Sonntag, 20. Oktober 2013

Erinnerungen an Gerhard Krüger (1933-2013)

Gerhard Krüger war ein Hochschul-Informatiker der ersten Stunde und einer der einflussreichsten von ihnen. Seine Leistungen und seine Persönlichkeit verdienen große Anerkennung. Ich hatte fast 50 Jahre lang immer wieder Kontakt mit ihm. Er hat nicht nur zum Aufbau des Studiums in Karlsruhe wesentlich beigetragen, sondern in ganz Deutschland. Krüger war in Thüringen aufgewachsen und hatte in Jena und Berlin (an der Humboldt-Universität) studiert. Nach der Übersiedlung in den Westen promovierte er 1959 in Gießen in Physik.
 

Wie viele von uns ging Krüger beruflich den Weg von einem Anwendungsgebiet der Informatik zur Informatik selbst. Seit 1960 arbeitete er als Wissenschaftler am Kernforschungszentrum Karlsruhe. Dort oblag ihm das Thema Laborautomation. Das dauernde Messen von radioaktiven Abstrahlungen wollte er jedoch nicht zu seiner Lebensaufgabe machen. Zuerst schlug er den Einsatz einer Zuse Z22 vor. Da dies ein Röhrenrechner war, kam er im Dauerbetrieb nicht umhin, laufend Röhren auszutauschen. Deshalb überredete er seine Vorgesetzten, Ende 1962 aus dem Restbudget der Abteilung einen Transistor-Rechner CDC1600 für 360.000 DM zu kaufen. In der deutschen Kernforschung konnte man damals mit solchen Beträgen offensichtlich recht locker umgehen. Dieser Rechner wurde noch (fast) ganz ohne Software ausgeliefert. Der Nutzer entwickelte alles selbst. Erst später gab es ein Betriebssystem. Im Jahre 1970 erreichte er es, dass er die IBM 360 Model 91 am Max-Planck-Institut in Garching nutzen durfte. Es war dies damals der schnellste Rechner in Europa. Für den Zugriff richtete er die erste 48-kbaud-Leitung in Deutschland ein.

Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2001 war er Informatik-Professor an der Universität Karlsruhe, heute Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) genannt. Er gründete dort 1986 das Institut für Telematik. Ich kenne keinen deutschen Informatiker, der die Entwicklungen in unserem Fachgebiet derart gut bewerten und einordnen konnte. Oft gab er auch die entscheidenden Impulse und nahm Weichenstellungen vor, auf die andere erst viel später kamen.

Sein Wirken machte sich zuerst in Baden-Württemberg bemerkbar, später in ganz Westdeutschland. Wie kein anderer Kollege verstand er es, Kontakte zu Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung und Wirtschaft aufzubauen und zu pflegen. Wenn nötig, spielte er sie gegeneinander aus. Eine Folge unseres föderalen Systems ist ein Wettbewerb zwischen den Ländern Baden-Württemberg und Bayern. Da Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth dafür empfänglich war, konnte er ihm 1982 in einer Wochenend-Sitzung im Schwarzwald (den so genannten Tonbacher Gesprächen) klarmachen, dass er mehr für die Sicherung der technischen Spitzenposition des deutschen Südwestens tun müsse. Das Ergebnis war das heute noch bestehende Forschungszentrum Informatik (FZI). Es arbeitet eng mit der Universität Karlsruhe zusammen und widmet sich der interdisziplinären und anwendungsorientierten Forschung sowie dem Transfer von Forschungsergebnissen in die Industrie rund um die Informatik und die Informationstechnik.

In der Zeit von 1984 bis 1988 trafen Krüger und ich uns regelmäßig bei den Veranstaltungen des Projekts HECTOR. Mit meinem Bereichsleiter Karl Ganzhorn zusammen gab es halbjährige Sitzungen mit Gerhard Krüger und andern Karlsruhern, um den Zielrahmen des Projektes zu definieren und den Fortgang der Aktivitäten in den Teilprojekten zu bewerten. Es handelte sich dabei um eine breit angelegte Kooperation zwischen der Universität Karlsruhe und der IBM Deutschland. Auf Seiten der IBM wurde die Projektarbeit vor allem vom Europäischen Netzwerkzentrum (ENC) in Heidelberg und dem Forschungslabor in Zürich geleistet. Von der Universität Karlsruhe beteiligten sich neben dem Rechenzentrum auch eine Reihe von Fachbereichen (mit den Professoren R. Dillmann, H. Grabowski, U. Kulisch, W. Stucky, u.a.).


Ich besitze heute noch die zweibändige Dokumentation der Projektergebnisse. Als Wirkung dieses Projekts wird der Durchbruch „kleiner“ Computer, also PCs, in der deutschen Wissenschaft und Lehre angesehen. Wie die beigefügte Skizze der für das Projekt HECTOR geschaffenen Rechner-Landschaft zeigt, war die Universität Karlsruhe immer mit mehreren Herstellern gleichzeitig im Geschäft. Krüger verstand es, die jeweils laufenden Projekte geschickt voneinander abzugrenzen und jedem Partner den Eindruck zu vermitteln, dass er wichtig sei. Seine Geldgeber, denen dies nicht verborgen blieb, mussten schon mal schlucken. Besonders hervorheben möchte ich, dass Krüger bemüht war, in Karlsruhe nicht nur der Kerninformatik zum Blühen zu verhelfen, sondern auch den Anwendungen. Andere Hochschulen haben dies nicht in dem Maße getan.

Von 1983 bis 1986 war Krüger zuerst Vizepräsident, dann Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI). Er legte den Grundstein dafür, dass – wie ein Kollege es bezeichnete – aus einem „Kaninchenzüchterverein eine professionelle Fachgesellschaft“ wurde. Seine Nachfolger als GI-Präsident (Heinz Schwärtzel, Roland Vollmar, Wolfgang Glatthaar und andere) konnten diese Früchte ernten. 


Keine Initiative Krügers fand auf Bundesebene mehr Anerkennung als das von ihm angestoßene Computer-Investitionsprogramm, kurz CIP genannt. Es wurde vom Bund und den Ländern anteilig finanziert. Es führte zur Verbesserung der Rechnerausstattung an allen deutschen Hochschulen. Dem Ausdruck CIP-Pool begegnen noch viele Studierende heute. Es sind mit PCs (mit Internetzugang) ausgestattete Räume, die von Studierenden der Universität bzw. des jeweiligen Fachbereichs kostenlos genutzt werden können. Übrigens muss die Benutzung des Worts ‚Pool‘ für diese Einrichtung eine deutsche Spracherweiterung des Englischen sein. Wie Krüger mir erzählte, hatte er bei einem Vortrag am MIT in Boston Verständnisprobleme. ‚Sie stellen doch Ihre Rechner nicht in ein Schwimmbecken‘ – bemerkte ein Zuhörer. ‚I guess you mean cluster‘, ergänzte er dann.

Nach der deutschen Wiedervereinigung engagierte sich Krüger sehr stark in den Neuen Bundesländern und half dort bei der Restrukturierung der Hochschulen. Er war so etwas wie der Evangelist westdeutscher Bildungsphilosophie in den Neuen Bundesländern. Der Wissenschaftsrat veranlasste zuerst eine Evaluierung und Umorientierung der Akademie der Wissenschaften. Diese Einrichtung umfasste 16.000 Mitarbeiter. Das war so viel wie alle westdeutschen Forschungs-Einrichtungen zusammen besaßen. Danach kamen die Hochschulen dran. Krüger war beteiligt an der Evaluierung der Informatik an allen Standorten. Die Fachbereiche in Dresden und Rostock wurden als erste geklärt und als ‚Nachlaufforschung‘ eingestuft. Danach kam Jena dran. Es wurde erwogen, deren technischen Zweig der Informatik an die ehemalige Hochschule für Elektrotechnik in Ilmenau zu verlegen. Am Schluss wurden Chemnitz und Halle evaluiert. Da ich vor der Frühpensionierung stand, brachte mich Krüger gegenüber dem Rostocker Kollegen Karl Hantzschmann ins Gespräch, woraus dann für mich eine halbjährige Lehrstuhlvertretung im Wintersemester 1992/93 in Rostock entstand. Es wurde dies mein kleiner Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung.

Seit 1995 war Krüger Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und seit 1996 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Er war außerdem Mitglied der acatech, der deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Hier nahm er die Belange der Informatik wahr. Er besaß die Ehrendoktorwürde der Universitäten Lübeck, Jena, Rostock, der Humboldt-Universität Berlin sowie der TU Ilmenau. Seit 2007 war er Ehrenmitglied der GI.


Ich habe Krüger als sehr unterhaltenden Redner in Erinnerung. Nicht nur seine Zukunftsprojektionen riefen oft Stauen hervor. Genauso faszinierten seine zur Auflockerung eingeflochtenen Geschichten und Episoden aus der Vergangenheit. Ich hörte mir dieser Tage noch einmal die Aufzeichnung seines Vortrags von 2007 anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Ilmenau an. Das Thema hieß: ‚Vom optischen Telegrafen zum Internet der Dinge‘. Es war eine echte Krügersche Meisterleistung. Er ließ die technische Entwicklung von 1780 bis heute Revue passieren, streute aber laufend unterhaltsame Bonbons ein. Fast immer hatte er bei seinen Vorträgen seine Zuhörer auf seiner Seite. Er scheute es auch nicht, jemandem – wenn nötig – zu sagen, dass ihm seine Zeit zu schade sei, um ihm zuzuhören. Das bekamen auch einige Karlsruher Informatik-Studierende zu hören, die ihn in politische Diskussionen verwickeln wollten.

Eine Weisheit aus seinem Munde soll als Schlusswort dienen. Bekanntlich hat er etwa 30 Schüler zur erfolgreichen Promotion geführt. Zur Motivation, ohne die zwischenzeitliche Tiefpunkte beim Kandidaten nicht überwunden werden, würde er immer das Beispiel des Bergsteigens verwenden, sagte er mir. Jeder Berg erscheint hoch, wenn man unten steht, und der Weg zur Spitze lang. Ist man oben angekommen, erscheint der Aufstieg dagegen leicht und trivial.

NB: Die drei benutzten Fotos stammen übrigens alle von einer Veranstaltung anlässlich meines 75. Geburtstags. Mal ist Krüger mit Wolfgang Glatthaar, dem GI Präsidenten der Jahre 1995-1996, zu sehen, mal mit seiner Gattin, der Vize-Senioren-Weltmeisterin im Langstreckenlauf des Jahres 2010.

Kommentare:

  1. Am 21.10.2013 schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:

    Die Pioniere werden immer weniger.

    AntwortenLöschen
  2. Ebenfalls am 21.10.2013 schrieb Klaus Küspert aus Jena:

    super geschrieben, vielen Dank. Nur zum Thema Jena gestatten Sie mir bitte eine kleine Ergänzung. Eine Verlegung der technischen Informatik ab den 1990ern von Jena anderenorts fand nicht statt…

    Wir haben eine blühende, aus mehreren Professuren bestehende vor Ort und hatten dies stets so (Lehrstuhlinhaber Werner Erhard ab 1993, seit 2012 Martin Bücker, plus weitere Professur/en). …

    AntwortenLöschen