Donnerstag, 18. August 2011

Über die Dynastie der Luxemburger

Als ich vor Jahren im Frankfurter Rathaus vor den Wandbildern der deutschen Kaiser stand, suchte ich sofort die Luxemburger heraus. Nicht nur haben sie eine besondere Beziehung zu meiner Heimat im Kreis Bitburg (wir gehörten bis 1815 zu Luxemburg), einige von ihnen waren auch recht interessante Persönlichkeiten. Die drei Kaiser und zwei Könige aus dem Hause Luxemburg regierten insgesamt keine 50 Jahre, überspannten aber einen Zeitraum von 130 Jahren. Das ist länger als bei den Sachsen, den Saliern und den Staufern. Nur die Habsburger übertrafen sie. Es sind vor allem drei Aspekte, die mich als Amateur-Historiker an dieser Phase der Geschichte besonders interessieren:
  • Wo liegen hier Berührungspunkte zwischen Heimat- und Weltgeschichte?
  • Wie verhielten sich die Ambitionen dieses Herrscherhauses zu dem, was sie erreichten?
  • Welche Facetten der mittelalterlichen Welt- und Gesellschaftsordnung kommen hier besonders zum Ausdruck?
Auf genau diese Fragen wird sich der folgende Essay konzentrieren. Wie bei den bereits in diesem Blog gebrachten historischen Skizzen, knüpfe ich an früheren Veröffentlichungen an, oder nehme Bezug auf persönliche Kontakte oder Erlebnisse.


Regierungszeiten der Luxemburger Herrscher

Die Regierungszeiten der betreffenden Herrscher sind in der obigen Tabelle gegeben. Dabei ist unterschieden zwischen der Herrschaftsperiode in der Grafschaft Luxemburg, als deutscher bzw. böhmischer König und als römischer Kaiser. Anfangs wurde die Grafschaft in Personalunion geführt. Später übernahm ein anderer Zweig der Familie die Grafschaft, aus der dann ein Herzogtum und später ein Großherzogtum wurden. Der böhmische König war in der fraglichen Zeit auch Titular-König von Polen.

Wie oft in Familiendynastien wurde die Basis des Unternehmens von der ersten Generation gelegt. In diesem Falle war dies Heinrich VII zusammen mit seinem jüngeren Bruder Balduin. Heinrichs Aufstieg ist ein Lehrstück mittelalterlicher Politik. Sein Schicksal ist eine Tragödie. Wie ich in einem heimatgeschichtlichen Text [1] schrieb, war es ein Triumvirat, das damals die Finger an den Hebeln der Macht hatte: 

An erster Stelle ist Graf Heinrich VII. zu nennen. Er soll sehr geschäftstüchtig gewesen sein (was man ja heute noch gerne den Luxemburgern nachsagt). Er setzte zunächst den Streit mit [dem Kurfürstentum] Trier fort. Das änderte sich erst, als er es schaffte, seinen jüngeren Bruder Balduin (frz. Baudouin) im Alter von 20 Jahren zum Erzbischof und Kurfürsten von Trier wählen zu lassen. Dieser hatte danach das Amt 47 Jahre lang (1307-1354) inne und wurde eine der einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Der dritte im Bunde war Peter von Aspelt, ein Luxemburger auf dem Thron des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz. Zunächst wurde Heinrich VII. im Jahre 1308 auf Betreiben der Kurfürsten von Trier und Mainz zum deutschen König gewählt und vom Kölner Bischof in Aachen gekrönt. Im Jahre 1312 wurde er außerdem römischer Kaiser.

Dass Heinrich VII. in historischen Perspektiven dachte, geht unter anderem daraus hervor, dass er den Dom von Speyer, in dem bisher nur die salischen Kaiser ruhten, wieder zur Grablege deutscher Kaiser machen wollte. Nicht nur sollten er und seine Nachkommen dort eine würdige Stätte der Erinnerung und Verehrung finden, sondern bereits sein Vorgänger. Er ließ deshalb den Leichnam Albrechts I, des ersten Habsburgers, aus dem schweizerischen Aargau nach Speyer verlegen.


Graf Heinrich VII.

Gleich nach seiner Wahl erledigte er die wichtigste dynastisch-strategische Transaktion seines Lebens. Er verheiratete seinen 14-jährigen Sohn Johann, der am französischen Hof in Paris erzogen worden war, mit der Erbin der böhmischen Königskrone. Sie hieß Elisabeth und war die Schwester des gerade ermordeten Königs von Böhmen und vier Jahre älter als ihr zukünftiger Bräutigam. Nach der Niederschlagung der opponierenden Stände durch Trierische Truppen wurde Johann im Februar 1311 von Peter von Aspelt in Prag zum böhmischen König gekrönt. Übrigens hätte Heinrich lieber seinen Bruder Walram auf dem böhmischen Thron gesehen. Aber der böhmische Adel dachte anders. Das politische Ziel, sich ein Gegengewicht zum Hause Habsburg zu schaffen, könne mit einem Kinde aus einer fernen Dynastie ebenso gut erreicht werden wie mit einem erwachsenen Mann. Nur lässt ein Kind sich erheblich leichter nach den eigenen Wünschen formen und schränkt einen selbst weniger ein. Das ist derselbe Grund, warum heute in der EU manchmal schwache Kandidaten bevorzugt werden

Bereits ein Jahr nach der Hochzeit seines Sohnes begab sich Heinrich nach alter, auf Karl den Großen zurückgehender Tradition auf einen Italienfeldzug. Er wollte nach denjenigen Titeln greifen, die man sich persönlich in Italien abholen musste, nämlich die eiserne Krone der Langobarden, die silberne Krone des Königs der Römer sowie die goldene Krone des Kaisers des ‚Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation‘. Der rechtliche Anspruch auf diese Titel ergab sich einzig und allein aus der Wahl zum deutschen König. Nur für die Krönung, also die formelle Verleihung, musste man nach Mailand bzw. nach Rom reisen.

Dieser Feldzug wurde Heinrich zum Verhängnis. Er dauerte fast zwei Jahre, und zwar von Oktober 1311 bis August 1313. Mit nur 5000 Mann von Bern aus losmarschierend, erfuhr er nicht nur großen Widerstand durch die meisten italienischen Städte. Er hatte hohe, kampf- und krankheitsbedingte Verluste unter seinen Truppen zu verzeichnen. Unter anderem verlor er seinen Bruder Walram im Kampf um Brescia. Seine Frau Margarethe von Brabant, die ihn begleitete, starb in Genua. Nur sein Bruder Balduin, der als Kurfürst und Bischof von Trier nicht nur ein wesentliches Truppenkontingent stellte, sondern vor allem für die Kriegskasse verantwortlich war, hielt zu ihm bis zum bitteren Ende. Da der Papst zu diesem Zeitpunkt bereits in Avignon residierte, erfolgte die Krönung in Rom durch drei italienische Kardinäle. Die Krönung war am 29. Juni 1312, dem Festtag Peter und Paul. Auf dem Rückweg gab es sowohl Huldigungen (in Arrezzo) wie Brandschatzungen (von Perugia) und vergebliche Belagerungen (z.B. von Florenz), je nach der Zugehörigkeit zu einer kaiser- oder papsttreuen Partei (Ghibellinen bzw. Guelfen). Nach einem Winterlager bei Pisa wandte man sich Anfang 1313 einem neuen Gegner zu, dem bis nördlich von Rom reichenden Königreich Neapel. Es stand damals unter der Herrschaft der Familie Anjou, eines französischen Adelsgeschlechts. 

Heinrich erkrankte und starb am 24. August 1313 in Buonconvento südlich von Siena. Von dort brachte man seinen Leichnam nach Pisa, wo er bestattet wurde. Der Bruder und der Rest des Heeres begaben sich auf dem Seeweg nach Genua und von dort nach Hause. Sein Sohn Johann soll später versucht haben, die sterblichen Überreste seiner Eltern nach Speyer zu überführen, hatte aber keinen Erfolg. Im Jahre 2008 habe ich das Grabdenkmal Heinrich VII. im Dom zu Pisa besucht. Es ist einschließlich des Bogens etwa sieben Meter hoch und wurde 1315, also zwei Jahre nach seinem Tode von Tino di Camaino geschaffen.


Grab Kaiser Heinrichs VII. im Dom zu Pisa

Da dem Bruder eine adäquate Erinnerungsstätte in Deutschland versagt blieb, ließ Kurfürst Balduin eine Bilderhandschrift [2] als Dokumentation der Romreise erstellen. Sie besteht aus 37 Bögen mit 73 Bildern. Der Stil deutet auf ein Atelier in Paris hin. Sie ist in der Zeit zwischen 1330 und 1350 entstanden. Der Bilderkodex ist ein einmaliger Beleg dafür, wie im Spätmittelalter Politik veranschaulicht, ja inszeniert wurde. Ereignisse, die dargestellt wurden, sind Einritte in Städte, Huldigungen durch die Bürger, Belagerungen, Erstürmungen, Krönungen, Eidesleistungen, Festmähler, Gerichtsszenen, Hinrichtungen und Begräbnisse. Außer dem dramatisch dargestellten Kampf um Mailand mit anschließender Gerichtssitzung (Folio 10) habe ich noch den Ritt durch Rom nach der Kaiserkrönung und das anschließende Festmahl (Folio 24) ausgewählt. Im oberen Bild dieses Blattes trifft er mit Vertretern der jüdischen Gemeinde Roms zusammen (an spitzen Hüten zu erkennen) und bestätigt ihnen ihre Privilegien. Das untere Bild zeigt eine Besonderheit des Luxemburger Hofzeremoniells, nämlich die von einem Reiter bei einem Festmahl aufgetragenen Speisen. Außerdem ist ein Turnier angedeutet


 
Kampf um Mailand und Gerichtssitzung (Folio 10)

Kurfürst Balduin war übrigens ein sehr effizienter Regent. Er wollte nicht nur wie Josef in Ägypten dafür sorgen, dass die Speicher voll Korn und die Keller voll Wein waren, sondern dass die Verwaltung seines Territoriums einwandfrei funktionierte. So steigerte er unter anderem die Zolleinnahmen auf dem Rhein durch den Bau einer Zollstation in Koblenz. Außerdem nahm er Steuern von Pilgern, die nach Trier zum Grab des Apostels Matthias kamen.

Beim Tode seines Vaters war Johann der Blinde erst 17 Jahre alt und wurde bei der Wahl des deutschen Königs übergangen. Stattdessen kam Ludwig der Bayer zum Zuge. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte Johann seine Macht in Böhmen festigen. Seine Versuche, die Hausmacht der Luxemburger über Böhmen hinaus auszuweiten, hatten jedoch wenig Erfolg. Der Beiname der Blinde stammt von einer Augenentzündung, die im Alter von 40 Jahren dazu führte, dass er auf dem rechten Auge erblindete. Nach einem medizinischen Eingriff ins linke Auge verlor auch dieses seine Sehkraft. Dennoch sah er es als seine Pflicht an, dem befreundeten französischen König im Krieg gegen England beizustehen. Mit Ketten verbunden ließ er sich zwischen zwei Rittern in die Schlacht von Crécy führen. Auch in meiner Heimatgeschichte [1] kommt diese Schlacht vor, da der lokale Luxemburger Adel in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das gleiche gilt für die Schlacht von Worringen (1288) im Limburger Erbfolgekrieg.

Walter IV. [von Meisenburg, der Besitzer von Schloss Niederweis] starb am 28. August 1346 in der Schlacht von Crécy an der Somme genauso wie sein Landesherr Johann der Blinde. In dieser Schlacht des Hundert-jährigen Krieges zwischen England und Frankreich kämpften 500 Luxemburger Ritter auf der Seite des französischen Königs Philipp VI. Die englischen Bogenschützen erwiesen sich den in traditioneller Ritterrüstung kämpfenden Franzosen überlegen und töteten 6.000 Ritter und 20.000 Pikeniere (mit der Pike kämpfende Fußsoldaten).

Johann erhielt eine Grabstätte in Kastel-Staadt an der Saar, wo sein Leichnam bis nach dem zweiten Weltkrieg ruhte. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ließ die Grabkapelle 1833 durch seinen Hofarchitekten Friedrich Schinkel neugestalten. Im Jahre 1946 wurde Johanns Leichnam in die Stadt Luxemburg überführt.


Ritt durch Rom und Festmahl (Folio 24)

Johanns ältester Sohn, der spätere Kaiser Karl IV., war wie sein Vater am Hofe in Paris aufgewachsen. Er war im Frühjahr 1346 bereits zum Deutschen König gewählt worden, wurde aber erst 1349 offiziell gekrönt. Nach dem Tode des Vaters wurde er auch Böhmischer König. Er zögerte zunächst sich um die italienischen Titel zu bemühen, ließ sich dann doch dazu überreden, unter anderem von Petrarca. Er gewann sie ganz ohne Kriegszüge, nur durch geschicktes Verhandeln (inkl. Geldspenden). Er durfte schließlich mit 5000 Getreuen am Ostersonntag 1355 in Rom einziehen. Da es auf dem Rückweg sowohl in Florenz wie in Pisa zu Aufständen kam, begab er sich – das Schicksal des Großvaters vor Augen – schnellstens über die Alpen zurück. 

Karl IV. wurde die ungewöhnlich lange Regierungszeit von 32 Jahren vergönnt. Nicht nur deshalb wurde er einer der bekanntesten deutschen Kaiser überhaupt. Er machte seine Residenzstadt Prag zu einer der blühendsten Metropolen Europas. Als Tourist begegnet man Karl in Prag heute auf Schritt und Tritt, beginnend mit der Karlsbrücke und endend in der mächtigen Burganlage auf dem Hradschin. In meiner Dorfgeschichte [1] kommt er ebenfalls vor.

Im Jahre 1349 musste Balduin auch Karl IV. aus Geldnöten helfen. Er erhielt dafür die ganze Grafschaft Luxemburg als Pfand. … [Karl IV.] legte mit der Goldenen Bulle die Verfassung des deutschen Reiches fest, gründete in Prag die erste mitteleuropäische Universität und befahl der Stadt Luxemburg, „über Mittel zu beraten, damit Juden sich ruhig und sicher in der Stadt niederlassen und darin leben können“. Nach der Vereinigung mit Brabant erhob er die Grafschaft Luxemburg zum Herzogtum.

Karl war ausgesprochen erfolgreich darin, seine Hausmacht systematisch zu vergrößern [3]. Nachdem die böhmische Oberhoheit über Schlesien und die Niederlausitz (die sein Vater vorübergehend besessen hatte) gesichert war, kaufte er den Wittelsbachern die Mark Brandenburg ab. Er erhielt damit eine zweite Kurwürde für sein Haus. In Brandenburg betätigte er sich als Kolonisator und erbaute die Stadt Tangermünde. Die Heirat seines Sohnes Sigismund mit der Erbin König Ludwigs I. von Ungarn sicherte den Luxemburgern später auch dieses Königreich. Als einer der wenigen Herrscher seiner Zeit hinterließ er eine Autobiographie, in der er sein Leben bis zur Königskrönung beschreibt. Er sah sich selbst als Auserwählter und von Gott beschützt.

  
Karl IV., Wenzel und Sigismund im Frankfurter Rathaus

Nach Karls Tod wird sein ältester Sohn Wenzeslaus I. (kurz Wenzel genannt) zum Deutschen König gewählt. Er war das schwarze Schaf in der Dynastie und hatte den Beinamen ‚der Faule‘. In der Geschichte des Hl. Johann von Nepomuk spielte er die Hauptrolle, da er ihn angeblich in die Moldau werfen ließ, weil er ihm die Beichtgeheimnisse seiner Frau nicht habe preisgeben wollen. In Wahrheit ging es um politische Differenzen. Wenzel soll die meiste Zeit auf der Jagd verbracht haben (wie auch im Frankfurter Bild dargestellt). Er war vermutlich Alkoholiker und wurde wegen Untätigkeit von den deutschen Kurfürsten des Amts enthoben. 

Nach einer Pause von 10 Jahren kamen die Luxemburger noch einmal zum Zuge, und zwar mit Sigismund. Er war ein Sohn Karls IV. aus vierter Ehe und Stiefbruder Wenzels. Unter ihm erreichte das vom Hause Luxemburg kontrollierte Territorium seine größte Ausdehnung. Es ging sogar weit über die Ostgrenze des Reiches hinaus. Die Liste der Titel, die Sigismund führte, enthält alles, was seine Vorgänger erreicht hatten und einiges mehr. So war er von 1378-1388 und 1411-1415 Kurfürst und Markgraf von Brandenburg, ab 1387 König von Ungarn, ab 1411 deutscher König, ab 1419 König von Böhmen, ab 1431 Lombardischer König sowie ab 1433 Römischer Kaiser. Er schrieb Weltgeschichte mit dem Konzil von Konstanz (1414-1418), in dessen Verlauf der böhmische Reformator Jan Hus als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Viel mehr ist von ihm nicht zu berichten. Mit Sigismund endete die Dynastie der Luxemburger Kaiser und Könige. Das Haus Habsburg (Albrecht II.) übernahm zum zweiten Mal die Funktion des Römisch-deutschen Kaisers und nahm sie bis 1806, also fast 400 Jahre lang, wahr.

Zusätzliche Referenzen:
  1.  Endres,A.: Die Niederweiser Schlossherren und ihr Anteil an der Geschichte des Nimstals. In: Beiträge zur Geschichte des Bitburger Landes, Heft 54, 1/2004, S. 15-27
  2. Schmid, W., Borck, K.H.: Kaiser Heinrichs Romfahrt. Zur Inszenierung von Politik in einer Trierer Bildhandschrift des 14. Jahrhundert. Koblenz 2000
  3.  Seibt,F.: Karl IV. Ein Kaiser in Europa 1346-1378. München 1978

1 Kommentar:

  1. Sehr interessanter Essay, auf den ich im Rahmen der Recherche zum Codex Balduin gestossen bin. Ich weiss, dieser ist bereits 3 Jahre alt - wäre es aber dennoch möglich, einen Quellennachweis zu den verwendeten Scans der Bildhandschrift nachzuliefern? Es lässt sich ja bei den beiden Bildern eine Seitennummer ausmachen - der Titel des Werkes, aus dem diese stammen, würde mir sehr weiterhelfen.
    Mfg

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