fragen nicht ignorieren kann?

EJ: Trotz Globalisierung der Wissenschaft ist eine deutschsprachige Fachgesellschaft für Informatik unverzichtbar. Die GI muss Rahmen für die Wissenschaft Informatik und für den fachlichen Austausch ihrer Mitglieder bereitstellen, Gutachten zum Stand der Informatik erarbeiten, ihre Mitglieder jenseits deren Spezialisierung im weiten Gebiet der Informatik informieren und fit halten, der Öffentlichkeit und der Wissenschaftspolitik die Bedeutung der Informatik aufzeigen. 

Wie Sie sich vielleicht erinnern, scheiterte die erste Initiative (von Denert, Endres, Jessen, Oberquelle), die das Ziel hatte in der GI Fachgruppen und Regionalgruppen aufzubauen, zunächst am Misstrauen des Informatik-Establishments gegenüber Bottom-Up-Aktivitäten. Die neuen Strukturen wurden schließlich von der Mitgliederversammlung 1974 in Berlin in die Satzung der GI aufgenommen und versuchsweise eingeführt. Sie haben sich offensichtlich bewährt und geben auch heute noch der GI einen breiten Unterbau.

Ich habe mich außerdem für die GI als Fortbildungsmedium eingesetzt, und lief damit offene Türen ein. Später führte dies zur Gründung der Deutschen Informatik-Akademie (DIA), die auch heute noch wertvolle Dienste leistet. Schwieriger war es, die Idee einer Mitgliederzeitschrift durchzusetzen als Angebot für diejenigen Mitglieder, die keine Zeit haben, wochentags an Fachveranstaltungen teilzunehmen. Heute ist das Informatik-Spektrum das wichtigste fachliche Bindeglied der deutsch-sprachigen Informatiker-Gemeinde. Gerne erinnere ich mich an diese frühe Zeit unserer Zusammenarbeit.

BD: Herr Jessen, vielen Dank für das ausführliche Interview
mit einigen interessanten historischen Reminiszenzen.

Nachtrag am 20.3.3015: 

Wie mir die Familie heute mitteilte, verstarb Eike Jessen am 18.3.2015 nach langer Krankheit in seinem Haus in Tutzing.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Bundestrojaner enttarnt – Auweia!

Als wir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FASZ) heute aus unserem Briefkasten entnahmen, hatte sie eine echte Sensationsmeldung auf ihrer Titelseite. Sie lautete:

Der Staatstrojaner wurde geknackt - Hacker können die Spionagesoftware fernsteuern. Daten ... laufen über amerikanischen Server...

Außer auf der Titelseite gab es auf Seite 12 zwei Artikel darüber, sowie einen ganzen Feuilleton-Sonderteil (Seiten 41-47). Recht ungewöhnlich für eine Publikumszeitung sind die Seiten 43-47. Sie enthalten weiter nichts als unkommentierten Assembler-Code. Wo gab es das schon mal?

Was war geschehen? Dem Chaos Computer Club (CCC) war es gelungen, mehrere Kopien des staatlichen Überwachungscodes zu bekommen und zu analysieren. Herauskam, dass der Bundestrojaner über Fähigkeiten verfügt, die Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht erlauben, die laut Verfassung verboten sind. Ob solche Eingriffe tatsächlich erfolgt sind, steht hier nicht zur Diskussion.

Das, was das Programm den Staatsorganen zu erlauben scheint, ist nicht nur für die FASZ (und ihren Chefredakteur Frank Schirrmacher), sondern sicherlich für die gesamte Öffentlichkeit ein Grund zur Besorgnis. Zwei Funktionen sind besonders gefährlich:
  • Das Programm registriert nicht nur tatsächlich versandte Nachrichten, sondern auf Wunsch auch alle Browser-Bildschirme, also auch nicht-abgesandte Entwürfe.
  • Es können ganz beliebige Programme von überall aus dem Internet nachgeladen werden.
    Es besteht kein Zweifel, dass hier den Kollegen, die sich für den Datenschutz engagieren, ein großer Coup gelungen ist. Das wird hoffentlich die Diskussion erneut beflügeln. Zwei Gedanken möchte ich noch anfügen.

    Die Art, wie Herr Schirrmacher und seine Kollegen diese Sache darstellen, gefällt mir nicht ganz. Treu seinem Mantra, das er schon in seinem 2009 erschienenen Bestseller ‚Payback‘ verkündete, sollte man Informatikern lieber generell misstrauen. Dort warnt er bereits:
    • Die wahren Autoren unserer Existenz sind heute nicht Schriftsteller, sondern Programmierer (S.134)
    • Gott wird immer mehr zum Großen Programmierer und der Computer sein Werkzeug… Der menschliche Geist ist ein Computerprogramm (S. 147)
    • Unter der Benutzeroberfläche befinden sich die Maschinenräume, die Nicht-Informatiker niemals zu sehen bekommen (S.153)
    Jetzt werden fünf (sinnlose) Seiten Assembler-Code abgebildet, so als ob hinter jedem Stück Programmcode sich nur Unheil verbergen könnte. Es ist wie ein Menetekel des Dämonischen, der Zauberspruch der unkontrollierbaren Programmierer.

    Ein anderer Gedanke hatte mich schon früher beschäftigt. Bei uns bringt der Bürger traditionell einem vom Staat angebotenen Dienst mehr Vertrauen entgegen als einem privaten Anbieter. In den USA ist es umgekehrt. Vorfälle wie der beschriebene könnten bewirken, dass auch wir Europäer uns langsam in die andere Richtung bewegen.

    Freitag, 7. Oktober 2011

    Zum Gedenken an Steve Jobs (1955-2011)

    Es gibt Ereignisse, bei denen man sich später fragt, wie und von wem man davon erfahren hat. Die gestrige Nachricht vom Tode des 56-jährigen Computer-Pioniers Steve Jobs fällt in diese Kategorie. Indem ich hier eine Auswahl von Nachrichten wiedergebe, die mich gestern, also am Donnerstag, den 6.10., erreichten, erweise ich dem verstorbenen Fachkollegen auf diese Art meine Reverenz.

    06:56 Die erste einschlägige Nachricht sehe ich kurz nach dem Hochfahren meines Desktops beim Aufrufen meines Browsers. Bei mir erscheint dann die Homepage der Telekom mit ihren Nachrichten. Hier hieß es: 

    Steve Jobs ist tot - Der seit Jahren an Krebs erkrankte ehemalige Apple-Chef starb im Alter von 56 Jahren.

    Dazu gibt es ein kurzes Video (Achtung Flash-Modus!) mit Bildern aus seinem Leben. Am Nachmittag gab es eine ausführlichere Würdigung an derselben Stelle.

    07:23 Noch vor dem Frühstück lese ich auf meinem PC einen Nachruf im Portal der Zeitschrift Digital. Er ist überschrieben:

    Steve Jobs ist tot - Rudi Kulzers persönlicher Nachruf an einen Nachbarn in Palo Alto

    08:15 Direkt nach dem Frühstück entdecke ich auf meinem iPhone den Facebook-Eintrag von Präsident Obama. Seine Worte lasse ich in Englisch stehen:

    The world has lost a visionary. And there may be no greater tribute to Steve’s success than the fact that much of the world learned of his passing on a device he invented.

    Eine sehr passende Würdigung, deren Aussage bei mir nur um gut eine Stunde daneben ging.

    08:34 Gleich danach lese ich – ebenfalls in Facebook – den Nachruf im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen (FAZ). Hier die Zusammenfassung:

    Trauer um Computer-Pionier - Steve Jobs ist tot. Der Tod des Apple-Mitbegründers Steve Jobs hat Trauer und Bestürzung ausgelöst. Der Computer-Visionär starb am Mittwoch im Alter von 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und vier Kinder.

    11:05 Die New York Times und das Wall Street Journal, die ich beide regelmäßig auf meinem iPad lese, bringen jede gleich mehrere Artikel über Steve Jobs. Weitere Einzelheiten darüber erspare ich mir.

    13:18 Eine E-Mail von Cornelia Winter, der Sprecherin der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) trifft ein. Ich gebe den Wortlaut ungekürzt wieder:

    Steve Jobs ist tot! Die Nachricht hat uns heute Morgen erreicht, mitten in der Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen, Freunden und all seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.  Steve Jobs war ein Idol für unsere Jugend und hat mit seinen Visionen die Welt verändert. Aber er war weit mehr als nur ein Visionär und Forscher. Er vereinigte in seiner Person auch noch die Eigenschaften eines großen Erfinders und herausragenden Unternehmers. Seine Produkte waren technisch revolutionär, vor allem aber trafen sie die Bedürfnisse seiner Kunden weltweit, und vor allem immer zum richtigen Zeitpunkt. Es waren nicht nur die technischen Produkte, sondern vor allem auch die Geschäftsideen wie zum Beispiel itunes, das neben MP3 die gesamte Musikwirtschaft revolutioniert hat. Als Informatiker wird er uns sicher unvergessen bleiben.

    14:44 Ein Freund und Ex-Kollege aus Portland, Oregon, schickt mir per E-Mail einen Ausschnitt aus der Los Angeles Times vom gleichen Tage. Darin heißt es: 

    Steve Jobs, who died Wednesday at 56, was the definition of a visionary, a technological trailblazer who transformed one industry after another, including computers, smartphones, music and movies. And, of course, Apple's co-founder transformed our everyday lives with gadgets like the iPod, iPhone and iPad.

    Der Zeitungsartikel enthält einen Link auf die Rede. die Steve Jobs im Jahre 2005 vor den Studenten der Stanford Universität hielt. Ich hörte mir daraufhin diese Rede, an die ich mich nur schwach erinnerte, in ihrer ganzen Länge an. Sie enthält sehr tiefe Lebensweisheiten, die unter dem Eindruck des Todes des Redners besonders stark ansprechen.

    19:00 Das Fernsehen, in diesem Falle das ZDF, bringt in den Nachrichten eine ausführliche Würdigung von Steve Jobs.

    23:06 Ein zweiter amerikanischer Freund aus Colorado schickt mir die Inhaltsseite der aktuellen Ausgabe von CNet News. Sechs von acht Beiträgen sind Steve Jobs gewidmet. Ich kopiere die Seite der Einfachheit halber:


    Inhalt CNET News

    PS1: Nicht ganz so zeitig sind die auf Papier gebliebenen Zeitungen. Dennoch zollen auch sie gebührende Reverenz. So hat die heutige Freitagsausgabe der Stuttgarter Zeitung dem Verstorbenen das Titelbild, den Leitartikel sowie die gesamten Seiten 2 und 3 gewidmet.

    PS2: Einige Bemerkungen zu Jobs und Apple gab es in diesem Blog vor etwa einem halben Jahr.

    Donnerstag, 6. Oktober 2011

    Erfahrungen mit Navigationssystemen

    Meine Erfahrungen mit Navigationssystemen beziehen sich inzwischen auf vier Hardware-Generationen. Es begann mit dem Mobilen Digitalen Assistenten (MDA-II) der Telekom. Danach kam ein spezielles mobiles Navi-Gerät (TomTom). In letzter Zeit übernahmen bereits zwei Generationen eines Smartphones (iPhone) auch mehr und mehr diese Funktion. Ein im Auto fest eingebautes Navigationsgerät hat mich nie interessiert. Einerseits hätten wir, um alle fünf Familienmitglieder zu befriedigen, mitunter bis zu fünf Autos mit entsprechenden Geräten ausstatten müssen. Andererseits war es immer mein Wunsch, ein Navi auch beim Wandern dabei zu haben, vor allem bei Spaziergängen in großen Städten. Die Funktionalität der Systeme verbesserte sich im Laufe der Zeit erheblich. War am Anfang der für Karten zur Verfügung stehende Speicherplatz noch äußerst knapp bemessen, löste sich dieses Problem bald auf. Die nachstehende Tabelle fasst die wichtigsten technischen Daten der hier besprochenen Geräte zusammen.


     Vergleich technischer Leistungsdaten

    Die dramatische Steigerung der Leistungsfähigkeit in weniger als 10 Jahren ist nicht zu übersehen. Bei einigen Geräten wurde neben dem Navigieren auch immer eine Reihe anderer nützlicher Funktionen und Anwendungen angeboten. Wir erleben im Moment eine rasante Entwicklung hin zu dem allzeit am Körper getragenen Universalgerät. Ich diskutiere im Folgenden meine Erfahrungen, bezogen auf drei historische Phasen in der Entwicklung dieser Technik.

    Frühe, etwas anstrengende Versuche

    Der MDA-II war das zweite in einer Reihe von Multifunktionalgeräten, welches die Deutsche Telekom etwa seit 2004 anbot. Es war ein Mobiltelefon mit Kamera und relativ großem Bildschirm (53 x 70 mm, 240 x 320 Bildpunkte). In der Grundausstattung bestand der Speicher aus einem ROM- und RAM-Teil von 22 bzw. 64 MB. Mit Hilfe einer SD-Karte konnte der Speicher (fast) beliebig erweitert werden. Das Gerät war relativ schwer (188 Gramm), die Batterie hielt nur wenige Stunden. Als Digitaler Assistent waren Kontaktverzeichnisse und Kalenderfunktion sehr komfortabel ausgebaut. Man konnte auch Dateien herunterladen und E-Mails verschicken. Das verlangte aber bereits einige Klimmzüge.

     

    T-Moblie MDA-II

    Zum Navigieren installierte ich den Navigator der Firma Falk. Die Falk-Karten waren mir sehr geläufig und hatten einen guten Ruf. Die erste Testfahrt mit dem neuen Gerät unternahm ich an einem Sonntag von Sindelfingen nach Bietigheim am Neckar, eine Entfernung von etwa 50 km. Bis nach Bietigheim erfolgte die Navigation reibungslos. Innerhalb des Orts wurden wir nicht dahin geführt, wohin wir wollten, sondern endeten in einer Sackgasse. Freundliche Passanten dirigierten uns weiter. Das wahre Fiasko trat erst am Monatsende zutage, als ich meine Telefon-Rechnung ansah. Sie enthielt Extragebühren von 23 Euro für das Herunterladen von Karten. Daraufhin schenkten mir meine Kinder einen Zusatz-Speicherchip von 500 MB mit einer Deutschland-Karte drauf (für 99 Euro). Jedes Mal, wenn ich vergessen hatte die Batterie rechtzeitig aufzuladen, - was nicht selten vorkam - musste ich die Navigator-Anwendung (sowie alle anderen Anwendungen) neu im RAM-Teil des Speichers installieren. Außerdem musste nach dem Hochfahren die Standardeinstellung des Geräts manuell geändert werden, d.h. ein bestimmtes Häkchen in einem Eingabefeld musste gesetzt oder gelöscht werden.

    Ausgereifte Spezialsysteme

    Ans Navigieren gewöhnen konnte ich mich erst mit der nächsten Generation von Geräten. Nach entsprechenden Marktstudien entschloss ich mich Ende 2007 für das Gerät TomTom GO 730. Es enthält genug Speicherplatz, um Karten von ganz Europa vorzuhalten. Sowohl die Software des Gerätes wie auch die Karten lassen sich vom Internet her auf den neuesten Stand bringen. Vor jeder größeren Reise empfiehlt es sich, dies zu tun. Die Funktionalität des Geräts lässt sich in vielfältiger Weise anpassen. Man kann nicht nur die Stimmen und die Sprache der Ansager ändern, sondern auch die Art der Objekte, auf die man hingewiesen sein möchte. Das können Tankstellen sein und Parkhäuser, aber auch Sehenswürdigkeiten und Restaurants. Das Kartenmaterial ist in der Regel sehr zuverlässig, die Anzeige am Bildschirm klar und übersichtlich. 

    Meine Frau und ich haben inzwischen mehrere Tausend Kilometer per Auto zurückgelegt, bei denen wir keine Papierkarten mehr dabei hatten. Auch wenn wir dieselbe Strecke bereits kennen, bleibt das TomTom-Gerät an. Es warnt dann vor Überschreitungen der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit und vor Radarfallen (letzteres nur als Zusatzfunktion). Statt über eine (simulierte) Tastatur können Ziele auch mündlich eingegeben werden. Die Laufzeit der Batterie ist kein Problem mehr, da alle Programme und Daten in nicht-flüchtigem Flash-Speicher vorgehalten werden.


    TomTom GO 730

    Kleinere Probleme gab es auch hier. Einige Beispiele, die sich einprägten, seien kurz erwähnt. In La Spezia an der ligurischen Küste Italiens kannte man eine neu eröffnete Stadtautobahn nicht und lenkte uns partout in abgeschnittene Querstraßen. In Eze-sur-Mer an der Côte d’Azur war der städtische Parkplatz bereits über 200 m vorbei, bevor wir zum Abbiegen aufgefordert wurden. Da die Moyenne Corniche, die Küstenstraße auf halber Höhe, anschließend bis nach Nizza keine Wendemöglichkeit mehr bot, entfiel das Wiedersehen mit Eze halt. Auch in Schweizer Tunnels kann die Ansage verwirrend werden, wenn der GPS-Empfang zu lange aussetzt. In kritischen Situationen nehme ich schon mal eine zweite Orientierungsmethode zu Hilfe, nämlich das Smartphone (siehe unten). Das geht allerdings nur als Beifahrer. Nachdem das TomTom-Gerät mehrmals völlig unerwartet durch die Gegend flog, ist das Ankleben des Geräts an der Windschutzscheibe vollkommen aus der Mode gekommen. Es liegt jetzt immer auf der Mittelkonsole.

    Zusätzlich zum TomTom-Gerät verfüge ich über ein weiteres vollwertiges Navigationssystem. Es ist das System Navigon, das für Telekom-Kunden kostenlos auf dem iPhone zur Verfügung gestellt wird. Ich benutze es nur, wenn ich das TomTom vergessen habe. Da dies eher selten der Fall ist, bin ich mit diesem System auch noch nicht richtig vertraut.

    Moderne Universallösungen

    Während das TomTom-Gerät nur bei Autofahrten zum Einsatz kommt, gibt es längst ein Gerät, dessen Kartenmaterial ich tagtäglich auch zuhause benutze, ja oft mehrmals pro Tag. Es sind dies die Google Maps auf meinem iPhone, das ich seit Ende 2008 besitze. Hier gibt es kostenlose Karten für die ganze Welt. Man kann dank GPS sich sowohl die eigene Position (als kleine blaue Kugel) zeigen lassen, als auch Routen zwischen zwei Zielen berechnen lassen. Wenn immer ein Ortsname im Gespräch oder im Fernsehen erwähnt wird, von dem ich wissen möchte, wo er liegt, suche ich ihn per Google Maps. Das geht so schnell, dass das Gespräch nicht einmal ungebührlich verzögert wird. 

    Wie oben bereits erwähnt, benutze ich die Google Maps auch manchmal beim Autofahren als Ergänzung zum TomTom-Gerät, um zu sehen, wo ich mich gerade befinde. Das kann mir das TomTom zwar auch sagen, ich muss aber von der Routendarstellung auf die Kartendarstellung umschalten. Das dauert während des Fahrens zu lange und geht oft daneben. Da ich mein Smartphone immer am Gürtel trage, bin ich mir (fast) sicher, dass ich mich in keinem Urwald und in keiner Stadt mehr verlaufen werde. Drei Voraussetzungen müssen allerdings erfüllt sein: die Batterie darf nicht leer sein, die Stärke des Mobilfunkempfangs muss ausreichen und der Roaming-Tarif muss tolerabel sein. Selbst im europäischen Ausland sind diese Bedingungen sehr oft nicht erfüllt. Das GPS-Signal dagegen ist weltweit verfügbar und kostenlos.


     Apple iPhone 3G

    Ein weiterer Einstieg in das Kartenmaterial von Google kann über Google Earth erfolgen. Da für diese Anwendung die Kapazität des Mobiltelefons an ihre Grenzen stößt, benutze ich hierfür lieber den PC. Wird eine Urlaubsreise geplant, fliege ich das Ziel gerne vorher mit Google Earth an.

    Das Smartphone stellt bekanntlich ein völlig neues und universelles Medium dar, dessen Verwendungsmöglichkeiten erst sukzessive erschlossen werden. Fast jedes Quartal werden neuartige Anwendungen (Apps genannt) angeboten, an die vorher niemand gedacht hatte. Drei Beispiele seien kurz erwähnt, da sie mit dem Thema Navigation verwandt sind.
    • Die App myCar Park merkt sich die Koordinaten eines geparkten Autos und führt den Besitzer später an diese Stelle zurück.
    • myTaxi ruft ein Taxi vom nächstgelegenen Taxistand und führt es zu der Stelle, an welcher der Rufer steht.
    • Mein IPhone suchen gestattet es, von einem andern iPhone (oder einem iPad) aus ein verlorenes iPhone (oder iPad) zu lokalisieren. Das geht natürlich nur, wenn das Gerät eingeschaltet war. Man kann das Gerät aus der Ferne ausschalten oder seine Daten löschen.
    Für alle diese drei Anwendungen ist die derzeit verfügbare Genauigkeit der GPS-Ortung eigentlich nicht mehr ausreichend. Bei mehrfachen Versuchen können Schwankungen um 20-30 m auftreten. Wenn nicht von GPS selbst, so wird dieses (kleine) Problem vielleicht eines Tages von dem geplanten europäischen Satellitensystem Galileo gelöst werden. Meine Sorgen um dieses Projekt habe ich im Februar bereits zum Ausdruck gebracht, in diesem Blog natürlich.

    Außer fürs Navigieren und Lokalisieren benutze ich mein Smartphone für ein immer größer werdendes Spektrum von Anwendungen. Neben dem Telefonieren sind dies im Moment vor allem Chatten, Fotografieren, E-Mails und Presseinformationen empfangen und Spielen. Was es im nächsten Jahr sein wird, weiß ich noch nicht.

    Samstag, 1. Oktober 2011

    Innovationspreis 2011 der Gesellschaft für Informatik (GI) vergeben

    Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) wird diese Woche den Innovations- und Entrepreneurpreis für das Jahr 2011 verleihen. Mit diesem Preis zeichnet die GI informatikbezogene Erfindungen, Innovationen und einschlägige Unternehmensgründungen aus. In diesem Jahr haben die Systeme „UPcload“ und „Beschaffernetzwerk“ den GI-Innovationspreis gewonnen.

    Das System UPcload dient der automatisierten Erfassung der Körpermaße einer Person mit einer Standard-Webcam. Auf diese Weise ermöglicht UPcload dem Konsumenten passformsichere Kleiderkäufe und reduziert das aufwändige Retourmanagement für die Händler. UPcload beansprucht Alleinstellungsmerkmale hinsichtlich der Spezifikation von musterbasierten Algorithmen zur Segmentierung der fotografierten Person vom Hintergrund sowie der Entwicklung von Sub-Pixel-Algorithmen zur Verbesserung der Messgenauigkeit unter Berücksichtigung anatomischer Eigenschaften der Menschen. UPcload überzeugte die Jury nicht nur durch die technische Innovation sondern auch durch ihre bislang erfolgreiche Geschäftspolitik. 

    Die Firma UPcload GmbH hat ihren Sitz in Berlin (E-Mail: contact@upcload.com). Geschäftsführer sind Asaf Moses und Sebastian Schulze.

    Mit dem Beschaffernetzwerk der ondux GmbH würdigt die GI ein Internetportal, welches der öffentlichen Verwaltung einen schnellen und effizienten Wissens- und Informationsaustausch ermöglicht. Das „Beschaffernetzwerk“ ist ein soziales Netzwerk, das erhebliche Einsparungen bei der öffentlichen Auftragsvergabe verspricht. Dieser potenzielle Mehrwert in Verbindung mit geschlossenen Nutzergruppen und einem Höchstmaß an Vertraulichkeit hinsichtlich persönlicher Daten hat nicht nur bereits viele Nutzer gefunden, sondern auch die Jury überzeugt.

    Die Firma ondux GmbH hat ihren Sitz in Estenfeld bei Würzburg (E-Mail: info@beschaffernetzwerk.de). Geschäftsführer ist Dr. Berc Pekayvaz.

    Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Die Auszeichnung findet auf der GI-Jahrestagung Informatik 2011 am 5. Oktober 2011 in Berlin statt. 

    PS. Der Wortlaut dieses Beitrags entstammt in großen Teilen einer Presseverlautbarung der GI.

    Dienstag, 27. September 2011

    Über Zweitkonten, Zweitadressen und Decknamen im Internet

    Immer wieder gibt es Situationen, in denen man besser dran ist, wenn man im Internet flexibel reagieren kann. Vor einigen Tagen konnte ich plötzlich nicht mehr mit meinem befreundeten Verleger kommunizieren. Fast zwanzig Jahre lang ging es gut. Diese Woche wurde elektronische Post von seinem Anbieter (auf Neudeutsch Provider) als Spam abgewiesen, sofern sie von Konten beim selbigen Anbieter stammte. Näheres konnte man noch am selben Tage bei Focus Online oder im Handelsblatt lesen oder im Fernsehen hören. Ich konnte trotzdem meine Post an ihn loswerden, da ich noch ein E-Mail-Konto bei einem andern Anbieter hatte.

    Seit ich E-Mails schreibe – ich schätze seit Anfang der 1970er Jahre – wollte ich mich nicht von einem einzigen Anbieter abhängig machen. Anfangs ging es mir darum, die funktionalen Unterschiede zwischen den Anbietern kennen zu lernen und ggf. auszunutzen. Der zweite Grund war, dass ich nicht überblicken konnte, welcher Anbieter auf Dauer einen akzeptablen Dienst hinbekommen würde, ja, ob er überhaupt überleben würde. Diese Sorge hat sich gelegt. Auch die funktionalen Unterschiede sind heute nur noch minimal.

    Für alle Konten benutze ich neben der primären Adresse noch eine oder mehrere Zweitadressen, in der Fachsprache Alias genannt. Sie sind fast so wichtig wie Zweitkonten. Ein relativ oberflächlicher Grund war, dass ich Adressen wählte, die leichter einzuprägen waren als die Primäradresse. Auch wollte ich bei Reisen, sei es in Europa oder sonst irgendwo in der Welt, E-Mails lesen und verschicken können. An zwei Situationen erinnere ich mich noch sehr lebhaft. Im Hafen von Montevideo lag das Internet-Café direkt an der Hafenmole, von dem aus ich E-Mails in alle Welt versandte. Auf der Südsee-Insel Vavau im Tonga-Archipel stand in einer Palmenhütte ein Rechner, von dem E-Mails zu verschicken sogar besonders billig war. Für solche Zwecke habe ich eine Adresse, die ich nur auf Reisen verwende, da ich hier keinerlei Datenschutz erwarte. 

    Das größte Problem, bei dem eine Zweitadresse helfen kann, sind Spam-Nachrichten. Nach meiner Erfahrung schaukelt sich die Spam-Belastung über einen gewissen Zeitraum auf. Ist eine Adresse einmal in diesen Kreisen bekannt, gibt es keinen Halt mehr. So ist es mir mehrmals passiert, dass der Spam-Verkehr mit 30-50 Nachrichten pro Tag ein Ausmaß annahm, dem ich nur Herr werden konnte, indem ich diese Adresse aufgab. Danach hatte ich wieder für einige Monate oder Jahre Ruhe. Ich wunderte mich immer wieder, für welche Art von Wirtschaftsgütern oder Dienstleistungen man mich ausgewählt hatte.

    Eine ganz andere Diskussion betrifft die Frage, wie man sich in den so genannten Sozialen Netzen des Internets selbst darstellt. Für manche Zeitgenossen ist Internet heute gleichbedeutend mit Facebook, StudVZ, Xing und dergleichen. Ich konnte mich bis heute für keines dieser Netze wirklich erwärmen. Der Mehrwert gegenüber einer eigenen Homepage und einer einheitlichen Kontaktliste für E-Mails und Smartphone ist gering. Da ich die Homepage zwecks Selbstdarstellung schon besaß, habe ich mich den neuen Netzen nur versuchsweise genähert. Überall benutze ich einen Decknamen, mit einer einzigen Ausnahme. Das ist LinkedIn. Hier haben etwa 80 Fachkollegen aus aller Welt mich als Kontakt akzeptiert. Dafür erfahre ich, welche Kontakte sie (außer mir) noch haben, und – bei noch beruflich aktiven Kollegen – ob sie den Job oder die Hochschule wechselten.

    Die unter anderem von Thomas de Maizière, dem damaligen Bundesinnenminister und jetzigen Bundesverteidigungsminister, aufgebrachte Idee, im Internet nur Klarnamen zuzulassen und Decknamen zu verbieten, zeugt nicht von einem ausgeprägten Sinn für Praxis. Sie hat wohl auch politisch keine Chance, realisiert zu werden. Dagegen ist auf lange Sicht eine Trennung zwischen offizieller Kommunikation einerseits, die eine gesicherte Identität voraussetzt, und inoffizieller Kommunikation andererseits, die Pseudonyme zulässt, vielleicht die einzig sinnvolle Lösung. Wenn ein Anbieter wie Google dafür wirbt, oder gar vorschreibt, nur Klarnamen zu verwenden, so ist dies nur ein Ausfluss des benutzten Geschäftsmodells. Werbung lässt sich halt umso leichter verkaufen, je mehr man über die Zielgruppe weiß.

    Bei einem Pseudonym entscheidet der Empfänger, ob er Post akzeptiert oder im Netz den Kontakt pflegen will. Alle meine Kontakte in Sozialen Netzen (außer bei LinkedIn) haben hier eine gewisse Hürde überwinden müssen. Entweder wussten sie, wer hinter dem Alias oder Pseudonym steckt, oder ich musste es ihnen auf anderem Wege erklären. Natürlich bin ich nicht in einer beruflichen Situation oder in einer Lebensphase, wo ich partout nach neuen, bisher unbekannten Kontakten Ausschau halten muss.

    Beim Internet-Händler eBay ist es ganz normal, sich unter einem Pseudonym in einen Bieterwettbewerb einzuschalten. Ich sehe auch keinen Grund, dies zu ändern. Wenn immer es ans Bezahlen geht, will ich jedoch meine wahre Identität nicht länger verheimlichen. Trotzdem bin ich natürlich sehr vorsichtig, wem ich meine Konto- oder Kreditkartennummer gebe. Ich empfinde es allerdings nicht als Eingriff in meine Privatsphäre, wenn ich mir ein Buch bei Amazon kaufen will und mir gesagt wird, welche anderen Bücher die Leute noch kauften, die vor mir dieses Buch kauften. 

    Wer nicht weiß, oder nicht glaubt, dass er bei jedem Auftreten im Internet Spuren hinterlässt, hat eine falsche Vorstellung von diesem Medium. Auch in der realen Welt passieren Dinge, die man nicht sieht. Wer meint, dass Facebook nicht erfasst, wer wann auf einen ‚Gefällt mir‘-Schaltknopf drückt, ist naiv. Wozu soll der wohl sonst da sein? Außerdem kann man jeden Rechner und jedes Mobiltelefon überall in der Welt lokalisieren, sobald sie eingeschaltet sind. Daher ist ein verheirateter Mann, der auf Abwege geraten ist, gut beraten, sein Handy auszuschalten. 

    Jeder Internet-Nutzer muss sich überlegen, wem er vertraut und welche Risiken er einzugehen bereit ist. Auch das ist nicht viel anders als im wahren Leben. Um abwägen zu können, muss man sich informieren, es sei denn er oder sie können dem Reiz eines Abenteuerspielplatzes nicht widerstehen. Wer heute eine Schiffsladung um das Horn Afrikas transportieren will, wägt die damit verbundenen Risiken ab. Dasselbe tut – mit andern Vorzeichen – die Sorte von Piraten, die dort aktiv ist. Die Piraten des Internet leben manchmal auch gefährlich, es sei denn sie lassen sich in Parlamente wählen.

    Samstag, 24. September 2011

    Papst Benedikt und die Grundlagen des Rechts

    Papst Benedikt XVI. hielt am 22.9.2011 eine Rede vor dem Deutschen Bundestag in Berlin. Statt zu aktuellen Fragen der Tagespolitik seine Meinung darzulegen, hielt er eine anspruchsvolle juristisch-philosophische Vorlesung. Er wollte den Abgeordneten aus seiner Sicht erklären, welches die Grundlagen ihrer Tätigkeit als Gesetzgeber sind.

    Wie nicht anders zu erwarten, griff der Papst dabei auf Zitate aus der Bibel (König Salomon, Paulus-Briefe) und von Kirchenlehrern (Origenes, Augustinus) zurück. Er argumentierte primär gegen die Positionen des Positivismus. Relevant ist dabei einerseits der erkenntnistheoretische Positivismus, andererseits der Rechtspositivismus. In der positivistischen Erkenntnistheorie wird von folgenden Annahmen ausgegangen:

    Wir wissen letztlich nichts über die Außenwelt. Alles, worüber wir verfügen, sind Sinnesdaten. Diese interpretieren wir, wobei sich nun allerdings die Frage stellt, wie wir sie interpretieren.

    Der Rechtspositivismus fordert ein Recht, 

    das sich ausschließlich auf die mit dem Gesetzgeber gegebene menschliche Legitimation beruft. …Es wird weder mit einem Rückbezug auf …das göttliche Recht der Bibel legitimiert, noch über Naturrechte, also allen Menschen natürlich und gleichermaßen zukommende Rechte.

    Beginnen wir mit letzterem. Benedikt gibt zu, dass das Naturrecht nur eine katholische Sonderlehre darstellt, die er gar nicht bemühen möchte. Deshalb zitiert er einen Vertreter des Positivismus, Hans Kelsen, der im hohen Alter von 84 Jahren (also im gleichen Lebensalter, das der Redner gerade erreicht hat) zu der Einsicht kam, dass sich aus der Betrachtung der Natur keine Verhaltensregeln (Normen) ableiten lassen. Dafür sei ein Wille erforderlich. Es stellt sich die Frage, wo der zu suchen ist, in der Natur oder außerhalb. Nach Ansicht des Papstes käme dafür natürlich nur der göttliche Schöpferwille in Frage.

    Bereits in den 1970ern hätten junge Menschen erkannt, dass die Art, wie wir die Natur sehen, nämlich als Dienerin des Menschen, nicht richtig sein könnte. Die daraus entstandene Ökologie-Bewegung führte zu der heute fast allgemein akzeptierten Einsicht, dass die Natur einen Zweck hat, der vom Menschen unabhängig ist. Sie habe eine eigene Würde. Vielleicht erkennen wir auf ähnliche Weise, dass der Mensch ebenfalls nicht nur Selbstzweck ist. Wir kämen dann zu einer Ökologie des Menschen.

    Nicht nur die Mehrheiten von Meinungen schaffen Recht. Es gibt tiefere Wurzeln. Im Gegensatz zu andern Religionen habe das Christentum nie ausschließlich auf göttlichem Recht bestanden. Aus dem Zusammenfluss von jüdischer, griechischer und römischer Tradition entstand eine Rechtsphilosophie, die auch Natur und Vernunft immer als Quellen des Rechts ansah. Als Europäer sollten wir diese Traditionen nicht einfach zur Seite schieben. Nur müsste man erkennen, was Natur und Vernunft uns mitteilen. Das sei nicht immer einfach. 

    Der Positivismus beschränke die Natur des Menschen auf seine Körperlichkeit und die Vernunft auf das, was verifizierbar oder falsifizierbar ist. Das hält Benedikt für eine unzumutbare Reduktion. Die Vernunft des Menschen weise schließlich über seine Natur hinaus. Die Vernunft könne sich vom Gewissen leiten lassen. Es helfe dabei, Gutes von Bösem zu unterscheiden. Da das Gewissen nicht der Rationalität unterliegt, scheint sich hier eine Brücke zum Irrationalen, zum Metaphysischen, aufzutun. Sie scheint für Benedikt sehr wichtig zu sein, da sie ja auch zu den Religionen führt. Bei seinen Zuhörern bewegte Benedikt sich mit diesem Begriff auf sehr vertrautem Terrain, leitet doch unser Grundgesetz sowohl den Bürgern (in Art. 4) wie den Parlamentariern (in Art. 38) basierend auf ihrem Gewissen sehr fundamentale Rechte ab.

    Wenn immer Benedikt über Vernunft spricht – er tut dies sehr oft, so auch 2006 in Regensburg – komme ich nicht umhin an den Kult der Vernunft zu denken, den die französischen Revolutionäre 1793 an die Stelle der Religionen setzten. Sie trieben damit die Ziele der Aufklärung auch äußerlich auf die Spitze. Überall, wo sie hinkamen, wurden aus christlichen Kirchen so genannte Tempel der Vernunft. So geschehen zum Beispiel in Trier und Mainz. Das historische Schicksal dieses Spuks wurde bekanntlich 1801 durch das Konkordat Napoléons mit dem Vatikan besiegelt. Ich frage mich, ob Benedikt jetzt nachträglich die Aufklärung vereinnahmen will oder wird er von ihr vereinnahmt? Die einst sehr extremen Gegensätze wurden ins Gegenteil verwandelt. Kirchenlehre und Vernunft verstehen sich heute als Partner – so sieht es jedenfalls Papst Benedikt.