Mittwoch, 3. August 2016

Physik zwischen Kritikern und Bewunderern ̶ Von Alexander Unzicker bis Natalie Knapp

Schon mehrmals habe ich mich mit dem Erscheinungsbild und dem Selbstverständnis der modernen Physik befasst. Ich berichtete sowohl über die Meinung von einigen prominenten Physikern (Rothman und andere) wie über die populistische Kritik eines Außenseiters (Unzickers Tiraden). Es wirkt gerade zu erfrischend zu sehen, dass die moderne Physik sehr inspirierend wirken kann für Autoren, die nicht aus der Physik stammen. Manchmal können Insider von Außenstehenden lernen.

Eines Krakeelers angekratzte Platte

Wenn ich jedes Buch einzeln bezahlen müsste, das mir im Rahmen meines Skoobe-Abos angeboten wird, würde ich viel weniger lesen. Jetzt kostet es mich nur die Zeit. Bei Alexander Unzickers zweitem Buch wollte ich nur hineinschnuppern. Dann las ich es doch vollends zu Ende. Es heißt: Auf dem Holzweg durchs Universum. Warum sich die Physik verlaufen hat. (Erschienen 2012, 253 Seiten).

Manche Fragen, die Unzicker stellt, stellen sich alle Physiker. Sie sind halt unbeantwortet. Vier Beispiele vorweg: Warum ist Gravitation so schwach? Können sich Naturkonstanten ändern? Woher kommt Masse? Warum kann das Elektron nicht kugelförmig sein? Bei Unzicker entsteht der Eindruck, dass er in der Physik eine Entwicklung vermutet, wie sie 1870 in der katholischen Kirche nach dem ersten vatikanischen Konzil eintrat. Es setzte sich die Meinung einer Mehrheit durch. Die unterlegene Minderheit zog sich zurück (oder löste sich von der Kirche). Das Ereignis, das die Physik spaltete, war die berühmte (fünfte) Solvay-Konferenz von 1927. Es setzten sich Niels Bohr, Max Born, Werner Heisenberg und andere durch, das so genannte Kopenhagener Modell. Die Fragen, die Albert Einstein, Erwin Schrödinger und Paul Dirac beschäftigten, wurden zur Seite geschoben. Einstein wollte keinen Zufall, Dirac spekulierte über große magnetische Monopole, Schrödinger sah nur Wellen, aber keine Partikel. Die Kopenhagener Gruppe sei Schuld daran, dass es heute kein einheitliches Bild der Physik gäbe. Ein Beispiel für diesen Irrweg sei die Stringtheorie.

Die Stringtheorie ist auf dem Weg zur Esoterik. Sie erinnert mehr ans Messen lesen als ans Messen. Auch die ‚Loop quantum gravity‘ eines Lee Smolin ist nicht besser.

Eine Aussage sei als Beispiel herausgegriffen. Richard Feynmans Quantenelektrodynamik (QED) würde heute als sehr erfolgreich angesehen. Sie gäbe aber keine Erklärungen, warum etwas geschehe, etwa warum elektromagnetische Felder aus einem Elektron-Positron-Paar spontan entstehen. Feynman habe diese Lücke in der Theorie der Elektrodynamik selbst zugegeben. Die Quantenfeldtheorie (QFT) sei wie die Stringtheorie. Sie sei nicht falsifizierbar. Als völlig offen sieht Unzicker die Frage: Wie wird eine Welle zum Teilchen?

Wer Quantenmechanik und Elektromagnetismus vereinigen will, muss beides besser verstanden haben als Feynman.

Seit den 1930er Jahren würde für jeden neuen Effekt ein neues Teilchen definiert bzw. gefordert. Kraft würde nur erklärt als ein Austausch von Teilchen. Heute umfasst der ‚Teilchenzoo‘ 70-80 Teilchen. Zuletzt kam das Higgs-Teilchen dazu. Diese ganze Richtung gefällt Unzicker nicht.

Der zweiter Hauptsatz der Thermodynamik gilt vor allem in der Physik. Es gibt immer mehr Teilchen und immer mehr Unordnung.

Unzickers zweites Gebiet ist die Astrophysik. Er habe das Gefühl etwas nicht verstanden zu haben, sobald von Dunkler Energie, Quarks, Schwarzen Löchern und Neutrinos geredet würde. Die Kosmische Inflation, die eine zentrale Rolle für die Erklärung der Entstehung des Kosmos spiele, sei ein Ereignis gewesen, das 10 hoch minus 35 Sekunden nach dem Urknall stattfand. Es sei daher völlig unbeobachtet gewesen.

Die Vorstellung, dass die Welt einfach sein muss, war einmal weit verbreitet. Sie ist es nicht mehr. …Eine Theorie ist umso besser, je weniger freie Variable sie benötigt (Ernst Mach)…Auf den Autobahnen der Wissenschaft wächst nicht viel Kreativität. In Big Science fehlen die Geistesblitze; es wird zuviel nachgeplappert.

Ernst Mach (1838-1916) wollte alle kosmischen Kräfte berücksichtigt haben, um den Begriff der Masse zu erklären. Was hat die Gravitationskonstante G mit der Masse im Universum zu tun? So fragt Unzicker. Die Dunkle Materie sei sehr seltsam definiert. Bei der Kollision von Galaxien kollidiere die Dunkle Masse nicht. Sie verklumpe im Zentrum der Galaxie. Die Dunkle Energie sei genau passend definiert, dass die Gravitation nicht zu stark wird. Das klinge nicht sehr überzeugend. Schon Einstein fragte sich, ob die Lichtgeschwindigkeit wirklich konstant sei. Der amerikanische Physiker Robert Dicke (1916-1997) hatte 1957 vorgeschlagen anzunehmen, dass Licht sich im gekrümmten Raum mit variabler Geschwindigkeit bewege. Alle Massen des Weltraums trügen zum Brechungsindex bei. Je mehr Masse im Raum, je langsamer wäre Licht. Was aus dieser Idee wurde, verrät Unzicker uns nicht.

Unzicker glaubt, dass viele physikalische Fragen überzeugendere Antworten fänden, wenn Experimente reproduziert werden könnten, oder, wo dies nicht geht, zumindest die Ergebnisse von Experimenten frei im Netz verfügbar seien. Das scheint nichts als Wunschdenken zu sein.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, wies mich mein Freund und Nachbar Hans Diel auf eine Rezension im Spektrum der Wissenschaft hin. Sie ist sehr kritisch und deckt sich weitgehend mit meiner Meinung. Der letzte Satz lautet:  [Ich] hoffe nur, dass die angekratzte Platte nicht ein drittes Mal aufgelegt wird. Nicht nur in der Physik, sondern auch in anderen Fachgebieten, wird die Auswahl von Forschungszielen dadurch beeinflusst, was gerade als Modethema gilt, wofür es öffentliches oder privates Geld gibt, und was im Hinblick auf eine akademische oder sonstige Karriere als erfolgversprechend angesehen wird. Daran wird Alexander Unzicker so schnell nichts ändern.

Einer Philosophin ultimative Hoffnung

Eigentlich wollte ich Unzickers zweites Buch hier gar nicht mehr erwähnen. Als ich einige Wochen später Natalie Knapps Buch las, drängte es sich auf quasi als Gegenstück. Knapp (*1970) hat in Freiburg Philosophie studiert. Sie war einige Zeit in der Kulturredaktion des SWR in Baden-Baden tätig, ehe sie nach Berlin zog. Das Buch heißt Der Quantensprung des Denkens. Was wir von der modernen Physik lernen können. (Erschienen 2011, 275 Seiten).

Es faszinierte mich zu sehen, wie jemand, der aus der Philosophie kommt, sich bemüht, eine Brücke zu bauen zwischen Philosophie einerseits und Physik andererseits, ja zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Auch das Thema hat mich schon öfters beschäftigt. Besonders an die Sicht von Manfred Eigen und Friedrich Dürrematt werde ich hier erinnert. Die Berührungspunkte von Philosophie und Biologie, die meinen Freund Peter Hiemann so sehr interessieren, sollen hier außen vorbleiben.

Seit es die Kopenhagener Interpretation der Quantenphysik gibt, ist für viele den Naturwissenschaften zuneigende Menschen eine Grenze überschritten worden – nicht nur für Alexander Unzicker. Für andere rücken Physiker und Philosophen endlich etwas zusammen – so sieht es Natalie Knapp. Die Quantentheorie vereinige die reale Welt mit der immateriellen, also der 'geistigen' Welt. Als Kronzeuge wird Werner Heisenberg bemüht. Seine Unschärfe-Relation reiße endgültig die Mauer herunter zwischen Physik und Geist, zwischen toter Materie und dem Lebendigen, zwischen vergangener materialistischer Erstarrung und dem modernen Heute. Das klingt mir alles reichlich euphorisch. Daher das Ganze nochmals im Detail.

Nicht alles, mit dem sich Physiker beschäftigen, setzt Materie voraus. Lange meinten auch Physiker Wellen benötigten Äther als Träger, da wo es weder Wasser noch Luft gibt. Sie haben sich davon gelöst. Es gibt immaterielle Felder, wie schon Michael Faraday erkannte. Elektromagnetische Wellen breiten sich auch im Vakuum aus. Sind sie deshalb Geist? Wohl doch kaum. Niels Bohrs Komplementaritätsprinzip verlangt, dass einzelne Teilchen sich angeblich frei entscheiden, ob sie lieber Welle oder Partikel sein wollen. Ihr Zustand reflektiert eine Wahrscheinlichkeit. Wenn sie nicht beobachtet sind, verhalten sie sich wie der Teil eines Systems. Beim Messen kollabiert die Welle der theoretischen Möglichkeiten. Es tritt ein ‚reales‘ Teilchen in Erscheinung. Ist das eine Form von freiem Willen? Verfügen Teilchen über einen  ̶  wie auch immer gearteten Willen?

Die Quantentheorie hat es Natalie Knapp angetan. Quanten heißen auch Photonen. Im Gegensatz zu Elektronen besitzen sie keine Masse, sind also keine Materie im engeren Sinne. Photonen erzeugen beim Doppelspaltexperiment Streifen. Diese verschwinden bei der Beobachtung. Durch die Quantentheorie würde der Materialismus endlich überwunden, meint Knapp. Alles sei nur Gewebe; alles sei mit allem verwoben. Das Atom stelle ja nur eine Ansammlung von Bewegungen im leeren Raum dar, ein Schwanken zwischen Existenz und Nicht-Existenz, ein energetisches Gewebe. Was ist es dann anders als unsere Gedankenwelt? Eine Brücke zwischen Materie und Geist würde sich auch in einem Zitat von Anton Zeilinger (*1945) andeuten: Materie ist Information. Es erschließt sich nur das, wonach wir fragen. Da schon Plato Ideen höher schätzte als Realität, seien auch wir nicht an den Materialismus gebunden. Die Idee einer Sache sei die Abstraktion ihrer Eigenschaften. Dieser Gedanke des Aristoteles erscheint plötzlich wie eine neue Offenbarung. Träume stellen rund ein Drittel unseres Lebens dar. Ob es daher nicht berechtigt sei, sie als Teil der Wirklichkeit anzusehen? Das Immaterielle bestimme unser Leben.

Sehr mutig, ja teilweise provokant ist, was Natalie Knapp zum Thema Denken sagt. Denken sei die Fähigkeit, Wahrnehmungen angemessen zu strukturieren. Um Neues zu denken, muss man rechnendes Denken aufgeben (ein Begriff von Martin Heidegger). Es sei denkendes Denken erforderlich. Damit sei geisteswissenschaftliches Denken gemeint. Man müsse bereit sein, den Raum des Nicht-Wissens zu betreten. Die reine Verarbeitung von Informationen sei eine kümmerliche Form des Denkens. Der Instinkt sei auch beim Denkens entscheidend. Ahnung und Intuition seien nicht zu vernachlässigen. Ein Schachmeister habe unbewusste Denkstrukturen entwickelt, die ihn Stellungen als Ganzes schnell bewerten lassen. Vom Unterbewussten würden mehr Daten verarbeitet als vom Bewusstsein, außerdem parallel. Es öffnen sich Türen, die rationalem Denken verschlossen sind

Einige gute Gedanken bringt Knapp beim Thema Sprache zum Ausdruck. Sie zitiert unter anderem Ludwig Wittgenstein mit dem Satz: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Begriffe seien am Anfang immer Metapher (oder Analogien). Die Sprache sei mehr als das, was sich als geschriebener Text vermitteln lässt. Das wusste ja Sokrates bereits. Gesprochene Sprache wird durch unsere Atemtechnik beeinflusst. Dass wir Menschen Schwierigkeiten haben, uns mehr als vier Dimensionen vorzustellen, läge auch daran, dass wir dafür (noch) keine Sprache haben.

Ein Nachtrag

Einige dieser Gedanken werden in einem späteren Buch derselben Autorin aufgegriffen und weiterentwickelt. Es ist das Buch: Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können. (Erschienen 2013, 336 Seiten). Nur ein paar Highlights.

Ein Hermeneutischer Zirkel drückt sich laut Martin Heidegger darin aus, dass ein Text ohne Leser gar nichts bedeutet. Eine Dekonstruktion im Sinne Jacques Derridas tritt dann ein, wenn Überzeugungen der Vergangenheit verändert werden, um die Zukunft zu verstehen. Sie kämen heute hauptsächlich in den Geisteswissenschaften vor, noch zu wenig in den Naturwissenschaften. Hermann Hakens Selbstorganisation ließe Neues entstehen durch Beziehungen. Er nennt es Emergenz. Unser Gehirn emergiere aus den Nervenzellen. Diese haben nur zwei Zustände Feuern/Nicht-Feuern. Emergenz geschähe ohne Plan. Es entstehen komplexe Organismen. Das Internet bewirke eine virtuelle Evolution. Wir reagieren schneller auf Wissenslücken und knüpfen leicht neue Beziehungen. Es fänden mehr Rückkoppelungen statt. Beziehungen führten zum Denken und damit zum Sprechen. Schriftsteller pflegten das analoge Denken, das Denken in Analogien. Gene sind konservative Kräfte. Sie erhalten die erreichte Komplexität. Zellen ändern sich laufend und passen sich der Umwelt an.

Zusammenfassung und Bewertung

In jeder Wissenschaft gibt es offene Fragen. Sie sind kein Zeichen von Schwäche oder von Nachlässigkeit. Eine Wissenschaft erzielt ihre Fortschritte oft dadurch, dass zunächst unbewiesene Hypothesen oder Theorien formuliert werden. Karl Popper (1902-1994) hat es geradezu zum Lackmustest einer Wissenschaft erhoben, dass sie nur Theorien zulässt, die sich auch als falsch erweisen können, sollten die dafür benötigten Beweise und Indizien auftreten. Eine so verstandene Wissenschaft ist das Beste, was wir Menschen zurzeit haben.

Wenn wir zwischen zwei Theorien wählen müssen, von denen wir noch keine falsifizierenden Messungen oder Beobachtungen haben, dann kann es sinnvoll sein, derjenigen Theorie den Vorzug zu geben, die uns einfacher erscheint. Das ist das berühmte Rasiermesser des William von Ockham aus dem 14. Jahrhundert (engl. Occam’s rasor). Sehr oft erwiesen sich die einfachen Lösungen als nicht haltbar. So erging es auch René Descartes (1596-1650), der die Welt zwischen Materie und Geist aufteilte. Dass man Geist leugnete und alles zur Materie erklärte, war in gewissen Kreisen lange die vorherrschende Doktrin. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat diese Weltanschauung desavouiert.

Geradezu naiv mutet es an, wie Natalie Knapp sich bemüht, gewisse Ergebnisse der Physik so zu interpretieren, als ob jetzt eine Inbesitznahme der Realität durch den immateriellen Geist erfolgt sei. Was wirklich nottut, ist eine bessere Differenzierung. Es müssen unter anderem klare Worte dafür gefunden werden, was die immateriellen Ausdrucksformen der Natur von dem unterscheidet, was der menschliche Geist an Gedanken oder Gefühlen formuliert. Dass unsere Gedanken und Gefühle ein Korrelat in der realen Welt haben, liegt zwar nahe, ist aber noch lange nicht bewiesen. Wie weit man heute noch bei sehr grundlegenden Begriffen, selbst innerhalb von Naturwissenschaft und Technik, auseinander liegt, zeigt der Begriff der Information. Es ist dies eine wiederkehrende Melodie dieses Autors und dieses Blogs.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Nochmals: Meine private Informatik-Erfahrung

Fünf Jahre sind es seit meinem Bericht im Februar 2011 über Meine private Dreischichten-Informatik. Ich möchte heute einige ergänzende Angaben machen. Das Thema ist ja wichtig und interessant genug, um es immer wieder und aus andern Perspektiven zu betrachten. Damals schrieb ich:

Ich benutze Rechner, die ich herumtrage, solche, die ich auf dem Sofa liegend nutze, und solche, für die ich aufstehe und zum Schreibtisch gehe. Ich nenne sie im Folgenden Smartphone, Tablettrechner (Deutsch für Tablet Computer) und Desktop.

Diese Struktur blieb seither unverändert. Nur die beiden mobilen Stufen haben sich in den fünf Jahren dem Stand der Technik folgend laufend angepasst bzw. Zuwachs erfahren. Der Desktop hat sich nicht mehr geändert, abgesehen von einem Release-Upgrade des Betriebssystems. Der damals sich abzeichnende Nutzungstrend hat sich verstärkt.

Die Smartphones

Nach dem iPhone 4 bekam ich irgendwann ein iPhone 5. Meine Frau erhielt das iPhone 4, ich das iPhone 5. Eigentlich waren wir zufrieden. Als Problem erwies sich – wen kann dies wundern – lediglich die Speichergröße. Die 16 GB füllten sich immer wieder, meist der Fotos wegen. Erst als das iPhone 6S herauskam, dessen Speichergrenze bei 64 GB liegt, konnte ich nicht mehr Nein sagen. Für mein iPhone 5 konnte ein anderes Familienmitglied als Nutzer gewonnen werden. Obwohl nur der größere Speicher schon die Anschaffung rechtfertigte, erwiesen sich zwei andere Hardware-Verbesserungen als echte Vorteile. Erstens, der Bildschirm ist 50% größer und hat eine bessere Auflösung. Zweitens, das Telefon ist jetzt sogar nutzbar. (Weitere Zahlen gibt es in einem Beitrag im November)

Alle aktuellen Fotos von Familienereignissen der letzten fünf Jahre (50 Alben, etwa 3000 Fotos) stehen jetzt auf allen Geräten der Hierarchie physikalisch zur Verfügung. Als Backup stehen sie außerdem in einer Cloud. Auch habe ich – bis auf Weiteres – keinen Grund irgendwelche Apps zu löschen, die ich nur ganz selten benutze. Etwa 250 Apps sind derzeit aktiv. Ich teile sie in drei Gruppen ein:

(a) Täglich oft mehrmals genutzt. Das sind etwa 50 Apps. Dazu gehören Mail, WhatsApp, Threema, Facebook, N-TV, SPON (Nachrichtendienst Spiegel Online), Evernote, Google, Google+, Wikipedia, FAZ, Süddeutsche, LinkedIn, Handelsblatt und Heise.

(b) Etwa einmal pro Woche genutzt. Das sind weitere etwa 50 Apps. Typische Beispiele sind Bertals Blog, Kamera, Karten, Kontakte, Onefootball, DER SPIEGEL, Solitaire, Web.de-Foto und Finanzen100.

(c) Etwa einmal pro Monat oder nur gelegentlich benutzt. Das sind die übrigen 150 Apps. Dazu gehören Amazon, Birthdays, dict.cc (Wörterbuch), Das Örtliche (Telefonbuch), Mühle, Sudoko, Vivino (Wein-Scanner) und Youtube.

Der größere Bildschirm führte dazu, dass ich mehr Zeitungen oder Filme auf dem iPhone 6S anschaue als vorher auf dem iPhone 5. Das iPhone 5 hatte ich als Telefon kaum genutzt. Das hing damit zusammen, dass die Antenne so eingebaut war, dass man sie leicht abdeckte. Mit dem iPhone 6S telefoniere ich oft aus reiner Bequemlichkeit. Anstatt eine nicht gespeicherte Telefonnummer im Festnetz zu wählen, tippe ich lieber die Nummer in der Liste meiner Kontakte auf dem Smartphone an. Ob Mobiltelefon oder Festnetz in den Kosten ist kaum ein Unterschied.

Die Tablets

Die weitaus größten zusammenhängenden Zeiten verbringen meine Frau und ich, lesend, schauend und hörend, mit Tablettrechnern. Aus dem einen iPad wurden deren drei. Der neueste ist ein iPad Air. Er ist besonders flach und leicht. Zwei Geräte stehen an zwei Orten im Haus, an denen ich mich wechselweise aufhalte. Das dritte Gerät benutzt meine Frau.



Jede Woche, beginnend am Freitagabend, lesen meine Frau und ich die iPad-Ausgabe des SPIEGEL. Ich habe die rund 100 Seiten in der Regel in zwei Tagen durch, meine Frau braucht manchmal die ganze Woche (Sie kümmert sich nebenher noch um den Haushalt). Der Mehrwert des elektronischen SPIEGELs sind inzwischen Videos zu allen Ereignissen und Reportagen. Neuerdings höre ich auch fast alle Fernseh-Nachrichten (ARD, ZDF) auf dem iPad. Alle Spiele der Fußball-EM, die ich anschaute, liefen auf dem iPad. Dasselbe gilt für jedes Buch, das ich lese. Ich lese mal in einem Raum ein paar Kapitel, dann lese ich im anderen Raum weiter. Die wichtigsten Anwendungen auf den iPads sind derzeit Skoobe, iBooks, SPIEGEL, N-TV, ARD, ZDF, Arte und Google Earth.


Der Desktop

Am Desktop arbeite ich nur, wenn ich viel Text eingebe, d.h. längere E-Mails verfasse oder irgendwelche anderen Veröffentlichungen produziere. Das kommt immer seltener vor. Obwohl die Hardware-Konfiguration de facto unverändert blieb, sorgte die Software für ungeplante Herausforderungen. Auf zwei Episoden will ich kurz eingehen.

Seit einigen Jahren benutzte ich auf dem Desktop das Betriebssystem Windows 8. Irgendwann in den letzten Monaten bot Microsoft einen kostenlosen Upgrade auf Windows 10 an. Der einzige Grund eine Umstellung in Betracht zu ziehen, war die Angst irgendwann vom Service abgehängt zu werden. Dann kam vorübergehend das Gerücht auf, dass der Upgrade alsbald kostenpflichtig würde. Das wurde von Microsoft dementiert. Trotzdem warb Microsoft fast täglich mit Nachrichten am Rechner dafür, die Umstellung vorzunehmen. Irgendwann muss eine solche Nachricht nach Uhrzeiten gefragt haben, wann die Umstellung stattfinden sollte. Ich hatte das übersehen. Jedenfalls wurde ich eines Tages, mitten bei der Texteingabe in Word unterbrochen und die Umstellung wurde gestartet. Etwa eineinhalb Stunden lang war mein Rechner blockiert. Als er wieder freigegeben wurde, war Windows 10 installiert. Ich konnte die Texteingabe an genau derselben Stelle weitermachen, an der ich unterbrochen worden war. Nicht ein einziger Buchstabe war verloren gegangen. Das Layout des Bildschirm hatte sich leicht geändert, aber nicht so, dass man eine längere Umgewöhnung benötigte. Eine einzige Anwendung musste ich neuinstallieren. Es war das Antiviren-Programm. Ich habe bis heute keine neue Funktion genutzt, auch nicht die neue Hilfefunktion namens Cortana. Das Geschäftsmodell, das Microsoft zum Verschenken von Software verleitet, wurde mir alsbald klar. Windows 10 analysiert meinen Rechner und stellt fest, welche andere Software von Microsoft ich installiert habe, für die es einen kostenpflichtigen Update gibt. Der Update wäre doch sehr wertvoll und ich sollte ihn kaufen.

Eine unangenehme Folge hatte die Umstellung. Fast täglich werde ich einmal mit dem berühmten blauen Bildschirm konfrontiert. Ich kannte den bisher nur vom Hörensagen. Der Fehlertext schwankt. Meistens wird als Ursache eine unerwartete Seitenunterbrechung (engl. unexpected page fault) angezeigt. Das Traurige ist, dass ich weder Hinweise zur Behebung des Fehlers erhalte, noch dass der Neustart automatisch erfolgt.

Die zweite Episode ist weniger erfreulich, sowohl für Microsoft wie für mich. Schon vor der Umstellung auf Windows 10 erhielt ich – immer um die Zeit meiner Mittagsruhe – einen Anruf aus Indien. Es stellte sich jemand auf Englisch vor, meistens ein Mann (z. B. mit ‚Hello, my name is Harry‘), manchmal eine Frau, und sagte er oder sie arbeiteten für Microsoft. Man wolle mir sagen, dass mein Rechner immer wieder seltsame Nachrichten an Microsoft sende. Meistens brach ich das Gespräch an dieser Stelle ab. Einmal bat ich darum, mir eine E-Mail mit Details zu senden. Darin wurde der Name eines Virus genannt, der für das Senden der Nachrichten verantwortlich sei. Darauf ließ ich bei mir mein Antivirusprogramm laufen – und siehe da – es fand ein Dutzend Viren.

Ich hatte gehofft, dass damit die Anrufe aus Indien aufhören würden, hatte mich aber leider getäuscht. Als ich daraufhin dieser Tage mein Antivirenprogramm eine neue Analyse vornehmen ließ, fand es in der ersten Million von Dateien nichts. Erst nach 11 Stunden und 19 Minuten wurde es fündig. Es fand zwei Viren in einer Datei, die sich in der Cloud befand. Das fehlt mir noch – dachte ich. Die Cloud war mir schon deshalb lästig geworden, weil ich dafür zusätzliche Speicherkapazität mieten sollte.

Sonstige Anwendungen

Ebenfalls im Februar 2011 berichtete ich über Meine Erfahrungen mit Amazon und eBay. Meine Beziehungen zu beiden Anwendungen bzw. Firmen hat sich sehr unterschiedlich entwickelt. Bei Amazon bin ich ein sehr regelmäßiger Nutzer geblieben. Ich bestelle etwa jeden Monat 1-2 Produkte bei Amazon.  Es sind fast immer Elektro- oder Haushaltsgeräte nebst Zubehör. Die Einfachheit der Bestellung und Abrechnung und die Schnelligkeit der Lieferung beeindrucken mich jedes Mal wieder. Bücher beziehe ich grundsätzlich nicht von Amazon, sondern von Apple (iBooks) oder Skoobe. Meine Hoffnung richtet sich derzeit auf Amazon, was die Lieferung von frischen Lebensmitteln anbetrifft. Wenn irgendjemand dies schaffen sollte, dann wird es Amazon sein, der hierfür eine akzeptable Lösung finden wird. Keinem anderen Dienstleister traue ich es zu. Bei eBay bin ich so gut wie nicht mehr aktiv.

Donnerstag, 14. Juli 2016

Zur Entstehung des Fachgebiets Informatik und zur Frage seiner herausragenden Beiträge

In der Gesellschaft für Informatik (GI) findet gerade eine Diskussion darüber statt, mit welcher Jahreszahl man die Entstehung des Fachgebiets Informatik in Deutschland verbinden sollte. Zur Diskussion steht der Zeitraum von 1956 bis 1968. Gefragt wird außerdem nach den herausragenden Beiträgen deutschsprechender Informatikerinnen und Informatiker. Wer sich zu beidem äußert, muss meines Erachtens zuerst das Thema präzisieren. Die wichtigsten Kriterien sind inhaltliches Fachverständnis, geografischer Betrachtungsrahmen und Einbeziehung von Industrie und Hochschule. Ich will dazu im Folgenden einige Hinweise geben.

Inhaltliches Fachverständnis

Informatik sei die „Wissenschaft der systematischen Verarbeitung von Informationen, insbesondere der automatischen Verarbeitung mit Hilfe von Digitalrechnern“. So lautet die aktuelle, wenig aussagekräftige Definition bei Wikipedia. Sie ist wörtlich aus dem Informatik-Duden übernommen. Ein Problem, das diese Definition hat, ist die zentrale Rolle des Informationsbegriffs. Wie an anderer Stelle in diesem Blog ausgeführt, spalten sich daran die Geister. Fasst man die drei im Informatik-Duden später erfolgenden Definitionen von theoretischer, praktischer und technischer Informatik zusammen, erhält man eine durchaus konsensfähige Umschreibung der so genannten Kerninformatik. Zusammen mit der angewandten Informatik ergibt sich dann das Gesamtbild, das der Situation einigermaßen gerecht wird.


 Genese des Fachs Informatik

Als Teil eines Nachrufs auf Heinz Zemanek [1] hatte ich letztes Jahr sowohl Zemaneks wie meine Sicht auf die historische Entwicklung grafisch dargestellt. In Deutschland und Österreich entstand aus der Nachrichtentechnik zunächst die Informationstechnik. Im Jahre 1986 schrieb Zemanek [2]: Unser Gebiet ist zu einer echten Ingenieurkunst geworden, zu einer Technik, mit der Information fertig zu werden, eben zur ‚Informationstechnik‘.  Da er sich seit 1958 vorwiegend mit reinen Software-Projekten befasste, fand auch bei ihm der Wandel zum Informatiker statt. Eine Art Umweg machte er, indem er sich zwischenzeitlich mit Kybernetik befasste. Zemanek sah den Begriff Informatik  als gut gewählt an. Das Verbindende der Informatik sei die Programmierung, meinte Zemanek. Informatik sei eine Ingenieurwissenschaft für abstrakte Objekte. Der Informatiker sei demzufolge ein Ingenieur neuerer Art – so führte er weiter aus. Er konstruiere zwar zunächst Objekte, die auf Papier stehen, die dann jedoch in die Umwelt oder das Leben von Menschen eingreifen. Wenn heute anstelle von Papier ein Bildschirm tritt, ändert dies nichts an der Art der Aufgabe. Es gilt, vielleicht erst recht, wenn der Computer die Form eines Handys, Navis oder Herzschrittmachers hat. Entscheidend war für Zemanek, dass die Ingenieur-Mentalität nicht auf der Strecke bleibt.

Für viele von uns, die innerhalb der Industrie den Weg in die Informatik fanden, hießen die Vor- oder Zwischenstufen anfangs Datenverarbeitung, später Informationsverarbeitung. Das Zurückdrängen des ersten Begriffes zugunsten des zweiten stellte im Grunde eine gezielte Aufwertung des Faches dar, ohne dass es dafür sachlich belegbare Gründe gab. Ein Grund, warum die USA das Wort Computerwissenschaften gegenüber Informatik vorzogen, sei die Meinung prominenter Kollegen (z.B. Donald Knuth) gewesen, dass Computer stets nur Daten aber keine Informationen verarbeiten könnten.

Geografischer Betrachtungsrahmen

Es ist eine bewusste starke Einschränkung, wenn man ein Fachgebiet nur aus der Sicht eines Landes betrachtet. Für die Informatik ist dies geradezu eine Unmöglichkeit. Wie jeder einschlägig informierte Fachmann weiß, spielte Deutschland bestenfalls eine Nebenrolle, selbst dann wenn wir die zwei anderen deutschsprachigen Länder, Österreich und die Schweiz, mit hinzurechnen. Selbst sich auf Europa zu beschränken und die USA außer Betracht zu lassen, ergibt nur ein sehr unvollständiges Bild.

Das Ursprungsland der modernen Rechentechnik sind ohne Zweifel die USA. Nicht nur akademische Prototypen, sondern auch praktisch nutzbare Produkte gab es rund 10 Jahre früher als in Europa. Die Arbeiten von Konrad Zuse und Alan Turing während des zweiten Weltkrieges nehmen zwar eine Sonderstellung ein. Auf sie soll hier nicht näher eingegangen werden. Die einschlägige Fachgesellschaft in den USA, die Association for Computing Machinery (ACM) wurde bereits 1947 gegründet. Das englische Äquivalent, die British Computer Society (BCS) gibt es seit 1957, die Gesellschaft für Informatik (GI) erst seit 1969. Wer die deutsche Informatik mit der GI gleichsetzt, neigt leicht dazu, wichtige Jahre und wichtige Aspekte des Fachgebiets außer Acht zu lassen.

Das Verständnis dessen, was unter Informatik zu verstehen ist, deckt sich weitgehend in Kontinentaleuropa, also in Frankreich, Italien und den deutschsprachigen Ländern. Die UK spielen insofern eine Sonderrolle als sie die Begriffe Computerwissenschaft (engl computer science, Abk. CS) und Informatik (engl. informatics) nebeneinander benutzen. In dem Wikipedia-Eintrag zu Informatics heißt es:

Informatics includes the study of biological and social mechanisms of information processing whereas computer science focuses on the digital computation.

In den USA gibt es eine Art von Dreiteilung. Computerwissenschaft ist eine eher theoretisch ausgerichtete Informatik mit Schwerpunkt auf den mathematischen und naturwissenschaftlich-technischen Anwendungen. Computer Technology deckt den Hardware-Bereich ab, und Information Systems den kaufmännischen Anwendungsbereich (unserer Wirtschaftsinformatik entsprechend). Diese drei Studienfächer sind meist drei verschiedenen Fakultäten zugeordnet. Amerikanische Hochschulen wurden von dem Unternehmer Walter Bauer daran gehindert, die Bezeichnung Informatics zu benutzen. Er hatte das Wort als Name seiner Firma schützen lassen.

Einbeziehung von Industrie und Hochschulen

Um die Sicht der Praxis darzustellen, gebe ich einen kurzen Überblick über die Aktivitäten der Firma IBM in der Zeit von 1952 bis 1958. Ich beziehe mich dabei auf Material, das meine beiden Ex-Kollegen Günther Sandner und Hans Spengler [5] zusammengestellt haben.


Frühe IBM-Rechner

Außer IBM bestimmte Remington Rand mit der UNIVAC I das frühe Geschehen. IBM befand sich von Beginn an in einem Aufholprozess bei den kommerziellen Rechnern und offerierte neben der technisch-wissenschaftlichen IBM 701 bzw. 704 die IBM 702. Der Rechner hatte eine geringere Leistung und war für kaufmännische Anwendungen konzipiert. Mit Nat Rochester (1919-2001) hatte ich einen der Entwickler der 700-Serie in diesem Blog vorgestellt. Das Arbeitspferd war die IBM 650, an der ich – so wie Tausende Kollegen – den Appetit fürs Programmieren gewann. Von diesem Typ hatte IBM etwa 2000 Systeme ausgeliefert. Es entstand ein Massenmarkt, was die damaligen Verhältnisse anbetraf.

Die folgende Aufstellung soll belegen, dass es in Deutschland schon früh einen Bedarf an Fachkräften gab, die den Anwendern helfen sollten, den Einsatz dieser Rechner zu planen und organisieren. In der Liste fehlen die Farbwerke Höchst, die sich für eine IBM 701 entschieden hatten. Die erste IBM 704 in Europa, die auch von deutschen Anwendern benutzt wurde, stand am Place Vendome in Paris. Außerdem bestand das Ziel, der deutschen Industrie den Einstieg in diesen Markt zu ermöglichen. Siemens, AEG/Telefunken und Zuse, aber auch die weiter unten erwähnte SEL, waren interessiert.


Erste IBM 650‘s in Deutschland

In diesen Jahren wurden die Stimmen immer lauter, die vom öffentlichen Bereich verlangten, dass er sich der neuen Aufgabe stellen müsste und langfristig für qualifiziertes Personal sorgen müsste. Nur um es klarzustellen: Nicht die Verfügbarkeit von qualifizierten Absolventen oder Forschern schuf eine neue Industrie. Es war genau umgekehrt. Die Erfolge der Industrie schufen den Bedarf an Absolventen und an Hochschullehrstühlen. Das scheint manchmal vergessen zu werden.

Deutsche Hochschulen mit frühem Interesse an Rechentechnik waren München, Berlin, Karlsruhe und Darmstadt. Bereits 1957 erhielt Friedrich L. Bauer zusammen mit Klaus Samelson ein erstes Software-Patent, und zwar auf das Prinzip des Stapelspeichers (Kellerprinzip), wofür die IEEE ihm 1988 den Computer Pioneer Award verlieh. Im Jahre 1965 erhielt Wolfgang Giloi, damals von AEG/Telefunken kommend, einen Lehrstuhl für Informationsverarbeitung an der TU Berlin und bot erste Vorlesungen an. In München gab 1967 Friedrich L. Bauer erstmals spezielle Vorlesungen in Elektronischer Informationsverarbeitung an der TU München, wo 1972 ein eigenständiger Studiengang für Diplom-Informatiker entstand. Er soll sogar mit SEL um die Freigabe des Markennamens Informatik verhandelt haben, allerdings ohne Erfolg. Das tut seinen Bemühungen, der Informatik die Anerkennung als vollwertiges akademisches Studienfach zu verschaffen, keinen Abbruch.

Als 1969, von der Bundesregierung veranlasst, erste Schätzungen über den Bedarf von Informatikern in die Welt gesetzt wurden, galten diese vielen Mitbürgern als übertrieben. Geschätzt wurde damals ein Bedarf von etwa 250.000 Fachleuten. Wie dem aktuellen Informatik-Spektrum zu entnehmen, waren Mitte 2015 in Deutschland 887.000 Personen als IT-Fachkraft tätig. Rund 43% von ihnen haben einen Uni- der FH-Abschluss. Auf die Abgrenzung dessen, was als IT-Fachkraft gezählt wird, will ich hier nicht eingehen. (Die immer noch verwendete Abkürzung IT steht für Information Technology, und darf nicht mit Informationstechnik verwechselt werden)

Wortgeschichte

Es steht für mich außer Zweifel, dass das Wort Informatik um das Jahr 1956 von dem Physiker und Nachrichtentechniker Karl Steinbuch (1917-2005) erfunden wurde. Er war damals Entwicklungschef im Informatik-Werk der Standard Elektrik Lorenz (SEL) in Stuttgart. Er benutzte den Begriff Informatik-System für ein Bestellsystem, das er für Quelle in Fürth baute. SEL lieferte auch Allzweck-Rechner, ER-56 genannt, die an verschiedenen Hochschulen zum Einsatz kamen. Es soll sogar eine Veröffentlichung [4] aus dieser Zeit geben, in der das Wort Informatik vorkommt, allerdings eine firmeninterne Publikation. Steinbuch war in Frankreich bekannt, und zwar aufgrund seiner Lieferung einer ER-56 an den Flughafen Orly. Die Franzosen behielten zwar die Maschine nicht, dafür importierten sie seine Wortschöpfung Informatik (frz. informatique). Philippe Dreyfus, den ich 1968 als Initiator der damaligen ACM-Aktivitäten in Europa kennenlernte, nannte 1962 seine Firma um in Société d'Informatique Appliquée (SIA). Im Jahre 1966 wurde das Wort von der Académie française offiziell in die französische Sprache übernommen. Auf diesem Umweg kam das Wort zurück nach Deutschland – etwas was nicht untypisch ist.

Mögliches Anfangsjahr aus Sicht der Praxis

Ich schlage vor, sich auf das Jahr 1956 als die Geburtsstunde der europäischen Informatik zu einigen. Damit fallen Zuses frühe Arbeiten unter den Tisch, aber nicht die frühen Münchner Arbeiten (PERM) und Algol 58. Den Kollegen in den USA würde ich ein Jahrzehnt Vorsprung gönnen für das, was dort Computer-Wissenschaft (engl. computer science) heißt.

Rein zufällig fällt das Jahr 1956 auch für mich mit dem Eintritt in das neue Gebiet der Computerwissenschaften zusammen. Als Austauschstudent an der Ohio State University in Columbus, Ohio, besuchte ich einen einwöchigen Programmierkurs im dortigen Batelle-Institut. Mein betreuender Lehrstuhl beabsichtige, die gerade installierte IBM 650 für die Umrechnung gravimetrischer Messungen einzusetzen. Dazu kam es zwar nicht. Es bewegte mich jedoch dazu, nach Abschluss meines Geodäsiestudiums im November 1957 eine Anstellung als Praktikant bei der IBM Deutschland zu suchen. Im 650-Rechenzentrum Sindelfingen konnte ich meine bisher nur theoretischen Kenntnisse in praktische Programme umsetzen. Aus dem geplanten 6-monatigen Praktikum wurde eine Festanstellung für 35 Jahre.

Art der Leistungen und deren Rangfolge

Wird über fachliche Leistungen von Gruppen oder Individuen auf unserm Fachgebiet, der Informatik, gesprochen, denke ich primär an Entdeckungen, Erfindungen und/oder Innovationen, Algorithmen, Darstellungen (Repräsentationen), Beschreibungen (Notationen), Produkte, Dienstleistungen, Methoden oder Werkzeuge. Das Dilemma, in dem sich die Informatik befindet, besteht darin, dass viele ihrer Vertreter keinen technischen Hintergrund haben, und daher auch nicht-technische Bewertungsmaßstäbe anlegen oder anlegen möchten. Kaufleute denken an Umsätze und Profite, Juristen an Verträge, die es zu gestalten gibt. Nur wenn man sich auf Technik und Naturwissenschaft konzentriert, besteht eine Chance, dass man zu sinnvollen Ergebnissen kommt.

Dass auch das auf den deutschen Sprachraum begrenzte Gebiet hervorragende fachliche Leistungen aufzuweisen hat, steht für mich außer Frage. Man muss sie allerdings relativ sehen, d.h. im Vergleich zu Kollegen in anderen Ländern. Das entscheidende Kriterium heißt daher, wer hat im internationalen Vergleich Anerkennung erfahren, oder – wo es nicht der Fall ist  ̶  wer sollte Anerkennung erfahren. Im Vordergrund steht die Leistung. Der Name des Kollegen oder der Name der Institution sind sekundär. Zwecks Illustration liste ich einige Beispiele:

- Kellerprinzip (F.L. Bauer/K. Samelson)
- Petri-Netze (C. A. Petri)
- Grafisches Kernsystem (J. Encarnaçao)
- B- und UB-Bäume (R. Bayer)
- Pascal (N. Wirth)
- ERP-Software (SAP AG)
- MP3-Kodierung (K.H. Brandenburg)

Ich lasse die Liste absichtlich sehr kurz, hoffend, dass zumindest in diesen Fällen völlige Übereinstimmung unter allen heutigen Kolleginnen und Kollegen besteht.

Sonstige Referenzen
  1. Endres, A.: Über Heinz Zemaneks Verständnis von Information und Informatik. In: Karl Anton Fröschl, Gerhard Chroust, Johann Stockinger, Norbert Rozsenich (eds./Hrsg.): In memoriam Heinz Zemanek 1920-2014. ÖCG 2015, S. 50-53    
  2. Zemanek, H.: Zum neuen Namen. Editorial. Informationstechnik it, 28. Jahrgang, Heft 1/1986
  3. Zemanek, H.: Was ist Informatik? Elektr. Rechenanlagen 13 (1971), Heft 4, 157-161    
  4. Steinbuch, K.: Informatik: Automatische Informationsverarbeitung (SEG-Nachrichten, Berlin, Heft 4, 1957)
  5. Sandner, G., Spengler, H.: Die Entwicklung der Datenverarbeitung von Hollerith-Lochkartenmaschinen zu IBM Enterprise-Servern. 2006 

Montag, 11. Juli 2016

Emotionen als unverstandene Urkraft menschlicher Reaktionen (ein Essay von Peter Hiemann)

Den Lesern dieses Blogs ist mein in Grasse lebender Freund und Ex-Kollege Peter Hiemann schon fast ein alter Bekannter. Zusammen mit Hans Diel lieferte er immer wieder interessante Diskussionsbeiträge zu unterschiedlichen Themen. Mehrmals habe ich längere Essays von ihm veröffentlicht. Zuletzt geschah dies im Dezember 2015 mit seinem Essay überschrieben Vorstellungen. Damals schrieb ich:

Es ist eine Besonderheit von Hiemanns Denken, dass er gerne nach Analogien sucht, insbesondere zwischen Biologie und Gesellschaft… Strukturen und Felder sind für ihn ein Ausdruck von Ordnungsprinzipien. Mechanismen und Algorithmen dienen der gesteuerten Veränderung. Sie können der Selbstorganisation dienen oder gar Reparaturen bewerkstelligen. Das geschieht allerdings nur, wenn es eine Vorstellung bzw. ein Modell bezüglich des Idealzustands gibt. Sehr leicht können jedoch falsche Vorstellungen dem entgegenwirken. Das ist immer dann, wenn die Vernunft auf der Strecke bleibt.

Sein jetziges Thema heißt Emotionen. Auch das ist ein sehr weites Feld. Ging es bei Vorstellungen primär um philosophische Deutungen und Gedankengebäude, so geht es bei Emotionen um Empfindungen der Seele. Für das Verständnis des jetziges Essays ist es wichtig, den Unterschied zwischen Emotionen und Gefühlen zu verstehen, so wie Hiemann und die von ihm benutzten Autoren ihn sehen. Emotionen sind die psychischen und physischen Phänomene oder Affekte, die durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation ausgelöst werden. Gefühle sind Reaktionen auf Emotionen oder Affekte. Konkret folgt Hiemann einer Definition von Antonio Damasio (siehe S. 5):

Emotionen sind von der Evolution gestaltete Programme für Handlungen. ...Die Welt der Emotionen besteht vorwiegend aus Vorgängen, die in unserem Körper ablaufen. …. Gefühle von Emotionen dagegen sind zusammengesetzte Wahrnehmungen dessen, was in unserem Körper abläuft, wenn wir Emotionen haben. Was den Körper betrifft, so sind Gefühle nicht die Abläufe selbst, sondern Bilder von Abläufen.

Sie werden sich fragen: Was haben Augustinus von Hippo, William Shakespeare, Ludwig Wittgenstein, Alexander von Humboldt, Hermann Hesse, Josef Ackermann, Thomas Metzinger, Thilo Sarrazin, Papst Franziskus, Franz Josef Radermacher, Brexit und Pegida gemeinsam? Sie alle betonen oder belegen, dass rationales Denken und logische Schlussfolgerungen zu kurz greifen. Hiemann drückt dies auf Seite 15 so aus: 

Die heutige globalisierte Welt mit ihren vielfältigen ökonomischen und politischen Verknüpfungen und Abhängigkeiten ist derart komplex, dass sie rational nicht zu erfassen, nicht zu kontrollieren und kaum zu beeinflussen ist. Politische Eliten verfolgen mehr oder weniger nationale Interessen. Sie erreichen Bevölkerungen am ehesten mit emotionalen Argumenten.

Hiemann weist darauf hin, dass unbewusste Emotionen und bewusste Vorstellungen nur zusammengenommen den Sinn ergeben, der dem menschlichen Wesen gerecht wird. Er hat die Frage offen gelassen: Hat sich der Stellenwert von Emotionen in Europa und den USA derart verändert, dass Emotionen und nicht rationale Argumente Wahlen entscheiden können?

Für weitere Diskussionen und Fragen können Sie entweder Blog-Kommentare verwenden oder sich per Mail direkt an Peter Hiemann wenden (peter.hiemann@gmail.com). Er liefert gerne auch die Literaturreferenzen, auf die im Beitrag teilweise verzichtet wurde. Viel Spaß beim Lesen! Bitte hier klicken!

Freitag, 8. Juli 2016

Über Britanniens glorreiche Zukunft

Die Entscheidung der britischen Bevölkerung, die EU zu verlassen, also den Brexit zu vollziehen, liegt inzwischen einige Wochen zurück. So langsam wird klar, was passiert ist. Welche Konsequenzen es haben wird, darüber wird gerade heftig spekuliert. Dazu möchte ich einen kleinen Beitrag leisten. Über mögliche Entwicklungen nachzudenken, ist immer dann sinnvoll, wenn die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens plötzlich erheblich dazugewonnen hat.

Spielernaturen und Rhetoriker

Die Politik, und besonders in Demokratien, übt eine starke Anziehungskraft auf Menschen aus, die gerne riskante Spiele betreiben oder sich gerne selbst reden hören. Auf den britischen Inseln hat dies sogar eine Jahrhunderte alte, ungebrochene Tradition. Es waren Landadlige, die im 17. Jahrhundert dem König ein Recht nach dem andern abtrotzten. Ihre Nachkommen – vorwiegend die Söhne  ̶  üben sich noch heute an ihren Colleges in waghalsigen Spielen oder Sportarten. Am Hyde Park Corner kann man tagaus tagein Rednern lauschen, denen es egal ist, ob ihnen jemand zuhört. Einige der politischen Koryphäen, die den Brexit wie eine Sportart betrieben, haben sich zu erkennen gegeben. David Cameron war einer, aber auch sein Studienkollege Boris Johnson. Selbst Nigel Farage, der schon seit Jahren auf Kosten der EU den Brexit propagierte, war zutiefst überrascht, dass ihm so viele auf den Leim gingen. Alle drei tauchten unter, sobald aus dem Spiel Realität wurde. Ihnen auch nur eine Sekunde lang nachzuweinen, lohnt sich nicht.

Auch in deutschen Parlamenten sitzen Vertreter von Parteien, die Dinge in ihrem Wahlprogramm versprechen, die sie nie tun würden, bekämen sie einmal Regierungsverantwortung. Ob es um den Austritt aus der Nato geht, die Abschaffung des Euros oder gleiches Einkommen für alle, es ist im Grunde immer das Gleiche. Es sind nichts als verbale Fliegenfänger. Der Wähler wird für dumm verkauft. Er ist selbst schuld, wenn er auf leere Versprechen hereinfällt.

Trümmerfrauen und Konkursverwalter

Da Frauen weniger offensichtlich dem Spieltrieb folgen als Männer, ist jetzt die Stunde mutiger Frauen. Als 1945 in Deutschland die meisten Männer noch in der Kriegsgefangenschaft ausharrten, bewaffneten sich in vielen Großstädten die Frauen mit Eimer und Schaufel, und begannen damit Trümmer zu beseitigen. Auch in Großbritannien scheinen einige Frauen bereit zu stehen, das von Männern angerichtete Trümmerfeld aufzuräumen. Noch haben sie den Auftrag nicht in Händen. Theresa May und Andrea Leadsom wollen es riskieren. Mögen sie Erfolg haben.

Einige Frauen  ̶  aber auch einige Männer  ̶  werden die Aufgabe erhalten, das Ausscheiden aus dem Brüsseler Verbund auszuhandeln. Das entspricht der Aufgabe eines Konkursverwalters. Es geht darum, möglichst viel von dem, was einst wertvoll war, zu retten. Alles zu verschleudern, macht nun wirklich keinen Sinn. Wenn zwei Jahre nicht ausreichen, sollte man in die Verlängerung gehen. Dass auch Labour sich nicht nach dieser Aufgabe reißt, ist verständlich. Als 1945 Clement Attlee von Winston Churchill übernahm, hatte England zumindest den Krieg gewonnen.

Geschäftsmodell für eine Insel

Es ist offensichtlich, dass das Vereinigte Königreich (UK) ein neues Geschäftsmodell benötigt. Die Frage, ob das UK in seiner heutigen Form überhaupt bestehen bleibt, will ich zunächst ausklammern. George Osborne, der noch amtierende Finanzminister, hat dieser Tage Pläne der Regierung vorgestellt. Er will Großbritannien zum Steuerparadies par excellence machen. Er möchte die Körperschaftsteuer von derzeit 20 Prozent auf unter 15 Prozent senken. Das wäre etwa das Niveau von Irland und Zypern. Er fügte in echter Spielermanier hinzu:

Wir müssen den Horizont und den Weg vor uns in den Blick nehmen und das Beste aus den Karten machen, die uns ausgeteilt wurden.

Wie in der Presse verlautete, haben mehrere große britische Unternehmen wegen der Brexit-Entscheidung bereits Gewinnwarnungen ausgegeben. Betroffen ist unter anderem Londons Bankenbranche, die bisher stark davon profitiert, ihre Produkte ohne weitere Zulassung in der ganzen EU verkaufen zu können. Ich selbst halte die erwähnten Gewinnwarnungen für nichts anderes als das übliche Jammern von Kaufleuten. Im Grunde betritt Britannien eine neue, sehr attraktive Phase ihrer Wirtschaft.

Das Mutterland der Industrialisierung wird als erstes alle Industrien loswerden. Es wird keine rauchenden Schlote mehr haben. Die Namen einiger ehemals englischer Produkte wie Jaguar und Rover gehören längst der indischen Firma Tata. Auf die paar Minis, die mit Geld und Knowhow von BMW noch in England produziert wurden, kann verzichtet werden. Den Vertrieb von Software, die in Indien entwickelt wurde, lässt sich sehr gut von England aus bewältigen, besser noch als von Irland aus.

Generell übernimmt man das Geschäftsmodell der (britischen) Jungferninseln (engl. Virgin Islands) in der Karibik oder der britischen Kanalinseln Jersey und Guernsey für ganz Britannien. Leider haben die amerikanischen Behörden dem schweizerischen Steuerschlupfloch den Garaus gemacht. Das Großherzogtum Luxemburg geriet ebenfalls in Verruf. Ein Steuerparadies gleich gegenüber von Calais hätte bestimmt großen Zulauf. Das macht vieles einfacher. England könnte die Rolle für Europa spielen, die Nevada für Kalifornien hat. Der Ausbau einer Glücksspielindustrie könnte nicht nur für Europäer attraktiv sein. Auch Russen und Chinesen könnten zu deren Aufblühen beitragen. Der Schnellzug durch den Kanaltunnel würde Paris und das Ruhrgebiet für Senioren-Teefahrten nach Brighton und Bournemooth erschließen. An den dortigen Spieltischen und mit einarmigen Banditen könnten sie ihr Glück versuchen.

Um die Pflege der  englischen Landschaft mache ich mir die geringsten Sorgen. Schon immer stand die Schafzucht hoch im Kurs. Englische Schafe unterscheiden sich von kontinentalen Schafen in einem für die Landschaftspflege ganz wesentlichen Punkt. Sie drängen sich nicht zusammen, sondern verteilen sich einzeln über eine große Fläche.

Sonstige Anpassungen

Dass Britannien ganz ohne Industrie auskommen müsste, stimmt nicht. Nur auf den schmutzigen und körperlich anstrengenden Teil wird es verzichten. Bleiben wird die Finanzindustrie. Sie wird blühen und gedeihen, da niemand ihr mehr hereinredet. Die Finanztransaktionssteuer (frz. taxe Tobin) bleibt da, wo sie ihre Freunde hat, nämlich auf dem europäischen Kontinent. England und auch die USA hielten nie etwas davon. Viele Potentaten setzen volles Vertrauen auf das englische Pfund. Es schwächelt zwar nach dem Brexit-Referendum etwas. Es wird sich aber zwischen Dollar und Euro weiterhin behaupten. Auch Putins Geld wird seinen Freunden nach England folgen. Russische Oligarchen besitzen schon heute die besten Immobilienlagen in London und einige Fußballklubs.

Die Briten werden vermutlich weiterhin Tresore und Geldzählgeräte bauen. Sie garantieren damit die Beibehaltung von Papiergeld. Nur Papiergeld lässt sich leicht waschen. Ein Problem wird zu lösen sein. Sollte Königin Elisabeth II einmal nicht mehr leben, muss durch Gesetz geregelt werden, dass sie auf Geldscheinen bleiben darf. Es könnte sein, dass die infrage kommenden männlichen Porträts nicht vertrauenserweckend genug sind.

Britanniens übriger Export ist eh uninteressant. Eine Ausnahme bilden Sprachkurse. Sie bleiben für Wissenschaftler, Politiker, Finanzmanager und andere Berufe unabdingbar. Auch Dienst-Personal (Au-Pair-Mädchen) und Kellner wissen sie zu schätzen. Die EU wird weiterhin bevorzugt englische Beamte beschäftigen. Sie sind im Vorteil nicht nur der Sprachkenntnisse wegen. Sie sind auch in Zukunft weniger korrumpierbar, da sie keine nationalen Interessen zu vertreten haben.

Veränderte sicherheitspolitische Lage

Plötzlich eröffnen sich ganz neue sicherheitspolitische Perspektiven. Wie von den Brexitiers bereits angekündigt wird man sich besonders China und Indien zuwenden, und das nicht nur ökonomisch. Der amerikanischen Vettern fühlt man sich ohnehin sicher, was auch geschehen mag. Es ist kein Zweifel, dass auch Putin die Chance nutzen wird. Wer braucht jetzt noch Erdogan oder die Minsker Vereinbarungen. Dass David Cameron einst in Minsk fehlte, hatte Gründe, die langsam klar werden.

Die zwei Selbstdarsteller an der Spitze der EU (Juncker und Schulz) fordern eine weitere und tiefere Integration auf allen Ebenen. Niemand versteht, was sie meinen. Der Süden Europas (Italien, Spanien, Griechenland) fordert mehr Geld aus Brüssel zur Bekämpfung ihrer Wirtschaftsprobleme, insbesondere der Jugendarbeitslosigkeit. Die EU-Länder im Osten (Polen und Baltikum) sind durch Putins Politik total verunsichert. Bezüglich der militärischen Sicherheit hat die EU nach dem Austritt Englands noch weniger zu bieten als bisher. Nur die NATO kann ihnen noch eine schwache Perspektive bieten. Der Pole Jarosław Kaczyński, der bisher nicht als EU-Freund aufgefallen ist, verlangt plötzlich eine stärkere gemeinsame Verteidigungsanstrengung der (Rest-) Europäer. Mehr als in Kompaniestärke möchte man jedoch keine deutschen Soldaten sehen. Nur Wolfgang Schäuble wird konkreter und fragt: Wie wäre es, wenn die EU-Länder wenigstens ihre militärischen Beschaffungen zusammenlegen würden? Neues Denken hat allerorts begonnen. Wohin es führt, wird sich allerdings erst in Jahren zeigen.

Britannien ohne Schottland

Für den Fall, dass das Königreich Schottland den Bund von 1707 aufkündigt, wird man Britannien als Landesname beibehalten können. Schließlich gehören außer England noch Wales und Nordirland dazu, so wie das jedem Fußballfan dieser Tage deutlich werden konnte. Nur das Adjektiv ‚Great‘ kann entfallen.

Freitag, 24. Juni 2016

Bildung ̶ ein Leerwort im Munde vieler Sonntagsredner

Es gibt Begriffe, die durch Übernutzung geradezu ihres Sinns entleert werden. Sie verkommen zur Worthülsen. Jeder füllt sie mit Inhalt, der ihm gerade passt. Leider kann ich nicht umhin, das Wort Bildung in dieser Kategorie zu sehen. Mir ist es nämlich inzwischen zuwider, wenn Leute immer nur mehr Bildung fordern und nichts gesagt wird über die Inhalte. Meines Erachtens sollte es immer heißen 'Bildung zu etwas' oder 'Bildung in etwas'. Man fordert doch auch nicht Änderung nur um der Änderung willen, von einigen Berufsrevolutionären abgesehen. Zumindest muss gesagt werden, ob es nur um die Anhäufung von esoterischem Wissen geht oder auch um praktische Fähigkeiten. Was nützen Kenntnisse in Kirchenlatein oder in Altgriechisch, wenn man ein Auto reparieren oder einen Blinddarm operieren will? Wer das Wort Bildung in den Mund nimmt, suggeriert bei uns einen guten Zweck. Wer Geld für Bildung fordert  ̶  insbesondere öffentliches Geld  ̶  der sollte sagen müssen für welche Art von Bildung.

Qualifikation statt Bildung

Man käme meiner Vorstellung näher, wenn man statt Bildung das Wort Qualifikation verwenden würde, immer dann, wenn mehr als Grundschulbildung gemeint ist. Hier ist die Frage des Wofür stets impliziert. Niemand qualifiziert sich für alles. Bei jeder sportlichen Qualifikation gibt es eine Norm, die erreicht werden muss. Das bekannteste Beispiel ist die Olympia-Norm. Sie wird für jede Disziplin und für jede Olympiade neu festgelegt. Seit der Aufklärung, also seit dem 18. Jahrhundert, ist es nämlich unmöglich, in allem gebildet zu sein. Es gibt nur noch Spezialisten.

Viele deutsche Bildungspolitiker scheinen zu glauben, dass der Preuße Wilhelm von Humboldt (1767-1835) alles zum Thema gesagt habe, was man wissen müsste. Ihm reichte es, den Gebrauch des eigenen Verstandes  ̶  oft mit der Vernunft gleichgesetzt  ̶  zu lernen und so viel Wissen über die Welt aufzusaugen, wie möglich. Eine Universität dürfe sich nicht dafür hergeben, die Bedürfnisse eines Berufs oder die Wünsche der Wirtschaft zu erfüllen. Was man dafür benötige, darum sollte sich der Einzelne oder die Wirtschaft selbst kümmern. Es sei nicht Sache des Staates. Das war genau passend für einen von vorwiegend adligen Beamten und Offizieren geleiteten Staat. Es ist heute zum Glück anders. Aber der liebe Baron Humboldt wird weiter bemüht.

Ich neige zu der geradezu konträren Meinung, dass es den Staat primär  ̶  wenn nicht sogar ausschließlich  ̶  interessieren sollte, dass seine Bürger für berufliche und fachlich anspruchsvolle Tätigkeiten vorbereitet (also qualifiziert) werden. Alles, was darüber hinausgeht, wie das Erlernen von Hobbies oder künstlerischer Fähigkeiten, sollte Privatsache sein. Oft hört man auch die Meinung, dass Bildung das ist, was man selbst tut, alles andere wäre Ausbildung. Das entspricht teilweise meiner Auffassung, sofern man Ausbildung mit Qualifikation gleich setzt. Nur schließt es den Autodidakten aus, d.h. den Menschen, der ohne von andern geführt zu sein, aus eigener Willenskraft sich dazu aufrafft, nützliche Fähigkeiten zu erlernen.

Lehr- und Lerninhalte

Idealisten und Utopisten träumen davon, dass ein Mensch umso besser dran ist, je mehr er weiß. Sie betrachten nicht nur die Kapazität unseres Gedächtnis als unbegrenzt, sie messen auch Wissen einen Wert zu, unabhängig davon, um was es geht. Je mehr Wissen ein Mensch besitzt, umso besser sei es für ihn. Schon die Bibel hat vor dieser Hybris gewarnt. Engel, die mehr wissen wollten als Gott zuließ, landeten in der Verdammnis. Heute kann man sich nur wundern, wie weit diese Form der Arroganz verbreitet ist. Allwissenheit steht dem Menschen nicht zu. Dies nicht zu wissen, ist eine Dummheit.

Die Lehr- und Lerninhalte (auch als Bildungsinhalte bezeichnet) sollten sich nur nach den Fähigkeiten richten, die ein Mensch erwerben will oder soll. Will jemand Chemiker werden, muss er Einiges über Chemie wissen. Will er Kaufmann werden, sollte er andere Dinge wissen. Wissen zu erwerben hat keinen Sinn, wenn man es nicht braucht. Es ist nicht Selbstzweck. Das Wissen eines Fachgebiets dient dazu entsprechende fachliche Leistungen zu erbringen. Nur in Ausnahmesituationen muss ein Facharzt auf einem anderen Gebiet aushelfen.

Begriff Wissen

Manchmal gerate ich an Kollegen, die Wissen als Abstraktum begreifen. Sie klammern sich dabei an die Sprachtheorie und glauben dort Verlässliches zu erfahren. Wissen ist meines Erachtens ebenso wenig abstrakt wie Wasser oder Luft. Im Konkreten sind alle drei jederzeit leicht zu bemerken und zu erfassen. Nicht nur das Vorhandensein (die Existenz) lässt sich bestimmen, auch ihr Ausmaß (die Quantität) lässt sich messen. Im Übermaß können sie sogar Schaden anrichten, bei Wasser und Luft etwa in Form von Überschwemmungen oder Wirbelstürmen. Auch zu viel Wissen kann manchmal schädlich sein (engl. considered harmful). Unter der Lupe betrachtet, bestehen Wasser und Luft aus Atomen. Wissen besteht aus elementaren Aussagen der Art: ‚Vögel nennt man Tiere, die fliegen können. Der Strauß kann nicht fliegen, ist aber trotzdem ein Vogel, da es seine Vorfahren konnten.‘

Wissen ist eine Ansammlung für wahr gehaltener Aussagen, über die einzelne Menschen oder die Menschheit als Ganzes verfügen. Bei Wissen ist es wie bei Arzneien. Bei dem einzelnen Patienten kommt es auf die richtige Dosis zum richtigen Moment an. Daneben zu greifen ist leichter als zu treffen. Für die Menschheit als Ganzes kann es nicht genug verschiedene Arzneimittel geben, am besten für jeden Menschen ein anderes. Dabei ist ein einzelnes Medikament allein meist nicht ausreichend. Einen jungen Menschen mit Wissensmüll zu belasten, sollte endlich verboten werden. Kein Kinderarzt pumpt ein Kind voll mit Pharmazeutika.

Praktisches und anderes Wissen

Je mehr jemand um das tägliche Sattwerden besorgt ist, je mehr praktische Dinge muss er beherrschen und wissen. Ein Bauer musste früher nur den Boden bearbeiten können und den Vegetationszyklus kennen. Heute muss er sich zusätzlich mit künstlichen Düngemitteln, künstlicher Besamung und dergleichen auskennen, insbesondere aber mit den gerade von der EU durchgeführten Fördermaßnahmen. Wer nicht an das tägliche Überleben denken muss, sollte seine Fähigkeiten dafür einsetzen, andere wichtige Aufgaben der Menschheit in Angriff zu nehmen. Welche Aufgaben dies sind, sollte die so genannte höhere Bildung vermitteln. Das ist schwierig und heikel, da man diese Information sich meist selbst erarbeiten muss. Wie im nächsten Abschnitt ausgeführt, können manchmal andere Zeitgenossen uns helfen. Aristoteles und Kant, aber auch die beiden Brüder Humboldt, haben dazu sehr wenig überliefert.

Wissen, das sich nicht in Können ausdrückt, hat nur akademischen Wert. Aber auch ein Könner, der nicht willens ist sein Können praktisch anzuwenden, ist im Grunde ein Parasit. Er belastet den Rest der Gesellschaft. Ob jemand sich das Recht herausnehmen darf, nützliche Fähigkeiten brachliegen zu lassen, ist eine ethische Frage. Ich erspare mir die Beantwortung. Für manche Menschen ist es eine Überforderung, lebenslang lernen zu müssen. Sie möchten möglichst schnell ein Plateau erreichen, von dem aus das Leben leicht zu bewältigen ist. Sie möchten nicht ewig die Schulbank drücken. Dies nicht anzuerkennen, ist ein Fehler.

Kanon des Wissens

Im April 2013 hatte ich zuletzt in diesem Blog über konkrete Inhalte von schulischen Bildungsplänen diskutiert. Der unglaubliche Erfolg, den der Englischlehrer Dietrich Schwanitz (1940-2004) mit seinem Buch ‚Bildung - Alles, was man wissen muß hatte, stand noch im Raum. Er hatte seinen Leserinnen und Lesern empfohlen sich auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie zu beschränken. Natur- und Ingenieurwissenschaften seien eh langweilig und für die gesellschaftliche Konversation ungeeignet. Versuche, dem Schwanitzschen Erfolg literarisch etwas entgegen zu setzen, schlugen fehl.

Jede Zeit muss die Diskussion neu führen, was zum Kern des Wissens gehört, das von einer Generation an die folgende weitergegeben werden sollte. Sie muss den Kanon, also die Richtschnur, neu festlegen. Ich bin mir sicher, dass dabei Autoren wie Schwanitz nicht das letzte Wort haben. Nicht zuletzt dank Schwanitz haben sich nämlich Naturwissenschaftler und Techniker dazu aufgerafft, sich mehr an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. Die Abkürzung MINT (für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) erscheint immer öfter in den Medien. Das sollte allerdings nicht zur Folge haben, dass jetzt Ökonomie und Medizin sich übergangen fühlen. Festzuhalten ist, dass nicht die Verbraucher den Markt strukturieren, sondern die Anbieter, so wie überall in der Wirtschaft. Jeder heutige Beruf wirbt mit Vorliebe nur um Nachwuchs für seinen Beruf. Ein Bäcker wirbt für den Bäckerberuf, ein Jurist für das Jurastudium. Kein Berufsfremder ist authentisch.

Lehr- und Lernmethoden

Wie man am besten Fähigkeiten und das dazu gehörige Wissen erwirbt, variiert sehr stark von Individuum zu Individuum. Dennoch ist es sinnvoll, nach Methoden zu suchen, die bei möglichst vielen Menschen Erfolg haben. Oft wird in der Aus- und Weiterbildung Technik der Technik wegen propagiert. Das ist genauso falsch, wie jede neue Technik, die Menschen ersetzt oder seine Möglichkeiten erweitert, zu verteufeln.

Es kommt darauf an, Wissen und Können zeitnah, bedarfsgerecht und kostengünstig zu vermitteln. Wenn dies Menschen besser können als Maschinen, sollen es Menschen tun. Wo Maschinen, also Computer, dies um Klassen besser tun können als Menschen, sollen Maschinen dies tun dürfen. Natürlich sollte jeder sich die Methode des Lernens und das Tempo selber auswählen können. Das artet möglicherweise in einen Luxus aus und sollte dann bezüglich der Kosten nicht auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Es sollten weder privilegierte Methoden noch privilegierte Empfänger geben. Ein privater Hauslehrer war früher in Adelskreisen die Regel. Heute kann sich ihn kaum noch jemand leisten. Ein physisch anwesender Lehrer für kleine lokale Gruppen wird bald genauso selten sein. Wer ihn trotzdem haben will, sollte bereit sein, dafür die Mehrkosten zu übernehmen.

Private oder öffentliche Verantwortlichkeiten

Wo und wann die Vermittlung bestimmter Qualifikationen bevorzugt behandelt wird, das sollte offen diskutiert werden. Es sollte sich danach richten, welche Qualifikationen für die Gesellschaft wichtig sind. Individuen dürfen sich jedoch frei entscheiden, welche Qualifikation sie erwerben möchten. Es besteht freie Wahl des Berufes sowie der Hobbies.

Wird gefragt, wer für Bildungsausgaben zur Kasse gebeten werden soll, dann sind bei uns die Meinungen ziemlich eindeutig. Nachdem eine Weile lang auch die Meinung Gehör fand, dass dafür der Einzelne oder das Elternhaus eine gewisse Verantwortung trage, ist diese Meinung derzeit eher unpopulär. Wenn es Eltern trotzdem tun, ist die Gegenpropaganda sehr aggressiv. Bildung ließe immer noch zu sehr das Elternhaus erkennen, heißt es. Jugendliche, die in bildungsfernen Elternhäusern aufwüchsen, seien benachteiligt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich viele Eltern zwar ihrer Rechte bewusst sind, ihre Pflichten jedoch gerne der Gemeinschaft zuweisen.

Wenn ein Staat sagt, er weiß besser als die Eltern, was den Kindern nützt, dann ist die Gefahr groß, dass sich Eltern wenig Mühe mit der Erziehung der Kinder geben. So liegt der Unterschied zwischen Deutschland und den USA unter anderem darin, dass Familien in den USA einen signifikanten Teil ihres Einkommens in die schulische Ausbildung der Kinder investieren. In vielen asiatischen Ländern ist es ebenso. In Deutschland neigen manche Jugendliche eher dazu zu sagen, was nichts kostet, kann auch nicht viel wert sein. Es kommt darauf an, dem entgegen zu steuern. Wenn sich der Staat zu sehr um die Bildung junger Menschen kümmert, müssen wir Deutsche immer an die Nazis oder an Margot Honecker denken. Es war eine Erlösung, als wir beide loswurden. Ein Staat, der Qualifizierung anbietet, aber keine dem auch entsprechenden Jobs schafft, schafft sich ein Problem. Es sucht sich Lösungen durch  Auswandern oder Aufstand. Einige arabische Länder wie Ägypten und Tunesien sind in genau dieser Situation.

Sicht der Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie

Im Zusammenhang mit einer Diskussion über die Integration arabischer Flüchtlinge in unser  Wertesystem verwies mein Konstanzer Kollege Erich Ortner auf die besondere Relevanz der Bildungsvorstellungen deutscher Sprachphilosophen und Wissenschaftstheoretiker. Er warb dabei unter anderem für Paul Lorenzen (1915-1994), den Mitbegründer des Erlanger Konstruktionismus und dessen Buch Logische Propädeutik - Vorschule des vernünftigen Redens (3. Auflage, 1996). Was in diesem Buch vermittelt würde, sei die Ausbildung im richtigen Denken und Argumentieren. Das sei schließlich die Grundlage jedweder Bildung. Unter anderem forderte er:

Ob Politiker, Bürger, Manager, Software-Entwickler oder Wissenschaftler: Für alle sollten dieselben Regeln einer "vernünftigen Argumentation", die sich ein jeder Mensch als (Grund-)Bildung zunächst selbst aneignen muss, als Argumentationskultur gelten. Man bildet sich (ein Leben lang) selbst, aber wird von anderen ausgebildet. Das ist der entscheidende Unterschied. Sagen wir bis 30 sollte es für jeden Menschen für diese (Selbst-)Bildung ein bedingungsloses Grundeinkommen geben. So kämen wir auch zu emanzipierten Bürgern und Bürgerinnen in einer "E-Demokratie mit "E-Partizipation".

Darauf erwiderte ich, natürlich leicht überspitzend:

Ihre Ausführungen erinnern mich an Karl den Großen, der glaubte, alles was er  ̶  außer dem Schwertführen  ̶  lernen müsste, sei die Rhetorik. Also richtiges Argumentieren. Schreiben, Rechnen und dergleichen machen ja andere für ihn. Karl der Große hatte damals vermutlich die gleiche Einstellung wie sein Zeitgenosse Harun al Rachid und einige der heutigen arabischen Potentaten (oder einige syrische Studenten). Wir im Westen sind inzwischen (teilweise) etwas anderer Ansicht. Es hat uns auch über 1000 Jahre gekostet, um dahin zu gelangen.

Dieser kurze Austausch zeigt, wie schwierig auch heute manchmal die Diskussion über Bildung sein kann, selbst unter Kollegen desselben Fachgebiets. Dass man aneinander vorbeigeredet habe, ist nur eine höfliche Umschreibung einer tiefer liegenden Problematik.

Sicht der ökosozialen Marktwirtschaft

In meinem vor wenigen Tagen erschienenen Interview mit Franz Josef Radermacher wurde angesprochen, wie wichtig für ein Land die ‚Qualität seiner Gehirne‘ sei. Gemeint ist, dass hohe Kompetenzen auf Gebieten vorhanden sein müssen, die für die Zukunft des Landes und der Menschheit wesentlich sind, z.B. Naturwissenschaft und Technik, und dass sie von der Motivation begleitet sein müssen, diese Kompetenzen zeitnah und konstruktiv zur Anwendung zu bringen. Das ist meilenweit von Humboldts Vorstellung entfernt. Außerdem fordert Radermacher die Betonung der Herzensbildung. Er meint damit die Erziehung zur Empathie, d.h. zur Liebe des Menschen als leidendem Geschöpf und der Menschheit, die mit echten Problemen zu kämpfen hat. Noch sehe ich wenig Chancen, dass Radermachers Forderungen sich demnächst im Schul- oder Bildungsplan unseres Bundeslandes wiederfinden.