Mittwoch, 14. Mai 2014

Vom Garten Eden bis zu den Hängenden Gärten der Semiramis – was ist da Wahres dran?

Bei meinen diversen Reisen machte ich gerne einen Umweg, wenn es darum ging, einem in der frühen Geschichte der Menschheit überlieferten Großereignis auf den Grund zu gehen. Die folgenden fünf Sagen oder Geschehnisse sind relativ präzise dokumentiert. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden intensive Bemühungen unternommen, die etwas wunderlichen Ereignisse zu lokalisieren, bzw. zeitlich einzuordnen. Dass dabei moderne technische Mittel verwandt wurden, versteht sich von selbst. Im Folgenden wird für jedes Ereignis der neueste Stand der Forschung kurz beschrieben. Ich beschränke mich dabei auf Sagen aus dem östlichen Mittelmeerraum.

Garten Eden (vor etwa 12.000 Jahren)

Die Bibel (Genesis) lokalisiert den Garten Eden durch die Angabe von vier Flüssen, die aus ihm entspringen sollen: Euphrat, Tigris, Pischon und Gihon. Während mit Euphrat und Tigris das Zweistromland Mesopotamien ins Blickfeld rückte, gaben die beiden andern Flüsse Rätsel auf. Leute, die meinten, dass man geografische Angaben nicht ernst nehmen könnte, brachten den Nil, den Indus und den Ganges ins Spiel. Andere hielten die Idee bereits für absurd, überhaupt einen konkreten Ort zu vermuten. Der erste, der sich über diese Art von Bedenken hinwegsetzte, war übrigens Heinrich Schliemann (siehe unten).


Flüsse aus dem Garten Eden (nach D. Rohl)

In einer Fernseh-Sendung bei Phoenix wurden dieser Tage die Deutungsversuche des englischen Ägyptologen David Rohl vorgestellt. Er sieht im Pischon den Sefid Rud (auch Qezel Uzan genannt), der die Stadt Rascht südlich umfließt und im Kaspischen Meer endet. Der Grenzfluss namens Aras zwischen Armenien und der Türkei, bzw. zwischen der aserbaidschanischen Enklave Nachitschewan und dem Iran, soll bis ins 7. Jahrhundert Gyhun geheißen haben. Er umfloss einst das Land Kusch, das in der Bibel erwähnt wird. Er mündet in der Nähe von Baku ins Kaspische Meer. Der Garten Eden soll demnach in der Ebene zwischen der Stadt Täbris im Iran und dem Urmia-See gelegen haben. Das Wort Eden bedeutet im Sumerischen ‚Steppe‘. Die Gegend um den Urmia-See ist heute sehr trocken, der See selbst ist im Begriff zu versalzen und auszutrocknen. Paradies ist das altpersische Wort für umzäunten Palastgarten. Sprachgeschichtlich deutet alles auf einen von Steppe bedrohten Garten. Rohls Meinung würde von der Wissenschaft (noch) nicht akzeptiert, heißt es. Andere Autoren verweisen auf eine mögliche Lage südlich des Schatt el-Arab, dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, im Gebiet des Persischen Golfes oder an versunkene Inseln in der Straße von Hormuz. Diese Lage erscheint mir weniger plausibel als Rohls Vorschlag.

In der Vertreibung aus dem Paradies sehen Kulturgeschichtler die Erinnerung an die Altsteinzeit, als der Mensch noch keinen Ackerbau kannte und als Jäger und Sammler wörtlich ‚von der Hand in den Mund‘ lebte. Diese Lebensweise wird in vielen Weltgegenden noch bis heute gepflegt, etwa in der Südsee. Zeitlich gesehen fand der Übergang von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit im Vorderen Orient (dem so genannten „Fruchtbaren Halbmond“) vor etwa 20.000 bis 12.000 Jahren statt. Es war die Zeit der ersten Garten- und Feldbearbeitung, der Domestizierung von Haustieren und der Gründung von Städten. In Europa und Amerika vollzog sich dieser Übergang erheblich später.

Sintflut (um 5.600 vor Chr.)

Während der Lokalisierungsversuch für den Garten Eden für mich neu war, gab es für die biblische Sintflut schon seit längerem Erklärungsversuche. Das Ereignis, dass hier seinen Widerhall findet, sei das Einbrechen von Mittelmeerwasser ins Schwarze Meer gewesen. Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass es außer in der Bibel auch im Gilgamesch-Epos und andern Dokumenten aus der Region erwähnt wird.

Während der Vergletscherung der Alpen und Skandinaviens (Würm- bzw. Weichsel-Eiszeit) vor etwa 12.000 Jahren lag der Wasserspiegel des Mittelmeeres etwa 120 Meter tiefer als heute. Später lag er immer noch etwa 35 Meter tiefer als heute. Als durch Zufluss vom Atlantik der Wasserspiegel weiter anstieg, wurde schließlich die Barriere zum Schwarzen Meer überschwemmt. Das geschah etwa 5.600 vor Christus. An Bohrkernen im Schwarzen Meer liegen die Ablagerungen eines Salzmeers über denen eines Südwassersees. Eine Sandschicht dazwischen bestätigt, dass es zwischenzeitlich heftige Turbulenzen und Wasserbewegungen gab.

Die Ufer rund ums Schwarze Meer waren um diese Zeit bereits dicht bewohnt, so dass es zur Überschwemmung menschlicher Siedlungen und Abwanderungen ins Landesinnere kam. Der Berg Ararat, an dem die Arche des Noah schließlich gelandet sein sollte, ist mit 5.137 Metern die mit Abstand höchste Erhebung im gesamten Gebiet. Er hüllte sich den ganzen Tag in Wolken, als ich 1989 in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, war. Wenn nicht an einer Bergwand, so kann der mittels eines Bootes geflüchtete Noah auch nach der Beruhigung des Wassers irgendwo in der Nähe an Land gegangen sein. Der bereits erwähnte Name der Enklave Nachitschevan heißt auf Deutsch ‚Land der Landung‘. In der Bibel und auch in den andern alten Schriften wird die Sintflut als göttliche Reaktion auf eine Rebellion verführter Menschen verstanden. Es wurde ein Teil der Menschheit flächendeckend ausgerottet.

Atlantis (um 1500 vor Chr.)

Jetzt kommt endlich eine Sage, bei der ich einige der vermuteten Lokalitäten selbst in Augenschein nahm. Der ursprüngliche und einzige Bericht steht bei Platon, und zwar in den um 360 vor Chr. verfassten Dialogen „Timaios“ und „Kritias“. Er soll die Sage in Ägypten erfahren haben. Laut Platon handelte es sich bei Atlantis um eine Seemacht, die ausgehend von ihrer „jenseits der Säulen des Herakles“ (also im Atlantik) gelegenen Hauptinsel große Teile Europas und Afrikas unterworfen hatte. Nach einem gescheiterten Angriff auf Athen sei Atlantis schließlich um 9600 vor Chr. infolge einer Naturkatastrophe innerhalb „eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ untergegangen. Während Althistoriker und Philologen überwiegend von einer Erfindung Platons ausgehen, vermuten manche Autoren einen realen Hintergrund der Geschichte und unternahmen unzählige Versuche, Atlantis zu lokalisieren (siehe auch Lokalisierungshypothesen zu Atlantis).

Nachdem der britische Archäologe Arthur Evans zu Beginn des 20. Jahrhunderts die minoischen Ruinen auf Kreta ausgegraben und die vormalige Existenz dieser bis dahin sagenhaften Kultur bewiesen hatte, wurden die ersten komplexen Theorien aufgestellt, welche das minoische Kreta als das von Platon beschriebene Atlantis identifizierten. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos (1901-1971) vertrat die Position, dass der Vulkanausbruch auf Santorin um 1500 vor Chr. eine Flutwelle (Tsunami) ausgelöst habe, welche die minoischen Zentren auf Kreta vernichtete. Ich besuchte 1988 die von Marinatos ausgegrabene Siedlung Akrotiri auf der Südseite der Insel Santorin. Spätere Forschungsergebnisse zeigten allerdings, dass der Untergang der minoischen Kultur erst geraume Zeit nach dem massiven Vulkan-Ausbruch erfolgte. Auf Kreta gab es zum Beispiel auch spätere Keramikstufen, die in Akrotiri nicht mehr vorkamen. Durch neuere dendrochronologische Untersuchungen wird der Ausbruch inzwischen auf das Jahr 1613 vor Chr. (+/- 10 Jahre) datiert. 


Ausgrabung in Akrotiri

Auch der französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) hat in den Gewässern vor Santorin im Auftrag der griechischen Behörden in den Jahren 1975 und 1976 nach Überresten von Atlantis geforscht. Sein Projekt soll mit 1,8 Mill. US-Dollar von der Staatskasse Griechenlands subventioniert worden sein. Da es völlig erfolglos verlief, ließ Cousteau die Öffentlichkeit wissen, bei der Sage von Atlantis handele es sich nur um ein von Platon geschaffenes Märchen. Das legendäre Inselreich habe es nie gegeben. In jüngster Zeit stoßen immer mehr Forscher (unter anderem aus Israel) zur ‚Minoer-Fraktion‘, wobei das Minoer-Reich als riesiges Seefahrer-Imperium angesehen wird, das sich über den gesamten Mittelmeer-Raum erstreckt haben soll.

Trojanischer Krieg (um 1300 vor Chr.)

Auch hier verbrachte ich 2003 einen ganzen Tag auf Spurensuche. Heinrich Schliemann (1822-1890) war der erste, der Homers Bericht in der Ilias einen wahren historischen Kern zugrunde legte. Er und seine Nachfolger  ̶  so der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann (1942-2005)  ̶  wiesen eindeutig nach, dass es der Hisarlik-Hügel bei Canakkale an der türkischen Dardanellenküste war, auf dem das Troja Homers stand. Die von Homer beschriebene Landschaft der Troas sieht genau so aus, wie er sie beschrieb. Das Meer ist sowohl in westlicher Richtung als auch nach Norden ungefähr gleich weit entfernt. Es war im Altertum sicherlich noch näher, da der Fluss, der an der Stadt vorbeifließt, Geröll und Sand angelandet und die Küstenlinie nach außen verschoben hat.


Osttor der Kernstadt

Im Grunde ist Troja ein riesiger Schutthügel, in dem Generationen von Archäologen ihre Grabungsspuren hinterlassen haben. Gut zu erkennen und gut beschildert sind die verschiedenen historischen Schichten, die mit Troja I bis Troja XIII bezeichnet sind. Troja VII gilt als die Schicht, die im trojanischen Krieg, also um 1300 vor Christus, zerstört wurde. Troja XII war eine römische Stadt. Troja XIII war ein byzantinischer Bischofssitz, der bis ins neunte Jahrhundert bestand. Unsere Besichtigung begann am Osttor der Stadt. Die freigelegte Stadtmauer ist hier mehr als fünf Meter hoch und schräg nach hinten geneigt. Mitten durch den Hügel von Hisarlik hat Heinrich Schliemann einen tiefen Graben in nord-südlicher Richtung gezogen. Er begann diesen an der Seeseite, da hier die Mauer etwas abgerutscht war. Er legte Häuser in der Schicht II frei, die mit Fischgrätmustern verziert sind und aus der Steinzeit stammen. 


Schliemann-Graben

Fündig wurde er aber schließlich am Westtor, als er neben der Rampe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den so genannten Schatz des Priamos ausgrub. Heute sagen die Archäologen, hätte er ihn doch nur gleich am Anfang gefunden. Er hätte die Stadt weniger zerstört. In der Ebene zwischen nördlicher Stadtmauer und Meer liegen zwei Grabhügel, die seit der Antike als die Gräber von Achill und Hektor angesehen werden. Sie wurden bisher nicht geöffnet. 


Westtor mit Rampe

Der Tübinger Archäologe Korfmann war der Ansicht, dass Troja eine Handelsniederlassung der Hethiter war. Er fand unter anderem eine Tontafel in hethitischer Keilschrift. Darin schreibt eine Mutter ihrem Sohne: „Sag Deiner Frau, sie soll während Deiner Abwesenheit bei mir wohnen. Das ist besser für die öffentliche Meinung“. Dass nur deutsche Archäologen in Troja graben, fand unser Reiseleiter eher problematisch. Man erfahre dann nämlich nur, was gefunden wurde, wenn man deutsch lesen kann. Die türkische Regierung täte nichts, um ihre Bevölkerung über das Erbe aus griechischer Zeit zu informieren.

Hängende Gärten der Semiramis (um 700 vor Chr.)

Während der Turm von Babel eindeutig als gestufter Tempelturm (Zikkurat) erklärt wurde, ist die Lage und das Alter der Hängenden Gärten umstritten. Das Gebiet südlich von Bagdad mit den Städten Ur, Uruk und Babylon ist das Gebiet, in dem die Sumerer die ersten städtischen Siedlungen der Menschheit gründeten. Hier wurde auch die älteste Schrift der Menschheit, die Keilschrift, erfunden. Sie diente zur Unterstützung der Verwaltung und Buchhaltung. Die Gärten kommen in einer Vielzahl von Berichten meist griechischer Autoren vor. Sie galten als eines der sieben Weltwunder der Antike. Die griechische Sagengestalt der Semiramis wird manchmal mit der assyrischen Königin Schammuramat gleichgesetzt, die um 800 vor Chr. gelebt haben soll.

In den Quellen wird ein terrassenförmiges Gebäude beschrieben mit einer Seitenlänge von 120 Metern. Die Terrassen erreichten eine Höhe von etwa 25 bis 30 Metern. Unter den einzelnen Stufenabsätzen sollen sich Gänge befunden haben. Die Etagenböden sollen aus dicken Bleiplatten bestanden haben sowie Lagen aus Stroh, die mit Asphalt durchdrängt waren. Darauf war Humus angebracht. Der deutsche Archäologe Robert Koldewey (1855-1925) vermutete den Garten im Nordostteil des Südpalastes, dessen Fundament aus mehreren überwölbten Räumen bestand. Dieser Bau wird heute der Zeit des Nebukadnezar II. (605-562 vor Chr.) zugerechnet, unter dessen Herrschaft sich das jüdische Volk im babylonischen Exil befand.

 Künstlerische Darstellung (16. Jht)

Eine neue, recht überzeugende Auffassung wird von der englischen Assyrologin und Keilschriftexpertin Stephanie Dalley vertreten. Sie legte bereits Anfang der 1990er Jahre Argumente für die Deutung vor, die Hängenden Gärten seien der Palastgarten des assyrischen Königs Sanherib gewesen, der rund 100 Jahre vor dem babylonischen König Nebukadnezar II. gelebt hatte. Dieser Palastgarten liegt in Ninive am Tigris, einem Stadtteil der heutigen Stadt Mosul. Der Garten sei für Sanheribs Gattin Tāšmetun-Šarrat erbaut worden. Dalley untermauerte 2013 ihr Plädoyer für Ninive in einem Buch mit weiteren Belegen aus topografischen Untersuchungen und historischen Quellen. In einer von Arte ausgestrahlten Fernsehsendung zeigte sie vor kurzem Reste eines Aquädukts mit Saheribs Namen auf jedem Bogen. Die Bögen haben exakt die Form, wie sie in alten Zeichnungen vorkommen, welche die Hängenden Gärten darstellen sollen. Für die Gewinde, auch archimedische Schrauben genannt, mit deren Hilfe das Wasser innerhalb des Gartens nach oben transportiert wurde, wird in alten Keilschrifttexten das Wort für Dattelpalme benutzt. Eine Palme, deren Blätter spiralförmig von unten nach oben entfernt worden waren, gab ihr den erklärenden Hinweis. Wegen der militärischen Lage wagte sie es nicht, selbst das Palastgelände zu betreten. Sie fand jedoch zwei mutige Männer, die in ihrem Auftrage das Gelände fotografierten. Deutlich lässt sich ein zum Flussufer sich neigender Hang erkennen. Sanherib ist der hebräische Name des neuassyrischen Königs, der von etwa 705 bis 680 vor Chr. regierte. Er war der Sohn Sargons II., eines Königs, der Historikern besser bekannt ist und der von 721 bis 705 vor Chr. regierte. Im Jahre 612 vor Chr. wurde Ninive als dritte und letzte Hauptstadt Assyriens (nach Assur und Nimrud) von den Medern und Babyloniern zerstört.

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