Der Mikroblogger Twitter
hat der amerikanischen Börsenaufsicht (Security Exchange Commission, SEC) Unterlagen
zur Verfügung gestellt, die auf einen bevorstehenden Börsengang (engl. initial
public offering, IPO) schließen lassen. Damit stellt sich die Frage nach dem
Geschäftsmodell. Twitter wurde im Jahre 2006 gegründet und hatte Ende 2012 über
200 Millionen Nutzer seines kostenlosen Dienstes. Die Tendenz ist steigend.
Bei Social-Media-Unternehmen wie Facebook
und Twitter glaubt man, dass wachsende Nutzerzahlen bereits einen Wert
darstellen. Umsätze und ̶
erst recht ̶
Gewinne seien sekundär. Twitter machte in 2012 einen Umsatz von über 300
Millionen Dollar bei einen Verlust von 80 Millionen Dollar. In diesem Jahr steigt
der Umsatz weiter und erreichte im ersten Halbjahr bereits 250 Millionen
Dollar. Dennoch ist der Börsengang alles andere als risikolos. Die Erfahrung
mit Facebook wirkt ernüchternd, wenn nicht sogar abschreckend. Als Facebook
denselben Schritt wagte, äußerte ich ernsthafte Zweifel. Seither ist ein Jahr
vergangen. Der Aktienkurs fiel sofort nach dem Börsengang, erreichte diverse Tiefpunkte
und schließlich wieder den Ausgabekurs von 38 US $. Dividenden wurden noch
keine gezahlt.
Es steht außer Zweifel, dass Twitter bekannt ist und eine Funktion
erfüllt. Als prominente Nutzer gelten US-Präsident Barack Obama und Papst
Franziskus. Als ein Passagierflugzeug auf dem Hudson notwasserte, berichtete
dies einer der Passagiere an Bord per Twitter. Kein Journalist war weit und
breit. Ein weniger nachahmenswertes Beispiel wird von der vorletzten Wahl des
Bundespräsidenten berichtet. Eine CDU-Abgeordnete verkündete den Sieger über
Twitter, ehe es der Wahlleiter tat. Ich selbst nutze Twitter, um an
Pressemitteilungen der NASA, des Sprechers der deutschen Bundesregierung und
des Heise-Verlags zu gelangen, und an Mitteilungen von Bill Clinton und Bill
Gates.
Die Beschränkung der Nachrichtenlänge (140 Zeichen) macht es leicht,
sie nebenher zu lesen und im Bekanntenkreis weiterzuleiten. Aber populär und
sexy sein, ist nicht Alles. Die NZZ
vom 8.10.2013 schreibt dazu:
Bei solchen IPO geht oft vergessen, dass
Investoren an der Börse sind, um Geld zu verdienen, nicht um «cool» oder
«trendy» zu sein.
Das derzeitige Geschäftsgehabe der beiden genannten (und einiger ähnlicher)
Firmen lässt sich mit einem Beispiel aus einem anderen Wirtschaftszweig sehr
gut illustrieren. Man stelle sich vor, in München gäbe es eine Brauerei, die
beschließt ihren Ausstoß zu erhöhen, indem sie Bier kostenlos ausliefert. Sie
würde es ohne weiteres schaffen, alle andern Brauereien Bayerns aus dem Markt
zu verdrängen. Alle Gaststätten und Lebensmittelläden des Landes würden diesem
Lieferanten ihre Keller und Regale zur Verfügung stellen. Der durch Freibier
zum Marktbeherrscher aufgestiegene Lieferant hätte sogar Chancen im Markt zu
überleben, finge er später an für seine Flaschen und Fässer (das Gebinde) Geld
zu verlangen. Man könnte diese z.B. als
Werbeträger benutzen, indem man Bilder von Autos, Rennrädern, Fußballstiefeln,
Wanderschuhen, Lederhosen, Dirndl, und dgl. darauf klebt.
Sowohl bei Facebook wie bei Twitter ist die Situation etwas anders. Für
ihre Inhalte oder deren Gebinde, also die Datenträger, Geld zu nehmen, wird
nicht so leicht möglich sein. Es fällt den meisten Menschen leichter, sich den
Konsum von Kurznachrichten oder von Familienklatsch abzugewöhnen als den Konsum
von Bier. Besonders in Süddeutschland ist diese Erwartung berechtigt. Auch
eventuelle Konkurrenzangebote könnten
jederzeit per Internet schnell vor Ort sein.
Seit dem Erfolg von Google glaubt man im Verkauf von Werbeplatz eine totsicher
sprudelnde Einnahmequelle zu haben. Facebook und Twitter haben allerdings nur
eine Chance im Werbungsgeschäft zu reüssieren, wenn sie personenbezogene Daten
auswerten. Am besten wäre es, sie würden den Inhalt der Konversation ihrer
Nutzer verstehen. Das eine ist sehr heikel, das andere sehr schwierig. Skylla
und Charybdis hießen in der Antike zwei Meeresungeheuer in der Straße von
Messina. Denen zu entkommen, war schwierig. Im übertragenen Sinne bezeichnen sie noch heute zwei Übel, zwischen denen man gefangen ist.
Es wird immer wieder vergessen, dass der Erfolg von Google auf einer sehr
anspruchsvollen technischen Lösung basiert, die patentrechtlich geschützt ist.
Google hat die Straße von Messina erfolgreich umfahren. Google braucht weder
persönliche Daten noch muss es die Inhalte der Nachrichten verstehen. Es leitet
aus der Art und der Struktur der Kommunikationsverbindungen eine verlässliche Bewertung
der Knoten ab. Der entsprechende Algorithmus (Page Ranking) benötigt zwar sehr
viel Rechenkapazität, liefert aber gute Ergebnisse. Schließlich ist das Suchen
im Netz eine Anwendung, die für die Produktwerbung ideal ist. Wer mit Hilfe von
Google nach Flugreisen, Gebrauchtwagen, Bohrmaschinen, Mobiltelefonen, usw. sucht,
ist meistens gerade dabei, sich die für
einen Kauf erforderliche Marktübersicht zu verschaffen. Auch das lässt sich
weder von Facebook noch von Twitter sagen.
Das Suchen nach einem Geschäftsmodell beschäftigt Twitter schon seit der Gründung vor sieben Jahren. Auch bei Facebook und Youtube ist die Situation ganz ähnlich. Es
ist nicht zu erkennen, welches Geschäftsmodell es sein wird, das den Erfolg bringen
kann. Ich kann und will daher meine Skepsis bezüglich des langfristigen Geschäftserfolgs nicht verhehlen. Von Facebook lernte man
immerhin, dass man ohne eigene Entwicklerkapazität sehr schlecht dran ist und
baute ein Team von etwa 300 Leuten auf. So ist man wenigstens in der Lage, selbst
die technische Qualität und die Anpassungsfähigkeit seines Dienstes zu sichern.
Sollte das Twitter-IPO positiv aufgenommen werden, wäre dies ein
Warnsignal für den gesamten Markt. So sieht es ein Marktbeobachter.
Es sei als ein Zeichen von Überhitzung zu bewerten.
Am 9.10.2013 schrieb Otto Buchegger aus Tübingen:
AntwortenLöschenEin Börsengang ist immer riskant. Aber bei Twitter bin ich weniger skeptisch als bei Facebook. Wir werden sehen...
Als Illustration meines obigen Blog-Eintrags füge ich einen
AntwortenLöschenLink bei, der heute von Bill Gates an seine Followers verschickt
wurde.
http://ow.ly/i/3kNtr/original
Gezeigt ist ene Visualisierung des Weltschiffverkehrs.