Montag, 14. Februar 2011

Galileo, Theseus und mein Bauchgrummeln

Nach dem Ausflug in die Vergangenheit jetzt wieder zurück in die Gegenwart. Was ich beschreiben werde, stimmt mich traurig. Es sind zwei Projekte, bei denen es mir echt schwerfällt, ihren Sinn und Zweck zu verstehen. Dabei steht eine Menge Geld auf dem Spiel. Ich bin bei keinem der beiden Projekten direkt beteiligt, sondern nur indirekt als Steuerzahler. Die kurzen Angaben zu den Projekten stammen aus offiziellen Unterlagen.

Galileo soll weltweit Daten zur genauen geografischen Positionsbestimmung liefern. Es soll einen offenen Dienst, einen kommerziellen und einen sicheren Dienst anbieten. Der offene Dienst steht in Konkurrenz zu GPS. Ähnliche Projekte gibt es in Russland und China. Außer der EU sind folgende weitere Länder an Galileo beteiligt oder interessiert: China (!), Indien, Israel, Marokko, Norwegen, Saudi-Arabien, Schweiz, Süd-Korea und Ukraine. Bis 2007 wurden 1,5 Mrd. Euro in die Entwicklung investiert. Für den Endausbau bis 2013 stellt der EU-Haushalt weitere 3,4 Mrd. Euro bereit. Bisher ist das Projekt vor allem durch Terminverschiebungen aufgefallen.

Eine Frage stellt man sich als Außenstehender: Warum können wir Europäer nicht mit den USA zusammenarbeiten, die ja ihr GPS auch weiterentwickeln? Dass Russen und Chinesen größere Hürden zu überwinden hätten, wollten sie dies tun, versteht sich. Die landläufige Antwort heißt: Das GPS-System wurde ähnlich wie das Internet ursprünglich für die amerikanische Landesverteidigung gebaut. Es könnte sein, dass die US-Armee, deren Aufgabe es ist, auch Europa zu verteidigen, das System einmal abschaltet. Das wäre vermutlich während eines Krieges, der sich auch bei uns abspielt. Die Amis wären der Verzweiflung und dem Untergang nahe, wir Europäer aber könnten wenigstens weiter navigieren. 

Neben den besseren Erfolgsaussichten und den möglichen Kostenersparnissen gibt es in diesem Falle noch einen dritten Grund, warum ein Zusammengehen von Europäern und Amerikanern wünschenswert wäre: Bekanntlich gibt es im Himmel über uns schon einen derart dichten Satellitenverkehr, dass man Angst vor Karambolagen haben muss, ganz zu schweigen von dem Schrott, der uns einmal auf den Kopf fallen kann. Ein Unternehmen, das an dem Projekt beteiligt ist, entließ vor kurzem einen leitenden Mitarbeiter, weil dieser sich angeblich kritisch über das Projekt geäußert hatte. Wahrlich kein gutes Zeichen!

Theseus steht der Informatik erheblich näher. Es wurde vom Bundeswirtschafts­ministerium initiiert, nicht vom Forschungsministerium oder gar der DFG. Es soll den Zugang zu Informationen vereinfachen, Daten zu neuem Wissen vernetzen und die Grundlage für die Entwicklung neuer Dienstleistungen im Internet schaffen. Viel vager geht es kaum. Im Jahre 2006 sei Theseus als Leuchtturmprojekt im Bereich semantische Suchmaschinen gegründet worden. Das deutet in Richtung semantisches Web. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren. Es wird vom Bund mit rund 100 Mio. Euro gefördert. Zusätzliche 100 Mio. Euro werden von den beteiligten Partnern aus Industrie und Forschung aufgebracht.

In ersten Presseberichten war zu hören, dass dies die deutsche Antwort auf Google werden sollte. Google sei viel zu mächtig geworden und wir Deutsche sollten deshalb eine eigene (bessere) Suchmaschine bauen, und zwar zusammen mit den Franzosen. Bei einer Beantwortung einer Anfrage von Bundestagsabgeordneten im März 2007 wurde die Kampfansage an Google relativiert. Es wurde aber weiterhin davon gesprochen, dass
 Produkte und Dienste für die wirtschaftliche Nutzung des Internets entwickelt werden, die sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen anwenden können.
Wenn dies wirklich das Ziel ist, dann wundert es mich, dass man den Schwerpunkt auf Forschung legt. Ich würde erwarten, dass man sich um etwas ganz anders kümmert, nämlich um die ingenieurmäßige Entwicklung von robusten und nutzergerechten Informatiksystemen und um die Einrichtung eines weltumfassenden komplexen Dienstes. Die Verfügbarkeit von ausreichender semantischer Beschreibungsinformation im Internet ist ein weiteres großes Projektrisiko, auf das schon im Jahre 2006 in einem Beitrag im Informatik-Spektrum hingewiesen wurde. Im Grunde ist nur ein loser Verbund von Einzelaktivitäten übriggeblieben, unter dessen Dach sehr unterschiedliche Themen verfolgt werden, so z.B. 
  •  Verarbeitung von multimedialen Inhalten
  •  Ontologien-Management
  •  Situationsbewusste Dialogverarbeitung
  •  Innovative Benutzerschnittstellen und Visualisierung
  •  Maschinelles Lernen.
Aufgrund dieser so genannten Basistechnologien – so heißt es immer noch − sollen möglichst schnell neue Produkte und Dienstleistungen entstehen. Es fragt sich nur, wer diese entwickeln wird. Da die fünfjährige Förderperiode in diesem Jahr ausläuft, wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis von den Ergebnissen zu hören sein wird. Sehr hoffnungsvoll bin ich nicht, dass sie für mich als Privatperson von großem Nutzen sein werden. Ob Unternehmen davon profitieren werden, muss sich noch herausstellen.

Eine Nachbemerkung: Der Titel Querdenker, den ich von einem Kollegen verliehen bekam, hat mich nicht beleidigt. Querdenker kann nur sein, wer denkt. ‚Think‘ hieß es früher bei einem bekannten Unternehmen über jedem Schreibtisch. Ein Querdenker denkt sehr oft assoziativ, d.h. er verknüpft auch Dinge, bei denen man zunächst keinen Zusammenhang vermutet hatte. Nicht der Umstand, dass jemand denkt, ist entscheidend, sondern was als Ergebnis herauskommt. Manchmal traue ich mich sogar, (anschließend) den Mund aufzumachen und mein Bauchgrummeln zu erklären.

1 Kommentar:

  1. Die Bemerkungen zu den Projekten Galileo und Theseus stellen die sehr berechtigten Fragen nach Zielsetzung, Durchführbarkeit, Finanzierung und potentiellen kommerziellen Erfolg zur Diskussion.

    Die Entscheidungen für beide Projekte sind politischer Natur. Galileo ist ein von der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) gemeinsam durchgeführtes Projekt. Ich verstehe, dass die europäischen Regierungen das Projekt 2003 initiiert haben. Der damalige stellvertretende US Verteidigungsminister Wolfowitz hat versucht, die europäischen Regierungen umzustimmen und für ein gemeinsames US – EU Projekt zu gewinnen. …
    Auch beim Projekt Theseus gibt es eine politische Vorgeschichte. Im April 2005 wurde von Jacques Chirac und Gerhard Schröder das Projekt „Quaero“ (lateinisch „ich suche“) bekanntgegeben. Am 26. April 2006 kündigte Jacques Chirac dazu ein auf fünf Jahre angelegtes Entwicklungsbudget von 250 Millionen Euro an. Ursprünglich sollte sich die Gesamtfördersumme auf gut 400 Millionen Euro belaufen, wovon 240 Millionen Euro von der deutschen Bundesregierung stammen sollten. Hintergrund des Quaero-Konzeptes war vor allem die Ankündigung des Suchmaschinenbetreibers Google, einige Millionen Bücher vor allem amerikanischer Bibliotheken zu digitalisieren und im World Wide Web zur Verfügung zu stellen. Da dieses Angebot eine Volltextsuche mit einschließen sollte, befürchten einige Vertreter französischer Bibliotheken, dass diese Aktion zu einer nicht wieder aufzuholenden Vormachtstellung der englischen Sprache im Web führen könnte…

    Ein Journalist der WirtschaftsWoche schrieb am 27.9.2007: Theseus ist aber auch ein Versuch, den Wissens- und Forschungsstandort Deutschland international in der Internet-Industrie nach vorne zu bringen, „nachdem wir die hauptsächlich von den Nutzern selbst aufgebauten Angebote des Web 2.0, wie die Videoplattform Youtube, die Fotodatenbank Flickr oder die Online-Kontaktbörse MySpace, anderen überlassen haben“, kritisiert DFKI-Chef Wahlster. Beim Web 3.0 stehe die Entwicklung noch ganz am Anfang. „Dieses Mal müssen wir die Chance nutzen und endlich technologische Standards definieren“, fordert auch Karlheinz Brandenburg, der Leiter des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnologie und Miterfinder der Musik-Komprimierungstechnologie MP3. …
    Die Webseite http://www.theseus-programm.de/home/default.aspx vermittelt den Eindruck, dass in dem Projekt eine Vielzahl Partner aktiv sind. Über den Status des Projekts geben ein paar Pressemitteilungen Bescheid. Den Pressemitteilungen lässt sich nicht entnehmen, welche „Deliverables“ (z.B. Spezifikationen, Dokumentationen, Programmcode) verfügbar und wo zu erhalten sind. Es ist auch nicht sichtbar, ob eine zentrale Koordination der Aktivitäten stattfindet. Es lassen sich also keine Aussagen über Durchführbarkeit (Aufwandsabschätzungen, Milestones) machen. Überlegungen für Investitionen bei Entwicklern und zukünftigen Nutzern von Theseus basierten Anwendungen sind wohl nicht vorhanden. Und natürlich lässt sich nichts sagen, ob sich Investitionen in das Projekt langfristig rechnen…
    Der Blog-Eintrag spricht das ganz allgemeine Problem an: Wer entscheidet eigentlich über staatliche Investitionsprogramme zu wessen Nutzen? Dabei spielt es weniger eine Rolle, welches Ministerium wie viel Steuergelder zur Verfügung stellt.
    Die derzeitige Simulation eines Fluges zum Mars für eine sechsköpfige Flugbesatzung erscheint mir als sinnlose Spielerei gut ausgebildeter Spezialisten von Universitäten und Industrie. Da kann ich nicht einmal erraten, welchen politischen Nutzen dieses „Marsprojekt“ haben könnte.

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