Mittwoch, 2. Oktober 2013

Stoische Ruhe – ist es das, was uns heute fehlt?

In meinem Blog-Beitrag über Nassim Taleb, den aus der Levante stammenden Bestseller-Autor, erwähnte ich dessen Vorliebe für die Lehren der Stoa. Damals schrieb ich:

Talebs Lebensregeln erinnern an die Philosophie der Stoiker. …Es sei entschuldbar, dass man Erdbeben, Tsunamis, Revolutionen usw. nicht vorhersagen kann. Es sei jedoch nicht entschuldbar, so zu bauen oder zu tun, als ob es sie nicht gäbe. … Man muss sich geistig von Besitz lösen, ebenso wie von Emotionen. Man muss Furcht in Klugheit umwandeln, Schmerz in Information. Fehler, die man macht, sollte man als Chancen sehen, als Anstöße zum Lernen. Reichtum sei der Sklave des Weisen und der Herrscher des Narren.

Seither strebte ich danach, mich auch mit dieser Philosophenschule etwas näher zu befassen. Ich las daher  ̶  über einige Wochen verteilt  ̶  die Werke Senecas und auch die des etwa 120 Jahre später lebenden Marc Aurel, dessen Reiterstandbild auf dem römischen Kapitol mich so sehr beeindruckte. Aber der Reihe nach.

Die Stoa gilt als eine der einflussreichsten Denkschulen des Abendlands. Obwohl keinerlei Kontakte bestanden, sind Parallelen zu fernöstlichem Denken, wie dem des Konfuzius, nicht zu übersehen. Der Name (griechisch στοὰ ποικίλη – „bemalte Vorhalle“) geht auf eine Säulenhalle auf der Agora, dem Marktplatz von Athen, zurück, in der Zenon von Kition um 300 v. Chr. als erster seine Jünger um sich versammelte. Jeder Jünger ist aufgefordert, seinen Platz in der Weltordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt.

Die Stoa ist quasi eine Philosophie alter Männer, von diesen und für diese. Frauen gibt es natürlich auch. In philosophischer Hinsicht halten sie sich jedoch zurück, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Gedanken der Stoiker reflektieren Lebens- und Altersweisheit. Wie man selbst mit der Endlichkeit des Lebens fertig werden kann, ist ein Hauptanliegen. Ruhe und Gelassenheit sind die wesentlichen Geisteshaltungen. Alles andere ist sekundär. Im Folgenden stelle ich das Gedankengut zweier Männer des Altertums vor, die keine professionellen Philosophen waren. Sie übten wirtschaftliche Tätigkeiten aus und hatten herausragende politische Ämter inne. Die Philosophie war ihre Nebenbeschäftigung, ihr Hobby  ̶  so würde man heute sagen.

Seneca (1- 65 n. Chr.)

Ich entschied mich für Josef Werles Seneca für Zeitgenossen. Es hat den Untertitel Ein Lesebuch zur philosophischen Lebensweisheit und enthält mehrere Einzelschriften und eine Auswahl der Briefe an Lucilius. Es umfasst etwa 250 Druckseiten.

Seneca machte sich Gedanken darüber, was zum glücklichen Leben dazu gehört.  Wie lange wir leben, bestimmen wir nicht, nur ob wir richtig leben. Man muss bewusst leben, sich also Muße gönnen. Man soll seine Zeit nicht verschwenden, sondern sie dem Gedenken an große Geister widmen. Das Pflichtgefühl gegenüber Freunden darf man jedoch nicht vergessen. Glücklich wird nur, wer gleichgültig ist gegenüber dem Schicksal, sowie gegenüber Lust und Schmerz. Stattdessen muss man Seelenruhe und ‚Geisteshoheit‘ pflegen, sowie Freude an der Erkenntnis der Wahrheit haben. Als Lehrmeister zitiert Seneca neben Zenon auch Epikur von Samos (341-270 v. Chr.). Im Folgenden sind einige wenige Sentenzen wiedergegeben aus den Briefen an Lucilius. Die in Klammern angefügte Zahl entspricht der Nummer des Briefes.


Seneca (Chorgestühl des Ulmer Münsters)

  • Tugend lernen heißt so viel wie Fehler verlernen (50)
  • Glück ist, wenn  der Körper frei von Schmerz und die Seele frei von jeder störenden Erregung ist (67)
  • Torheit ist es aus Furcht vor dem Tode zu sterben (70)
  • Das Sittlichgute ist das einzige Gut (71)
  • Ich habe gesiegt über Habsucht, Ehrgeiz und Todesfurcht (72)
  • Nicht das bloße Wissen macht glücklich sondern die Tat (75)
  • Man muss so lange lernen, als man unwissend ist – also ein Leben lang, wenn wir dem Sprichwort glauben. Daraus ergibt sich zwingend der folgende Gedanke: Man muss ein Leben lang lernen, wie man das Leben gestalten soll. (76)
  • Wer das Schicksal hatte, geboren zu werden, der erwartet auch den Tod (99)
  • Wer täglich die letzte Hand an sein Lebenswerk legt, der bedarf der Zeit nicht. Nur der hängt von der Zukunft ab, der mit der Gegenwart nichts anzufangen weiß (100).

NB: Seneca erinnerte mich mit seinen Gedanken an einen etwa zehn Jahre älteren Studenten, den ich 1952 zu Beginn meines Studiums kennengelernt hatte. Er war Kriegsteilnehmer gewesen, ich war zu jung dafür gewesen. Er hatte eine fast nihilistische Einstellung zu Allem, stellte alle Ideologien in Frage und sah den Sinn des Lebens im Genuss. Der Hedonismus des Epikur sei seine Philosophie. Ich war ihm nicht gewachsen und vermied philosophische Diskussionen, so gut ich konnte.

Marc Aurel (121-180 n. Chr.)

Sein Hauptwerk hat den Titel Selbstbetrachtungen. Es umfasst zwölf Bücher, zusammen etwa 150 Druckseiten. Das erste Buch listet alle seine Lehrmeister, einschließlich seiner Eltern und Vorfahren. Die Quintessenz seiner Gedanken lautet: Das Leben ist ein steter Wechsel, in dem alle Dinge dahinfließen. Das Dasein ist durch seine Hinfälligkeit bestimmt. Es ist ein Kreislauf des Werdens und Vergehens, in dem Einzelnes keinen Bestand hat. Folgende Sentenzen fand ich interessant und  bedenkenswert. Sie stammen vorwiegend aus den Büchern 1, 4 und 7 (wobei nur das jeweils erste Zitat gekennzeichnet ist). Ich stelle fest, dass ich etwa drei Mal so viele Zitate ausgewählt habe als bei Seneca.
  • Den Göttern verdanke ich 's, dass ich nicht weiter kam in der Redekunst, der Dichtkunst und den andern Studien, die mich ganz in Beschlag genommen hätten, wären mir gute Fortschritte beschieden gewesen. (1)
  • Nach der Weisheit, wie sie in Büchern steht, strebe nicht.
  • Immer sei bedacht, eine strenge und ungekünstelte Gewissenhaftigkeit, Liebe, Freimut und Gerechtigkeit zu üben.
  • Verschwende Deine Zeit nicht an Dinge, die andere angehen
  • Die ganze Erde ist nur ein Punkt im All, und wie klein ist der Winkel auf ihr, wo von uns die Rede sein kann. (4)
  • Widerwärtigkeiten gibt es nur für den, der sie dafür hält. Alles was du siehst, wird sich bald verwandeln, sowie du schon eine Menge Wandlungen durchgemacht hast.
  • Weil es nützlich ist, handelt die Natur notwendigerweise so, wie sie handelt.
  • Befreie deine Gedanken von allem, was unnütz ist. Dann wirst du auch nichts Unnützes tun.
  • Gib dich dem Schicksal willig hin. Erlaube ihm, dich mit den Dingen zu verflechten, die es dir zuerkennt.
  • Wie die Rose die Vertraute des Sommers und die Früchte die Freunde des Herbsts, so ist das Schicksal uns freundlich gesinnt, mag es nun Krankheit oder Tod, Schimpf oder Schande heißen. Denn Kummer machen solche Dinge nur dem Toren.
  • Kann dich denn irgendein Schicksal hindern, gerecht zu sein, hochherzig, besonnen, klug, selbständig in deiner Meinung, wahrhaft in deinen Reden. sittsam und frei in deinem Betragen...?
  • Glücklich sein heißt einen guten Charakter haben. (7)
  • Denke nicht so oft an was dir fehlt, sondern an was du hast.
  • Lebe so, als solltest du jetzt scheiden und wäre die dir noch vergönnte Zeit ein überflüssiges Geschenk.
  • Ohne Unterlass und womöglich bei jedem Gedanken wende die Lehren der Physik, der Ethik und der Dialektik an. [NB: Hier sei bemerkt, dass wir heute statt Physik Naturphilosophie sagen würden]
  • Sei bescheiden, wenn du empfangen und frisch bei der Hand, wenn du etwas weggeben sollst.
  • Sei in deinem Tun nicht fahrlässig, in deinen Reden nicht verworren, in deinen Gedanken nicht zerstreut; lass dein Gemüt nicht eng werden noch leidenschaftlich aufwallen, noch lass dich von Geschäften vollauf in Beschlag nehmen.
  • Alles, was dir geschieht, ist dir von Ewigkeit vorausbestimmt.
  • Ich bin ein Teil des Ganzen und stehe unter der Herrschaft der Natur.
  • Denke daran, dass alles, was jetzt ist, auch einst war und dann schließe, dass es künftig ebenso sein werde.
  • Was sich nicht ziemt, das tue auch nicht. Was nicht wahr ist, sage nicht.

Kann man heute Stoiker sein?

Ich will noch kurz auf die Titelfrage eingehen. Die Stoa als Philosophie wurde vom Christentum herausgefordert und (teilweise) überwunden. Das Christentum setzte der rein auf das Diesseits bezogenen Ethik eine Ethik entgegen, die ihre Maßstäbe aus der Projektion auf das Jenseits ableitete. Das Interesse an der Stoa flammte immer wieder auf. Im 18. Jahrhundert fand ihre Lebenseinstellung Anklang in englischen Adelskreisen. Auch auf dem Kontinent sind die Einflüsse der Stoa wiederzuerkennen, so bei Spinoza, Descartes, Montaigne und Kant. Heute ist selbst das akademische Interesse relativ gering. Auf der Homepage eines Interessentenkreises 'Philosophie der Stoa' heißt es dazu:

 …die Stoa ist eine Philosophie der Krise. Und so besteht immer wieder eine berechtigte Hoffnung, dass sie eines Tages aus ihrem Dämmerzustand erwacht. Seit den politischen Verwerfungen, entfacht durch die Finanzkrise 2009, steht die Kritik an Konsum und Wachstum wieder im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.


Marc Aurel (Kapitolfreihof Rom)

Wie heute vielfach üblich, kann man sich aus dem Gedankengut der Vergangenheit jederzeit das heraussuchen, was einem zusagt. Ein Klassenkamerad aus meiner Jugend bezeichnet sich heute als Buddhist. Ein vor kurzem verstorbener Freund bezeichnete sich als Atheist und Agnostiker. Wem die Lehren einer bestimmten Religion nicht zusagen, mischt sich mitunter eine synthetische Lehre zusammen, einen Cocktail. In diesem Sinne kann es hilfreich sein, sich auch einige Ideen der Stoiker zu eigen zu machen. Das moderne Leben kann leicht zu Unruhe, Unsicherheit und seelischer Belastung führen. Dem kann man entgegenwirken, indem man sich wie ein Stoiker bemüht, unnötige Einflüsse und Störungen von sich fern zu halten. Leider deckt sich unsere Vorstellung von Glück nicht mit der Vorstellung der Stoiker. Sie ist zu sehr abhängig von andern Menschen oder von der Umgebung. Das ist zwar eine Stärke, aber auch eine Schwäche.

Historische Zusatzbemerkungen

Beide Autoren lebten nach dem Auftreten des Christentums.  Lucius Annaeus Seneca war in Cordoba geboren und war als Kleinkind auf den Armen seiner Tante nach Rom gekommen. Senecas Bruder Gallio wurde Statthalter der Provinz Graecia (Griechenland) und wird in der Apostelgeschichte des Paulus erwähnt. Während der Zeit des Augustus und Tiberius stieg Seneca als Anwalt und Senatsmitglied auf und erwarb großen Reichtum. Er wurde als Schriftsteller und Redner berühmt. Zur Zeit des Claudius wurde er in eine achtjährige Verbannung nach Korsika geschickt. Später wurde er Erzieher des jugendlichen Nero. Im Jahre 55 bekleidete er das Amt eines Konsuls. Es gelang ihm nicht, Neros irrationalem Temperament gegenzusteuern. Schließlich wurde er vom Kaiser der Beteiligung an einer Verschwörung beschuldigt und die Selbsttötung befohlen. Diesem Befehl kam Seneca ohne Zögern nach.

Auch Marc Aurel stammte aus einer reichen, in Rom ansässigen spanischen Familie. Er wurde von Kaiser Antoninus Pius adoptiert und als sein Nachfolger eingesetzt. Er gilt als der Philosoph auf dem Kaiserthron. Obwohl er sich um die Erleichterung des Loses der Slaven, Frauen und Armen bemühte, trafen ihn im Innern Überschwemmungen, Hunger und Pest. Außerdem flammten spontane Christenverfolgungen auf. An den Grenzen des Reiches hatte er es mit den Parthern in Asien und den Markomannen im Donauraum zu tun. Seine Schriften entstanden  vorwiegend im Feldlager. Sie waren in Griechisch verfasst.

NB: Marc Aurel dachte über christliche Märtyrer so ähnlich wie wir über islamische Selbstmordattentäter. Sie zeigten nach seiner Meinung einen ‚grundlosen Trotz‘. Von der Vernunft in Kombination mit Pflichtgedanken gelange man zu praktischer Ethik. Er war in diesem Sinne ein Vorläufer Immanuel Kants.

Kommentare:

  1. Am 2.10.2013 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Die Stoa hat die Logik des Aristoteles auf einen ersten Höhepunkt geführt. Das Zweiwertigkeitsprinzip wurde formuliert u.a. als Satz vom Widerspruch. Damit fängt jede Logik an. Die Stoiker sind so gesehen die Erfinder des Bits. Heinrich Scholz "Abriß der Geschichte der Logik" nennt die Kontribution der Stoiker zur Logik als ihr Hauptverdienst.

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  2. Am 2.10.2013 schrieb Peter Hiemann aus Callian bei Grasse:

    die Weisheiten der alten Männer der Antike erfreuen sich sicher beim Publikum noch heute großer Beliebtheit. Viele der Aussagen, die Sie zitieren, sind einleuchtend und einprägsam. In der Antike galten Philosophen nicht nur als die alles überragenden Wissenschaftler, sie waren es auch, es war oft ihr Beruf. Einige Aussagen, die Sie zitieren, machen das deutlich. Die antiken Philosophen versuchten Antworten auf allgemeine Fragen zu finden:

    Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

    Viele moderne Philosophen sehen sich immer noch als „überragenden Wissenschaftler“. Damit sie diesem Anspruch gerecht werden können, werden sie nicht umhin kommen, die allgemeine antike Fragestellung zu ersetzen:

    Was ist die heutige Wissensbasis und wie kann sie erweitert werden?
    Was bewirkt existierendes Wissen für das geistig-kulturelle Umfeld?
    Was kann mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erschlossen werden?

    Bis jetzt können die wenigsten modernen Philosophen von sich behaupten, dass sie verfügbarem Wissen vieler spezialisierter Wissensdomänen etwas (Übergeordnetes?) hinzufügen konnten, was spezialisierte Wissenschaftler übersehen hatten. Ich bin gespannt von Ihnen zu erfahren, was Theologen über den Paradigmenwechsel von der antiken Philosophie zur christlichen Weltanschauung herausfinden konnten.

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  3. Am 5.10. 2013 ergänzte Peter Hiemann:

    Für mich wäre interessant, die geistig-kulturellen philosophischen Unterschiede zwischen der antiken Gesellschaft Griechenlands und der mittelalterlichen Gesellschaft in Europa einmal zu analysieren. Bei einer derartigen Analyse könnte das Modell strukturgekoppelter Systeme vielleicht gute Dienste leisten. Ich behaupte, dass die antiken geistig-kulturellen Vorstellungen mit den antiken Vorstellungen demokratisch organisierten Städtegesellschaften korrelieren (strukturell gekoppelt sind). Die mittelalterlichen geistig-kulturellen Vorstellungen in Europa sind mit den feudalistisch-christlich organisierten Gesellschaften korreliert (strukturell gekoppelt).

    Ich vermute, dass christlichen Theologen die antiken Vorstellungen erst nach der langen „Geistesperiode“ der Scholastik „wiederentdeckt“ haben. Ob und welche Rolle das für geistig-kulturelle Veränderungen in Europa hatte, bleibt eine interessante Frage für sich.

    NB (Bertal Dresen): Ich befürchte, dass ich Ihnen dabei nicht viel helfen kann. Es wäre sicherlich zu sehr vereinfachend, würde man das Altertum mit den städtischen Gesellschaften Athens oder Roms gleichsetzen. Auch die berühmte Athener Demokratie war nur eine kurze Episode von 2-3 Generationen. Der Normalfall war die Diktatur oder die sehr hierarchische Gesellschaft der Mazedonier-Könige Philipp und Alexander, sowie deren Nachfahren.

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  4. Am 6.10.2013 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    der Hinweis, dass auch Diktaturen die antiken Gesellschaftstrukturenen geprägt haben, wirft die gerenerelle Frage auf, ob und welchen Einfluss Diktaturen langfristig auf geistig-kulturelle Vorstellungen hatte und heute hat. Aus der deutschen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts lässt sich eigentlich vermuten, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch die DDR Parteidiktatur am Ende bewirkt haben, dass deren geistig-kulturelle Vorstellungen abgelehnt werden.

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