Freitag, 24. Mai 2019

War der Europa-Wahlkampf doch kein Langweiler?

Der Wahlkampf zur bevorstehenden Europa-Wahl erschien vielen Kommentatoren ein Nicht-Ereignis zu sein. Da ich nicht draußen herumlaufe oder herumfahre, konnten mir keine plakatierten Stadtstraßen und Alleen auffallen. Ob diese Art der Geldverschwendung und Umweltverschmutzung überhaupt stattfand, entging mir. Außerdem ging ich zu keiner einzigen Wahlveranstaltung, etwas was ich in den letzten 50-60 Jahren ohnehin nie tat. Dennoch habe ich nie eine Wahl ausgelassen.

Klassisches TV-Geplänkel

Was etwas dahinplätscherte, waren ein paar Fernseh-Diskussionen, in denen nationale Politiker ihre allseits bekannten Meinungen von sich gaben. Eine gewisse Ausnahme bildete das Paar der europäischen Spitzenkandidaten. Manfred Weber für die Konservativen und Frans Timmermanns für die Sozialisten stellten sich mehrmals den Fragen von Journalisten oder Zuschauern. Weber schlug sich brav und provozierte kaum. Timmermanns wirkte engagierter, etwa so wie seinerzeit Martin Schulz. Er beeindruckte mit einem akzentfreien Hochdeutsch und stellte damit sein bayrisches Gegenüber oft in den Schatten. Manchmal variierte er das Tempo und die Lautstärke und verriet seine Leidenschaft für einige der Themen, mit denen er als Stellvertreter von Jean Claude Juncker schon bisher zu kämpfen hatte. Viktor Orban war ein Beispiel.

In den letzten Wochen hat der Wahlkampf mindestens zwei Höhepunkte gebracht, mit denen wohl kaum jemand gerechnet hatte. Sie fielen medientechnisch etwas aus dem Rahmen. Sie betrafen zuerst unser Nachbarland Österreich, dann die jungen Deutschen.

Austria-Krimi

Der eine Vorfall wurde durch ein Video ausgelöst, das im Jahre 2017 in einer Finca auf Ibiza aufgenommen wurde. Darin ließ sich Heinz-Christian Strache, der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) schon vor den Wahlen in feucht fröhlicher Runde zu markanten, aber ungeschickten Aussagen verleiten. Wer diesen Plot ausgeheckt und durchgezogen hatte, ist bisher unbekannt. Da das Material nicht schon vor zwei Jahren veröffentlicht worden war, erschien die Europawahl als die wohl letzte Gelegenheit, um noch Wirkung zu erzielen.

Die Wirkung blieb nicht aus. Alle FPÖ-Politiker mussten die Regierung von Sebastian Kurz verlassen. Ihre Ämter wurden mit parteilosen Experten besetzt und Neuwahlen für September angekündigt. Alle an der Affäre nicht beteiligten Parteien erhoffen sich Vorteile bei der Europa-Wahl.

Macht der Blogger

Für Deutschland hat der Youtube-Blogger Rezo mit seinem Video Die Zerstörung der CDU den Europa-Wahlkampf in letzter Minute noch angeheizt. Das Video wurde bereits mehr als eine Million Mal angeklickt. Es fand in allen namhaften klassischen Medien Erwähnung und provozierte einige Youtube-Videos mit Gegendarstellungen.

Rezo war mir, dem Grufti, kein Begriff. Sein Video dauert eine Stunde. Das ist selbst für jugendliche Zuschauer eine Zumutung. Er hatte offensichtlich sehr viel Material analysiert und wollte Einiges davon unterbringen. Als Seelenverwandter von Greta Thunberg schien Klima sein Hauptanliegen zu sein. Die Bundesregierung, getragen von Union und SPD, habe viel versprochen und wenig davon gehalten. Dabei sorgt das Pariser Klimaabkommen dafür, dass man sich nicht auf andere beziehen kann, wenn man selbst versagt. Beim CO2-Ausstoß stünde Großbritannien um Klassen besser da als Deutschland. Den beiden Koalitionsparteien wird nur die Unfähigkeit vorgeworfen, den Worten auch Taten folgen zu lassen, so liegt es bei der Alternativen für Deutschland (AfD) anders. Ihre Vertreter bestreiten, was Tausende von Wissenschaftlern als Fakten ermittelt haben. Eines ihrer prominentesten Mitglieder wird als echt bescheuert dargestellt. Wer glaube, dass die Erde zu warm würde, solle die Sonne bitten, etwas weniger stark zu strahlen.

Die CDU/CSU sei schuld, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer würden. Auch würde es die allerhöchste Zeit, die Amerikaner dazu zu bewegen, keine Drohnen mehr vom Stützpunkt Ramstein in der Pfalz aus durch die ganze Welt zu schicken. Die CDU habe jemand als Drogenbeauftragte ernannt, die sich fachlich nicht auskenne [die Forschungsministerin scheint ihn dagegen nicht zu interessieren. Hier verantwortet eine Hotelfachfrau das Milliardenprogramm]. Überhaupt sei Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit bei allen etablierten Parteien unübersehbar. Man könne daher keine von ihnen wählen, eventuell mit Ausnahme der Grünen.

Wahltag bringt Klarheit

In Deutschland und Österreich findet die Wahl am Sonntag statt, also Übermorgen. In den Niederlanden wurde gestern gewählt. Nach ersten Mitteilungen erreichte die Wahlbeteiligung einen neuen Tiefpunkt. Die Partei von Frans Timmermans soll als Sieger hervorgegangen sein.

Als notorischer Briefwähler habe ich vor der Anheizung der letzten Tage meine Stimme abgegeben. Das Besondere an der aktuellen Wahl ist, dass der Stimmzettel in unserer Region 40 Parteien anbietet. Wenn dort für Jungwähler nichts dabei ist, weiß ich nicht, wie man ihnen entgegenkommen kann. Warten wir ab! Am Montag wissen wir mehr.

Montag, 20. Mai 2019

Wunder gibt es immer wieder, auch in der Informatik − glaubt man Juraj Hromkovič

Vor gut zwei Jahren stieß ich zufällig auf das Buch ‚Sieben Wunder der Informatik‘ von Juraj Hromkovič. Ich las es mit Vergnügen, fand aber den Titel etwas daneben. Behandelt wurden sieben mathematische Algorithmen und man suggerierte, dass dies der wesentliche Kern des Fachgebiets Informatik sei. Das konnte ich natürlich nicht unwidersprochen stehen lassen. Jetzt begegnete ich Hromkovič wieder, und zwar als der Gastherausgeber eines Themenhefts Bildung des Informatik Spektrums (2/2019).

Erfinderinnen und Entwicklerinnen ausbilden

Bilden wir die Erfinderinnen, Gestalter und Entwicklerinnen digitaler Technologie aus und nicht nur ihre Konsumenten! So überschreibt Hromkovič seinen Leitartikel. Er bezieht sich darin auf das so genannte Dagstuhl-Dreieck, das die Ausbildung in Informatik auf eine Reflexion über Technologien reduziert. Gestaltung und Entwicklung kämen darin nicht vor, meint er. Da spricht mir jemand aus der Seele, so dachte ich, ziemlich lange hat es gedauert.

Im anschließenden Hauptbeitrag definiert Hromkovič drei Wurzeln der Informatik, nämlich digitale Informationsdarstellung, Automatisierung per Algorithmen und Computertechnologie. Die Digitalisierung habe ihren Anfang vor rund 5.400 Jahren in Mesopotamien gehabt, als Steuerdaten von Millionen Einwohnern erfasst und außerhalb des menschlichen Gehirns gespeichert wurden. Algorithmik betrieben die Schüler des Pythagoras, als sie Dreiecke mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 erzeugten, um zu rechten Winkeln zu kommen. Nur die Computertechnologie ist jüngeren Datums. Dass Hromkovič zwei weitere Wurzeln der Informatik anerkennt, grenzt fast an ein Wunder. Tontafeln mit Keilschrift als digitales Medium anzusehen, verwundert etwas.

Die Ausbildung Jugendlicher sollte informatisches Denken vermitteln, nicht nur das Drücken von Knöpfen. Im Gegensatz zur Mathematik kenne die Informatik meist verschiedene Lösungswege für ein Problem. Es gehe darum einen auszuwählen, zu implementieren und die Korrektheit der Implementierung nachzuweisen. Ein Informatiker muss drei Techniken beherrschen, das Erschaffen von Schriften aus Zeichen und Symbolen, das Bilden von Sprachen aus Wörtern und Sätzen und die Durchführung einer Kommunikation mittels einer Sprache. Ihre Fortschritte erzielte die Menschheit nicht nur durch die Erzeugung neuen Wissens, sondern auch durch die Entwicklung konstruktiver Vorgehensweisen im Falle fehlenden oder unvollständigen Wissens. Genau das ist es, was von jedem Informatiker verlangt wird. Nach Hromkovič, der seine Schulzeit in der ehemaligen Tschechoslowakei verbrachte, sind die Schüler im Ostblock offensichtlich dem Werteverfall entgangen, der sich im oben erwähnten Dagstuhl-Dreieck manifestierte. Mir kommt das wie ein weiteres Wunder vor.

Hromkovič hat seine Ideen in einem Lehrbuch Einfach Informatik dokumentiert, anhand dessen ein spiralförmiger Lehrplan (Spiralcurriculum) für die Informatik in Grundschulen und Gymnasien abgeleitet werden kann. Er bescheinigt sich selbst, dass diese Lehrmethode das kreative Potential der Schüler weckt, das Verständnis der Welt fördert und eine wichtige Kulturtechnik vermittelt. Im Vergleich zu meiner ersten Begegnung mit Hromkovič ist mein Eindruck dieses Mal ausgesprochen positiv. Ich kann fast jeden seiner Sätze unterschreiben, von einigen wunderhaften Extremen abgesehen.

Unglückliche Verknüpfung mit dem Mathe-Unterricht

Einige der weiteren Beiträge dieses Themenheftes bestätigen meinen früheren Verdacht, dass sich die Informatik keinen Gefallen tut, wenn sie eine zu starke Verwandtschaft zur Mathematik postuliert. Wenigstens vier Beiträge des Heftes befassen sich mit der Gefahr, die besteht, wenn Schüler mit Konzepten aus dem Mathematik-Unterricht in den Informatik-Unterricht wechseln. Die Rolle des Zeichen ‚=‘ mal als Gleichheit und mal als Zuweisung ist nur das trivialste Beispiel. Der Beitrag Kohn/Komm ist allein diesem Problem gewidmet. Auch die beiden Beiträge Hauser/Komm/Serafini behandeln eine Gruppe von Anwendungen, bei denen die mathematische Denk- oder Herangehensweise zu unnötigen Problemen führt.

Der Beitrag von Gallenbacher erinnert an die von Charles Sanders Peirce (1839-1914) eingeführte Abduktion. Als Gegenstück zur allseits bekannten Deduktion gestattet sie es, aus Fakten Theorien zu bilden. Wie alle Künstler und Ingenieure würden Informatiker als weiteren Begriff den der Konstruktion verwenden. Damit würden neue Fakten geschaffen. Der Informatik-Unterricht sei daher die Gelegenheit, um diesen philosophischen Begriff einzuführen.

Meine Ideen zu Informatik im Schulunterricht

Die Themen Informatik in der Schule oder Informatik als Allgemeinbildung waren mehrmals Gegenstand eines Beitrags in diesem Blog. Der Beitrag vom Juni 2013 befasste sich speziell mit den Ansichten von englischen, französischen und schweizerischen Kollegen. Nach der Kommodifizierung der Informatik in den 1980er Jahren wird vielfach von einer Zweiteilung gesprochen. Man käme nur weiter, wenn man trennen würde zwischen der Qualifizierung der Massen (engl. computer literacy) und der Fachausbildung der Spezialisten (engl. professional training). Quer dazu liegt die Frage, welche Informatik-Inhalte verdienen es als Teil der modernen Allgemeinbildung angesehen zu werden. Mir scheint es, als ob Hromkovič dazu neigt, hier den Beitrag der Informatik sehr hoch anzusetzen. Ich selbst neige eher dazu, hier etwas zurückhaltend zu sein.

Rechner in ihrer derzeitigen Ausprägung als Smartphones haben wirklich das Potential sich zu universell einsetzbaren Hilfsmitteln des täglichen Lebens zu entwickeln. Obwohl Autos oder Fahrräder ebenso wenig wegzudenken sind, was die räumliche Fortbewegung betrifft, ist bisher niemand auf die Idee gekommen zu verlangen, dass möglichst viele Menschen es lernen sollten, Autos oder Fahrräder zu bauen. Sie benutzen zu können, und auch einige Notsituationen selbst beheben zu können, ist jedoch wünschenswert. Die Arbeitsteilung ist ein Prinzip, das in der gesamten Wirtschaft zu gesteigerten Leistungen führte. Sie ermöglicht es, Fähigkeiten zu entwickeln und aktuell zu halten, die über das hinausgehen, was ein einzelner Mensch oder ein einzelner Betrieb benötigt und rechtfertigen kann.

Jeder Informatiker, der seine Tätigkeit professiohell ausübt, sollte sich einer Art von kategorischem Imperativ unterwerfen. Wenn man einen Vorgang automatisiert - sei es in der Wirtschaft oder im Privaten - dann sollte man dies so tun, dass niemand mehr dasselbe nochmals machen muss. Studentische Übungen sind ausgenommen. Mit dieser Haltung haben Hasso Plattner und seine Kollegen die Anwendungen eines britischen Chemiekonzerns (ICI) angegangen, bevor sie SAP gründeten. Im übrigen gibt es keinen besseren Ansatz, um das immerwährende Fachkräfte-Problem in den Griff zu bekommen.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Interventionspolitik der USA unter Woodrow Wilson und FDR

Aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der deutschen Kapitulation nach dem Ersten Weltkrieg bietet das Luxemburger Nationalarchiv eine Online-Ausstellung an, die an dieses Ereignis erinnert. Besonders faszinierten mich dabei neun kurze Filme aus amerikanischen Quellen, die den Einmarsch amerikanischer Truppen im November 1918 in Luxemburg und in das Rheinland dokumentierten. Mein Vater sowie seine Geschwister hatten dies persönlich erlebt und erzählten öfters davon. Meine Geschwister und ich wurden im Februar 1945 Zeugen eines zweiten Einmarschs amerikanischer Truppen. Sie legten die Basis für die Welt, in der wir heute leben.

Woodrow Wilson vor dem Ersten Weltkrieg

Woodrow Wilson (1856-1924) entstammte einer presbyterianischen Pfarrersfamilie aus den Südstaaten. Er wurde in Virginia geboren und wuchs in Georgia (Augusta) auf. Er studierte in Princeton, NJ, und kehrte 1890 als Professor für Politische Ökonomie und Jurisprudenz dorthin zurück. Er schrieb Bücher über die Verfassung der USA (engl. constitutional government) und den Bürgerkrieg. Seine Vorbilder waren Edmund Burke (1729-1797) und der englische Parlamentarismus. Burke hatte eine Analyse der Französischen Revolution verfasst, die großen Eindruck hinterließ. Seiner Sichtweise kann ich mich heute noch voll anschließen: ‚Es ist besser und einfacher zu reformieren als niederzureißen und hinterher aufzubauen‘, so folgerte Burke.

Wilson wurde alsbald Präsident seiner Universität und baute diese zu einer der Spitzenschulen der USA aus. Er ließ jüdische Studenten und Professoren zu, aber keine Afroamerikaner. Im Jahre 1910 wechselte er in die Politik und wurde Gouverneur von New Jersey. Im Jahre 1912 wurde er Kandidat für die US-Präsidentschaft der Demokraten und gewann gegen Theodore Roosevelt (1858-1919) und William Taft [Teddy Roosevelt hatte eine eigene Partei gegründet]. Wilson galt als guter Redner und glaubte fest an eine Sonderrolle der USA, den amerikanischen Exzeptionalismus.

In der Innenpolitik ging Wilson den Weg vom Manchester-Liberalen zum Progressiven. Er erließ Gesetze gegen Kinderarbeit und führte eine Unfallversicherung für Bundesbedienstete ein. Er tat jedoch nichts gegen die soziale Ungleichheit und den Rassismus. In der Außenpolitik galt die Monroe-Doktrin. Sie galt seit Präsident James Monroe (1758-1831) und besagte, dass die Vereinigten Staaten sich in keine europäischen Konflikte einmischen würden und umgekehrt die Europäer die westliche Hemisphäre den Amerikanern zu überlassen haben. Sie war 1904 durch Teddy Roosevelt dahingehend ergänzt worden, dass die USA sich zum Eingreifen verpflichtet sahen, falls die Lage irgendwo in Amerika instabil zu werden drohte. In diesem Sinne unternahmen die USA 1914 einen Angriff auf die Hafenstadt Veracruz, um in die mexikanische Revolution einzugreifen.

Erschwerte Neutralität und propagandistische Profilierung

Das Ringen um die Aufgabe der Neutralität bezüglich des europäischen Schlachtfelds zog sich über Jahre. Weil deutsche U-Boote im Atlantik auch neutrale Schiffe attackierten, baute sich in den USA eine Deutschland feindlich gesinnte Stimmung auf. Einen Höhepunkt bildete die Versenkung der HMS Lusitania im Mai 1915, wobei 1200 Personen den Tod fanden. Zu denen, die damals eine Kriegserklärung an Deutschland forderten, gehörte der junge Franklin D. Roosevelt (FDR). Er übte in Wilsons Regierung damals das Amt des Staatssekretärs im Marineministerium aus. Wilson plädierte weiter für die Beibehaltung der Neutralität.


Wilsons 14 Punkte von 1917

Zum großen Leidwesen, sowohl der Franzosen wie der Engländer, sah sich Wilson weniger als Kriegsverbündeter denn als Mahner und Schiedsrichter. Sein 14-Punkte-Programm, das er im Januar 1918 im US-Kongress vorstellte, löste daher gemischte Reaktionen aus. Frankreichs stets scharf formulierender Georges Clemenceau (1841-1929) lästerte, dass Moses mit 10 statt mit 14 Geboten ausgekommen sei. Der britische Premier David Lloyd George (1863-1945) meinte später, Wilson sei ruhmvoll gescheitert. Mit den 14 Punkten habe er zu den Sternen gegriffen. Wilsons amerikanische Widersacher Theodore Roosevelt und Henry Cabot Lodge senior (1850-1924) bezeichneten das Dokument als wolkige Rhetorik und Heuchelei. Noch vor Ende des Krieges schloss England mit Italien Geheimverträge ab auf Kosten Österreichs und des Osmanischen Reiches.

Die endgültige Wende zum Eingreifen kam, als im April 1917 Deutschland den U-Boot-Krieg wiederaufnahm und gleichzeitig der Staatssekretär Zimmermann im deutschen Auswärtigen Amt die Regierung Mexikos aufforderte, die USA anzugreifen, um dadurch Texas, Arizona und Neu-Mexiko wiederzugewinnen. Das bewog den US-Kongress, Deutschland den Krieg zu erklären. Die USA gaben den Grundsatz der Nichteinmischung auf. Man wolle die Welt sicherer machen für die Demokratie – so hieß es − und zwar für alle Völker, auch für Deutschland.

Militärische Expedition nach Europa

Präsident Wilson ernannte im Mai 1917 Generalmajor John Joseph Pershing (1860-1948) zum Kommandeur der amerikanischen Eingreiftruppen (engl.: american expeditionary forces, Abk. AEF). Pershing bestand darauf, dass die US-Truppen nicht nur dazu benutzt wurden, um Lücken in der französischen und britischen Armee zu schließen − wie dies die Alliierten wünschten − sondern dass sie als eigene Kampfeinheiten auftreten sollten. Dies erklärt teilweise die relativ hohen Verluste, welche die AEF zu beklagen hatte. Über 100.000 Tote blieben auf dem Schlachtfeld, weitere 20.000 fielen danach der Spanischen Grippe zum Opfer (im Zweiten Weltkrieg waren es über 400.000 Tote).

Die ersten amerikanischen Truppen landeten im Juni 1917 in Europa. Die AEF beteiligte sich jedoch erst ab Oktober 1917 an den Kampfhandlungen, und zwar in der Nähe von Nancy. Den Hauptschlag versetzte die AEF Anfang 1918 an der Verdun-Front. Dort verdrängte sie die deutschen Einheiten aus ihren seit drei Jahren gehaltenen Stellungen. Die Verschiffung von über einer Million Soldaten über den Atlantik wurde zu einer großen logistischen Aufgabe. Sie zu bewältigen verhalf der amerikanischen Wirtschaft zu bisher nicht gekannter Stärke. Bis zum Ende des Krieges hatten auch über 350.000 Afroamerikaner an der Westfront gedient. Sie wurden jedoch getrennten Einheiten zugewiesen, die von weißen Offizieren befehligt wurden. Sie wurden hauptsächlich mit Nachschubaufgaben betraut.

Wilson auf Pariser Friedenskongress

Nachdem ein Waffenstillstand vereinbart worden war, begann im Januar 1919 der berühmte Friedenskongress von Versailles. Es nahmen über 10.000 Personen teil. Geleitet wurde der Kongress von dem aus Clemenceau, Lloyd George, dem italienischen Minister Vittorio Orlando und Wilson gebildeten 'Rat der Vier'.

Rat der Vier, Paris 1919
Da die Republikaner die Kongresswahlen 1918 gewonnen hatten, bestritten sie Wilson das Recht, die USA in Paris zu vertreten. Er fuhr trotzdem hin. Sein Einfluss wirkte durchaus mäßigend auf den Vertrag, der im Mai Deutschland zur Annahme übergeben wurde. Wilson konnte die 14 Punkte nur zum Teil und in entscheidenden Punkten nicht durchsetzen. Das lag daran, dass Clemenceau das französische Revanchebedürfnis befriedigen und auch Orlando in Südtirol die italienischen Annexionswünsche durchsetzen wollte. Wilson wurde 1919 der Friedensnobelpreis verliehen.

Wilsons Scheitern und politisches Ende

Wie andere ausländische Politiker so unterschied auch Wilson zwischen dem deutschen Volke und seiner militärischen Führung. Nach dem harten Frieden von Brest-Litowsk, den Deutschland Russland Anfang 1918 aufgezwungen hatte und den die deutsche Opposition nicht verurteilt hatte, soll sich Wilsons Auffassung geändert haben. Bekannt ist auch seine Bemerkung Lloyd George gegenüber, dass ihn die deutsche Fachliteratur auf seinem Fachgebiet, dem Staatsrecht, immer enttäuscht habe.

Der US-Kongress lehnte den mit dem Versailler Vertrag verbundenen Beitritt zum Völkerbund ab. Der Republikaner Warren Harding (1865-1923) gewann 1920 die Präsidentenwahl, indem er sich unter anderem gegen die missionarische Rhetorik und die Selbststilisierung Wilsons wandte. Unter ihm und seinem Nachfolger Coolidge kam es wieder zur Abkehr vom Interventionismus und einer vom Isolationismus geprägten Außenpolitik.

FDR vor dem Zweiten Weltkrieg

Auch Franklin D. Roosevelt (1882-1945) gehörte wie Wilson der Demokratischen Partei an. Er entstammte einer bekannten und wohlhabenden Familie holländischer Abstammung aus dem Staat New York. Sein Geburtsort und zugleich sein lebenslanger Wohnort war Hyde Park, nördlich von Poughkeepsie, NY, direkt am Hudson gelegen. Seine Mutter Sara Delano, die bis 1941 bei ihm wohnte, hatte großen Einfluss auf ihn. Sie entstammte der in Leiden ansässigen Familie De Lannoy, deren Namensträger seit dem Mittelalter zum flämischen Uradel gehörten. [Ein Ferdinand de Lannoy (1520-1579) stand im Dienst Karl V. und Philipp II. und war der Statthalter der Provinz Holland in den spanischen Niederlanden. Eine Stéphanie de Lannoy (*1946) ist die Gemahlin des Erbherzogs Guillaume von Luxemburg]. Franklins Ehefrau Eleonore war eine entfernte Verwandte aus der in Oyster Bay, NY, beheimateten Familie des Theodore Roosevelt.

Nach einem Studium der Jurisprudenz wurde FDR 1910 in den Senat des Staates New York in Albany gewählt. Woodrow Wilson machte ihn von 1913 bis 1921 zum Staatssekretär im Marineministerium. Im August 1921 erkrankte er an Kinderlähmung; er war fortan von der Hüfte ab weitgehend gelähmt und konnte kaum selbstständig gehen. Er nahm 1928 seine politische Karriere wieder auf und wurde zum Gouverneur von New York gewählt. Dieses Amt übte er bis 1932 aus und konnte dort wichtige Reformen zur Bekämpfung der Großen Depression umsetzen.

Bei den Wahlen zur US-Präsidentschaft von 1932 besiegte er den Amtsinhaber Herbert Hoover. Nach seiner ersten Amtszeit wurde er dreimal (1936, 1940 und 1944) wiedergewählt – er ist damit der einzige US-Präsident, der länger als zwei Wahlperioden amtierte. FDRs Präsidentschaft war vor allem durch innenpolitische Reformen unter dem Schlagwort New Deal zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise geprägt. Seine Politik setzte die Leitlinie zum regulierenden Eingreifen der amerikanischen Regierung ins wirtschaftliche Geschehen, um bestimmte, im allgemeinen Interesse bestehende Ziele durchzusetzen. Zudem brachten die Einführung der Sozialversicherung und eines bundesweiten Mindestlohns nachhaltige Veränderungen im Sozialwesen des Landes mit sich – so sieht es Wikipedia.

Eintritt in den Zweiten Weltkrieg  − pazifischer Teil

Roosevelt hatte 1940 die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, sein Land aus dem gerade ausgebrochenen Krieg in Europa herauszuhalten. Der Überfall der Japaner im Dezember 1941 auf Pearl Harbor machte dieses Versprechen obsolet. Nicht nur waren über 2400 Amerikaner ums Leben gekommen. Japans Verbündeter Deutschland erklärte den USA am darauf folgenden Tag den Krieg. Der Überfall erwies sich nicht nur für Japan sondern auch für Deutschland als fatal. Angesichts des enormen Industriepotentials der USA wandte sich das Blatt jetzt zugunsten der Alliierten.

Da die öffentliche Meinung in den USA einen Gegenangriff auf Japan erwartete, wurden ab 1942 Truppen in den Pazifik entsandt. Die Japaner erwiesen sich als äußerst kompromissloser Gegner, was auf beiden Seiten zu vielen Kriegsverbrechen und hohen Verlusten führte. Die Schlacht um Midway im Juni 1942 erbrachte einen klaren Sieg der Amerikanern, der sowohl in militärischer Hinsicht als auch für die Kampfmoral der US-Streitkräfte von hoher Bedeutung war.

Europäischer Feldzug

Einem Wunsch Stalins entsprechend sahen sich Churchill und Roosevelt veranlasst, amerikanische Einheiten in Marokko zu landen. Sie sollten das in Libyen operierende deutsche Afrikakorps in die Zange nehmen. Die im November 1942 durchgeführte Invasion erwies sich als Erfolg. Churchill schlug nun vor, das Deutsche Reich vom Mittelmeer aus anzugreifen. FDR zeigte sich beim Treffen der beiden in Casablanca im Januar 1943 nicht sehr angetan, stimmte aber der Landung in Sizilien zu. Sie wurde im Juli 1943  durchgeführt. Stalin forderte einen Angriff auf Deutschland unmittelbar vom Atlantik aus. Nur das könnte seine Truppen entlasten.

Unterdessen begannen ab 1943 die Streitkräfte der USA und des Vereinigten Königreiches mit ausgedehnten Luftangriffen gegen Ziele in Deutschland und Japan. Hier zeigte vor allem die Überlegenheit der amerikanischen Luftwaffe große Erfolge. Durch die Bombardierung großer Städte kam es jedoch sowohl in Deutschland als auch Japan zu hohen Verlusten in der Zivilbevölkerung. Anders als im Ersten Weltkrieg hatten sich die Alliierten früh darauf verständigt, den Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation der Achsenmächte fortzuführen.

Endkampf beginnend in der Normandie

Während von Süden her amerikanische und britische Einheiten sich durch Italien hochkämpften, drang von Osten her die Rote Armee immer weiter vor. Im Juni 1944 begannen Amerikaner und Briten, unterstützt von kanadischen Truppen, mit der als D-Day bekannt gewordenen Invasion in der Normandie (Operation Overlord). Mit der militärischen Planung und Durchführung des Unterfangens hatte Roosevelt den General und späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890-1969) beauftragt. Trotz hoher Verluste auf beiden Seiten erwies sich auch diese Operation als voller Erfolg. Nun war eine zweite Front gegen die Wehrmacht eröffnet. Sowohl Briten und Amerikaner als auch die Sowjets konnten die deutschen Verbände jetzt rasch zurückdrängen. Bereits im August des Jahres gelang den westlichen Alliierten der Einzug in Paris.

Da der Sieg der Alliierten sich langsam abzeichnete, trat die Frage der Nachkriegsordnung auf den Plan. Eine erste Konferenz, die sich damit beschäftigte, fand Anfang 1943 in Teheran statt. Es war die erste persönliche Begegnung zwischen FDR und Stalin. Stalin bestand bei den Gesprächen in Teheran darauf, jene polnischen Gebiete zu behalten, die er sich im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 angeeignet hatte. FDR stimmte dem zu, um so Stalin die Zustimmung zur Gründung der Vereinten Nationen (UN) abringen zu können. FDR hatte Wilsons Vision wiederaufgegriffen, eine weltweite Organisation zu schaffen, mit deren Hilfe künftige Konflikte auf diplomatischen Wegen gelöst werden könnten. Dabei sollten den USA, der Sowjetunion, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und der Republik China eine Schlüsselrolle zufallen, indem ihnen im Weltsicherheitsrat, dem höchsten Organ der Institution, ein Vetorecht eingeräumt würde. Stalin gab seine Zustimmung, da die Mitgliedschaft im Weltsicherheitsrat seinem Land einen Platz am Tisch der mächtigsten Nationen gab.

Morgenthaus Plan

Roosevelts Finanzminister Henry Morgenthau (1891-1967) schlug vor, Deutschland nach dem Sieg der Alliierten in einen Agrarstaat umzuwandeln, um so zu verhindern, dass von Deutschland je wieder ein Angriffskrieg ausgehen könnte. Die deutsche Wirtschaft sollte etwas das Niveau von 1870 haben. Die industriellen Zentren sollten demontiert und die maschinellen Einrichtungen an Russland als Reparationen geliefert werden. Der Morgenthau-Plan gelangte jedoch nicht in ein konkretes Planungsstadium. In Deutschland weckte er tiefes Misstrauen gegen die USA, was bei Wilsons 14 Punkten ganz anders war.

FDR stimmte zwar der vollständigen Entwaffnung Deutschlands und der Zerstörung der gesamten Rüstungsindustrie zu, allerdings verwarf er den Morgenthau-Plan ausdrücklich bereits im Oktober 1944. Stattdessen solle die Ideologie des Nationalsozialismus vernichtet, die NS-Funktionäre für ihre Taten bestraft und Deutschland ein demokratischer und friedlicher Rechtsstaat werden. Um dauerhaften Frieden auf dem Kontinent zu erreichen, sprach er sogar von der Notwendigkeit des europäischen Zusammenschlusses, genau wie Churchill dies tat. Nach dem Kriegsende ersetzte Harry Truman Morgenthau als Finanzminister.

Von Jalta zur vierten Amtszeit

Als Herausforderer Roosevelts trat 1944 der republikanische Gouverneur von New York, Thomas E. Dewey (1902-1971), in den Ring. Um Gerüchten vorzubeugen, sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert, bestand Roosevelt auf einer energischen Wahlkampagne. So unternahm er ausgedehnte Reisen durchs Land, hielt mehrere Reden und fuhr in offenem Wagen durch die Städte, um Hände zu schütteln. FDR gewann die Wahl – seine vierte.

Große Drei, Jalta 1945
Kurz nach seiner Vereidigung begab er sich auf die Reise nach Jalta, um sich Anfang Februar 1945 mit Stalin und Churchill über die Nachkriegsordnung zu beraten. Die 'Großen Drei' verabredeten die Aufteilung Deutschlands und Österreichs in vier Besatzungszonen (neben den drei Hauptalliierten wurde später auch Frankreich eine Zone zugestanden). Für Stalin war es ein Erfolg, dass man die Tschechoslowakei und die baltischen Staaten seinem Einflussbereich zuschlug. Einigkeit bestand jedoch in der Bestrebung, die Vereinten Nationen zu gründen.

In den Wochen bis zur Kapitulation Deutschlands traten die ideologischen Gegensätze der Westmächte und der Sowjetunion mehr und mehr zutage. William Averell Harriman (1891-1986), der US-Botschafter in Moskau, lenkte in einem Memorandum Roosevelts Aufmerksamkeit auf die geänderte Situation. „Wir müssen klar erkennen, dass das sowjetische Programm die Einrichtung totalitärer Regime ist, das Ende von persönlicher Freiheit und Demokratie, so wie wir sie kennen“ schrieb er.

Nur wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht starb der gesundheitlich angeschlagene FDR im April 1945 an einer Hirnblutung. Die Nachfolge als Präsident trat sein Stellvertreter Harry S. Truman (1884-1972) an. FDR ist in Amerika wegen seiner progressiven Reformpolitik des New Deal in hohem Ansehen, allerdings nur in den eher links gerichteten Kreisen der Ostküsten-Demokraten. Das gleiche gilt für seine Außenpolitik. Er versuchte anstelle eines Nationalismus dem Gedanken der globalen Abhängigkeit aller von allen Geltung zu verschaffen. Ausdruck wurde dem 1945 durch die Gründung der Vereinten Nationen (UN) verliehen, die FDR maßgeblich vorangetrieben hatte. Seine Politik des Interventionismus und des Internationalismus war nie unangefochten. Der Isolationismus ist in den USA eine latente Option, die jederzeit mit neuer Stärke in Erscheinung treten kann.

PS. Zwei Bücher liegen diesem Beitrag zugrunde, Manfred Bergs Woodrow Wilson (2017, 277 S.) und Roy Jenkins‘ Franklin D. Roosevelt (2004, 208 S.). Auch Wikipedia war wieder eine ergiebige Quelle.

Samstag, 4. Mai 2019

Sozialistische Tagträumereien, frei nach Juso-Chef Kevin Kühnert

Die Mitglieder der Jugendorganisation der SPD, die Jusos, fallen hin und wieder auf. Meist hat dann einer ihrer Aktiven etwas gesagt oder getan, was nicht in die Tagespolitik der Mutterpartei passt. Dieser Tage bereitete die ZEIT Kevin Kühnert eine Plattform, um sich auszulassen. Kühnert ist bundesweit bekannt geworden durch seinen Widerstand gegen den Eintritt der SPD in die Große Koalition. Zwei Aussagen hatten es dieses Mal in sich. (a) Man solle Firmen wie BMW endlich in Kollektivbesitz überführen und (b) Man solle kein Eigentum an Wohnungen zulassen, die man nicht selbst bewohnt.

Reaktion der SPD und der Gewerkschaften

Es war nicht zu verwundern, dass alle rechts von der SPD stehenden politischen Gruppierungen sich nur dadurch unterschieden, mit welchen Worten sie ihre Abscheu zum Ausdruck brachten. Erwähnenswert ist nur die Reaktion der SPD. Der rechte Seeheimer Kreis der SPD unter einem Johannes Kahrs sprach vom Verdacht auf Rauschmittelgenuss. Der Finanzminister Olaf Scholz erinnerte an seine eigenen Jugendsünden vor 40 Jahren. Der ewige Linke vom Dienst und Parteivize Ralf Stegner meinte, Nachdenken sei doch kein Fehler.  Andrea Nahles schien zunächst sprachlos. Dann sagte sie, das was Kühnert wolle, sei nicht die derzeitige Politik der Partei.

Da der Betriebsratsvorsitzende von BMW sich direkt angesprochen fühlte, reagierte er auch am klarsten. Manfred Schoch meinte sogar: „Für Arbeiter deutscher Unternehmen ist diese SPD nicht mehr wählbar.“ Bei kaum einem anderen Unternehmen in Deutschland seien die Arbeitsplätze so sicher und gut bezahlt, die Renten so hoch und die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszeitmodelle so fortschrittlich wie bei BMW.

Als süddeutscher Beobachter möchte ich noch hinzufügen, dass ein Berliner Student, auch wenn er 29 Jahre alt ist, es generell schwer hat, wenn er bayrischen Werktätigen Ratschläge erteilt.

Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

Ich interpretiere den Vorschlag der Kollektivierung und 'hysterische' politischen Reaktionen als nicht ernst zu nehmender Aktionen, die am Ende nichts bewirken. Das gut geführte Unternehmen BMW als Ziel wirtschaftlicher Umgestaltungen vorzuschlagen, ist purer Unsinn. Es ist historisch erwiesen (Russland, China), dass Kollektivierung von Produktionsmitteln kontraproduktiv ist.

Gesellschaftliche Bewegungen wie  'Fridays for Future' (ausgegangen von Schweden), 'Extinction Rebellion' (ausgegangen von London) und 'Gilets jaunes' in Frankreich werden von Politikern und Journalisten eher ernst genommen. Ob sie am Ende etwas bewirken, ist eher unwahrscheinlich. Gesellschaftliche Bewegungen, verursacht durch gravierend neue technische Entwicklungen und gesellschaftliche Möglichkeiten, werden von allen ernst genommen. Einige existierende Computersysteme bewirken bereits  Änderungen menschlicher Denk- und Verhaltensweisen. Existierende Umweltprobleme, unerwünschte Kapitalkonzentrationen und eine voraussehbare wirtschaftliche Finanzkrise könnten  Anlass sein, Kapital 'intelligenter' einzusetzen als derzeit üblich und gewohnt.

Zur Erinnerung: Im 20. Jahrhundert verursachte die Weltwirtschaftskrise, dass es in den Vereinigten Staaten zu einen großen Umbruch in politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen kam. Präsident Franklin D. Roosevelt (FDR) setzte umfangreiche Wirtschafts- und Sozialreformen durch, die als New Deal bezeichnet wurden.

Franklin Delano Roosevelt  (1882 – 1945)  war von 1933 bis zu seinem Tod 1945 der 32. Präsident der Vereinigten Staaten. Er gehörte der Demokratischen Partei an. Seine Politik setzte die Leitlinie zum regulierenden Eingreifen der amerikanischen Regierung ins wirtschaftliche Geschehen, um bestimmte, im allgemeinen Interesse bestehende Ziele durchzusetzen. Zudem brachten die Einführung der Sozialversicherung und eines bundesweiten Mindestlohns nachhaltige Veränderungen im Sozialwesen des Landes mit sich.

PS: Mit zwei US-Präsidenten, die ähnliche Situationen zu meistern hatten, wird sich einer meiner nächsten Beiträge befassen, mit Woodrow Wilson und FDR.


Klaus Küspert aus St. Leon-Rot schrieb:

'Ungerechtigkeit ist nicht nur ein Gefühl' meint der DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Handelsblatt. Er ist sicher nicht als verkappter Marxist einzustufen ;-) [Ich meine doch. BD]

Mittwoch, 24. April 2019

Manfred Broy über die Digitalisierung in Bayern

Manfred Broy (*1949) ist seit 2015 Gründungspräsident des Zentrum Digitalisierung.Bayern (ZD.B). Das ZD.B ist von der bayrischen Landesregierung eingerichtet und wirkt als Bindeglied zwischen Hochschulforschung, außeruniversitärer Forschung und industrieller Entwicklung. Es adressiert die Themen IT-Sicherheit, digitalisierte Produktion, vernetzte Mobilität sowie Anwendungen in Medizin und Verwaltung. Es fördert die Gründung einschlägiger Unternehmen oder Interessengruppen.

Von 1989 bis 2015 war Broy Professor für Informatik an der TU München. Er forschte auf dem Gebiet der Modellierung und Entwicklung komplexer softwareintensiver Systeme. Ziel war die Fundierung und Weiterentwicklung der Methoden des Software & Systems Engineering mit Fokus auf Qualitätssicherung und langfristiger Systemevolution. Von 1983 bis 1989 war Broy Professor für Informatik an die Universität Passau. Broy ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften, der Leopoldina, der acatech und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er veröffentlichte über 420 wissenschaftliche Publikationen. 


Bertal Dresen (BD): Das Zentrum Digitalisierung.Bayern (ZD.B) wurde meines Wissens gegründet, um dem Thema Digitalisierung in Ihrem Bundesland erhöhten Nachdruck zu verleihen. Anstatt von einer digitalen Transformation, also von einer Umwandlung, zu sprechen, möchte ich lieber von einer digitalen Ertüchtigung reden. Die Menschen und auch die Wirtschaft sollen doch nicht in ihrem Wesen verändert werden. Sie sollen doch nur zusätzliche wichtige Fähigkeiten erhalten. Wie beurteilten Sie die Ausgangssituation um 2015 in Bayern (auch im Vergleich zu anderswo)? Welches waren die primären Ziele und Zielgruppen Ihres Projekts? Welche Maßnahmen und Mechanismen kamen für die Umorientierung und die Umstellung zur Anwendung?

Manfred Broy (MB): Digitalisierung ist wohl die größte technologische Veränderung in Wirt­schaft, Gesellschaft, aber auch Politik in der letzten Hälfte des vergangenen Jahrhun­derts und der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Es ist nicht ganz einfach, hier einen angemessenen Vergleich zu finden, aber die Veränderungen sind wohl tiefgreifender als die Veränderungen durch die Einführung des Buchdrucks, die erste industrielle Revolution durch Produktionsmaschinen oder die Einführung des Automobils. Es ist wohl berechtigt, von einer zweiten industriellen Revolution zu reden: Der Revolution der Informationsmaschinen. Diese ist noch nachhaltiger als Vieles, was zum Vergleich angeführt wird, da sie nicht nur die Wirtschaft betrifft, sondern auch den Alltag jedes Einzelnen in ganz unterschiedlicher Art und Weise verändert.

Klar ist, dass der Begriff der Digitalisierung auf den ersten Blick nicht ganz passend erscheint, verstehen wir doch darunter im Wesentlichen den Übergang von analoger zu digitaler Darstellung, aber im Kern trifft er das, was passiert. Durch die mit den Rechnern und Computern aufkommende digitale Darstellung wird alles erfasst, wird alles zu Daten, zu etwas, was durch Algorithmen verarbeitet werden kann.

Bayern hat seit fünf Jahrzehnten immer großen Wert darauf gelegt im High-Tech-Be­reich eine Führungsposition einzunehmen. Man denke nur an die Veränderungen in der Luftfahrtindustrie und die Bildung des Airbus-Konzerns: Ein Vorgang, der nach­drücklich auch durch Bayern mit angestoßen wurde. Bayern war auch sehr en­gagiert in der Biotechnologie, hat über die Jahre hinweg im­mer größten Wert auf eine konsequente Universitäts- und Forschungspolitik gelegt und ein tiefes Verständnis entwickelt für das Wechselspiel zwischen Technologie, wirtschaftlicher Entwicklung und sozialem Wohlstand. Um 2010 herum suchten poli­tische Kreise in Bayern nach den aktuellen technologischen Herausforderungen. Nicht sehr überraschend sind sie dabei auf das Thema der Digitalisierung gestoßen und schnell war klar, dass diese Veränderungen eine sehr stark produzierendes und technologisch orien­tiertes Land wie Bayern nachhaltig treffen werden.

Ich möchte hier ein wenig Ihrer Frage oder vielmehr der in der Frage enthaltenen Aussage widersprechen: Ich denke doch, dass sich durch die Digitalisierung die Men­schen und die Wirtschaft in gewisser Weise ein Stück in ihrem Wesen verändern. Es entstehen neue Wertschöpfungsmodelle. Menschen verändern die Art und Weise, wie sie leben. Ihr soziales Umfeld ist weniger von ihrer geografischen Umgebung ge­prägt, sondern zunehmend mehr von ihrer digitalen Umgebung. Das führt zu riesigen Veränderungen.

Bayern ist ein Land, das sehr stark wirtschaftlich von dem Maschinenbau geprägt war, aber auch von der Finanzwirtschaft wie Versicherungen und Banken und bis zu einem gewissen Grad auch von der Medienindustrie. Das liegt auf der Hand, dass ge­rade diese Wirtschaftsgebiete sich besonders stark unter dem Einfluss der Digitalisie­rung verändern. Das hat Bayern frühzeitig erkannt und in einem engen Dialog mit Maß­nahmen ergriffen. Es entstand die Initiative „Bayern Digital“ mit dem Zentrum Digitalisierung.Bayern. Kernziel war und ist es, Forschung, Wissenschaft und Ausbildung in ganz Bayern für das Thema Digitalisierung zu ertüchtigen. Die große Herausforderung für alle Akteure ist dabei die Geschwindigkeit mit der sich diese Veränderung abspielt, die zu einem reinen Kommentieren der Situation verführt. Wir müssen aber entschlossen darauf reagieren, um zu gestalten.

BD: Stießen Sie bei Ihrer Zielgruppe auf ein hinreichendes Verständnis dessen, was die Digitalisierung technisch und organisatorisch für sie bedeutet? War es klar, was sie erfordert und was sie bewirkt? Welche Fähigkeiten der Mitarbeiter mussten neu entwickelt oder aber verstärkt werden? Welche Abläufe und Verantwortungen in den betroffenen Unternehmen änderten sich? Welche Investitionen in Geräte und Medien waren erforderlich?

MB: Das ist eine sehr schwierige Frage, die man sehr umfänglich beantworten müsste, wenn man auf alle Aspekte eingehen möchte. Beginnen wir beim Verständnis der Zielgruppen und betrachten wir – stark vereinfacht – folgende Zielgruppen: Die Politik und Ministerien, die Wirtschaft, also große, mittelständische und kleine Unternehmen, die Wissenschaft und einzelne Bürger. Bei allen diesen Gruppen gibt es erhebliche – mitunter sehr unterschiedliche – Defizite im Verständnis der Digitalisierung. Diese liegen zum einen in einem nicht sehr ausgeprägten Verständnis der digitalen Technologie als solches, aber auch in der oft sehr weitgehenden Unfähigkeit einzuschätzen, was die digitale Transformation als Veränderung insgesamt bewirkt. Dies ist eine der großen Schwie­rigkeiten. Wir brauchen schnell sehr viel mehr Kompetenz auf allen Ebenen, aber dies ist nicht so einfach zu bewirken, insbesondere weil die Technologie relativ komplex ist, weit weg von dem, was Bayern und die verschiedenen Gruppierungen gewohnt sind, und sich rasant und oft unvorhersehbar, entwickelt.

Natürlich hat die Digitalisierung enorme technische und organisatorische Auswirkun­gen, auch auf die Kompetenz, auf die benötigten Fähigkeiten der Mitarbeiter. Auch hier tun sich viele Unternehmen schwer zu erkennen, dass sie Hand in Hand organisa­torische Veränderungen vornehmen, viel stärker kooperativ führen, digitale Kompetenzen entwickeln und dabei gleichzeitig ihre Produkte, Services und Geschäftsmodelle schnell weiterentwickeln müssen. Wenn das nicht gelingt, besteht die große Gefahr für die Unternehmen von der Digi­talisierungswelle überrollt zu werden.

Die Investitionen liegen dabei allerdings weniger in Geräten oder Medien sondern in den  Applikation, also Software – auch wenn es Nachholbedarf bei der Breitbandvernetzung gibt. Investitionen in Geräte oder Medien sind erst die Kon­sequenz aus erkannten Potentialen, die ganz neue Geschäftsmöglichkeiten erlauben.

BD: Wie haben Sie in Ihrem Projekt das zu erreichende bzw. das erreichte Digitalisierungsniveau, d.h. den Durchdingungsgrad, bewertet? Konnte man von 50%er oder 100%er Digitalisierung sprechen? Bezog sich diese Aussage nur auf isolierte Experimente oder auf echte Tagesarbeit? Ging es um einen einzelnen Geschäftsprozess, um eine Mitarbeitergruppe, um das ganze Unternehmen oder gar um die ganze Branche? Wie weit bestimmte die methodische Herangehensweise den Erfolg der Digitalisierung?

MB: Als Gründungspräsident des Zentrums Digitalisierung Bayern hatte ich von Anfang an, genaugenommen sogar noch vor der Gründung des Zentrums, erfreulich gute Mög­lichkeiten auf Maßnahmen einzuwirken, die notwendige Veränderungen voranbringen. So haben wir 20 neue Professuren eingerichtet, 10 Nachwuchsprofessuren-Stellen und ein Gradu­iertenprogramm aufgestellt, Innovationslabore an unseren Universitäten und Hochschulen geschaffen und in einer Vielzahl von Einzelaktivitäten, beispielsweise der Verstärkung der Entre­preneurship-Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen, das Thema Digitali­sierung stärker auf die Tagesordnung gebracht. Soweit zum Thema Wissenschaft und Forschung.

Parallel haben wir eine ganze Reihe von Themenplattformen ins Le­ben gerufen zur intensiven Zusammenwirkung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Das sind Initiativen, die sich inhaltlich auf bestimmte, wichtige Themen­bereich konzentrieren wie etwa vernetzte Mobilität, digitale Produktion, „Digital Engineering“, Digitalisierung in der Medizin, im Energiebereich, aber auch auf Fragen wie Digitalisierung in der Agrarwirtschaft oder „Smart City“. Details finden Sie auf un­seren Webseiten.

Grundsätzlich sind wir daher von Anfang an breit aufgestellt, haben uns nichtsdestoweniger auch um Fragen bemüht, die etwas außerhalb der eigentlichen Fragen der Digitalisierung in Wirtschaft und Wissenschaft liegen. So haben wir das Thema Digitalisierung und Verbraucher aufgegriffen, sowie Digitalisierung und Arbeit und uns auch intensiver um die Frage der Veränderung in der Schule gekümmert. Da­bei muss man berücksichtigen, dass wir ein verhältnismäßig kleine Initiative sind von gerade einmal knapp 40 Mitarbeitern, die auch erstmal gewonnen werden muss­ten. Trotzdem konnten wir – so denke ich – enorme Impulse setzen, Projekte anstoßen, durch eine Fülle von Veranstaltungen die Diskussion weiterführen. Es gibt auch eine ganze Reihe von strategischen Überlegungen, die wir angestellt haben. Nicht alle konnten wir bis ins Detail umsetzen. Ein kritischer Punkt dabei ist tatsäch­lich die Planung und Steuerung der Digitalisierung auf politischer Ebene. Das erfor­dert viel inhaltliche Kompetenz, die aber oft nur eingeschränkt gegeben ist.

BD: Gab es gute, d.h. nachahmenswerte Beispiele? Was zeichnete die Gewinner unter den Unternehmen aus? Lag es an den Mitarbeitern, der Organisation oder der ‚Unternehmenskultur‘? Hing das Interesse bzw. der Erfolg von der Branche oder der Firmengröße ab? Haben Sie Hinweise, dass die digitale Ertüchtigung von Wirtschaftsunternehmen sich auch in einer messbaren Leistungssteigerung niederschlug, zum Beispiel im Umsatz, Gewinn oder gar dem Bruttoinlandsprodukt (BIP)?  Bayerns BIP ist ja mit dem von Schweden vergleichbar.

MB: Auf der politischen oder staatlichen Ebene gibt es natürlich eine Reihe interessanter Entwicklungen. Das ist vor allem Nord-Amerika mit seinen Zentren wie dem „Silicon Valley“, die Boston-Area oder auch zunehmend Texas mit Austin neben einer Reihe von weiteren, dann aber auch China mit seiner atemberaubenden Entwicklung und nicht zuletzt auch in anderen asiatische Länder wie Korea oder Indien. Leider hat es un­seren Auftrag  überstiegen, diese Regionen uns im Detail anzusehen, aber wir haben uns schon Gedanken darüber gemacht, was dort passiert um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Innerhalb der Unternehmen gibt es auch in Bayern große Unterschiede. Es gibt tatsächlich einige Unternehmen, die hier gut aufgestellt sind, aber die Mehrheit der Unternehmen tut sich schwer, darunter auch viele Großkonzerne. Kritisch ist, dass auf der Ebene der Geschäftsführung, wenn überhaupt, nur vereinzelt echte Fachleute für das Gebiet existieren, die für eine strategische Umsetzung der Digitalisierung außer­ordentlich wichtig sind.

Was eine messbare Leistungssteigerung betrifft, so gebe ich mich da keinerlei Illusio­nen hin. Es ist relativ schwierig, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Maßnahmen eines Landes und seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Wir haben das auch intensiv mit der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft vbw versucht, aber es ist schwierig. Die Diskussionen dauern immer noch an. Hinzu kommt, dass viele Phänomene der Digitalisierung sich konventionellen Methoden der Volks- und Betriebswirtschaftslehre entziehen und somit neue Formen der Messung erforderlich werden.

BD: Es kam doch sicher auch hin und wieder zu Schwierigkeiten. Wenn ja, worin lagen diese? Was waren schlechte Beispiele? Womit wurden Mitwirkende am ehesten überfordert oder abgeschreckt? Welche latenten Konflikte innerhalb von Unternehmen kamen zum Ausbruch? Deckte der Übergang zur Digitalisierung Probleme unerwarteter Art auf? Wurde die Rolle des Geschäftsmodells hinreichend beachtet? War man bereit, das Geschäftsmodell anzupassen?

MB: Natürlich gab es immer wieder Schwierigkeiten. Wenn Sie auf Unternehmen abzie­len, so ist die Veränderung durch die Digitalisierung natürlich auch immer im Zusam­menhang mit der Veränderung der Machtstrukturen in den Unternehmen zu sehen und auch vor dem Hintergrund der entsprechenden Kompetenzen. Denn in den ein­zelnen Unternehmen hängt die Frage, wie schnell die Digitalisierung erfolgreich um­gesetzt wird, im Wesentlichen von den einigen, wenigen Köpfen ab, die entweder in der Lage sind, das in Angriff zu nehmen oder eben überfordert oder abgeschreckt. In den Unternehmen kann man beobachten, dass es oft ein vor und zurück gibt, manch­mal haben die „Erneuerer“ das Sagen und versuchen, stärker in die Digitalisierung einzusteigen, und dann wird durch „Reaktionäre“ das Rad wieder zurückgedreht.

Was in großen Firmen zu sehen ist: Dort stellt man CDOs (Chief Digital Officers) ein mit der Idee, dass diese dann die Digitalisierung vorantreiben. Ich finde kritisch, dass diese – ähnlich wie die früher so beliebten CIOs (Chief Information Officers) – in der Hierarchie zu niedrig angesiedelt sind, bestenfalls eine unter der Vorstands­ebene, obwohl gerade die Digitalisierung eine Vorstandsaufgabe ist, weil man nur aus dem Vorstand heraus mit entsprechender Kompetenz in sowohl inhaltlicher als auch verantwortungsbezogener Weise die Digitalisierung umsetzen kann. Oft sind die CDOs nur ein wirkungsloses Feigenblatt. Auch wenn viele etablierte CEOs die Digitalisierungsaufgabe gerne an CDOs oder eigene Inkubatoren auslagern möchten, aus meiner Sicht ist die Gestaltung der Digitalen Transformation Aufgabe des CEO.

Geschäftsmodelle waren für uns immer eines der wesentlichen Themen. Wir haben immer versucht deutlich zu machen, dass Digitalisierung eben nicht nur eine Ände­rung bedeutet in den Abläufen, etwa in der Produktion, einer Effizienzverbesse­rung in der Verwaltung, oder das Angebot einzelner neuer Services, sondern dass die Digitalisierung ganz neue Geschäftsformen eröffnet. Erst wenn alle Aspekte aufgegriffen werden, kann man mit Recht von ei­ner digitalen Transformation sprechen.

BD: Wurde von Ihrem Projekt die digitale Ertüchtigung auch außerhalb von Wirtschaftsunternehmen angestrebt bzw. herbeigeführt? Wie wirkte sie sich aus? In der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheits- und Bildungswesen, bei Privaten? Welche Unterschiede zur Wirtschaft machten sich bemerkbar? War irgendwo ein emotionaler Widerstand zu erkennen?

MB: Natürlich war die Frage der digitalen Veränderung auch außerhalb der Wirtschaft von großer Bedeutung. Wir selbst vom Zentrum Digitalisierung.Bayern waren nicht für die Digitalisierung der Verwaltung zuständig. Das lag und liegt in Bayern im Finanzministerium, in Teilen auch in dem neuen Digitalministerium in Bayern. Wir haben uns über unseren Auftrag hinaus auch um das Thema Digitalisierung im Privatleben geküm­mert. Gesundheits- und Bildungswesen war ja ohnehin auf unserer Agenda. Gerade hier, denke ich, gäbe es unglaubliche Potentiale, aber es zeigt sich, dass beispiels­weise in den oft sehr bürokratischen, sehr rigiden Verwaltungsstrukturen sich die Di­gitalisierung der Medizin oft schwertut.

Mein Eindruck ist, dass eine konsequente Di­gitalisierung in der Medizin im Augenblick auf große Hemmnisse stößt, die mit dem gesamten Gesundheitssystem in Deutschland zu tun haben. Dies lässt sich belegen am Beispiel von Dänemark: Dort ist das Gesundheitssystem im staatlichen Zuständig­keitsbereich, von staatlicher Seite können Vorgaben gemacht werden, die dann umgesetzt werden. In Deutschland scheitern viele Maßnahmen daran, dass es im Gesundheitswesen zu viele Einzelinteressen gibt, die dafür sorgen, dass wesentliche Veränderungen nicht statt­finden. Das schafft natürlich eine gewisse Ernüchterung, die uns aber von Anfang an bewusst war.

BD: Wie wirkte sich bei Ihnen der Einfluss der Politik aus (Landes- und/oder Bundespolitik)? Was gab den entscheidenden Anstoß zur Veränderung? Was können Hochschulen leisten? Was sollte anders sein als heute? Welche Erwartungen ließen sich kaum oder nicht erfüllen? Gab es auch so etwas wie die digitale Ernüchterung? Wenn ja, wie machte sie sich bemerkbar? 

MB: Der Einfluss der Politik war natürlich immer da und spürbar – im Positiven wie im Negativen. Man muss sagen, dass gerade in den Anfängen unserer Arbeit in Bayern die Politik sehr entschlossen war. Der damalige Ministerpräsident und die damalige Wirtschaftsministerin haben das Thema sehr energisch unterstützt und angetrieben. Das hat unsere Arbeit sehr gefördert und er­leichtert.

Auch in den Hochschulen gab es bald viel positiven Widerhall. Ich denke, die Hochschulen in Bayern haben in der Zwischenzeit erkannt, dass die Digitalisierung eine der großen Potentiale darstellt. Das betrifft zum einen den Ausbau der klassischen Fächer der Di­gitalisierung wie die Informatik, zum anderen aber auch die Nutzung der digitalen Möglichkeiten durch andere Disziplinen. Schwierig dabei ist, dass fast alle Strukturen hier in Bayern auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind und auf Veränderungen nur in lan­gen Zeitabläufen. Das ist aber gerade in der Digitalisierung, die eine der größten Ver­änderungsgeschwindigkeit aller Zeiten mit sich bringt, ein Handicap.

Seit Ende 2018 haben wir in Bayern eine neue Staatsregierung. Der Umstand, dass es sich hierbei um eine Koalition handelt, macht das Leben nicht unbedingt leichter, da auch koalitionspolitische Entscheidungen bis auf die Ebene der Digitalisierung durchschlagen. Inzwischen hat Bayern auch ein Digitalministerium. Es bleibt abzuwarten, wie sich das mittelfristig auswirkt und ob hier durch diese Maß­nahme entscheidende Impulse gegeben werden können.

BD: Was lehrt uns der Blick ins Ausland? Sind die USA und China schneller und erfolgreicher in die Digitalisierung gestartet als Europa? Welche Faktoren spielten dabei eine Rolle? Was muss geschehen, damit Deutschland aufholt, was die Kompetenz bei digitalen Dienstleistungen und Produkten betrifft? Können wir es uns leisten, es nicht zu versuchen?

MB: Die USA und China habe ich ja bereits angesprochen. Ich denke, in beiden Fällen le­ben wir mit der schwierigen Erkenntnis, dass dort gigantische Plattformunternehmen entstanden sind. In den USA sind es die „Big Five“: Google, Apple, Amazon, Microsoft und Face­book. In China haben Unternehmen inzwischen nahezu die gleiche Größenord­nung erreicht wie die in den USA und wachsen auch noch schneller. Die amerikani­schen Unternehmen gehören zu den weltweit wertvollsten Unternehmen überhaupt, wenn man das in Börsenwerten rechnet. Besonders bemerkenswert ist, dass unter den 10 teuersten, börsennotierten Unternehmen der Welt sieben Plattformunter­nehmen sind. Davon sind sechs erst in den letzten 10 Jahren in diese Rangliste aufge­stiegen, zwei davon kommen aus China, fünf aus den USA. Allein daran sieht man die Geschwindigkeit und Wucht. Bisher kann dem Bayern, Deutschland oder Europa bedauerlicherweise wenig ent­gegensetzen.

Beachtenswert ist, dass die genannten Unternehmen allesamt Softwareunternehmen sind und von Managern geführt werden, die zum einen selbst Unternehmensgründer sind und zum anderen aber auch enorme Kenntnisse im Bereich der Softwaretechnik aufweisen. Wir haben in Europa – sieht man von SAP ab – nichts annähernd Ver­gleichbares. Das macht mir schon große Sorgen und Gedanken, inwieweit wir hier die Chance haben mitzuhalten. Ich will gar nicht von „aufholen“ reden. Ich bin daher eher et­was skeptisch. Ich fürchte, wir werden in der Digitalisierung weiter zurückfallen, wenn es uns nicht gelingt, einen eigenen Weg zu finden, also ein Technologiegebiet oder wenigstens eine technologische Nische, die es Bayern, Deutschland und Europa ermöglichen wird auch in Zukunft auf der wirtschaftlichen Ebene eine Rolle zu spielen. Die Bundesregierung möchte hier ja mit Frankreich im Bereich KI voran gehen. Wenn man sich den französischen Beauftragten Cédric Villani zu dem Thema anhört, gestaltet sich die konkrete, länderübergreifende Zusammenarbeit aber schwierig.

Die große Herausforderung sind aus meiner Sicht nicht zu wenig Ressourcen, sondern die Notwendigkeit die Akteure und Ressourcen zielgerichtet zu bündeln um – wie oben schon einmal angesprochen – eine Wirkung zu entfalten und dann auch eine positive Würdigung der maßgeblich von der Politik und Wirtschaft eingeleitete Programme zur Unterstützung des Digitalen Wandels zu erhalten. In Deutschland wird das zu sehr als alleinig staatliche Aufgabe gesehen, die Wucht der KI geht international aber von einschlägigen Unternehmen aus, die es Deutschland zu wenig gibt. Der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen, die Ausbildung an Hochschulen fördern. Er kann privatwirtschaftliche Initiative nicht ersetzen.

BD: Bringen Informatiker in Deutschland heute die richtige Ausbildung mit, um die digitale Ertüchtigung der Wirtschaft und Gesellschaft in die Wege zu leiten? Was muss sich in den Studiengängen und Lehrplänen ändern? Was sollte bei andern Studiengängen (BWL, VWL, Jura. Medizin) getan werden?

MB: Die Ausbildung in Deutschland beginnt sich langsam zu ändern und die richtige Rich­tung zu bewegen. Das geht zunächst einmal die Schulen an. Hier haben wir in Bayern tatsächlich in den letzten 20 bis 30 Jahren gewisse Fortschritte erzielt. Ich habe mich bereits in den 90er Jahren dafür eingesetzt, dass Informatik Pflichtfach in allen wei­terführenden Schulen wird. Nun gab es vor zwei Jahren einen Beschluss der Bayeri­schen Staatsregierung, der genau dies zum Thema hat.

Es geht aber nicht nur darum, Informatik in die Schule zu bringen, es geht vielmehr darum, die Kinder auch zu er­tüchtigen für eine von Informatik gestaltete Welt und auch in den einzelnen Fächern digitale Medien optimal zu nutzen. Das ist in erster Linie keine Frage der Ausstattung, obwohl die Ausstattung auch eine gewisse Rolle spielt, sondern eine Frage der Nut­zung und Umsetzung didaktischer Konzepte im Hinblick auf Digitalisie­rung und Medienkompetenz.

Für die Universitäten und Hochschulen gilt gerade: Digitalisierung vernetzt alles. Folglich müssen wir an den wissenschaftlichen Bildungseinrichtungen ein Stück weit weg von den klassischen Gräben, die die Fakultäten tei­len. Heute darf es keine Ausbildung mehr für Maschinenbauer, Elektrotechniker, Phy­siker, Mediziner oder Geisteswissenschaftler geben, die nicht die wichtigsten Elemente der Informatik als Treiber der Digitalen Transformation umfasst. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen schafft die In­formatik neue wissenschaftliche Methoden, man denke nur an Datenanalyse. Zum anderen schafft die Informatik mit ihren Möglichkeiten der Modellbildung und Simu­lation auch ein neues Verständnis für die unterschiedlichsten Fachgebiete. Hinzu kommt, dass später im Beruf grundsätzliches Informatik-Knowhow erforderlich ist. Hier ist noch eine lange Strecke zu bewältigen, da Universitäten und Hochschulen – nach den Kirchen – die ältesten Organisationsformen sind, die wir haben und sich entsprechend träge bewegen.

BD: Was ist weiter Ihre Rolle im Bereich der Digitalisierung in Bayern?

MB: Meine Aufgabe als Gründungspräsident des Zentrums Digitalisierung Bayern ist abge­schlossen. Die Gründung ist gelungen. Vor drei Monaten wurde unser Zentrum evaluiert mit herausragend positiven Ergebnissen. Dazu möchte ich an dieser Stelle allen danken, die die Initiative Bayern Digital und das Zentrum Digitalisierung.Bayern auf den Weg gebracht haben und es in ganz Bayern über Veranstaltungen und Projekte mit Leben gefüllt haben und füllen werden. Ich hoffe, dass das ZD.B – unterstützt durch den Landtag, die bayerische Staatskanzlei und Ministerien − mit seinem Team in der ersten Phase hier tragfähige Strukturen geschaffen hat und diese zukünftig weiter ausbauen wird.

Damit scheint es für mich jetzt an der Zeit zu sein, mich aus dieser Aufgabe zurückzuziehen, so wie es von Anfang an zwischen mir und der dama­ligen Wirtschaftsministerin, Frau Aigner, abgesprochen war. Ich blicke zurück auf knapp vier hochinteressante Jahre. Diese Aufgabe bedeutete für mich eine ganz an­dere Perspektive einzunehmen. Ich war immer mit großer Begeisterung in der Infor­matik wissenschaftlich aktiv und werde dies auch in den nächsten Jahren beibehal­ten.

Die vergangenen vier Jahre sehe ich nicht als eine Zeit, die mich von der wissen­schaftlichen Arbeit abgehalten hat. Es ist mir gelungen, auch in dieser Zeit weiter wissen­schaftlich zu arbeiten. Wichtig war, neue Perspektiven zu gewinnen, viele interes­sante Fragestellungen zu erkennen und aufzugreifen, neue faszinierende Kontakte zu knüpfen und letztendlich auch zu verstehen, warum es in vielen Fällen so schwierig ist, mit einem solchen Thema voranzugehen. Ich denke, große Hemmnisse in dem Bereich sind unsere Verwaltungsstrukturen – auch in den Ministerien, aber auch die Schwierigkeit und Trägheit des demokratischen Systems. Wenn es uns nicht gelingt, mehr technisches Verständnis in die Politik zu bringen, und wenn es nicht gelingt, mehr inhaltliche Kompetenz in die Verwaltungs­apparate der Ministerien zu bekommen, dann wird die Digitalisierung – zumindest aus Sicht des Staates – daran kranken, dass die Dinge sich nicht in eine vernünftige, zukunftsorientierte Richtung bewegen.

BD: Vielen Dank für diesen Rückblick auf vier intensive Jahre! Wie Sie sagen, sehen Sie Ihren Ausflug in Politik und Wirtschaft als Bereicherung an und nicht als Irrweg. Ich freue mich dies zu hören.

Übrigens, nach 2011 und 2014 ist dies das dritte Interview, das der Kollege Manfred Broy für diesen Blog gab. Außerdem stammten viele Kommentare zu andern Beiträgen von ihm.