Donnerstag, 14. Juni 2012

Endphase der Nazi-Diktatur – die Historikersicht

Die Zeit der Nazi-Herrschaft liegt inzwischen fast 70 Jahre zurück. Die Zeitzeugen sterben nach und nach aus. Auch ich erinnere mich nur noch lückenhaft an diese Zeit. Lediglich einzelne Ereignisse ragen heraus. In meinem Falle sind es die Rundstedt-Offensive und der Einzug der Amerikaner. Danach hieß es, nach vorne schauen. Studium und Beruf nahmen mich in Anspruch. In den letzten Jahren wurde man immer wieder sowohl durch Bücher wie durch Fernsehsendungen an die Kriegszeit erinnert. Manchmal hatte man das Gefühl, bereits genug zu wissen.

Zwei Gründe bewogen mich, zu dem im letzten Jahr erschienenen Buch von Ian Kershaw zu greifen. Kershaw ist ein bekannter britischer Historiker, der sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigt hat. Darüber hinaus faszinierte es mich schon immer, für die Ereignisse, die ich selbst erlebt hatte, eine andere Sicht kennenzulernen. So lernte ich über den zweiten Weltkrieg sehr viel, als ich 1955 in meiner Universitätsbibliothek in Ohio in zehn Jahre alten amerikanischen Zeitungen und Illustrierten stöberte.

Das Buch von Kershaw versucht die Frage zu klären, warum Deutschland nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 den Kampf noch weitere zehn Monate fortsetzte, bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945. Warum hielt sich das Regime noch so lange? Es gab in dieser Zeit allein auf deutscher Seite 400.000 Tote pro Monat, die Verluste der Alliierten und in den besetzten Gebieten nicht gerechnet. Auch die Zerstörung deutscher Städte nahm danach bisher nicht dagewesene Ausmaße an.

Kershaws Antwort ist zwar differenziert. Den Hauptgrund sieht er aber in dem, was er in Anlehnung an Max Weber als ‚Charismatische Herrschaft‘ beschreibt. Die Wirkung der Person Hitlers auf Umgebung und Massen war einfach enorm. Manche seiner Vertrauten kamen zu Hitler mit der Absicht, ihn zum Einlenken zu überreden. Anschließend verließen sie ihn, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben, oder wenn sie es taten, akzeptierten sie doch Hitlers Sicht der Dinge. In der Industrie, wo es hin und wieder auch Autokraten gab, nannten wir dies ‚perfekter Meinungsaustausch‘. Man ging mit einer Meinung in das Gespräch und kam mit einer anderen heraus.

In Kershaws Sicht hat das erfolglose Attentat die Position Hitlers gegenüber seinen Gefolgsleuten und seinen Gegnern gestärkt. Oder anders gesagt, die Chancen gegen Hitler zu opponieren, haben sich verschlechtert, ja, sie waren endgültig dahin.

Da er sich persönlich zurücknahm, verstärkte er die Position seiner Paladine. Ein Quadrumvirat, bestehend aus Bormann, Himmler, Goebels und Speer, übernahm das Tagesgeschäft, die Exekutive. Bormann hatte als Hebel die Partei. Ihm unterstanden die Gauleiter. Ihnen oblag die Territorialverteidigung, also der Ausbau des Heimatschutzes, die Durchführung von Evakuierungen und Kontrolle von Fremdarbeitern und (vermuteten) Saboteuren. Himmler kommandierte die SS und das Heimatheer, also die Scharfmacher und die Kampfreserven. Goebbels war verantwortlich für die ‚totale Mobilmachung‘ des Volkes und Speer für die Rüstung. Es gab gegenseitige Rivalitäten um die Gunst Hitlers. Die normale staatliche Verwaltung spielte nur noch eine untergeordnete Rolle.

Als weitere Gründe für das Durchhalten nennt Kershaw die Verschärfung der Repressionen, das Pflichtbewusstsein der Soldaten und Beamten und die Angst vor den Russen. Letztere war teilweise durch die Propaganda verursacht, teilweise echt. Gräuel, die von Russen bei ihrem Einfall in Ostpreußen im Oktober 1944 verübt wurden, waren Wasser auf die Mühlen der Propaganda (Stichwort Nemmersdorf).

In der Konferenz von Casablanca im Januar 1943 hatten die Alliierten beschlossen, von Deutschland nichts anderes als eine bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren. Da einige deutsche Generäle in ihren Nachkriegsmemoiren dies als Grund für das deutsche Durchhalten angaben, setzt sich Kershaw auch damit auseinander. Er bezweifelt, dass dies für das Heer und das Volk eine Rolle spielte. Eine ähnliche Wirkung hatte der so genannte Morgenthau-Plan. Er war im August 1944 verkündet worden. Roosevelt hat ihn sich nie zu eigen gemacht.

Die persönliche Entwicklung, die Hitler in dieser Zeit nahm, gibt viele Rätsel auf. Offensichtlich verstärkte sich sein Misstrauen gegen Menschen allgemein, insbesondere das gegen das Offizierskorps. Die Erinnerung an 1918, als die ‚Heimatfront‘ zusammenbrach und dadurch der Krieg beendet wurde, ließ ihn nicht los. Er sah es als seine historische Pflicht an, dafür zu sorgen, dass es kein zweites 1918 gab. Manche deutsche Historiker sehen darin sogar etwas Positives. Eine zweite ‚Dolchstoß-Legende‘ wäre unvermeidlich gewesen. Die erste förderte nämlich den Aufstieg Hitlers. Er verstieg sich schließlich in die perverse Ansicht, dass das deutsche Volk versagt und den Untergang verdient habe.

Ein letztes militärisches Aufbäumen gegen das absehbare Ende war die am 16. Dezember 1944 begonnene Rundstedt-Offensive. In seinen Jugenderlebnissen [1] schreibt Endres darüber:

Kurz vor Weihnachten gab es nochmals Trubel. Die deutsche Heeresleitung hatte beschlos­sen, einen Gegen­angriff zu wagen. Die Operation erhielt den Namen Ardennen- oder Rundtstedt-Offensive. Der Schwerpunkt des Angriffs lag nämlich etwas nördlich von uns im südlichen Teil Belgiens; der Ober­komman­dierende auf deutscher Seite war der General Gerd von Rundtstedt. Es wurden nicht nur die zurück gewichenen Truppenteile neu formiert, sondern auch zusätzliche Reserven mobilisiert. Bei diesen handelte es sich insbesondere um Hitler­jungen und Volkssturm­männer. Sie sahen nicht sehr ermutigend aus. Das von Angst geprägte Gesicht einiger dieser in Feld­grau gekleideten Mutter­söhnchen, die höchstens drei Jahre älter waren als wir, erweckte selbst bei uns Kindern Mitleid. … Einer der Offiziere, der vor Beginn der Offensive bei uns einquartiert war, äußerte sich recht optimi­stisch: „Ich habe noch einen Koffer in Paris. Den hole ich jetzt ab“. Schon nach wenigen Tagen hatte sich der Angriff festgefahren. Auch besagter Offizier kam zurück. Wir brauchten gar nicht nach seinem Koffer zu fragen. Sein Gesicht sagte alles.

Wie Kershaw berichtet, schrieb Goebbels in seinen Tagbüchern ziemlich abfällig über diese Verzweiflungstat Hitlers. Danach gab es nur noch den vollständigen Rückzug an allen Fronten. Es gab keine Reserven mehr, die bezüglich ihrer Qualität zur Verteidigung des Reiches ausgereicht hätten. Indem man immer mehr Zivilisten bewaffnete, auch Volkssturm genannt, setzte man nicht-uniformierte Kombattanten ein, was nach der Haager Landkriegsordnung nicht erlaubt ist.

In den letzten Monaten seines Bestehens lief das System Amok. Am 9. März 1945 kam es zur Einrichtung mobiler Standgerichte. Mit Deserteuren und Feiglingen wurde auf gleiche Weise verfahren. ‚Wer vom Frieden ohne Sieg redet, verliert den Kopf‘ ist eine von Hitlers letzten Aussagen. Am 19. März erlässt er den so genannten Nero-Befehl. Der Feind soll nichts als verbrannte Erde vorfinden. Von seinen vier oben erwähnten Paladinen war es Speer, der sich diesem Befehl effektiv widersetzte. Ein besonders düsteres Schicksal erlebten Fremdarbeiter, Gefangene und KZ-Insassen in den letzten Monaten. Die in Tschechien, Polen und der Ukraine gelegenen KZs wurden aufgelöst, ihre Insassen ermordet oder auf ‚Todesmärsche‘ geschickt.

Es erscheint uns heute wie ein skurriler Auswuchs deutscher Wesensart, dass der Finanzminister noch im März 1945 einen detaillierten Vorschlag für eine Steuerreform machte. Er müsse das Einkommen des Staates erhöhen, weil sonst die Währung gefährdet sei. Goebbels reagierte darauf, indem er kritisierte, dass die sozial-schwachen Schichten der Bevölkerungs zu sehr belastet würden.

Das bittere Ende war für die Nazi-Größen unausweichlich. Himmler, der noch Kontakte zum Roten Kreuz geknüpft hatte, um Juden ausreisen zu lassen, wurde seines Amtes enthoben. Das gleiche Schicksal erfuhr Hermann Göring, der sich von Berlin nach Bayern abgesetzt hatte. Wegen des ‚Versagens der Luftwaffe‘ hatte er schon früher sein Ansehen verloren. Für Hitler persönlich blieb kein anderer Ausweg als der Selbstmord. Das gleiche galt für Goebbels und Bormann. Selbst nach Hitlers Tod gaben einige Fanatiker nicht auf, so der General Schörner und der Admiral Dönitz. Dönitz wurde von Hitler zum Nachfolger ernannt und musste die Kapitulation akzeptieren.

Dass Kershaw als Hauptgrund für die Standfestigkeit des Nazi-Regimes die ‚Charismatische Führung‘ durch Hitler angibt, scheint nicht ohne Hintergedanken zu erfolgen. Der Begriff spielt auch in der heutigen Management-Theorie eine sehr positive Rolle. Auch werden führende Politiker oft damit abgewertet, dass ihnen jedes Charisma abgesprochen wird. In dem Verlangen nach starken Führungspersönlichkeiten drückt sich der latente Wunsch der Massen aus, sich weniger direkt engagieren zu müssen. Das ist aber fatal. Ohne Kontrolle der politischen Klasse, d.h. ohne gesundes Misstrauen, kann keine Demokratie leben. Es ist dies eine Lektion, die besonders die deutsche Geschichte lehrt.

Das Buch ist immer noch schwere Kost für uns Deutsche. Kershaw distanziert sich sogar von offensichtlichen Fehlern (oder Kriegsverbrechen?) der Alliierten wie die Bombardierung Dresdens. Die Frage, die mich während des Lesens immer wieder beschäftigte, lautete: Kann ein derartiges, durch eine Gruppe von Menschen verursachtes Gemetzel eines ganzen Volkes heute nicht mehr passieren? Ich kann nicht umhin, an Syrien und den Alawiten-Clan des Baschar al Assad zu denken.

Zusätzliche Referenz:

1. Endres, A.: Erinnerungen an eine Eifler Jugendzeit. Gester an Hätt, Heimatkundliche Zeitschrift der Verbandsgemeinde Irrel, Heft 28-30 (2001), 13-17; (2002), 21-26; nachgedruckt in: Endres, A.: Geschichten aus der Eifelheimat, Band 1. Sindelfingen 2008, 76-93

1 Kommentar:

  1. Der Tod ist ein Lehrer ohne "wenn und aber", wie die Schwerkraft. Und Deutschland empfing ein volles Mass an Lehrmaterial 1943-1947, ... und hat bestanden. Daraus sind viele sonderbar guten Blueten entstanden - NICHT zu aller erst der Wirtschaftswunder.

    The temptation to accept "strong" leaders without critical examination RISES in challenging times. Like now. In Europe and in America.

    Calvin Arnason

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