Donnerstag, 16. August 2012

Der Euro bei Thilo Sarrazin, dem erfahrenen Sanierer

Bereits viermal hat uns (man beachte den Plural) der Euro in diesem Blog beschäftigt, schon zweimal Thilo Sarrazin. Beides sind Phänomene, jedes etwas schwer verständlich, jedes auf seine eigene Art interessant.

Sarrazin hat in den letzten zwei Jahren zwei Bücher geschrieben, mit denen er sich – laut Presseberichten – quasi die Lufthoheit an den Stammtischen erkämpfte. Da es – vor allem für einen Besitzer eines Flatrate-Abos für aktuelle E-Bücher – so unendlich viel Interessantes zu lesen gibt, wollte ich mir den Sarrazin nicht antun. Da ich aber in meinem Bekanntenkreis mehrere Kollegen habe, die Sarrazin in Sachen Euro in der Tendenz Recht geben, entschloss ich mich die Zeit zu investieren, um das Wort des Meisters zu lesen. Das Anfang 2012 erschienene Buch hat den Titel: Europa braucht den Euro nicht. In großer Schrift hat es etwa 450 Seiten.

Sarrazin hatte in seiner fachlichen Laufbahn immer wieder mit Währungsfragen zu tun. Er war Mitarbeiter des Bundesfinanzministers, als Gastmitarbeiter beim Internationalen Währungsfond (IWF) und vor allem im Vorstand der Bundesbank, bevor er durch das Buch über unsere Immigrationsprobleme nicht mehr tragbar war. Als Finanzminister im Land Rheinland-Pfalz, im Vorstand der Deutschen Bundesbahn und zuletzt als Finanzsenator des Landes Berlin war er als Sanierer gefordert und – nach seinen eigenen Worten – nicht ganz erfolglos.

Man erfährt von ihm, sozusagen aus erster Hand, nochmals die Geschichte der Währungsunion. Er schildert, welche Mühen aufgewandt wurden, um eine sichere rechtliche Basis zu schaffen. Die Partnerländer waren bereit, als Modell die rechtliche Struktur der Deutschen Bundesbank unverändert zu übernehmen. Es wurden Konvergenzkriterien definiert und eine gegenseitige Haftung (engl. bail out) ausdrücklich ausgeschlossen. Die Verhandlungen schlugen sich im Maastricht-Vertrag nieder. Der Vertrag gilt auch aus heutiger Sicht als sehr solide Basis der gemeinsamen Währung.

Mehrere Probleme führten nach Sarrazins Meinung zu der heutigen Krise. Das eine waren die hohen Belastungen, die einige Staaten in ihren Haushalten erlitten als Folge der von den USA ausgehenden Bankenkrise (engl. subprime crisis). Irrtümlich oder wider besseres Wissen wurde von der gesamten Finanzwelt angenommen, dass im Euroland eine gemeinsame Haftung für alle Schulden gelten würde. Deshalb hatten alle Länder, auch die finanziell schwachen, Zugang zu billigen Darlehen. Anstatt das ‚leichte Geld‘ für notwendige Umstrukturierungen und Anpassungen zu nutzen, verführte es zu Nichtstun. Als Folge davon haben sich die Südländer bezüglich Lohnkosten und Produktivität immer mehr von den Nordländern entfernt. Alle Vertragspartner hatten darauf vertraut, dass die aufgrund der Konvergenzkriterien gleich startenden Länder, sich auch gleich entwickeln würden. Plötzlich hat man erkannt, dass das Gegenteil eingetreten ist. Die Union vergrößerte die Unterschiede.

Über die Gründe für diese Unterschiede zu philosophieren, ist nicht sehr erhellend. Sarrazin tut es trotzdem. Ist das wärmere Klima schuld, oder sind es doch die Gene? Die Nordstaaten haben nicht nur eine leistungsfähigere Wirtschaft, sie haben auch besseres staatliches Personal. Das behauptet er. Die Situation in den einzelnen Ländern unterscheidet sich bezüglich ihrer Ursachen und Auswirkungen. Sie werden ausführlich analysiert. Hier nur das Wichtigste:

  • Frankreich: Genereller Verfall der Wettbewerbsfähigkeit
  • Italien: Leistungsfähiger Norden, aber Notstandsgebiete im Süden
  • Spanien: Überreizte Baukonjunktur
  • Portugal: Verlust der Konkurrenzfähigkeit gegenüber Osteuropa und Asien
  • Griechenland: Vorgetäuschte Konvergenz, völliges Miss-Management

Griechenland scheint bei Sarrazin kein Pardon zu verdienen (wobei Pardon in einer wirtschaftlichen Welt fehl am Platze ist). Nicht nur hat das Land falsche Statistiken nach Brüssel geliefert, um seine Konvergenzkriterien zu schaffen. In den zehn Jahren der gemeinsamen Währung stiegen die Lohnkosten um 64% (gegenüber 2% in Deutschland). Das Land hat 60% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als Hilfen von der EU erhalten. Im Vergleich dazu hat die Hilfe aus dem Marshall-Plan innerhalb von vier Jahren nur 1% des BIP der Bundesrepublik betragen. Nach Sarrazins Überzeugung erhöhte die gemeinsame Währung weder den Wohlstand noch die Beschäftigung im Euroraum. Dafür legt er zahlreiche Statistiken als Beweis vor.

In meinen Augen hat das Buch seine Stärken in der Analyse der Vergangenheit. Darüber zu streiten, wer hier Recht hat, ist wenig zielführend. Oder anders gesagt: Wo Sarrazin Recht hat, hat er Recht.

Interessant ist, wie er die zurzeit laufenden Diskussionen bewertet. Zunächst sieht er eine seltsame Interessengemeinschaft zwischen angelsächsischen Liberalen und Finanzinteressen und der deutschen Linken. Diese sehen das Hauptübel in der ausgeschlossenen Haftung des Nordens für den Süden. Finanzler suchen sichere Märkte. Der Euro-Markt ist dies nicht, solange es keine Haftung der Starken für die Schwachen gibt. Worum es den deutschen Linken (vertreten durch Peter Bofinger und Sigmar Gabriel) geht, ist ihm als überzeugtem Sozialdemokraten rätselhaft. Dass die Südländer Hilfe haben wollen, ohne Strukturreformen durchführen zu müssen, ist verständlich, aber verderblich.

Der arme Herr Weidmann von der Bundesbank kann nur noch nörgeln, aber nichts mehr bestimmen. Die Mehrheit der Südländer in den Gremien der EZB hat längst das Sagen. Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble unterstellt er, dass sie bereit sind, dem politischen Ziel einer stärkeren Integration das wirtschaftliche Wohl unseres Landes zu opfern. Die Drohformel ‚Scheitert der Euro, scheitert Europa!‘ sei nicht realistisch. Es sei der Versuch die Währung zu missbrauchen, um eine bestimmte Politik zu erzwingen.

Leider ist das Buch sehr enttäuschend, wenn man Lösungsvorschläge erwartet. Sarrazin gesteht zu, dass wir nicht an den Ausgangspunkt zurück können. Wir müssen da weitermachen, wo wir stehen. Die Kosten des Ausstiegs sind enorm. Wirtschaftsregierung und Transferunion schwächen den Norden. Ob sie dem Süden helfen, ist fraglich. Der Euro ist eine Kette geworden, die Nord und Süd zusammenzwingt. Für wen der Euro zu schwer ist, solle ihn verlassen (dürfen). Deutschland wird durch den dauernden Bruch der No-Bail-Out-Klausel zur Geisel der Südländer, usw. Wir können nicht länger sagen, es hätte uns niemand gewarnt.

Einerseits rät Sarrazin zu sensiblem Umgang mit den Schuldenländern. Man sollte z.B. die Griechen nicht durch Druck ‚infantilisieren‘. Sie müssten sich selbst helfen. Vermutlich bleibt uns eine Art ‚Mezzagiorno‘ der EU, der auch im Falle Italiens 130 Jahre nach der Staatsgründung noch Empfänger von Transfers ist. Andererseits überspitzt er die Kritik an Griechenland, indem er Forderungen formuliert, die man nur als Beleidigung auffassen kann. Wörtlich heißt es: Die Griechen können im Euroland bleiben, wenn sie

  • Korruption in Politik und Verwaltung abschaffen,
  • alle Einkommen um 30% senken,
  • die Finanzämter wie deutsche Finanzämter betreiben und
  • die Leute steuerehrlich werden.

Sehr gut ist es, dass wir darüber nachdenken, was Europa für uns ist und sein soll. Ist es eine Gemeinschaft von 740 Millionen Menschen, von 500 oder von 327? Gemeint sind damit das geografische Europa, die EU oder die Euroländer. In ihm leben heute Christen, Juden, Muslime und Nicht-Religiöse. Alle schätzen Demokratie und freie Wirtschaft. Es ist eher ein Staatenbund als ein Bundesstaat, und soll es bleiben. Basken, Schotten, Waliser und Wallonen streben darin nach Autonomie, nach Verwirklichung ihrer Gemeinschaftsideale. Gleichzeitig gehen die Ideale einer klassischen Bildung immer mehr verloren. Neue Erlebnis- und Gemeinschaftsformen drängen vor, z.B. Facebook und Pop-Konzerte.

Auch versucht er die ganze Diskussion zu relativieren. Der Wunsch nach Frieden, Demokratie und der Möglichkeit, sein Leben frei zu gestalten, hängen nicht von einer gemeinsamen Währung ab. Sich selbst bezeichnet er als Außenseiter und tröstet sich mit dem Satz:

Außenseitertum ist der Preis dafür, dass man Kollektivirrtümern entgeht.

In Hartmut Wedekinds Beitrag vor gut einer Woche ging es primär darum, wie sich das Phänomen Sarrazin in die Wissenschaftstheorie der Moderne einordnen lässt. Sarrazin hat halt viele Gesichter.

Freitag, 10. August 2012

E-Books haben es endlich geschafft

Das Thema E-Books beschäftigte mich dieser Tage von zwei Seiten, zuerst von der Seite des Autors, dann von der Seite des Lesers aus.

Autoren-Perspektive

Anfang der Woche wurde ich von meinem Verlegerfreund darauf aufmerksam gemacht, dass ein Buch, bei dem ich Ko-Autor bin, jetzt als E-Book bezogen werden könnte. Es hätte noch ziemlich viel Arbeit erfordert. Ich sollte es doch mal ansehen. Ich habe daraufhin €11,99 investiert und das Buch bei Apple (iBooks) gekauft. Ich habe es auf meinem iPhone und meinem iPad angeschaut. Es hat dort im Vollbild-Format (Porträt) 305 Seiten. Bei der Querdarstellung (Landschaft) sind es 585 Seiten. Die gedruckte Version hatte 140 Seiten. Es handelt sich um die E-Book-Version, nicht zu verwechseln mit der Online-Version, die es schon immer bei PaperC gab.


  E-Book Querdarstellung

Jetzt haben wir wirklich ein Werk, das auch Senioren gut lesen können. Ich finde das Layout sehr gut. Bei der Querdarstellung wandern die Bildunterschriften schon mal auf die nächste Seite. Mich stört das nicht. Besonders hervorzuheben ist, dass alle 138 Links aktiviert sind. Das einzige, was fehlt, ist, dass im Anhang B direkt von den Titeln der Projekte aus ein impliziter Link existiert, wie dies im Blog SsdC angeboten wurde. Durch das großzügigere Layout kommen auch die Karikaturen von Frau Hamelmann sehr gut zur Geltung. Auf den iPad leuchten sie in ihrer voller Schönheit,

Ob dadurch der Umsatz beträchtlich in die Höhe geht, konnte mir niemand sagen. Schaden wird es vermutlich nicht.

Leser-Perspektive

Schon länger verfolge ich, was Apple (iBook). Books HD, Classics, Hugendubel, Stanza und andere Firmen anbieten. Das Angebot umfasst Tausende von Büchern. Viele Klassikertexte werden kostenlos angeboten. Typische Preise liegen bei 7,99€, 14,99€, usw. Es sind meist 60-70% des Preises der Papierversion. Die Lesbarkeit ist fast immer sehr gut. Viele Klassikertexte habe ich inzwischen genossen, angefangen bei Caesars Gallischem Krieg, über Robinson Crusoe (in Englisch) bis zu Nietzsches Zarathustra.

In den letzten Tagen stieß ich auf die App ‚skoobe‘. Es gibt sie für iPhone und iPad. Das Besondere ist: Sie hat eine Flatrate. Das ist ein echter Durchbruch. Leseproben sind kostenlos und umfassen etwa 10% eines Buches. Das Flatrate-Abo kostet 9,99€ pro Monat. Dieses Jahr kann man so viele Bücher lesen, wie man will. Im nächsten Jahr sollen es nur noch zwei pro Monat sein. Der Umfang des Angebots ist recht beachtlich, vor allem sehr aktuell. Alle derzeitigen Bestseller sind vertreten. Die Präsentation ist ansprechend. Die Texte sind sehr gut lesbar.


App Skoobe auf iPad

Einen Teil der Vorteile von E-Books hatte ich schon oben erwähnt. Man kann die Schrift vergrößern, wenn man will. Links verweisen direkt auf etwas, was man lesen oder kaufen kann. Vor allem: Man braucht keinen Regalplatz mehr für das gelesene Buch. Nachteile gibt es auch: Bei meinem iPad muss noch öfter der Akku geladen werden. Die Anschaffung eines zweiten iPad rückt näher.

Reminiszenzen

Erwähnen möchte ich noch, dass ich in den Jahren 1995-1998 an einem Projekt beteiligt war, das das Ziel hatte, deutsche Verlage und deutsche Hochschulen mit den Vorteilen elektronischer Bücher und Zeitschriften vertraut zu machen. Das Projekt hieß MeDoc für multimediale elektronische Dokumente. Es wurde von der Bundesregierung (BMFT) ziemlich viel Geld investiert, um diverse Ansätze auszuprobieren. Die unmittelbare Wirkung war bescheiden. Nach und nach hat es der Markt geschafft, alle Ziele, die MeDoc hatte, mit Zeitverzögerung zu erreichen. Es dauerte halt fast 20 Jahre. Die damaligen Teilnehmer laufen jetzt größtenteils hinterher.

Dienstag, 7. August 2012

Sarrazin, Popper und die Sozialdemokratie (mit Kommentaren)

Korrespondiert man viel mit dem Kollegen Wedekind, könnte man den Eindruck gewinnen, als gäbe es keine Probleme in der Welt außer solchen der Philosophie. Mit anderen Worten: Diese Welt wäre eine bessere, würde mehr auf Philosophen gehört. Ob sie die Welt regieren sollten, dass kommt ihnen selbst etwas zu riskant vor.

Als Gesprächspartner fühlt man sich schnell einer philosophischen Schublade zugeordnet. Glaubt man nur primär an Wissen, das durch empirische Beobachtung erschlossen werden kann, gilt man als Popperianer. Lässt man apriorisches Wissen gelten, ist man Kantianer. In Erlangen waren einmal einige Logik-Professoren (Kamlah, Lorenzen) davon überzeugt, dass nur der Methodische Konstruktivismus zu richtigem Denken und Reden führt. Wedekind war lange in Erlangen, allerdings als Informatiker.

Richtiges Denken kann natürlich nie schaden - vorausgesetzt man ist sich im Klaren, was richtig ist. Ob ebensolches Reden immer opportun ist, da scheiden sich die Geister. Bisherige Versuche, Politiker zum richtigem Denken und/oder Reden zu bekehren, schlugen offensichtlich fehl. Noch sind auch Informatiker nicht in Massen darauf abgefahren.

Lesen Sie lieber selbst, wie Kollege Wedekind das alles in seinem neuen Essay mit dem Titel 'Das Phänomen Sarrazin' erklärt, und, vor allem, was Helmut Schmidt, Peer Steinbrück, der Euro und die deutsche Sozialdemokratie damit zu tun haben. Es ist ein wahres Propädeutikum modernen philosophischen Denkens.
 
Am 7.8.2012, 17:45 Uhr, schrieb Hans Diel aus Sindelfingen:

Der Beitrag von Herrn Wedekind gefällt mir ganz gut. Er kritisiert darin vieles, bei dem ich ihm zustimme. Dabei gefällt mir besonders, dass er, wenn er X kritisiert, klar macht, dass er deswegen mit den Gegnern von X nicht notwendig in Allem übereinstimmt. Auch seine Kritik an der Überbetonung von Popper teile ich (auch wenn ich Popper vielleicht mal gelobt habe). Erst recht kritisiere ich den Positivismus (der laut Herrn Wedekind durch Popper mitbegründet ist). Erinnern möchte ich an meine Kritik der Quantenphysik, wo eine zu positivistische Haltung zur Entschuldigung für das Ignorieren von Unvollständigkeit führt.

Wenn ich jedoch (mit Herrn Wedekind?) die "Popperianer" kritisiere, dann heißt das nicht, dass ich Poppers Falsifizierungsgebot für Quatsch oder überflüssig halte. Ich meine nur, man sollte darauf achten, wo das Gebot Sinn macht und wo nicht. In vielen Wissenschaftsdisziplinen gibt es Theorien, die nach Poppers Kriterium den Namen Theorie zu Recht nicht verdienen. Auf der anderen Seite gibt es viele Gebiete, wo Theorien Sinn machen, auch wenn sie nicht falsifiziert werden können. Herr Wedekind hat die Metaphysik und die Politik in seinem Essay angesprochen. Bei solchen Gebieten (Metaphysik, Weltanschauung, Politik) habe ich eher ein Problem mit den Leuten, die ihren Standpunkt pseudo-wissenschaftlich scheinbar untermauern.

Um auch hier wieder gegenzusteuern: Wenn ich die Überbetonung von Popper und die übertriebene Argumentation mit scheinbar wissenschaftlichen Erkenntnissen kritisiere, dann bedeutet dies nicht, dass ich eine Theorie (z.B. in der Metaphysik) akzeptieren würde, die im Widerspruch zu allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Erkenntnissen steht. Schon gar nicht darf etwas im Widerspruch zur Logik stehen.

Das führt mich zu Ihrem Schluss ‚Richtiges Denken kann natürlich nie schaden‘. Mit dem Nachsatz  ‚  ̶  vorausgesetzt man ist sich im Klaren, was richtig ist‘ drücken Sie Zweifel aus, dass dies immer so einfach ist. Das gilt selbst bei den scheinbar so trivialen Gesetzen der Logik. Im Gegensatz zu der Meinung vieler Leute folgt nicht aus den Gesetzen der Logik, dass 

-     jemand, der einige Aussagen von Sarrazin für korrekt hält, auch die Schlussfolgerungen von Sarazin bejaht.
-     jemand, der die Überbetonung von Popper kritisiert, der Meinung ist, dass auf die Verifizierung oder Falsifizierung von Theorien verzichtet werden kann.
-     jemand, der die Verifizierung oder Falsifizierung von Theorien für erstrebenswert hält, Theorien die nicht falsifiziert werden können, für minderwertig hält.
-     u.s.w.

Ich hoffe, ich habe Herrn Wedekinds Essay nicht falsch zitiert, falsch interpretiert, oder überinterpretiert (obwohl die Gefahr relativ groß ist, da es teilweise doch recht schwer zu verstehen ist).

 
Am 8.8.2012 erhielt ich folgenden Kommentar, den ich nur auszugsweise und ohne Nennung des Absenders wiedergeben möchte:

da hat also ein Vertreter der hohen Schule des Erlanger Konstruktivismus eine Abhandlung über „Das Phänomen „Sarrazin“ geschrieben. Der Text enthält eine ungewöhnliche Anhäufung polemischer Sätze, die es mir erschweren herauszufinden, worum es Herrn Wedekind eigentlich geht.

„Popperianer (auch Angeheuerte wie Herr Steinbrück) sollten den Kant nochmals lesen.“ Will er helfen, Texte aus „a-metaphysischen“ Sicht verstehen zu lernen?

„Der Versuch des Professor Paul Lorenzen (ein richtiger Logiker, eine herausragende Erscheinung am internationalen Wissenschaftshimmel), Politikern präzises Reden beizubringen, muss völlig gescheitert sein.“ Will er fortführen, was Lorenzen nicht gelungen ist, nämlich heutigen Popperianern präzises Reden beizubringen?

„Von Helmut Schmidt habe ich nichts zu den Büchern (Sarrazins) gehört. Von einem 93-Jährigen darf man das auch nicht mehr erwarten.“ Will er sagen, Sarrazin muss man gelesen haben, um als "intelligent" (oder gar lebensfähig) zu gelten ?

„Das ist dialogische Logik, die man unbedingt studieren sollte. Die konnte man aber zu meiner Zeit nur in Erlangen bei Paul Lorenzen (1915-1994) studieren, nicht in Wien oder London.“ Will er behaupten, dass nur Vertreter der Erlanger Schule verstehen, einen sinnvollen Dialog zu führen?

Und so ähnlich könnte ich fortfahren, Wedekinds Text zu kommentieren. Am Ende seines Textes war ich froh, dass er in Erlangen geblieben ist. „Zwischen Wien und Frankfurt liegt Erlangen. Bleiben wir besser dort.“ Er nicht wir!

Am Ende ist es wohl am besten, den Herrn Professor nicht so ernst zu nehmen. Er bewundert schließich eine Tradition der alten Griechen. „Für die Griechen war Logik ein Spiel, ein Wettstreit (Agon) mit Angreifer und Verteidiger, und der Verlierer im Streit musste bezahlen.“ Vermutlich betrachtet auch Wedekind Logik als Spiel, nur muss er sich keine Sorgen ums Bezahlen machen. Ich kann aber nicht erkennen, dass Wedekind seine Argumente nach dem Prinzip „Logik ist im Kern dialogisch, auf Rede und Gegenrede aufgebaut“ vorträgt.
…
Ich muss gestehen, dass ich nicht die geringste Motivation verspüre, mich mit Wedekind über „Das Phänomen „Sarrazin“ auf der von ihm vorgegebenen Basis „Karl Popper und die Popperianer“ zu unterhalten. Mir ist der Name Karl Popper nicht im Rahmen „Logik der Forschung“ aufgefallen, sondern in einem mir wichtigen Zusammenhang....John Eccles und Karl Popper haben gemeinsam das Buch „Das Ich und sein Gehirn“ veröffentlicht. Teil 1 enthält Poppers Theorien und Weltsicht, in Teil 2 beschreibt Eccles seine neurologischen Erkenntnisse und Weltsicht, Teil 3 enthält Dialoge zwischen beiden Autoren. Die Originalausgabe des Buches erschien übrigens 1977 unter dem Titel „The Self and Its Brain – An Argument for Interactionism“. Das Thema ist heute weiterhin so aktuell wie vor mehr als 30 Jahren.

In dem Eintrag „Modellierung in Biologie und Informatik“ in diesem Blog wurde darauf aufmerksam gemacht, dass das Thema „Biology and Reactivity“ bei Informatikern heftig diskutiert wird. Dem hingewiesenen CACM-Artikel konnte ich entnehmen, dass Informatiker überlegen, wie man von niedrigen Abstraktionsniveaus auf höhere schließen kann und umgekehrt. Wenn ich Wedekind recht verstehe, beschäftigt sich auch die Erlanger Schule mit Abstraktionsvorgängen: „Im Übrigen muss der Abstraktionsvorgang bei abstrakten Begriffen expressis verbis vorgeführt werden, was eine Sprachkritik à la Erlangen verlangt. Abstraktion ist ein sprachlogischer Prozess und kein psychologischer.“ Es wäre interessant zu erfahren, welche Rolle die Erkenntnisse der Erlanger Schule für die Informatiker Jasmin Fisher, David Harel und Thomas A. Henzinger des CACM-Artikels gespielt haben. Bedauernd stellten die Autoren des CACM-Artikels fest, dass „in biology, we have not (yet) been able to identify building blocks from which we can explain metabolic pathways and cell behavior without referring to the underlying biochemical (molecular) mechanisms”. Vielleicht kommen die Erlanger auch eines Tages zu dem Schluss, dass man es in den Gehirnen realer Menschen, auch wenn sie abstrahieren, mit psychologischen Prozessen zu tun hat.

Abschließend behaupte ich, dass ich für das Verständnis des Phänomens „Sarrazin“ die Erkenntnisse der Erlanger Schule nicht in Anspruch nehmen muss.

Freitag, 3. August 2012

Euro-Krise zwischen Wissenschaft, Politik und Vernunft

Die so genannte Euro-Krise hat uns schon bald zwei Jahre im Griff. Es handelt sich dabei nicht um eine Krise des Euro, – wie man meinen könnte – sondern um eine Krise einiger Volkswirtschaften, die den Euro als Zahlungsmittel verwenden. In einem Beitrag gegen Ende letzten Jahres, der sich auch mit dem Thema beschäftigte, schrieb ich:

Wer im Moment uneingeschränktes Vertrauen genießt, sind die Zentralbanken, also die EZB, die Europäische Zentralbank, und die Fed, die amerikanische Notenbank. …Sie definieren das Geld an sich. Sie erhöhen oder reduzieren die Geldmengen, die im Umlauf sind. Zumindest nimmt man das an. Wird mal erkannt, dass sie das kaum noch tun, ist auch ihr Ruf dahin. …Erst wenn der Glaube an die Macht der EZB erschüttert wird, gerät der Euro wirklich in eine Krise.

Es scheint, als ob jetzt der Ruf der EZB angekratzt werden soll. Gestern stellte EZB-Chef Mario Draghi – zwar noch etwas zögernd – seine Doppelstrategie vor. EZB und ESM wollen demnach den Kauf von Staatsanleihen aus Krisenländern koordinieren, so heißt es. Gleichzeitig ist zu lesen, dass die deutsche Regierung, die FDP und der Bundesverband der Deutschen Industrie strikt dagegen seien. Wirtschaftswissenschaftler werden noch nicht zitiert. Vielleicht melden sich diese in einigen Tagen zu Wort. Wissenschaftler benötigen meist etwas länger als Politiker und Manager, um sich eine Meinung zu bilden. Normalerweise ist diese dann auch besser begründet. Leider ist jedoch von Wissenschaftlern in der augenblicklichen Situation nicht viel Erhellendes zu erwarten. Die Probleme, mit denen man es heute zu tun hat, sind nicht exakt vergleichbar mit denen, die die Wissenschaft bisher analysiert hat. Deshalb sind ihre Vertreter so unsicher.

Da Ben Bernanke, der Chef der Fed, die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre gründlich studiert hat, weiß er, was damals falsch gemacht wurde. Bewiesenermaßen falsch war die Sparpolitik, die bei uns mit dem Namen Heinrich Brüning verbunden ist. Das Gegenmittel heißt Keynes, und nochmals Keynes. Etwas anderes kennt man nicht, oder ist nicht wissenschaftlich fundiert. Also muss man die Tore aufmachen, und den Markt mit Geld überfluten. Das machen die Amerikaner seit Jahren. SPD und Gewerkschafter tendieren schon immer in die Richtung, dass nur der Staat in der Lage ist, die Wirtschaft zu lenken.

Brüning konnte Hitler bekanntlich nicht aufhalten. Hitlers Methode, mit der er die Wirtschaftskrise bekämpfte, war ein durchschlagender Erfolg. Es war Planwirtschaft, wie sie im Buche steht. Aber er hat sich durch andere Ansichten und Maßnahmen diskreditiert. Bei uns trauen sich Wirtschaftswissenschaftler weder die Methode Brüning (sturer Konservatismus!) noch die Methode Bernanke (dumme Amerikaner!) gutzuheißen, von Hitlers Methode ganz zu schweigen. Sagen sie etwas, was dazwischen liegt, verlassen sie festen Grund. Sie führen oft waghalsige Seiltänze auf.

Ob man überhaupt noch einem Wissenschaftler zuhört, hängt meist damit zusammen, wo er politisch steht, und was er früher gesagt hat. Nur drei Beispiele. Thomas Straubhaar ist ein liberaler Schweizer und denkt unabhängig. Was er sagt, macht oft Sinn. Hans-Werner Sinn, der IFO-Chef, liebt es, die Kassandra zu spielen. Nach seiner Meinung ging die deutsche Wirtschaft in den letzten 10 Jahren schon dreimal unter. Zuerst verlor sie ihre Substanz (als Basar), dann wurde sie von Bankern (im Casino) ihres Kapitals beraubt, und schließlich von der Regierung zu Tode reguliert. Peter Bofinger vertritt die Gewerkschaften und plädiert für Keynes. Ehe er den Mund aufmacht, weiß man bereits, was kommt, egal, was die Situation ist. Es gibt einige Politiker, die glaubten, dass Wissenschaft etwas mit Wahrheit zu tun hätte. Diese Politiker (und Bürger) sind enttäuscht oder verunsichert. Wenn die Wissenschaftler nur durcheinander reden, dann können wir sie gleich vergessen. War es doch schön  ̶  denken einige  ̶  als auch die Wissenschaft ‚gleichgeschaltet‘ war. Das war der Ausdruck, den man während der Nazizeit benutzte, um mögliche Abweichler von vornherein ins Glied zu holen.

Im Leben gilt nicht nur die Wissenschaft. Meist gibt es ein Spektrum von Sichten, das unser Handeln bestimmt. Es beginnt manchmal mit Wissenschaft, öfter endet es dort. Manche Leute handeln rein kommerziell. Zahlt sich das, was ich tue, auch aus? Andere Leute denken an die Wirkung ihres Handels. Was hat das, was ich tue, für Folgen für meine Freunde, meine Landsleute oder meine Mitmenschen? Manche denken sogar an Ungeborene, also über unsere Generation hinaus. Wieder andere lassen sich davon leiten, was sie für gerecht, moralisch oder gar gut halten. Da diese Begriffe schwer zu präzisieren sind, können sich auch diese Leute irren.

Die derzeitige Bundesregierung, vertreten durch die Kanzlerin und den Finanzminister, scheint sich von einem Bauchgefühl lenken zu lassen, das näher an Brüning als an Keynes liegt. Das ist sehr gut nachzuvollziehen. Das Bild der ‚schwäbischen Hausfrau‘ kommt in einigen Kreisen immer noch gut an. Dass beide Politiker dabei warnend den Zeigerfinger heben, wird ihnen, vor allem im Ausland, sehr verübelt. ‚Deutsche Politiker wirken oft moralisierend‘ meint ein belgischer Wirtschaftswissenschaftler. Das ist höflich gesagt. Der Pöbel auf griechischen Straßen drückt es anders aus.

Manche Politiker behaupten, dass den deutschen Wähler die 13 Weimarer Jahre (1919-1932) mehr belasten als die 12 Hitlerjahre (1933-1945). Eine Inflation von 2% mache ihnen daher mehr Angst als der Groll aller Griechen, Italiener und Spanier. Diese deutsche Haltung mag schwer verständlich sein. Davon ungeachtet, gibt es Erwartungen, die uns nicht überraschen sollten. Wir erreichen niedrige Zinssätze für unsere Staatsschulden, weil andere Länder weniger sicher sind als wir. Dort kann man sogar sein Geld verlieren. Wenn wir so gut sind, dass wir bald auf Staatsschulden verzichten können, warum regen wir uns auf, wenn die Zinsen für mögliche Schulden anwachsen? Vielleicht glauben wir selbst nicht an die Schuldenbremse, die wir anderen zur Nachahmung empfohlen haben.

Es ist schon recht eindrucksvoll. Fast alle noch aktiven Politiker vereint in dieser Situation ein gewisses Maß an Verantwortungsgefühl. Ob das Verfassungsgericht dies als relevant ansieht, muss sich noch zeigen. Anders sieht es bei einigen ehemaligen Politikern aus. Sie fühlen sich von Skrupeln unbehelligt. Sowohl Hans-Olaf Henkel wie Thilo Sarrazin fühlen sich frei, das zu fordern, was ihnen logisch erscheint. Henkel möchte die Gemeinschaft der Europäer beenden, so wie Leute eine Ehe beenden, wenn die Fortführung unbequem wird. Dabei sagt er gleich dazu, wer die Guten und wer die Bösen sind. Sarrazin beweist, dass die Sache sich nicht rechnet. Wir machten uns zu viel Arbeit für eine Sache, die sich nicht lohnt. Da ich beiden glaube, dass ihre Rechnungen stimmen, habe ich ihre Bücher auch nicht gekauft oder gar gelesen.

Auch die Medien spielen eine etwas seltsame Rolle. Sie scheinen Lust daran zu finden, über den angeblichen Brand des europäischen Hauses zu berichten. Dabei wirken sie als Brandbeschleuniger. Jetzt kommen Berichte aus Sizilien über Zustände, die dort schon seit Jahrzehnten üblich sind. Der SPIEGEL sieht sich die Autobahnen und Flugplätze in Spanien an, die in den letzten 10 Jahren gebaut wurden, und stellt fest, dass da wenig Verkehr ist. In der Bundeshauptstadt Berlin reihte sich in den letzten Jahrzehnten fast ein Skandal an den andern. Allmählich war es für die staatstragenden Medien nicht mehr interessant, darüber zu berichten. Gerade wurde das Flughafenprojekt als neuer Sumpf entdeckt. Kostenüberschreitungen um bis zu 300% hätte man am liebsten verschwiegen. Dass das Startdatum sich um Jahre verschiebt, ließ sich nicht unter den Teppich kehren. Desgleichen kann bisher aus Spanien nicht berichtet werden.

Vor lauter Unsicherheit darüber, wie die so genannte Euro-Krise zu lösen ist, hilft es auch wenig gleichzeitig noch über die Ursachen zu reden. Die Nachwelt wird ohnehin der Erklärung Glauben schenken, die am überzeugendsten vorgetragen wird. Da die Wissenschaft als Problemlöser offensichtlich versagt, ist es am besten, kleine vorsichtige Schritte zu unternehmen. Dass dies Jahre, ja Jahrzehnte dauern kann, scheint einigen Leuten zu dämmern. Es mag uns sogar missfallen. Daher ist es nicht falsch, auch begleitende Maßnahmen ins Auge zu fassen.

Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre lehrte uns, dass außer viel Vermögen auch sehr schnell viel politische Kultur verloren gehen kann. Dem sollte vorgebeugt werden. Warum überlegen wir uns keine vertrauensbildenden Maßnahmen? Anstatt Abwrackprämien für alte Autos ließen sich Industrie-Praktika bei deutschen Unternehmen fördern für junge Griechen, Portugiesen und Spanier. Natürlich müssten die Empfängerländer ebenso viel investieren wie die Geberländer. Umgekehrt könnte man in Erwägung ziehen, Schulklassen den Besuch von Athen, Florenz oder Madrid statt von Berlin nahezulegen. Es würde dann klarer, dass das vielgerühmte Europäische Erbe nicht allein aus der Sicht Preußens gesehen werden muss.

So wie der Marshall-Plan für das am Boden liegende Europa als Wohltat empfunden wurde, könnten gezielte Hilfen für Länder an der europäischen Peripherie wie Griechenland und Portugal nützlich sein. Es war damals ein Akt der Vernunft oder der politischen Weisheit. Um einem unserer älteren Politiker ein Denkmal zu setzen, schlage ich dafür die Bezeichnung ‚Helmut-Schmidt-‘ oder ‚Hans-Dietrich-Genscher-Plan‘ vor. Die Namen von Westerwelle oder gar Rösler würden schlecht passen.

 
Am 3.8.2012 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

Man lächelt mittlerweile  ja nur noch milde, wenn man hört, was da passiert und vorgeschlagen wird. Ist das schon Panik-Stimmung? Steht den Euro-Protagonisten qua Amt oder aus politischer, zwangsweise optimistischer Überzeugung das Wasser schon bis zum Hals?

Inflation 2 %? Ich bekomme von meiner Sparkasse z.Z. 1,2% Zinsen. Der übliche Nicht-Krisen-Zinsfuß liegt aber bei 4 % und höher. Ich zahle also jetzt schon rund 4% Solidarbeitrag für Griechenland und andere Krisenverursacher. Das sagt auch Herr Sarrazin. Wenn die vorhergesagten 2% mehr Inflation noch dazu kommen, sind das für den deutschen Sparer und die Rentenkassen 6 % Solidarität. Sagt das mal, auch von der SPD, dem deutschen Arbeiter.

Am besten man verkonsumiert alles als alter Sack. Schöne teure Weine in der Toskana mit der Toskana-Fraktion, das ist doch auch was. Und die Jugend geht vor die Hunde.

 
Ebenfalls am 3.8.2012 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

Mir scheint, dass die Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler nach wie vor davon ausgeht, dass im sogenannten Markt Gesetzmäßigkeiten dafür sorgen, jederzeit ökonomisches Gleichgewicht herzustellen. Dass der sogenannte Markt wellen-artigen Charakter mit mehr oder weniger dramatischen Höhen und Tiefen hat, ist den gleichen Gesetzmäßigkeiten zu „verdanken“.Solange die Höhen und Tiefen des sogenannten Marktes nur als ökonomisches Phänomen an der Börse Beachtung finden, macht sich der Normalsterbliche keine Gedanken, weil er nicht davon betroffen ist.

Die Eurokrise findet offensichtlich mehr Beachtung als ökonomische Krisen der Vergangenheit. Vor allem in Griechenland und Spanien hat die Krise bereits zu Situationen geführt, die der wirtschaftlichen Situation in Deutschland des Jahres 1931 nicht unähnlich sind.

„Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland schien sich bis 1930 nicht von den Jahren zuvor zu unterscheiden. Die Zahl der Arbeitslosen lag 1927 bei etwa 1 Million; Ende September 1929 gab es 1,4 Millionen Arbeitslose, im Februar 1930 waren es 3,5 Millionen, was auf jahreszeitliche Schwankungen zurückgeführt wurde. Als diese Zahl wider Erwarten im Frühjahr 1930 nicht zurückging, hofften Reichsregierung und die Reichsbank noch lange auf eine Selbstheilung der Wirtschaft, obwohl die Arbeitslosenzahl schon Ende des Jahres mit 5 Millionen Arbeitslosen im weltweiten Vergleich auf höchstem Niveau stand. Erst als sich der geringe Rückgang Mitte 1931 nicht fortsetzte, wurde man sich der extremen Entwicklung der Krise vollends bewusst. Zu dieser Zeit lief Brünings Sparprogramm bereits auf vollen Touren. Die öffentlichen Gehälter wurden um 25 % vermindert und die Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wurden stark gekürzt. Im Februar 1932 erreichte die Krise auf dem Arbeitsmarkt ihren Höhepunkt: Es standen 6.120.000 Arbeitslosen, also 16,3 % der Gesamtbevölkerung, nur 12 Mio. Beschäftigte gegenüber. Zu den Arbeitslosen könnte man auch noch die große Masse der schlecht bezahlten Kurzarbeiter und Angestellten zählen, aber auch die kurz vor dem Ruin stehenden Kleinunternehmer.“

Diesen Absatz habe ich Wikipedia entnommen. Die Information über die wirtschaftliche Entwicklung vor 1931 finde ich zusätzlich interessant, weil viele Leute in Deutschland in 2012 denken, sie werden schon von der globalen Eurokrise verschont bleiben.Ich möchte aber auch auf zwei grundsätzliche Unterschiede zwischen der Eurokrise und wirtschaftlichen Krisen der Vergangenheit hinweisen.

1. Der Eurokrise kann mit nationalen Währungsmodifikationen (Auf- und Abwertungen) nicht entgegengesteuert werden.

2. In der Eurokrise werden die Auswirkungen eines internationalen Finanzsystems sichtbar, das sich vom sogenannten „realen“ Wirtschaftssystem der Entwicklung, Produktion, Handel und Konsum von Gütern und Dienstleistungen komplett abgekoppelt hat. Es wird geschätzt, dass die umlaufende globale Kapitalmenge den Wert der tatsächlichen existierenden Werte des „realen“ Wirtschaftssystems um das Zehnfache übersteigt.

Historische Wirtschaftskrisen waren die Folge des „Platzens“ von „Spekulationsblasen“. Die Eurokrise ist eine Überschuldungskrise von Staaten. Auch die USA steckt in einer Überschuldungskrise. Die Überschuldungskrisen wurden 2008 nicht ausgelöst durch das Platzen der Subprime-Immobilienkredite in den USA. Es wurde in 2008 nur sichtbar, was die Finanzindustrie mit der leichtfertigen Handhabung von Schuldverschreibungen (und Spekulationen damit) angerichtet hatte, natürlich mit Hilfe immer verfügbarer Kreditnehmer.

Anmerkung (Bertal):  Ich wäre vorsichtiger. Ich vermute, es gibt viele Ursachen. In 30 Jahren werden die Ökonomen noch etwa 10 davon als signifikant ansehen. Könnte man wenigstens eine effektive Lösung benennen, wäre das ein enormer Erfolg der Theorie. Ohne Theorie hilft nur Probieren.

Mittwoch, 1. August 2012

Upstate New York – im lieblichen Hudson Valley

Nach New York City verschlug es mich wieder in die amerikanische Provinz. Der nördliche Teil des Staates New York, auch Upstate genannt, hat gewisse Ähnlichkeit mit dem Mittleren Westen. Die Kleinstadt Poughkeepsie wurde meine Heimat von Juli 1964 bis Mai 1965. Der Name der Stadt ist indianischen Ursprungs und bedeutet ‚Hütte am Fluss‘. Die Indianer, die früher hier wohnten, waren die Wapani (Leute des östlichen Landes). Sie gehörten zur Sprachgruppe der Mohawks, im Deutschen auch als Mohikaner bekannt. Es gibt mehrere Indianer-Reservate in der Nähe der Niagara-Fälle, der bekanntesten Sehenswürdigkeit des Staates New York.

Poughkeepsie und IBM

Poughkeepsie liegt etwa 130 km (80 Meilen) nördlich von New York City, am Ostufer des Hudson River. Hier hatte die Firma IBM damals eine ihrer größten Fertigungsstätten. Hier wurden die Großsysteme der Firma hergestellt. Das angeschlossene Entwicklungslabor gehörte zu den größten der Firma und war verantwortlich für die Entwicklung von Hardware und Software. Die Software-Entwicklung hatte die weltweite Verantwortung für das Betriebssystem OS/360, an dessen Entwicklung etwa ein Dutzend andere Labors beteiligt waren. Ich sollte die Verbindung wahrnehmen für das deutsche IBM Labor in Böblingen.

Die IBM in Poughkeepsie war kaum vergleichbar mit der IBM-Gruppe in New York. Während in New York kaum mehr als 100 Mitarbeiter in gemieteten Räumen tätig waren, umfasste das IBM-Gelände in Pougkeepsie einen ganzen Stadtteil. Das mehrere Hektar große Terrain erstreckte sich zwischen Hudson und der Bundesstraße 9 (US 9). Einige Tausend Mitarbeiter waren hier tätig, was die IBM zum größten Arbeitgeber der Region machte. Die Mitarbeiter wohnten in einem Umkreis von etwa 30 km, und zwar auf beiden Seiten des Hudson. Das Entwicklungslabor belegte einige Gebäude im nördlichen Teil des Geländes. Neben der Hardware-Entwicklung gab es eine sehr leistungsstarke Software-Gruppe, die mehrere Hundert Mitarbeiter umfasste. Sie war in zwei Gebäuden (704 und 705) untergebracht.


IBM-Werksgelände in Poughkeepsie (Foto IBM)


Die Kollegen in Poughkeepsie waren ein anderes Völkchen als die in New York. Teils stammten sie aus der unmittelbaren Umgebung, teils kamen sie aus allen Teilen der USA. Für kaum jemanden war es wichtig, dass er gerade hier arbeitete. Entscheidend war das Projekt, also die Aufgabe. War die Aufgabe interessant, ging man auch anderswo hin. Dabei spielte es schon eine Rolle, ob man im Großsystembereich arbeiten konnte, oder an den kleineren Systemen.Das führte schon mal zu Rivalitäten und kleinen Nicklichkeiten. Für die Kleinsysteme war damals das Labor im etwa 400 km entfernten Endicott, NY, zuständig. Aus Sicht von Poughkeepsie schaute man auf Endicott herab. Die Kollegen aus Endicott hielten die Kollegen aus Poughkeepsie für hochnäsig und realitätsfremd. Ich selbst geriet schon mal zwischen diese Fronten, da ich Kontakte zu beiden Gruppen pflegte. Meine konkrete Aufgabe hatte zur Folge, dass ich sehr viele Geschäftsreisen nach Endicott unternahm. Hin und wieder traf man sich auf halbem Wege, so dass beide den Tagungsort per Auto erreichen konnten. Meistens benutzte ich aber die Direktflüge zwischen Endicott und Poughkeepsie, die eine lokale Fluggesellschaft (Mohawk Airlines) anbot. Dann brachte mich meine Frau morgens zum nahen Flugplatz und holte mich abends wieder ab.


Labor-Gebäude 705 (Foto IBM)

Nie zuvor war IBM ein größeres Risiko eingegangen und hatte mehr Geld investiert als bei der Entwicklung und Einführung des System/360. Die verschiedenen, zwischen einander nicht verträglichen Rechnerfamilien sollten zu einer einzigen Linie vereinigt werden. Basierend auf den Vorarbeiten von Fred Brooks, Gerry Blaauw und Gene Amdahl war eine einheitliche Rechnerarchitektur entstanden. Beginnend im April 1964 wurden sechs Systeme angekündigt, die gleichzeitig in vier Labors (Böblingen, Endicott, Hursley und Poughkeepsie) entwickelt wurden. Sie umfassten Hauptspeichergrößen zwischen 8 kB und 512 kB.

Mit der Leitung der Software-Entwicklung wurde Fred Brooks beauftragt, allerdings erst kurz vor der Ankündigung des Systems. Brooks‘ erste Aufgabe bestand darin, den Entwurf und die Spezifikation für das Software-System OS/360 zu erstellen, das parallel in mehreren Labors entwickelt werden sollte. Nach intensiver Diskussion hatte Brooks sich dafür entschieden, diese Aufgabe nicht seiner Stabsabteilung zu übertragen, sondern denjenigen, die auch für die Implementierung verantwortlich sein würden. Die Stabsabteilung, der ich zugeordnet war, hatte nur noch die Aufgabe, die Spezifikationen zu begutachten und zu genehmigen (engl. to review, to approve). Ob diese Entscheidung richtig war und wieweit sie das Ergebnis beeinflusste, ist eine Frage, die Jahrzehnte später noch die Fachwelt beschäftigte.

Brooks‘ Stab umfasste etwa 20 Mitarbeiter, die alle wesentlich erfahrener waren als ich. Sie kamen teilweise von der Federal Systems Division (FSD) in Gaithersburg, MD, teilweise aus den andern Produktlabors (Endicott, Hursley, Kingston, San Jose, Time/Life). Die Arbeitsweise war extrem fordernd, gab es doch fast täglich Ergänzungen bzw. Änderungen zu den Spezifikationen, die schließlich einige Tausend Seiten umfassten. Sie wurden nachts in Loseblattform verteilt. Eine rein elektronische Verteilung, die damals eventuell schon möglich gewesen werde, hätte nur das manuelle Einordnen erspart. Das Problem, den Inhalt gedanklich zu verarbeiten, wäre bestehen geblieben. Wegen meiner Vorkenntnisse und meiner Herkunft befasste ich mich sehr stark mit Programmiersprachen und den Fragen der Internationalisierung.

OS/360 hat mit seinen Funktionen und Eigenschaften neue Maßstäbe für die Branche gesetzt. Vor allem die Datenverwaltungs- und Kommunikationsfähigkeiten waren richtungsweisend. Seine Sicherheit und Zuverlässigkeit, aber auch seine Form der Geräteunabhängigkeit, veranlassten Kunden immer mehr unternehmenskritische Anwendungen zu automatisieren. Der Preis waren Komplexität und Speicherbedarf. Erst für Maschinen mit mehr als 64 kB Speicher war es einsetzbar. Als Folge davon mussten für kleinere Systeme andere Lösungen entwickelt werden. Das resultierte in zwei weiteren Betriebssystemen BOS/360 und DOS/360, die in Endicott unter Earl Wheeler entstanden. In den 1970er Jahren wechselte die Verantwortung für DOS/360 zuerst ins holländische Labor nach Uithoorn und danach nach Böblingen.

Fred Brooks verließ kurz vor Ende meines Aufenthalts die IBM und ging als Professor für Informatik (engl. computer science) an die University of North Carolina. Sein Nachfolger wurde Fritz Trapnell aus Hursley. Ich hatte in späteren Jahren immer wieder Kontakt zu Brooks, aber auch zu mehreren Mitarbeitern seines Stabes (u. a. Lucian Endicott, Jack Henry, Jim Kessler und Tony Peacock). Brooks hat 1975, also 10 Jahre nach seinem Ausscheiden, mit dem Buch The Mythical Man-Month über seine Erfahrungen bei OS/360 reflektiert. Das Buch wurde als Fachbuch ein Bestseller (etwa 300.000 verkaufte Kopien). Auch einige spätere Veröffentlichungen Brooks‘ fanden große Beachtung.

Leben im Dutchess County

Der Stadtkern von Poughkeepsie war nach dem zweiten Weltkrieg sehr heruntergekommen, war aber inzwischen weitgehend saniert. Es gab ein verkehrsfreies Einkaufs­zentrum und restaurierte Stadthäuser. Dennoch wohnte die Mittelstandsbevölkerung entweder am Stadtrand oder in benachbarten Orten. Hier gab es endlose, gartenartig angelegte Wohnsiedlungen, die sehr locker mit Einfamilienhäusern bebaut waren. Was dem Stadtkern fast noch mehr zu schaffen machte als das Wegziehen der kaufkraftstarken Bevölkerung, war das pilzartige Hervorsprießen großer Einkaufszentren außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese. Mit riesigen Parkplätzen und Geschäftszeiten bis spät in die Nacht lockten diese unzählige Menschen an. Hier erledigte man nicht nur seine Einkäufe und verlud sie anschließend im Kofferraum des Straßenkreuzers, hier trafen sich auch junge Leute, nur um zu bummeln oder um ins Kino zu gehen.

Die Wohnungssuche in Poughkeepsie und dem umgrenzenden Dutchess County unterschied sich sehr von der in New York. Es gab hier praktisch keine möblierten Wohnungen. Am einfachsten wäre es gewesen, ein Haus zu kaufen. Der dafür aufzuwendende Kapitalbetrag lag bei etwa 10-15% des Kaufpreises. Der Rest ließ sich finanzieren. Die Kaufpreise betrugen etwa ein Viertel dessen, was entsprechende Wohnflächen in Deutschland kosteten. Wäre ich gleich am Anfang meiner Abordnung nach Poughkeepsie gegangen, hätte ich vermutlich ein Haus gekauft. Die zwei oder drei möblierten Häuser, die wir uns ansahen, schreckten uns ab. Hier war meist gerade die Oma gestorben, die hier die letzten Jahre ihres Lebens allein gelebt hatte. Da der IBM diese Situation bekannt war, hatte sie in Wappinger Falls, etwa 4-5 km vom Werk Poughkeepsie entfernt, von einer Wohnungsbaugesellschaft eine Wohnanlage (Riverside Appartments) bauen lassen, bestehend aus ebenerdigen Mehrfamilienhäusern. Wir waren in der glücklichen Lage, hier einziehen zu dürfen. Alle andern Bewohner waren IBMer, die ebenfalls wie wir auf einer Abordnung in Poughkeepsie waren. Sie stammten aus Frankreich, England oder Italien, oder aus anderen Gegenden der USA. Es waren auch mehrere deutsche Familien dort.

Die Lage und der Charakter der Wohnung hatten Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehörte, dass die Bewohner alle sehr aufgeschlossen waren und auf einander zugingen. So wurde meine Frau sofort nach unserem Einzug in die Wohnung zu einer täglichen Frühstücksrunde der Frauen eingeladen. Auch gab es hin und wieder gemeinsame Grillabende (Barbeques). Eine besondere Attraktion für Familien mit Kindern bildete das Gelände des nahe gelegenen IBM Clubs. Hier lockte vor allem das Freibad. Die Umgebung der Wohnung bestand aus einem größeren Waldgelände. Soweit dieses nicht bereits durch Einfamilienhäuser zersiedelt war, war der Wald in einem urwaldähnlichen Zustand. Dass im Wald Bäume in Reihe und Glied stünden, das gäbe es nur in Deutschland, hieß es. Als wir meinten, dass man hier schöne Wanderungen und Spaziergänge machen könnte, wurden wir aufgeklärt. So etwas tut man hier nicht. Ausgenommen sind Jogger, aber die laufen nicht durch einen Wald. Wenn man irgendwo hin will, fährt man Auto. In Wälder hineinzugehen ist außerdem gefährlich. Dort gibt es überall giftige Efeuranken (Poisen Ivy). Berührt man sie, entsteht an Armen oder Beinen ein schmerzhafter Ausschlag. Wenn man sich damit nicht auskennt, bleibt man am besten draußen. Das gilt vor allem für Kinder. Wie bei allen privaten Wohnungen der Gegend, so war auch bei unserer Wohnanlage im Grunde erforderlich, dass die Familie über zwei Autos verfügt. Da ich täglich mit meinem Oldsmobile zur Arbeit fuhr, war meine Frau tagsüber ans Haus gebunden. Der nächste Laden war etwa 3 km entfernt. Alle Einkäufe wurden also abends oder am Wochenende vorgenommen.

In diesem Teil des Staates New York war der Anteil deutscher und holländischer Einwanderer einmal ziemlich hoch gewesen. Ortsnamen wie Germantown, New Hamburg, Rhinebeck und Staatsburg beweisen dies. Heute noch ist Poughkeepsie besonders stolz darauf, einige deutsche Bäcker und Metzger zu haben. So war Karl Ehmers Metzgerei, die über mehrere Filialen in der Umgebung verfügte, auch ein Anziehungspunkt für uns.

Der nördliche Nachbarort von Poughkeepsie ist in ganz Amerika sehr bekannt. Es ist Hyde Park. Es war der Geburtsort und Wohnsitz von Präsident Franklin D. Roosevelt. Das feudale Herrenhaus der Familie ist heute eine Art Pilgerstätte für Amerikaner. Fast ebenso berühmt ist eine zweite, ebenfalls direkt am Hudson gelegene Villa. Es ist das Haus der Familie Vanderbilt.

Auch hier gibt es einige Episoden, die meiner Frau und mir einfallen, wenn wir an diese Zeit zurückdenken. Höhepunkte des Familienlebens stellten die Kindergeburtstage dar. Bei lauter jungen Familien, die in unserer Wohnanlage lebten, gab es schon mal mehrere pro Woche. Alle etwa gleichaltrigen Kinder mit ihren Müttern nahmen teil. Sie fanden meist am frühen Nachmittag statt. Entscheidend war, dass sie pünktlich gegen 17 Uhr endeten. Bis der Ehemann nach Hause kam, musste nämlich die Wohnung wieder geputzt und in aufgeräumtem Zustand sein. Für Amerikanerinnen, die den ganzen Tag über mit Lockenwicklern in den Haaren herum liefen, war dies auch der Zeitpunkt, ihre Frisuren in Ordnung zu bringen.

Eine unserer Nachbarsfamilien stammte aus Frankreich. Ihre Tochter war im gleichen Alter wie unsere Tochter. Beide waren gerade dabei, ihr Sprachvokabular aufzubauen. Es überraschte uns, als wir feststellten, dass sie die Welt zwar beide mit denselben Begriffen belegten, diese aber aus zwei Sprachen stammten. Für beide war ein Mantel ein Pantélon, ein Vogel aber ein Vogel.


In Wappinger Falls

Wie bereits angedeutet, wohnten die Kollegen nicht in der Stadt Poughkeepsie, sondern weit verstreut in den vorwiegend bewaldeten Regionen des Umkreises. Es waren oft einsam gelegene Häuser mit großem Areal, aber auch sehr gepflegte moderne Siedlungen. Wie bereits angedeutet, leistete uns unser Oldsmobile in Poughkeepsie gute Dienste. Ich fuhr täglich zur Firma damit und benutzte es auch immer dann, wenn wir uns von unserer Wohnung entfernten, sei es zum Einkaufen oder um Freunde und Kollegen zu besuchen. Einmal brachte es mich sehr in Verlegenheit. Als ich die Post aus dem an der Straße liegenden Briefkasten nehmen wollte, fuhr er im Tempo von 10-15 Stundenkilometer seelenruhig weiter. Ich musste einen Spurt einlegen, um ihn wieder einzuholen.

Catskill Mountains und Niagara-Fälle

Westlich von Poughkeepsie, auf der rechten Seite des Hudson, erstreckt sich eine Mittelgebirgskette mit dem Namen Catskill Mountains. Es ist das Erholungsgebiet der Bürger aus der Stadt New York und von Naturparks und Ausflugszentren durchzogen. In den lokalen Zeitungen werben Hotels jeder Preisklasse mit ihren Wochenend-Paketen. Einmal wollten wir uns auch ein solches prächtiges Wochenende gönnen, mit allen Wohltaten inklusive. Wir wählten ein Hotel mittlerer Preisklasse aus. Natürlich hatten wir Vollpension gebucht.


An den Niagara-Fällen

Leider erwies sich unsere Buchung als Fehlspekulation. Wir trafen auf ein Haus, das total ausgebucht war, aber nur von älteren Leuten im Durchschnittsalter von 70 Jahren. Mit unsern 30 Jahren waren wir regelrechte Exoten. Bei der Verpflegung fiel uns eine weitere Besonderheit auf. Es gab nur jüdische Gerichte. Einige Gerichte hatten zwar deutsch klingende Namen, sie ähnelten jedoch nicht irgendwelchen Gerichten, die wir kannten. Meine Frau versuchte alles. Ich ging lieber abends hungrig ins Bett. Wir machten einige Spaziergänge in den schönen Parkanlagen des Hotels, waren aber froh, als das Wochenende vorbei war.

Obwohl ich schon bei meinem ersten Amerika-Aufenthalt bei den Niagara-Fällen war, konnte ich jetzt nicht umhin, auch meiner Familie dieses Naturwunder zu zeigen. Wir nahmen bei diesem Besuch auch an der Tour teil, bei der man in Ölkleidung geschützt unter dem amerikanischen Teil des Falles hindurch geht. Eine Bootsfahrt, bei der man vom Wasser her bis an die Fälle heranfährt, ersparten wir uns.

Abstecher nach Florida

Im September des Jahres 1964 entschlossen wir uns, einen Kurzurlaub in Florida zu verbringen. Ein Direktflug brachte uns von La Guardia nach Miami. Ein Strandhotel hatten wir in Miami Beach reserviert. Als wir dort ankamen, wunderten wir uns, dass überall umgestürzte Palmen lagen, und dass einige Fenster des Hotels mit Brettern vernagelt waren. Wir hatten gerade einen Wirbelsturm, hieß es.


In Miami Beach

Es war in diesem Hotel in Miami Beach, wo unsere damals noch nicht zwei Jahre alte Tochter ihr erstes Geld verdiente. Sie fühlte sich durch die Hintergrundmusik zu unserem Abendessen dazu angeregt, einen kleinen Tanz aufzuführen. Ein anderer Gast gab ihr daraufhin einen US-Quarter. Hier kamen wir auch ins Gespräch mit jüdischen Gästen. Als sie erfuhren, wo wir herkamen, meinten sie. „Das macht nichts. Mit Ihnen reden wir, denn Sie sind jung. Mit Ihren Eltern hätten wir es nicht getan.“

Familienzuwachs und Rückkehr nach Deutschland

Ich war gerade auf einer mehrtägigen Dienstreise in Endicott, als meine Frau anrief, und mir mitteilte, dass sie noch am selben Tag ins Krankenhaus müsse, weil sich die Geburt unseres zweiten Kindes ankündigte. Mohawk brachte mich pünktlich nach Poughkeepsie zurück. Ich brachte meine Frau per Auto ins nahe Vassar Hospital und harrte der Dinge, die da kommen würden. Noch ein werdender Vater und ich durften Fernsehen, bis dass spät in der Nacht unsere Kinder geboren wurden.


Neugeborener Amerikaner

Unser Sohn wurde auf diese Art amerikanischer Bürger (engl. native born citizen). Er wurde in der katholischen Pfarrkirche von Wappinger Falls getauft, und zwar in Abwesenheit beider deutscher Taufpaten. Als wir seinen Pass beantragten, musste ich die Frage nach dem Grund seiner Reise beantworten. Ich schrieb: „Begleitet seine Eltern in deren Heimatland“. Die Übersiedlung erfolgte im Frühjahr 1965, sobald unser Sohn zwei Monate alt war. Er überquerte den Atlantic zwar per Flugzeug, aber in einer Pappschachtel. Es war dies dieselbe Schachtel, in die er nach seiner Geburt im Krankenhaus gelegt worden war.

Mit diesem Eintrag enden meine Berichte über meine Wanderjahre. Von 1965 bis 1992 blieben wir im Raum Böblingen/Sindelfingen sesshaft. Die Zeit im Böblinger Labor wurde im Jahre 2001 auf Anregung von Karl Ganzhorn als Band 2 seiner ‚Blauen Reihe‘ dokumentiert. Er hat den Titel ‚Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung. Die gedruckte Version gibt es nur noch in Archiv-Bibliotheken (wie der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart oder der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt), eine elektronische Version ist jedoch weiterhin verfügbar im Verlag Digiprimo in Heidelberg. Erst mit dem Eintritt in den Ruhestand gab es wieder einige Ortswechsel. Sie führten zuerst in die Neuen Bundesländer nach Rostock und dann nach München. Vielleicht berichte ich später auch darüber.

Sonntag, 29. Juli 2012

New York, New York – Leben und Arbeiten in einer Millionenstadt

Ein Jahrzehnt nach meinem Studienaufenthalt in Ohio konnte ich noch ein zweites Mal über ein Jahr in den USA verbringen. Dies und die vielen Reisen, die ich später noch unternahm, bewirkten, dass ich eine besondere Beziehung zu diesem Lande entwickelte. So fühle ich mich sehr oft angesprochen, wenn das Land kritisiert wird oder Amerikaner etwas pauschal beurteilt werden. Der Unterschied zwischen einem Studienaufenthalt und dem Leben in Beruf und mit Familie ist signifikant. Wir lebten in New York von Oktober 1963 bis Juli 1964, d.h. meine Frau, unsere sechs Monate alte Tochter und ich.

Wie in einem früheren Beitrag näher beschrieben, verbrachten meine Frau und ich unser erstes Ehejahr im sonnigen Nizza. Dieser Aufenthalt neigte sich im Sommer 1963 seinem Ende zu, als mein Projekt auslief. Ich plante zunächst in das deutsche Labor der IBM in Böblingen bei Stuttgart überzuwechseln. Während ich zur Abwicklung meiner letzten Geschäfte wieder in Nizza war, traf ich dort  zwei Kollegen (Nat Rochester, Pete Sheridan) aus New York, die gerade in La Gaude ihr Projekt vorstellten, nämlich Fortran so zu erweitern, dass man auch kommerzielle Programme in dieser Sprache schreiben konnte. Als sie erfuhren, dass ich mit Algol, COBOL und Fortran gearbeitet hatte, und dazu noch mit ECMA die europäische Standardisierung von COBOL betrieben hatte, machten sie mir das Angebot, nach New York zu kommen. Im Weiteren zitiere ich wieder aus früheren Aufzeichnungen [1].


Rockefeller Center und Central Park

Vor die Wahl zwischen Weltstadt und schwäbischer Provinz gestellt, brauchte ich meine Frau kaum zu überreden. Anders war es mit dem Chef (damals Horst Remus), der mich in Böblingen erwartete. Nachdem ich ihm klargemacht hatte, dass das Projekt in New York für die Zukunft seiner Gruppe von großer Bedeutung sei, ließ er mich gehen. Ich suchte und fand in Böblingen ein Zimmer, in das ich alle unsere Möbel abstellen konnte. Meine Frau und unsere Tochter, die inzwischen ein halbes Jahr alt war, flogen von Nizza ins Ruhrgebiet zu meiner Schwiegermutter. Ich flog nach New York. Nach einer Woche kamen beide nach. Wir wohnten noch einige Wochen in einem Hotel, ehe wir eine Wohnung bezogen. Da das Hotel nicht weit vom Central Park entfernt lag, wollte meine Frau dort gerne mit unserer Tochter im Kinderwagen spazieren fahren. Sie wurde etwas ungnädig, als ich ihr ans Herz legte, dies nur dann zu tun, wenn auch andere Leute in der Nähe seien. Meine frühere Amerika-Erfahrung wirkte bereits bremsend.

Wohnen in New York City

Eine Wohnung in New York City zu finden, ist eine besondere Herausforderung. Erscheint die Stadt einem Touristen als riesige Ansammlung von Häusern und Wolkenkratzern, so bekommt sie für den Wohnungssuchenden eine ganz eigene Struktur. Da ich den Vorteil hatte, in eine Gruppe zu kommen, die hauptsächlich aus New Yorkern bestand, ließ ich mich beraten. Ich nahm schließlich die Kopie eines Stadtplans und markierte die einzelnen Viertel entsprechend. Als Wohngebiet für Leute, die in Manhattan arbeiten, erstreckt sich die Stadt nach Osten bis weit auf Long Island hinaus, nach Norden bis ins Westchester County und nach Westen weit nach New Jersey hinein. Ein deutscher Kollege, der gleichzeitig mit mir in New York tätig war, wohnte in New Jersey. Er wohnte jenseits des Hudson River und fuhr täglich per U-Bahn unter dem Hudson hindurch. Ein amerikanischer Kollege wohnte auf der Westseite des Hudson im Staat New York und benötigte für jede Strecke täglich mehr als eine Stunde mit der Bahn. Sehr beliebt war offensichtlich ganz Long Island bei Familien mit Kindern. Hier gab es eine lockere Bebauung mit Einfamilienhäusern und die Bahnve­rbindungen waren ausgezeichnet.

Mindestens so wichtig war es zu wissen, wo einer wie ich nicht wohnen sollte. Hier schieden zunächst ganze Stadtteile fast völlig aus, so Harlem und die Bronx, aber auch große Teile von Brooklyn. In Manhattan selbst könne man nur als Single oder als kinderloses Ehepaar wohnen, hieß es. Aber auch dafür gab es noch diverse Einschränkungen. Als akzeptabel aber teuer galt die Upper East Side, d.h. die Gegend östlich des Central Parks. Für Hippies, aber nicht für seriöse Geschäftsleute, käme noch die Südspitze in Frage, also die Battery und das Greenwich Village. Ein Makler bot uns auch eine Wohnung unweit der Grand Central Station an, also südlich der 42. Straße. An die Besichtigung dieser Wohnung erinnere ich mich noch heute. Sie lag in einem Hochhaus (Crescent City genannt), etwa im 20. Stockwerk. Das Haus hatte den Grundriss eines Halbmonds (daher der Name). Das Wohnzimmer hatte ein breites, nach Norden gerichtetes Fenster, in das die Wolkenkratzer des Rockefeller Centers wie Personen auf einem Gemälde hereinschauten. Am Abend muss dieser Blick überwältigend sein. Obwohl die von meiner Firma für die Wohnungsmiete vorgesehene Vergütung (Living Allowance) nicht knapp bemessen war, war diese Wohnung uns doch zu teuer.


In Jackson Heights

Wir entschlossen uns schließlich für ein Reihenhaus im Stadtteil Jackson Heights. Das ist in Queens, einem nördlich von Brooklyn gelegenen Stadtteil auf Long Island. Jackson Heights ist bekannt für den La Guardia Flugplatz und das Ausstellungsgelände von Flushing Meadows. In Flushing Meadows fand damals die Weltausstellung (Expo 64) statt. Bis heute gibt es dort das Tennisturnier US Open. Unsere Wohnung lag in der 73. Straße. Nicht allzu weit davon gab es eine U-Bahnstation (Northern Boulevard). Auf beiden Seiten der Straße gab es gleich aussehende Reihenhäuser aus rotem Backstein, soweit man blicken konnte. Sie hatten jeweils zwei Stockwerke. Eine Freitreppe führte zu der oberen Wohnung, die wir mieteten. Unter uns wohnten zwei junge Frauen, die auf dem Flughafen La Guardia beschäftigt waren. An sich fühlten wir uns in dieser Wohnung sehr wohl, da wir glück­licherweise nicht in der Einflugschneise von La Guardia lagen. Katastrophenalarm brach aus, als eines Tages meine Frau feststellte, dass sie in der Küche kleine Mitbewohner hatte. „Das sind Kakerlaken“ rief sie. Meine Frau putzte noch intensiver als bisher, besonders am Herd und unter dem Kühlschrank und so wurden wir sie alsbald los. Das seien die Kubaner schuld, die vorher hier wohnten, meinte der Hausbesitzer.

Der Eigentümer des Hauses wohnte einige Straßen weiter. Er war von seiner Abstammung her polnischer Jude und arbeitete als Schneider in der New Yorker Textilindustrie. Dass die Textilindustrie in New York City eine sehr bedeutende und traditionsreiche Rolle spielte, erfuhren wir von ihm. Noch mehr überraschte es uns, dass er am Ende jeder Saison entlassen wurde, und zu Beginn einer Saison neu angestellt wurde, obwohl er schon fast 30 Jahre dort tätig war. Er und seine Frau besaßen mehrere Häuser, die ihre finanzielle Existenz sicherten. So wie unser Vermieter als polnischer Jude so stellten sich auch alle Nachbarn mit ihrer ethnischen Herkunft vor. Ich bin Ire, ich Italiener, ich Deutscher, hieß es dann. Irgendwann konnte ich es mir nicht mehr verkneifen zu fragen, ob es denn hier keine Amerikaner gäbe.

An zwei Episoden aus Jackson Heights erinnern meine Frau und ich uns heute noch. Unser Haus war zwar außen mit Backsteinen verkleidet, bestand aber zu großen Teilen aus Holz. Deshalb standen überall Brandwarnungen. Besonders eingeschärft wurde dabei, nie Babys und Kleinkinder allein im Hause zu lassen. Deshalb war auch der Hintergrund klar, der hinter der Frage einer Nachbarin steckte, als sie meine Frau einmal allein in einem Einkaufszentrum antraf. „Where is the baby?“ fragte sie. „She is fine“, war die Antwort (auf Deutsch: Wo ist das Baby? – Ihm geht es gut). In Flushing Meadows fand, wie bereits erwähnt, 1964 die Weltausstellung statt. An einem Wochenende nahmen wir uns vor, dieses Spektakel zu besuchen. Wir luden unsere einjährige Tochter in ihren Sportwagen und marschierten zu Fuß zur nächsten U-Bahnstation und fuhren dann eine Station weiter zur etwa drei Kilometer entfernten Expo. Wir durchstreifen den ganzen Tag das Ausstellungsgelände und bewunderten die vielen technischen Neuerungen. Am Schluss des Tages ging es zurück zur U-Bahnstation. Die Beobachtung eines Amerikaners, mit der er sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen wollte, war zwar gut gemeint, aber nicht ganz richtig. „He looks great, but his father is very tired“ (auf Deutsch: Er sieht großartig aus, aber der Vater ist sehr müde). Da unsere Tochter damals sehr dünne Haare hatte, wurde sie manchmal als Junge angesehen.


In Atlantic City

Meine früheren Erfahrungen in den USA bewogen mich dazu, alsbald ein Auto zu erwerben. Diesmal wurde es ein Oldsmobile. Ein deutschstämmiger Händler hatte mich überzeugt, dass dies ein guter Kauf sei. Er behielt im Prinzip auch recht. Nur konnte ich das Auto kaum nutzen, solange ich in New York City wohnte. Nach Manhattan hinein zu fahren, machte keinen Sinn. Nur am Wochenende konnte ich mit der Familie Ausflüge in die weitere Umgebung machen. So ging es mehrmals zu den Stränden auf Long Island (Coney Island, Rockaway Beach) und einmal nach Atlantic City an der Küste von New Jersey. Sobald es Winter wurde und der Schnee einbrach, stand das Auto wochenlang ungenutzt vor unserem Haus, oft mit einer 30-40 cm dicken Schneedecke bedeckt.

Arbeiten in New York City

Mein Arbeitsplatz in New York City lag in einem Hochhaus in Manhattan. Das Gebäude, in dem die Firma IBM eine Etage gemietet hatte, gehörte dem Zeitschriftenverlag Time/Life. Es liegt an der „Avenue of the Americas“ (nach der numerischen Zählung ist dies die 6th Avenue), etwa auf der Höhe der 54. Straße. Die Fassade war zwar aus Glas, dennoch besaßen die Büros nur künstliches Licht. Selbst an der Außenseite des Gebäudes kam nur wenig Licht herein, einerseits waren die Glasscheiben blau getönt, andererseits stand das nächste Hochhaus so nah, dass kein direktes Sonnenlicht einfallen konnte.


Time-Life-Hochhaus

Von Jackson Heights (Station Northern Boulevard) fuhr ich täglich ohne Umsteigen per U-Bahn direkt bis ins Rockefeller-Zentrum. Ohne ans Tageslicht aufsteigen zu müssen, gelangte ich von dort direkt zu den Fahrstühlen des Time/Life-Hochhauses. Erst wenn ich abends in Jackson Heights wieder der U-Bahn entstieg, konnte ich sehen, wie das Wetter an diesem Tage gewesen war. Sehr eingeprägt haben sich die Wintermonate Dezember bis Februar. Oft musste ich die Strecke von unserer Wohnung bis zur U-Bahn durch hohen Schnee stapfen oder bei klirrender Kälte zurücklegen. Hatte ich die U-Bahn erreicht, brachten mich die Winterkleidung und Überstiefel ganz schön ins Schwitzen. Befreien konnte ich mich erst von den schweren Sachen, nachdem ich meinen klimatisierten Arbeitsplatz erreicht hatte.


‚Pastrami on rye‘-Sandwich (Foto Katz)

Über eine Kantine verfügte meine Arbeitsumgebung nicht. Wir haben sie auch nicht vermisst. Meist gingen wir im Untergeschoss unsers Hochhauses oder in der Nähe der U-Bahnstation in einen der vielen Sandwichläden. In dieser Zeit lernte ich einige New Yorker Spezialitäten schätzen. Ganz hoch auf meiner Liste der Wunschgerichte stand „Pastrami on Rye“ (eine Art Rindfleischbraten auf Roggenbrot). Andere beliebte Sandwichs waren „Egg Salad or Liver on Whole Wheat“ (auf Deutsch: Eiersalat oder Leberwurst auf Weizenvollkornbrot). Die Sandwichs, die es hier gab, enthielten nicht nur eine Scheibe Wurst, sondern deren fünf bis sechs. Ein Glas eiskalte Milch oder eine Tasse Kaffee ergänzten die Mahlzeit. An den vielen Sorten von Speiseeis konnte man sich sattsehen, auch ohne sie alle zu probieren. Übrigens gab es im Büro laufend Kaffee, Milch oder einen Schokoladentrunk aus einem Automaten. Manche Kollegen schienen gar nicht anders arbeiten zu können, als von einer Tasse Kaffee angetrieben. Wollte man einmal nichts essen, so konnte man die Mittagspause auch sehr gut anders verbringen. In unmittelbarer Nähe des Gebäudes gab es mehrere gute Buchläden. Selbst bis zur berühmten Fifth Avenue konnte man sehr gut zu Fuß laufen. Saks, Bloomingdales und Tiffany’s haben hier ihre Hauptläden.

Bei meinen Kollegen in New York handelte es sich um eine etwas ungewöhnliche Gruppe. Einige von ihnen waren Teil des Teams gewesen, das in den Jahren von 1955 bis 1958 mit John Backus zusammen den ersten Fortran-Übersetzer der Welt entwickelt hatte (so Harlan Herrick, Lois Haibt und Irv Ziller). Sie waren überzeugte New Yorker, die sich einen andern Job in New York gesucht hätten, wenn IBM sie nicht weiter hier beschäftigt hätte. Andere wären bereit gewesen, den Einsatzort zu wechseln, vorausgesetzt, sie konnten auf ihrem Spezialgebiet, dem Übersetzerbau, weiterarbeiten. Natürlich gab es auch den flexiblen und jüngeren Mitarbeiter, der sich an jedem andern Ort der Firma auf jedem anderen Gebiet einsetzen ließ. Er oder sie waren eher die Ausnahme. Der Anteil an Frauen, auch in Management-Positionen, war für damalige Verhältnisse recht hoch.

Die Abteilung, der ich zugeordnet war, leistete Unterstützung bei der Definition der neuen Programmiersprache. Diese änderte mehrmals den Namen. Als ich kam, hieß sie Fortran VI. Dann wurde New Programming Language (NPL) daraus. Geblieben ist der Name Programming Language I (PL/I). Für die Sprachdefinition im engeren Sinne war ein Gremium bestehend aus drei IBMern (George Radin, C. W. Medlock und Bernice Weitzenhofer) und drei Kundenvertretern zuständig. Die übrigen Mitglieder unserer Abteilung bewerteten die Sprachvorschläge, etwa im Hinblick darauf, ob man existierende COBOL-Programme auch vollständig mechanisch umwandeln konnte. Neben mir gab es noch einen weiteren Europäer im Team (Louis Bolliet von der Universität Grenoble). Unser Abteilungsleiter (Dr. Paul Comba) war gebürtiger Italiener und stammte aus Turin. Vor allem zu George Radin hatte ich auch später immer wieder Kontakt. Über die Bedeutung und das Schicksal von PL/I zu berichten, würde hier zu weit führen.


Südeingang des Time/Life-Gebäudes

Wenige Wochen nach unserer Ankunft gab es ein Abendessen in einem New Yorker Hotel für alle Mitarbeiter und deren Angehörige. Es gab eine Vorspeise, ein dickes Steak (New York Cut Sirlain) und einen Nachtisch. Es gab während oder nach dem Essen die übliche Rede eines höheren Managers, in der er sich bei den Mitarbeitern und ihren Angehörigen bedankte. Schon vor Beginn der Rede hatten mehrere Frauen ihr Strickzeug hervorgeholt und betätigten sich mit Handarbeiten. Da wir gerade aus Frankreich kamen, kam uns das Essen als grober Stilbruch vor. Zu dem sehr guten Gericht gab es lediglich Eiswasser zu trinken. Wein oder Bier zu servieren hätte gegen damals geltende Firmenregeln verstoßen.

Dass die New Yorker ein etwas gestresster Menschenschlag sind, hat Woody Allen in seinen Filmen immer wieder herauszustellen versucht. Man erwartete eine Großstadt voll von Neurotikern. Aufgrund meiner Erfahrung mit New Yorkern hielt ich dies für reichlich übertrieben. Ein kleines Erlebnis, das ich hatte, schien jedoch Woody Allen Recht zu geben. Eines Sonntags ging ich im Stadtteil Riverdale im Norden der Stadt mit Frau und Kleinkind spazieren. Es ist dies der Stadtteil New Yorks, in dem sich auch die berühmte Columbia University befindet. Plötzlich stießen wir auf unserem Bürgersteig auf zwei etwa 5-6 Jahre alte Kinder, die sich heftig stritten. „I guess you are crazy; you better look up your psychiatrist“, schrie das eine Kind (zu Deutsch: Ich glaube Du bist verrückt. Du solltest Deinen Psychiater aufsuchen). Der Kleine muss diese Beschimpfung von Erwachsenen aufgeschnappt haben, dachte ich mir. Deutsche Kinder beschimpften sich (damals noch) anders.

Immer, wenn wir abends in New York ausgingen, wurde ein Baby Sitter engagiert. Verreisten wir außerhalb der Stadt, brachten wir unsere Tochter auch schon mal zu Kollegen. Sowohl für den Kunstfreund wie für den Theaterliebhaber ist New York ein Eldorado. Das Guggenheim Museum oder das Museum of Modern Art (Moma) sollte man mehr als nur einmal gesehen haben. Die Carnegie Music Hall, die Metropolitan Opera und die Theater des Broadway bieten das ganze Jahr über einen Höhepunkt nach dem andern. An einen Opernabend in der Met denke ich heute noch, wenn ich den Namen des Sängers Franco Corelli höre. Wie im Rausch schrie die Menge nach seiner Vorstellung „Da capo, da capo!“. Eine große Ent­täuschung dagegen war der Besuch des berühmtesten Restaurants mit deutscher Küche in New York (Luchow’s). Das Essen war nicht besonders gut, die Atmosphäre wirkte angestaubt und fremdartig, vielleicht war es das Berlin der zwanziger Jahre, an das erinnert werden sollte.

Die ganzen Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft wurden deutlich, als am 3. November 1963 die Nachricht von der Ermordung John F. Kennedys durch die Medien ging. Bei IBM in New York hat an diesem Nachmittag niemand mehr gearbeitet. Alle Kollegen waren niedergeschlagen und konsterniert.

Nach einem Dreivierteljahr meinten meine Oberen, es wäre für das Böblinger Labor besser, wenn ich statt in New York City in einem der traditionellen Labors der Firma säße. So kam es Mitte 1964 zum Umzug nach Poughkeepsie, einer Kleinstadt im Hudson-Tal, etwa 100 km nördlich von New York.

Die zweifache Nennung des Namens New York im Titel dieses Beitrags hat zwei Gründe. Einerseits ruft er damit die Erinnerung an ein auch von Frank Sinatra gesungenes Lied hervor. Es enthält den berühmten Refrain: If you can make it there, you'll make it anywhere  (zu Deutsch: Wenn Du dort Erfolg hast, hast Du ihn überall). Anderseits ist dies der offizielle Name der Stadt, nämlich New York im Staat New York.

 

1. Reiseberichte enthalten auf der CD Gunst und Kunst des Reisens aus dem Jahre 2009. Die CD ist auf der Homepage ihres Autors im Abschnitt Media beschrieben