Donnerstag, 5. November 2015

Arbeit und Arbeitsmarkt zwischen Fakten und Meinungen

Am Allerheiligensonntag meldete sich der Ökonom Marcel Fratzscher zu Wort. Er ist der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er widerlege den Mythos vieler Politiker, dass Flüchtlinge Deutschland überforderten, so hieß es in der Überschrift. Es ging dabei (wieder) nur um die ökonomischen Aspekte und nicht um die gesellschaftlichen. Indem ich dieses Thema ebenfalls aufgreife, will ich nicht sagen, dass man die anderen Aspekte total außer Acht lassen soll. Nur gebe ich den wirtschaftlichen einen gewissen Vorrang. Bill Clinton tat das auch. Sein Wahlslogan ‚It’s the economy, stupid!‘ drückte genau dies aus und wurde weltbekannt.

Arbeitsmarkt innerhalb Deutschlands

Wir haben in Deutschland zurzeit weniger Arbeitslose  (unter 3 Mio.) als in den letzten 10-20 Jahren. Diesen Arbeitslosen steht mindestens dieselbe Zahl an offenen Stellen gegenüber. Offiziell nennt die Arbeitsagentur geringere Zahlen (etwa 600.000). Das hängt damit zusammen, dass Firmen nie alle offenen Stellen melden. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Ich möchte nur einige andeuten:
  •  Das Verfahren der Arbeitsagentur ist langsam und bürokratisch.
  •  Es gibt Alternativen, die schneller und besser sind (z. B. direkte Bewerbung, Werbung durch eigene Mitarbeiter oder private Vermittler, Werbung an oder durch Hochschulen)
  •  Mit offenen Stellen zu werben, ist die bestmögliche allgemeine Firmenwerbung.
Die zu lösende Aufgabe ist kein Zahlenproblem, d.h. x Arbeitslose auf y offene Stellen zu verteilen. Es ist primär ein Skillproblem, d.h. u verschiedenen Anforderungen sind mit v verschiedenen Qualifikationen in Deckung zu bringen. Selbst wenn das Skillproblem nicht wäre, gibt es noch das Lokalitätsproblem. Offene Stellen sind meist nicht da, wo die Arbeitssuchenden wohnen. Manche Leute nehmen zwar unglaubliche Mühen in Kauf, um zur Arbeit zu gelangen. Der halbe Schwarzwald pendelt täglich nach Sindelfingen, halb Thüringen wöchentlich nach Hessen. Ostfriesländer leben die Woche über in schwäbischen Notunterkünften, nur damit Frauen und Kinder ein freistehendes Eigenheim genießen können.

Es ist in einer freien Wirtschaft unmöglich, die Zahl der Arbeitslosen gegen Null zu drücken. Totalitäre Staaten sind da besser dran. Ob der ‚Bodensatz‘ drei oder vier Prozent der arbeitsfähigen Jahrgänge betragen kann, da sind sich die Experten nicht einig. Menschen, die aus gesundheitlichen oder familiären Gründen nicht können, müssen bei uns nicht dazu gerechnet werden. Es handelt sich also vorwiegend um solche, deren Qualifikation nicht passt. Wo dieses Problem selbst nach 4-5 Jahren noch besteht, muss es auch am Willen der Betroffenen liegen. Vielleicht hoffen sie, dass der Markt doch noch die Stellen schafft, die ihnen zusagen.

Von deutschen Unternehmen geschaffene Arbeitsplätze

Inzwischen schaffen deutsche Unternehmen fast die gleiche Anzahl von Arbeitsplätzen im Inland wie im Ausland. Arbeitsplätze im Ausland können aus mehreren Gründen interessant sein:
  •  Niedrigere Lohn- und Materialkosten als im Inland
  •  Zahl und Fähigkeiten der vorhandenen Arbeitskräfte
  •  Nähe zum Markt, also zum Kunden
  •  Auflagen der lokalen Politik
Am Anfang stehen oft die Kosten. Es kommt vor, dass sie in den Hintergrund treten, sobald Qualitäts- und Lieferzusagen nicht erfüllt werden können. So gibt es Branchen, die ihre Produktion wieder ins Inland zurückholen mussten. Es kann aber auch sein, dass durch stärkere Automation die Personalkosten reduziert werden und dadurch die Vorteile der Auslandsproduktion wegfallen. Ein Mangel an Fachkräften lässt sich vor Ort nicht durch rein technische Maßnahmen vollständig beheben. Diese Situation veranlasste deutsche Firmen zu großen Investitionen, sowohl in Osteuropa als auch in Amerika und Asien. Tschechien, Slowakei, Ungarn und Rumänien gelten heute als die hoch geschätzten Zulieferer der gesamten deutschen Industrie. Sie fühlen sich recht wohl dabei. Es wurden dort Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen. Leidtragende sind die Anwohner und sonstigen Nutzer der Autobahnen in Bayern und Baden-Württemberg. Da die Anlieferung nach dem Just-in-time-Prinzip erfolgt, ersetzt die Autobahn die Lagerhallen. Mit Polen, dem Baltikum und dem südlichen Balkan hat sich eine derartige Arbeitsteilung noch nicht entwickelt. Deshalb wandern viele Einwohner dieser Länder dahin aus, wo Arbeit ist.

In China, Indien, Südamerika und den USA ist die Situation wieder eine andere. Hier geht es primär um die Nähe zum Markt, und im Falle Chinas, auch um Rohstoffe (Energie, Erze). Die deutschen Investitionen sind nicht geringer als in Osteuropa, nur konzentriert man sich auf die Endmontage. Die Zahl der von deutschen Firmen beschäftigten Arbeitskräfte ist nicht viel geringer als in Europa. In China verlangt der Staat eine Beteiligung einheimischer Unternehmen, mit dem erklärten Ziel, möglichst bald den Markt selbst zu übernehmen. Russland, der Nahe Osten und Teile Afrikas sind primär Energie-Lieferant und Absatzmarkt mit eigenen Risiken, vor allem politischer Art.

Wirtschaftsfaktor Arbeit

Arbeit ist zwar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, aber nicht der allein oder alles entscheidende. Ohne Kapital ist Arbeit meist ineffektiv. Wer nur seine Hände einsetzen kann, zieht dem gegenüber den Kürzeren, der Werkzeuge und Maschinen verwendet. Arbeit ist ersetzbar. Obwohl die deutsche Wirtschaft seit Jahren über den Mangel an Fachkräften jammert, erzielt sie einen Umsatzrekord nach dem andern. Nicht nur kann sie dabei auf bisher nicht in Betracht gezogene Personengruppen zurückgreifen (siehe oben), sie kann auch auf Lösungen ausweichen, die weniger oder gar kein Personal benötigen. Für die Prozesse, die sich automatisieren lassen, entfallen nicht nur die Arbeitskosten. Oft werden sie sogar zuverlässiger, da gewisse Fehlerquellen wegfallen.

Waren früher die Masse der Beschäftigen in der Reproduktion von Gütern eingesetzt, verschiebt sich der Schwerpunkt immer mehr in Richtung Entwicklung, Vertrieb und Wartung. Ein Maßstab ist der Anteil von Software an den Produktkosten. Bei Autos liegt er über 20%, bei Flugzeugen über 50%. Bei allen Dienstleistungen erreicht er nahezu 100%. Bei der amerikanischen Wirtschaft ist der Anteil höher als in der deutschen. Dieser Trend ist für die Zukunft auch unserer Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.

Arbeitsmarkt als Teil der Wirtschaft

Manchmal kann ich unsere Politiker nur bedauern. Was ihnen von namhaften Ökonomen oft geraten wird, kommt sogar mir oft als sehr wenig durchdacht vor. Zum Glück weiß ich bei einigen, dass ihre Institute im Dienste der Gewerkschaften oder der Industrie stehen. Aber selbst bei Trägern des Nobelpreises für Ökonomie kann man sich nicht darauf verlassen, dass der Geehrte mehr als nur eine Denkschule vertritt. Anders ausgedrückt, es scheint in der Volkswirtschaftslehre besonders schwer zu sein, zwischen Lehrmeinung und Wissenschaft zu unterscheiden.

Das Thema Arbeitsmarkt bietet ein Beispiel für dieses Dilemma. Oft hört man die Meinung, dass es die primäre Aufgabe von Wirtschaft sei, die in einer Region lebenden Menschen mit Arbeit, also mit Einkommen zu versorgen. Arbeit ist ein Mittel zum Zweck. Heute erscheint sie manchen Leuten geradezu als Selbstzweck. Die Wirtschaft wird einem Kuchen, Arbeit genannt, gleichgesetzt, den es aufzuteilen gilt. Millionen von Menschen starren nur auf ihn. Wenn man einigen Experten zuhört, könnte man glauben, des es die primäre Aufgabe der Wirtschaft sei, diesen Kuchen zu backen. Nichts Schlimmeres stellen sie sich vor, als dass die Wirtschaft diese Aufgabe aus den Augen verlieren könnte, oder dass sie es nicht schafft, den Kuchen groß genug werden zu lassen. Sobald der Kuchen einmal gebacken ist, sorgen Gewerkschaften dafür, dass er gerecht aufgeteilt wird. Welchen Sinn hat jedoch das Bestehen auf Arbeitszeitverkürzungen gegenüber möglichen Lohnerhöhungen, wenn die Möglichkeit besteht, die Arbeit in andere Regionen auszulagern oder Wanderarbeiter einzusetzen? An dieser Stelle muss ich passen.

Natürlich ist ein Überangebot an Arbeit, das zur Vollbeschäftigung führt, sehr erstrebenswert. Für mich ist der primäre Grund der Wirtschaft nicht die Beschäftigung von Unselbständigen, die nach Arbeit suchen, die von anderen Leuten bezahlt wird. Daher ist auch das ‚Ende der Arbeit‘, das von Autoren wir Jeremy Rifkin an die Wand gemalt wird, nicht das Ende der Wirtschaft. Es ist lediglich eine Folge des technischen Fortschritts, dass es immer weniger körperliche Arbeit gibt. Zugegeben, es ist der Punkt, an dem von der heutigen Politik erwartet wird, dass sie etwas tut, insbesondere wenn es eine Regierung ist, an der die SPD beteiligt ist. Der Arbeitsmarkt pulsiert als Folge der wirtschaftlichen Tätigkeit der Unternehmen. Sofern man nicht der Ansicht ist, dass der Staat für alles sorgt, entsteht abhängige Beschäftigung da, wo es Unternehmer gibt, die Chancen für Gewinn sehen und diese auch ergreifen. Durch Expandieren erhöht die Wirtschaft das Warenangebot, insbesondere für Konsumgüter. Sie senkt Preise und damit die Lebenshaltungskosten. Im Vergleich zu anderen Ländern fielen Lohnerhöhungen bei uns in den letzten 10 Jahren verhältnismäßig gering aus. Die niedrigen Verbraucherpreise nahmen Druck weg von den Löhnen.

Volkswirtschaftliche Theorie

Die volkswirtschaftliche Theorie sollte Beobachtungen voraussagen können. Das ist vielleicht zu viel verlangt. Man hat stattdessen das Idealbild des ‚Homo oeconomicus‘ geschaffen. Man fragt sich: Was würde der tun? Was – daraus abgeleitet  ̶  hier folgt, ist lediglich eine Sollvorstellung, eine Richtschnur für systemkonformes Verhalten. Wer immer dazu in der Lage ist, muss Arbeit erzeugen, durch die er anderen Beschäftigung geben kann. Er muss sich als Arbeitgeber betätigen. Wer dies nicht kann, soll ein Geschäft betreiben, von dem er selbst existieren kann. Wer auch das nicht kann, muss Qualifikationen entwickeln, die ein Arbeitgeber bereit ist, für Geld einzukaufen. Diese Reihenfolge der Entscheidungen ist so fundamental, dass sie meist total vergessen wird. Selbst ökonomisch gebildete Pädagogen versäumen es, dies ihren Schülern klar zu machen. Da sie selbst meist abhängig beschäftigt sind, denken sie nur daran, ihrerseits beschäftigbaren Nachwuchs auszubilden. Anstellbarkeit (engl. employability) ist das allgemeine Ziel ihrer Ausbildungstätigkeit, wenn sie überhaupt über Ziele nachgedacht haben.

Anders ausgedrückt: Zuerst muss es Unternehmer geben, die genug wirtschaftliches Potential erschließen, um das Risiko auf sich zu nehmen, andere Leute zu beschäftigen. Arbeit gibt es nicht ohne Arbeitgeber. Sie fällt nicht vom Himmel. Der Staat darf sich als zusätzlicher Arbeitgeber betätigen, aber nicht als der einzige, der zählt. Ein Monopol ist von Übel, auch oder besonders ein Staatsmonopol. Natürlich wird der Arbeitsmarkt vom Staat reguliert, d.h. er versucht Fehlentwicklungen entgegen zu steuern. So ist die Regelung von Angebot und Nachfrage über den Lohn eingeschränkt. Stichwort Mindestlohn. Der Staat schützt Arbeitnehmer vor Risiken, z.B. durch Arbeitslosenhilfe.

Das klassische Arbeitnehmerpotential des männlichen Ernährers einer Familie (inklusive der Unverheirateten) ist in Deutschland ausgeschöpft. Zusätzliches Potential bieten heute die Familien der Doppelverdiener sowie die allein erziehenden Väter und Mütter. Um sie zu gewinnen, müssen Frauen von der traditionellen Aufgabe der Kindererziehung frei gemacht werden. Dafür brauchen wir Kitas, die Häuser und das Personal. Bisher selbständige Tätigkeiten werden immer mehr eliminiert, um sie in unselbständige Arbeit umzuwandeln. Die Begründung dafür muss man sich klarmachen. Sonst hält man es zu leicht für eine Art von Naturgesetz. Nur so viel: Sie lässt sich leichter rationalisieren und umdisponieren.

Für die vielen Flüchtlinge, die gerade nach Deutschland strömen, ist es extrem wichtig, dass sie es schaffen sich in unserem Arbeitsmarkt zurecht zu finden. Dazu gehört es, unsere Wirtschaftsbedingungen besser zu verstehen. Möge dieser Beitrag dabei helfen. Zum Schluss ein Bonbon aus dem Witzebuch.

Hattu Arbeit? fragt das Häschen Männer oder Frauen auf der Straße. Als nach mehreren Neins jemand mit Ja antwortet, erwidert das Häschen: Arbeit ist prima!

Samstag, 31. Oktober 2015

Halim und seine Freunde ̶ Integration zwischen Realität und Utopie

Halim ist ein arabischer Vorname mit der Bedeutung freundlich, höflich, geduldig. Er steht hier für den jungen Syrer, der seit etwa einem Jahr in Deutschland lebt. Er und etwa ein Dutzend seiner Altersgenossen haben gleichzeitig Damaskus verlassen, weil sie nicht in Assads Armee gegen ihre Landleute kämpfen wollten. Sie hatten sich Reiseagenten, so genannten Schleppern, anvertraut, die sie für teures Geld über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland brachten. Halim lebt in einer südhessischen Kleinstadt. Ausser Deutsch zu lernen, hat er noch kein Ziel, keine Aufgabe gefunden. Er ist darüber ziemlich unglücklich. Er stand mitten im Jura-Studium, als er seine Heimat verließ. Obwohl Halim und seine Freunde wohl kaum mit der Absicht nach Deutschland kamen sich hier ‚integrieren‘ zu lassen, wird es von ihnen dennoch erwartet.

Was soll Integration bezwecken?

Unter Integration versteht man in der Mathematik die Umkehrfunktion zur Differentiation. Im gesellschaftlichen Bereich  ̶  um den es hier geht  ̶  umfasst Integration gezielte Maßnahmen und Prozesse, die dazu dienen jemanden, der nicht in Deutschland aufgewachsen ist, mit unserer Kultur und Lebenswelt vertraut zu machen. Man unterscheidet Integration von Assimilation. Diese verlangt die vollständige Aufgabe der eigenen kulturellen Identität. In den meisten Überlegungen geht es darum, wie man Zugewanderte dahin bringt, dass sie wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen. Die direkte Einwanderung in die Ausgabenseite unserer Sozialsysteme sollte tunlichst vermieden werden.

Das Problem ist im Grunde dasselbe, das bei im Lande geborenen Kindern besteht, mit dem Unterschied, dass oft entscheidende Lebensjahre verloren gingen. Auch bei deutschen Schülern dienen die ersten 14-18 Lebensjahre vielfach nicht der beruflichen Qualifizierung, sondern der Allgemeinbildung. Gemeint sind damit Grundtechniken wie Lesen und Schreiben in Deutsch, Musik, Literatur, Arithmetik und eine Fremdsprache, meist Englisch. Was die vielzierte Einbettung in die abendländische Kultur und Wissenschaft betrifft, sind die Verhältnisse weniger klar. Das Gedankengut der Aufklärung ist auch bei uns erst partiell akzeptiert. In einem Gymnasium einer deutschen Universitätsstadt, das meine Enkeltochter besuchte, wurden zum Beispiel Schöpfungslehre und Darwinismus als verträglich dargestellt.

Ausländer, die als Kinder oder Jugendliche zu uns kommen, fehlt oft ein Teil dieser Allgemeinbildung. Man kann diesen Mangel nicht immer sofort erkennen oder  ̶  anders herum  ̶  er lässt sich verheimlichen. Der Migrationshintergrund ist nicht sichtbar; er rückt in den Hintergrund. Das geschieht umso mehr, je besser der Zuwanderer die deutsche Sprache beherrscht und je stärker er sich an unsere Berufswelt anpasst.

Vielfältigkeit der Berufswelt

Genau wie bei deutschen Kindern so besteht auch bei Einwandern das Problem, sich in der Komplexität unserer Berufswelt und des Arbeitsmarkts zurecht zu finden. Im Folgenden gebe ich einen sehr vereinfachten Überblick.

(a) Akademische Berufe

Sie verlangen eine Spezialausbildung, in der Regel ein Hochschulstudium. Sie sind oft staatlich reguliert. Die Fähigkeiten (engl. skills) müssen nachgewiesen werden, und zwar im Rahmen von Prüfungen oder Zulassungen. Hier eine Auswahl:
  • Arzt oder Zahnarzt: Sehr angesehen, langes Studium. Für Einwanderer sehr attraktiv. Geregeltes Anerkennungsverfahren. Viele in Deutschland praktizierende Ärzte sind Einwanderer. Mein Hausarzt ist in Rumänien geboren und hat dort studiert.
  • Ingenieur oder Informatiker: Sehr gute Beschäftigungsmöglichkeiten. Von Einwanderern begehrt und erfolgreich ausgeübt. Bekanntlich sind unter den Deutschen, die auswandern, sehr viele Ingenieure. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Raketenbauer aus Peenemünde, die als Gruppe in Alabama ihre Arbeit fortführen durften. Bei Ingenieuren kann man leicht sehen, was sie können.
  • Biologen, Pharmazeuten, Physiker, Chemiker: Weniger gute Beschäftigungsmöglichkeiten, außer in Schule oder Vertrieb.
  • Pädagogen: Meist im Staatsdienst; setzt gute Deutschkenntnisse voraus.
  • Juristen: Tätigkeit nur mit deutscher Ausbildung möglich. Abhängigkeit von staatlicher Tradition. Mir ist kein deutscher Jurist bekannt, der im Ausland seinen Beruf ausüben konnte.
  • Betriebswirte und Unternehmensberater: Eine gewisse Vertrautheit mit der wirtschaftlicher Situation ist erforderlich. Die Grenze zur nicht-professionellen Tätigkeit ist hier fließend. Bezeichnend war der Berufswunsch eines jungen Russlanddeutschen, der noch nie einen deutschen Betrieb gesehen hatte. Er wollte trotzdem Unternehmensberater werden.

(b) Freie und handwerkliche Berufe

Diese Gruppe von Berufen ist äußerst vielfältig. Der Zugang ist nur wenig reglementiert. Ich gebe zwecks Illustration nur einige Beispiele an:
  • Darstellende und gestaltende Künstler, Sportler: Da oft die Sprachkenntnisse eine geringe Rolle spielen, sehr großes Betätigungsfeld für Ausländer
  • Händler mit Waren und Dienstleistungen: Außer im Falle spezieller Dienstleistungen (siehe unten) Vertrautheit mit deutschem Markt und deutschen Vorschriften erforderlich.
  • Landarbeiter, Gärtner, Elektriker, Installateure, Kfz-Mechaniker, Tierpfleger, Friseure, Fußpfleger, Alten- und Krankenpfleger: Für Einwanderer gut geeignet.
  • Köche, Kellner: Ausländer bringen oft Spezialkenntnisse zur Geltung, z. B. Chinesen und Italiener.
  • Söldner, Polizist, Sicherheitsdienst, Gefängniswärter: Während der Völkerwanderung übernahmen Germanen mit Vorliebe diese Art von Dienstleistungen innerhalb des römischen Reiches.
Im Vergleich zu vielen andern Ländern genießen in Deutschland Handwerker und industrielle Facharbeiter eine Sonderstellung. Sie werden nämlich durch eine spezielle Form der Ausbildung qualifiziert, die Lehre. Diese wird von einem Betrieb vermittelt, wird aber von einer ganzen Branche anerkannt. Die Maßstäbe für diese Ausbildung werden von überbetrieblichen Gremien festgelegt, den so genannten Industrie- und Handelskammern (IHK). Diese nehmen auch die Prüfungen ab. Handwerker erhalten als Abschluss in der Regel den Meistertitel. In vielen Branchen darf nur ein Meister einen Betrieb führen, z. B. Bäcker, Metzger, Schneider und Friseure.

Sonderformen und Zwielichtiges

Über einen großen Teil des Arbeitsmarktes, der heute vorwiegend von Ausländern bedient wird, wird nicht gerne gesprochen. Es ist ein grauer, ja vielfach ein dunkler Markt. Vor allem gelten hier nicht die gleichen strengen Qualifizierungsrichtlinien, wie sie für deutsche Facharbeiter gelten. So werden größere Bauprojekte in Deutschland bevorzugt von Ausländern durchgeführt. Die Zeit der beiden Weltkriege stellte lediglich eine Unterbrechung dar. Nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs sind wieder normale Verhältnisse eingetreten. Als Illustration seien zwei Projekte aus meiner engeren Heimat erwähnt. Eine Bahnstrecke in der Westeifel wurde 1911 von kroatischen Arbeitern gebaut. Den Neubau des Hauses einer Verwandten in der Westeifel errichtete 2015 eine Gruppe von Wanderarbeitern aus Kasachstan.

Viele Märkte sind fest in der Hand osteuropäischer Wanderarbeiter, so die Spargel- und Erdbeerernte sowie die Tierschlächterei. Die deutschen Exporte von Rindfleisch und Hühnerfleisch übertreffen inzwischen andere Industriezweige. Ebenso ist die private Altenpflege und die Prostitution ohne Wanderarbeiterinnen nicht mehr vorstellbar. In beiden Branchen gibt es gut organisierte Netze, die ganz Osteuropa umfassen.

Gewollte Nicht-Integration

Es ist falsch anzunehmen, dass alle Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, auf Dauer hier bleiben wollen. Sie hatten (und haben immer noch) berufliche Aussichten in ihrem Heimatlande, die Deutschland ihnen nicht bieten kann. Für diesen Personenkreis muss ein Modus gefunden werden, der es erlaubt die Wartezeit zu überbrücken. Bei jungen Menschen ist dies, je nach Vorkenntnissen, der Beginn einer Lehre oder die Aufnahme bzw. Fortführung eines Studiums. Ein Bachelor-Studium verlangt Deutschkenntnisse. Für ein Masterstudium ist es möglich eine Hochschule zu finden, die eine genügende Zahl von Kursen in Englisch anbietet.

Wer das für eine Lehre oder ein Studium günstige Alter überschritten hat, kann eine Anstellung suchen, für die weder Lehre noch Studium erforderlich sind. Solche gibt es reichlich, dank der wirtschaftlichen Konjunktur, in der sich Deutschland derzeit befindet. Welche Qualifikationen hierbei hilfreich sind, hängt von der Tätigkeit ab. Für die Tätigkeiten in diesem Bereich gibt es kein Schema. Man muss selbst etwas kreativ sein. Ein Beispiel sind Kurierdienste, wo eine Führerschein, ein Navigationsgerät und minimale Sprachkenntnisse ausreichen. Wer nicht auf zusätzliche Einkünfte angewiesen ist, wer also über eigene Geldquellen verfügt, der kann sich im sozialen und ehrenamtlichen Bereich engagieren. Ansprechpartner wären Caritas, Sozialfürsorge, Katastrophenschutz, Volkshochschule und andere. Nur in Sonderfällen wäre eine Art Pensionat mit Golf- und Tennisplatz angemessen. Entscheidend ist, dass man sich betätigt.

Politische Dimensionen

Die Einwanderung hat auch immer eine politische Dimension. Der Modus, in dem zur Zeit die Einwanderung erfolgt, ist dramatisch. Die amtierende Bundesregierung fährt eine Politik, mit der sie in Konflikt mit Ländern und Kommunen gerät. Diese verlangen eine Beschränkung der Einwandererzahlen pro Jahr. Die Bundesregierung unter Angela Merkel ist der Meinung, dass sie das nicht kann. Der Koalitionspartner CSU, der im Grunde eine Landesregierung darstellt,  droht damit die Koalition zu verlassen. Das könnte zur Auflösung der jetzigen Regierung führen. Auch im Volk knirscht es. Mein politisch sehr sensibler Blog-Partner Hartmut Wedekind macht seiner Sorge über die Situation Luft. Diese Woche schrieb er:

Was nun, Frau Merkel? Die Frau mit  „Wir schaffen das“. … Ich weiß nur: Rücktritt, und zwar sofort. Dann sehen ihre „Lieblingsflüchtlinge auf den Selfies“ wenigstens, was hier los ist. Schon die Österreicher beziehen sich beim Durchwinken auf Frau Merkel, die Katastrophenfrau.

Angela Merkel glaubt nicht daran, dass sich der Flüchtlingsstrom durch gewaltsame Zurückweisung an den Grenzen reduzieren lässt. Sie hofft auf Unterstützung durch andere Länder, insbesondere durch solche, die zur EU gehören. Sie setzt aber auch auf die Türkei. Im Moment reden sogar Russen und Iraner, Amerikaner und Saudis in Wien über die Situation in Syrien. Nur nehmen Baschir al Assad und die syrische Opposition (noch) nicht an den Gesprächen teil.

Rat an Halim und seine Freunde

Leider müssen Sie sich darauf einstellen, dass sich die Situation in Syrien nicht in den nächsten Monaten verbessert. Der Bürgerkrieg kann leicht noch mehrere Jahre andauern. Sie sollten Ihre Zeit in Deutschland sinnvoll nutzen. Nichts wirkt deprimierender, als keine Ziele zu haben. Ich hoffe, dass dieser Beitrag Ihnen einige Anregungen gab.

NB: Dieser Beitrag erschien auch in Englisch in meinem Blog Al's Postbag. Die dort erscheinenden Kommentare werden nicht übersetzt oder beantwortet.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Soziale Evolution bei Insekten und Menschen nach Edward Wilson

Edward Osborne Wilson wurde 1929 in Birmingham, Alabama, geboren. Er ist als Insektenkundler und Biologe bekannt, hat aber auch Beiträge zur Evolutionstheorie und zur Soziobiologie veröffentlicht. Wilsons Spezialgebiet sind Ameisen, insbesondere ihre Kommunikation mittels Lockstoffen (Pheromone). Ich habe in den letzten Wochen zwei seiner jüngsten Bücher gelesen. Das eine hat den Titel Die soziale Eroberung der Erde (engl. The Social Conquest of Earth). Es erschien 2012 und hat 384 Seiten im Druckformat. Das andere heißt Der Sinn des menschlichen Lebens (engl. The Meaning of Human Existence). Es erschien 2014 und umfasst 208 Seiten.

Anstatt beide Bücher separat zu besprechen, ziehe ich aus beiden diejenigen Gedanken heraus, die mich besonders interessierten. Wem das nicht reicht, kann ja die Bücher selber lesen. In dem neueren der beiden Bücher zieht Wilson eine Art von Bilanz über sein ganzes Forscherleben. Einige seiner früheren Aussagen erscheinen wieder, jetzt aber noch klarer und noch pointierter formuliert als vorher. Es ist die Radikalität des Alters (ein Ausdruck und Buchtitel von Margarethe Mitscherlich), die hier zum Vorschein kommt. ‚Sehr oft werde ich Euch diese Dinge nicht mehr zu erklären versuchen. Entweder Ihr glaubt mir, oder Ihr lasst es sein.‘ So kommt mir der 85-jährige Wilson vor. Er mag provozierend wirken; leicht abtun lässt er sich nicht.

Sozialverhalten von Ameisen

In der Biologie gibt es Hunderttausende von Arten. Nur 20 Arten haben etwas wie Sozialleben entwickelt. Außer dem Menschen gehören noch 14 Ameisen- bzw. Termitenarten dazu. Ameisen haben Superorganismen entwickelt, in denen statt Zellen Individuen instinktiv kooperieren. Es ist dies ein Riesensprung der Evolution. Eine Ameisenkönigin trägt die Spermien für Millionen Arbeiterinnen im Leib, bevor sie zum Flug ansetzt, um eine eigene Kolonie zu gründen. Die Arbeiterinnen regeln dann die Proviantvorsorge, und zwar in arbeitsteiliger Weise.

Wer glaubte, wir Menschen könnten von den Ameisen lernen, den enttäuscht Wilson. So brutal wie bei Ameisen kann keine andere Frauenherrschaft sein. Männliche Tiere haben nur eine einzige Aufgabe, die Königin zu befruchten. Sie sterben wenige Tage danach. Frauen dienen als Ammen, Arbeiter und Soldaten. Wird der Bau angegriffen, müssen die ältesten von ihnen an die Front. Am berühmtesten sind die Blattschneider-Ameisen. Bei ihnen sammeln die Arbeiterinnen den ganzen Tag Blätter. Diese werden zerschnitten und zerkaut und zu einer Art Mulch verarbeitet. Darauf werden Pilze gezüchtet, die der Königin serviert werden. Ameisen haben also die Landwirtschaft erfunden, genauso wie dies der Homo sapiens mehrmals tat.

Ameisen gibt es auf der Erde fast doppelt so lange wie den Menschen. Vor rund 100 Mio. Jahren, d.h. seit der Kreidezeit, begannen sie damit, die Erde zu erobern. Das war als Blütenpflanzen damit anfingen die Nadelhölzer (Korniferen) zu verdrängen. In den Tropengebieten der Erde stellen sie heute die größte tierische Biomasse dar. Die etwa 1016 Ameisen wiegen etwa gleich viel wie alle heutigen Menschen.

Evolution der Sozialkompetenz

Soziales Leben entstand in der Tierwelt nur da, wo es einen Nistplatz oder Lagerplatz gab, den zu verteidigen sich lohnte. Beim Menschen kam hinzu, dass sein Nachwuchs viele Jahre benötigte, bis er ohne Pflege und Schutz zurechtkam. Dank der Erfindung des Feuers konnte Fleisch leichter verdaulich gemacht werden. Dies förderte nicht nur die Arbeitsteilung in der Familie, sondern der relativ hohe Fleischgenuss erwies sich als günstig für die Entwicklung des Gehirns.

Um altruistisches Verhalten innerhalb von Gruppen zu erklären, benutzen Biologen verschiedene Theorien. Lange herrschte die Vorstellung, dass Gene egoistisch seien in dem Sinne, dass sich Verwandte an den gleichen Genen erkennen und daher bevorzugen. Ein 1976 erschienener Bestseller von Richard Dawkins (*1941) machte diese Meinung populär. Wilson vertritt eine Auffassung, die er mit Multilevel-Selektion bezeichnet. Er sieht ein Zusammenspiel am Werk zwischen Individual-Selektion und Gruppenselektion. Beide überlappen sich und führen zu Konflikten. Das Individuum kennt Egoismus und Eifersucht. Die Gruppe verlangt Altruismus und Kooperation. Innerhalb von Gruppen setzen sich die Egoisten durch. Diejenigen Gruppen sind am stärksten, welche die meisten Altruisten haben, so sieht es Wilson. Es hätten sich nur wenige eusoziale Systeme (gr. eu = gut) gebildet, aber die sich bildeten (Ameisen und Menschen) dominieren heute die Erde. In der Geschichte kämpften nicht Gott und Teufel gegeneinander, sondern diese beiden Evolutionsprinzipien.

Sprache und Kultur des Menschen

Menschen beschäftigen sich gerne mit Menschen. Sie neigen zur Anthrozentrizität. Sie lechzen danach, Geschichten über andere zu hören. Das schärft die soziale Intelligenz. Abstraktes Denken und Sprache entstand vor 70.000 Jahren. Die Sprache ist nicht zufällig entstanden, sondern sie ist abgeleitet vom Bedürfnis der Kommunikation. Der menschliche Geist ist bei der Geburt kein leeres Blatt. Es werden Instinkte vererbt, und zwar als Ergebnis der Selektion. Wir lernen sehr Vieles durch Nachahmen. Dazu benötigen wir das Langzeitgedächtnis. Es ist nicht eine Urgrammatik, die Menschen angeboren ist  ̶  wie Noam Chomsky (*1928) dies glaubte  ̶  sondern viel primitivere Fähigkeiten.

Unter Kultur wird die Gesamtheit der Verhaltensmerkmale verstanden, durch die sich Gruppen voneinander unterscheiden. In einer Kultur schlägt sich die evolutionäre Erfahrung einer Gruppe von Individuen nieder. Es findet eine Gen-Kultur-Koevolution statt. Ein Beispiel ist die Laktose-Toleranz, die Verträglichkeit für Milchprodukte. Sie wurde nur von Populationen erworben, die Landwirtschaft betrieben. Bei Tieren können sich nur Instinkte vererben, beim Menschen auch seine Fähigkeiten bezüglich Vernunft und Emotion. Auch Neigungen und Angewohnheiten können sich vererben.

Rolle von Mythen und Religionen

Mythen und Religionen dienen oft dazu, den Ursprung des Menschen zu erklären, aber auch den Sinn und Zweck seiner Existenz. Sie definieren und fördern das Gruppen- oder Stammesbewusstsein und die Regeln des Zusammenlebens. Sie spornen zum Altruismus an, tun dies typischerweiset aber nur für Mitglieder. Leider definieren Gruppen immer die eigene als die überlegene. Meist schließt dies die Götter mit ein. Ein großer Teil der kriegerischen Auseinandersetzungen, die Menschen seit der Jungsteinzeit auf allen Kontinenten austrugen, hatten mit Religion zu tun.

Das Gehirn des Menschen ist für religiöse Empfindungen empfänglich. Gläubige hatten während der langen Geschichte der Menschheit den Vorteil, dass sie über eine Geschichte verfügten, die viele Phänomene der Natur und den Sinn der menschlichen Existenz erklärten. Obwohl viele dieser Erklärungen sich als falsch erwiesen, haben sie ein erstaunliches Beharrungsvermögen. In den USA setzen sich Schulbehörden dafür ein, dass die Schöpfungslehre ihren Platz behält neben der Evolutionstheorie, der Kreationismus neben dem Darwinismus. Dabei hätten die Götter nicht uns Menschen erschaffen, sondern wir Menschen die Götter. Wir bräuchten sie nämlich, sie uns aber nicht, so argumentiert Wilson.

Aufgabe der Geisteswissenschaften und der Künste

Als im 18. Jahrhundert in Europa die Aufklärung aufkam, fingen Wissenschaftler an in der Natur nach Ursache und Wirkung zu suchen. Ein Teil der Gelehrten widersetzte sich. Es entstanden die Geisteswissenschaften als Gegenstück zu den Naturwissenschaften [Im Englischen gibt es stattdessen das Begriffspaar humanities/science, was den Unterschied noch stärker beschreibt]. Philosophen befassen sich seither nur noch mit  Logik, Semantik und Wissenschaftsgeschichte. Schriftsteller, Maler und Musiker flohen in die Romantik.

Heute ist das Wissen der Menschen soweit fortgeschritten, dass wir wieder an eine Vereinigung der beiden Gebiete denken könnten. In dieser ‚neuen Aufklärung‘ könnten sich Geisteswissenschaftler auch für die kognitiven Prozesse interessieren, die im Gehirn ablaufen oder für die Geschichte, bevor sie von Menschen schriftlich festgehalten wurde. Es reicht nicht mehr, die Dinge nur zu beschreiben oder zu bewundern. Man muss das Warum ihrer Existenz verstehen. Wissen verdoppelt sich alle 10-20 Jahre. Durch die Beschäftigung mit der Prähistorie wird immer klarer, wie und warum der Mensch entstanden ist. Zur Beschreibung der ‚Conditio Humana‘ gehört aber auch, menschliche Gefühle ernst zu nehmen. Dass heutige Naturwissenschaftler dazu neigen diese zu ignorieren, ist falsch. Auch eine introspektive Betrachtungsweise macht Sinn. Durch Fiktionen, wie sie Literatur und darstellende Kunst erzeugen, werden Gefühle hervorgerufen oder beeinflusst. Nur wenn wir mehr wissen, welche Funktion Emotionen für den Menschen haben, verstehen wir den Weg bsser, der zur Symbolverarbeitung und zur Kultur führte.

Wilson meint, dass ein Künstler wie Paul Gauguin (1848-1903) ahnte, dass er mit seiner Art des Suchens nicht nur die Kunst weiterbringt, sondern die Menschheit insgesamt. Auf eines seiner schönsten Bilder aus Tahiti schrieb er nämlich: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (frz. D'ou venons nous? Que sommes nous? Ou allons nous?). Es sind dies uralte Fragen, die schon die Philosophen der Antike stellten.

Zukunft der Menschheit

Der Mensch sei wie alle Lebewesen ein Produkt seiner Geschichte, seiner Evolution. Diese Geschichte dauerte nicht nur 6000 Jahre, sondern mehrere Millionen Jahre. Es lag nie ein Plan oder Ziel für den Menschen vor, weder von Außerirdischen noch von sonst jemand. Komplexe Systeme sind immer das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Um sie zu verstehen, muss man ihre Geschichte lückenlos kennen. Die Evolution ist am ehesten mit einem Labyrinth zu vergleichen. An jeder Verzweigung werden Entscheidungen getroffen, die vorher nicht bekannt waren. Die Natur des Menschen besteht aus ererbten Regelmäßigkeiten der mentalen Entwicklung, den epigenetischen Regeln dafür, was wir wahrnehmen, codieren, interpretieren und darauf reagieren. Vieles davon sind Reflexe. Es geschieht außerhalb des Bewusstseins. Andere Lebewesen haben teilweise bessere Sinne und Instinkte als der Mensch. Wir haben unsere Schwächen teilweise kompensiert – vermöge der Technik.

Lange hatten Menschen das Gefühl, dass es ihre Aufgabe sei, sich die Erde untertan zu machen. Die Evolution unterstützte dieses Ziel, ja sie ordnete sich ihm unter. Einiges, was uns zweite Natur geworden war, passt plötzlich nicht mehr in die Welt. Wir sind an Grenzen gestoßen. Die Erde ist nicht das endlose weite Land, voll unbegrenzter Ressourcen. Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns umstellen. Niemand – egal ob von diesem Planeten kommend oder von einem anderen  ̶  wird uns warnen, in Schutz nehmen oder gar zu Hilfe eilen. Wir müssen den Weg selber finden. Eine Auswanderung zu andern Himmelskörpern ist keine ernst zu nehmende Option. Wir sind – wenn es darauf ankommt  ̶  nämlich ganz allein im Weltall und auf uns selbst gestellt. Niemand anderes ist unser Aufpasser. Darin liegt eine große Verantwortung begründet, aber auch eine große Freiheit.

In wieweit wir die natürliche Evolution durch eine willentliche Evolution ersetzen können, da legt sich Wilson nicht ganz fest. Dass wir in der Lage sein werden, das Wesen des Menschen durch eugenetische Manipulation generell zu verbessern, daran glaubt er nicht. Noch glaubt er, dass intelligente Maschinen den Menschen ersetzen werden. Wir haben bisher unsere Fähigkeiten durch Technik schrittweise verbessert und unsere Krankheiten dank Medizin bekämpft. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass wir uns in dieser Hinsicht beschränken werden oder beschränken müssen. Biologie (hier insbesondere die Genetik), Nanotechnik und Robotik stehen erst am Anfang. Auf den wissenschaftlichen Fortschritt zu verzichten, sei nicht nur töricht, sondern verantwortungslos.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Erasmus-Semester in Barcelona – ein Zwischenbericht

Meine Enkeltochter studiert Elektrotechnik an der Universität Stuttgart. Inzwischen hat sie das Bachelor-Studium abgeschlossen. Zurzeit macht sie ein Auslandsemester in Barcelona. Hier ein erster Erfahrungsbericht. Ich hoffe sie dafür gewinnen zu können. auch nach Abschluss des Semesters einen Rückblick zu verfassen (Bertal Dresen).

Vorbereitung

Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, mein Elektrotechnikstudium um einen Auslandsaufenthalt zu bereichern und mir schien das erste Mastersemester dafür am besten geeignet. Im März 2015 habe ich mich beim Internationalen Zentrum (IZ) der Uni Stuttgart bezüglich des ERASMUS-Programmes informiert. ERASMUS ist ein Förderprogramm für europäische Auslandsaufenthalte. Leider war ich etwas spät dran und die Hauptbewerbungszeit war bereits abgelaufen. Jedoch gab es noch die Möglichkeit, sich auf einen von vielen Restplätzen zu bewerben. Schnell grenzte ich meine Wahl auf Frankreich und Spanien ein. Ich hatte Französisch schon über mehrere Jahre in der Schule gelernt und entsprechend gute Kenntnisse, die ich gerne vertiefen wollte. Andererseits reizte es mich auch, eine neue Sprache zu erlernen und da Spanisch sehr weit verbreitet ist, war es für mich eine gute Wahl.

Da ich im Spanischen zu diesem Zeitpunkt jedoch kaum Vorkenntnisse hatte und mich auch im Französischen nicht sicher genug fühlte - was den elektrotechnischen Fachjargon anbetraf - suchte ich nach einer Universität, die Vorlesungen überwiegend auf Englisch anbot. Schließlich wollte ich während des Auslandssemesters nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch mein Masterstudium erfolgreich vorantreiben. Die französischen Universitäten boten kaum englische Vorlesungen an, weshalb ich Spanien für mein Auslandssemester wählte. Nach einigen Recherchen habe ich mich für die Universitat Politécnica de Cataluña (UPC) in Barcelona entschieden. Die von dieser Universität angebotenen Vorlesungen haben mich fachlich am meisten interessiert und dass Barcelona eine atemberaubend schöne Stadt ist, war auch nicht irrelevant für meine Entscheidung.

Bei der Planung meines Aufenthaltes wurde ich sehr gut durch meine Gastuniversität unterstützt. Durch viele informative Mails wurde ich auf alle wichtigen Veranstaltungen und das allgemeine Vorgehen aufmerksam gemacht. Unter anderem bot die UPC eine Orientation Week vor dem Vorlesungsbeginn an, für die man sich aber vorher anmelden musste. Alle wichtigen organisatorischen Fragen bezüglich des Aufenthaltes wurden dort sehr gut erklärt und es bot sich die Möglichkeit, bereits viele internationale Studenten, die Universität und die katalanische Kultur kennenzulernen. In dem Semester vor meinem Aufenthalt habe ich zur Vorbereitung an einem Spanischkurs der Uni Stuttgart teilgenommen. Außerdem erhält man im Rahmen des ERASMUS-Programmes einen sechsmonatigen Zugriff auf die Sprachenlernplattform erasmusplus, mit der man sich sprachlich weiterbilden kann. Ich habe einen Zugang sowohl für Spanisch als auch für Englisch erhalten, da dies meine Unterrichtssprache an der UPC ist.

Anreise und Formalitäten

Barcelona ist entspannt mit dem Flugzeug zu erreichen. Barcelona wird dabei von Billigfluggesellschaften wie Germanwings, Ryanair oder der spanischen Vueling angeflogen. Bei frühzeitiger Buchung kann man dort Hinflüge für um die 50€ bekommen. Vom Flughafen aus konnte ich bequem mit der Renfe nach Barcelona fahren und dort zu den Metros umsteigen. Das Metro-Netz in Barcelona ist unglaublich gut strukturiert. Eine T-10 Fahrkarte ist für den Anfang in Barcelona am besten. Damit kommt man auch für nur 1€ vom Flughafen bis zu seinem Reiseziel innerhalb von Barcelona. Welches Ticket langfristig am geschicktesten ist, kann jeder selber anhand der Informationen der Metro-Website entscheiden. Für mich als Student war es das T-Joves Ticket.



Hafen von Barcelona

Nach meiner Ankunft, musste ich mich an der Gastuni am Students Mobility Center melden. Dort erhielt ich auch meinen Studentenausweis und meinen vorläufigen Stundenplan. Aufgrund von zeitlichen Überschneidungen von Vorlesungen musste ich ihn noch ändern und durch einen internen Fehler hat sich noch eine Vorlesung in meinen Stundenplan gemogelt, die ich nicht belegt hatte. Bei Änderungen im Stundenplan oder Fragen zu dem Aufenthalt etc., konnte ich mich immer an das Students Mobility Center wenden.

Um am Ende des Aufenthaltes sein Semesterzeugnis (Transcript of Records) zu erhalten, musste ich mich in Barcelona registrieren lassen um eine sogenannte NIE Nummer (Steuernummer) zu erhalten. Die Prozedur zum Erhalt einer solchen Nummer wurde uns während der Orientation Week erklärt, jedoch gestaltete es sich als schwierig, einen Termin bei dem Amt zu bekommen. Außerdem sollte man sich darauf einstellen, die Registrierung auf dem Amt komplett auf Spanisch durchzuführen.

Unterkunft, Verpflegung und Verkehr

Auf einer der Infoveranstaltungen des IZ hatte ich die Möglichkeit, mich mit einigen Studenten zu unterhalten, die bereits in Spanien waren. Obwohl viele von ihnen erst vor Ort nach einer Wohnung gesucht haben und damit keine Probleme hatten, war es mir lieber, bereits im Vornherein eine Wohnung zu haben. Dadurch musste ich vielleicht etwas mehr zahlen, hatte aber im Gegensatz zu den Spontansuchern einen sehr entspannten September. Das war es mir auf alle Fälle wert.

Ich habe eine Wohnung an der Avinguda del Parallel in einem großen Wohnhausblock. Die Parallel ist eine viel befahrene Straße unweit der Rambla. Sie führt vom Hafen bis zum Placa d‘Espanya. Da die Wohnung aber an der Hinterseite des Hauses liegt, ist es relativ ruhig für eine Stadtwohnung. Andererseits ist sie daher auch recht dunkel und nur ins Schlafzimmer gelangt etwas Tageslicht. Ab und zu spürt man, wie die Metro unter dem Wohnblock entlangfährt, doch daran gewöhnt man sich schnell. In Spanien werden die meisten Wohnungen komplett möbliert vermietet. Meine Wohnung umfasst Bad, Küche, Schlafzimmer und einem kleinen Wohnbereich mit Schreibtisch. Sie ist sogar mit Bettwäsche und Handtüchern etc. ausgestattet, sodass ich mir einiges an Gepäck sparen konnte. Sie umfasst etwa 45 m² und ich teile sie mir mit meinem Freund, der ebenfalls in Barcelona studiert. Als Monatsmiete (Warmmiete) zahle ich etwa 450 €.

Direkt neben dem Wohnhausblock und in der nächsten Seitenstraße gibt es Läden für Früchte und Gemüse. Etwas weiter oben an der Straße befinden sich Supermärkte, wodurch sich alle wichtigen Versorgungspunkte in direkter Reichweite befinden. Auch die Metrostation ist nur fünf Gehminuten entfernt. Das einzige, das ich vermisse sind „richtige“ Bäcker. Gutes Brot gibt es wohl nur von deutschen Bäckern.


Universitäten in Barcelona



Die UPC ist eine der größten technischen Universitäten Spaniens (33.000 Studenten). Sie liegt am Campus Nord im nördlichen Teil von Barcelona nahe am Fußballstadion. Die Häuserblöcke, in denen sich die Klassenzimmer und Labore befinden, sind wie eine Matrix angeordnet. Dadurch sind die Räumlichkeiten einfach zu finden. In den Innenhöfen zwischen den Gebäuden befinden sich Cafeterien und kleine Lädchen. Eine Mensa gibt es nicht. Die Spanier sind es gewohnt, abends zu essen, wodurch die Notwendigkeit wohl nicht gegeben war. Für die Mittagesser gibt es einen Raum mit Mikrowellen, damit sie ihr mitgebrachtes Essen aufwärmen können.


UPC Barcelona, zwischen den Gebäudeblöcken

Außerhalb von Barcelona gibt es noch die Autonome Universität Barcelona (UAB), die überwiegend die Studenten des Gesundheitswesens und der Medizin beherbergt. In der Stadtmitte von Barcelona gibt es die allgemeine Universität von Barcelona (UB), die Geisteswissenschaften, Kunst, Biologie, Chemie und viele weitere Studiengänge anbietet, die nicht an der UPC zu finden sind. Das ist sehr ähnlich zu Stuttgart. Dort befinden sich auch sämtliche Studiengänge in der Stadtmitte und hauptsächlich die technischen Fakultäten wurden nach Vaihingen oder Hohenheim ausgelagert.

Studium und Studentenleben

Das Studium an der UPC ist anders als an der Uni Stuttgart. Statt großer Vorlesungssäle gibt es kleine Klassenzimmer. Etwa 25 Studenten in einer Vorlesung werden bereits als sehr viel empfunden und allgemein ist das System deutlich verschulter: Hausaufgaben bearbeiten, abgeben oder präsentieren, Gruppenarbeit, Referate halten und Anwesenheitspflicht samt Mitarbeitsnote. Viele Vorlesungen werden auch durch Labortermine begleitet, was mir sehr gut gefällt. Dadurch kann man das theoretisch erworbene Wissen durch die Anwendung in der Praxis festigen. Die Mastervorlesungen an der UPC sind alle auf Englisch und selbstverständlich fällt dies nicht allen Professoren leicht. Hier ist es auch üblich, dass sich mehrere Professoren eine Vorlesung teilen, dass sie sich also bei den Vorlesungs-stunden abwechseln. Ich besuche die Vorlesungen Innovation Based Service Management (IBSM), Network Security (NS) und Optical Fiber Telecommunications (OFT).

IBSM ist eine Firmenmanagement- und Wirtschaftsvorlesung für Ingenieure. Sie ist in zwei Termine unterteilt. Eine Stunde pro Woche arbeiten wir in Gruppen von fünf Studenten an einem Business Plan und einem Human Ressource Plan für eine Firma unserer Wahl. Meistens reicht die Zeit nicht aus, sodass wir uns zur Bearbeitung öfter privat treffen. Die anderen zwei Stunden werden uns von Experten (Gastdozenten aus der Wirtschaft) die Themen Finanzmanagement und Service Management nähergebracht. Als Prüfung haben wir in den letzten Vorlesungswochen die Präsentation unserer erarbeiteten Pläne.

Network Security gefällt mir von meinen Vorlesungen bisher am besten. Die Vorlesung behandelt die Sicherheit von Netzwerken. Wir lernen dort das Knacken von Passwörtern und das Einhacken in Netzwerke mit dem Ziel, Sicherheitsmechanismen gegen ebensolche Angriffe zu entwickeln. Die Vorlesung dauert drei Stunden am Stück, die der Professor in zwei Stunden Theorie und eine Stunde Praxis unterteilt. In der Praxisstunde arbeiten wir in Teams aus zwei Studenten zusammen. Manchmal auch in 4-er Gruppen für Angreifer-Verteidiger-Herausforderungen. Wir müssen jede Woche Berichte zu den erlernten Praktiken verfassen. Diese Berichte (zählen zu 20%) und die Mitarbeit während der Vorlesung (10%) bilden zusammen mit der Zwischenprüfung (30%) und der finalen Prüfung (40%) die Note. Mit Freuden durfte ich feststellen, dass ich in diesem Fach mit meinen Kryptographie-Kenntnisse aus dem Informatikkurs aus meiner Schulzeit glänzen konnte.

OFT ist reine Theorie, umfasst drei Stunden pro Woche und wird am Ende des Semesters mit einer schriftlichen Prüfung abgeschlossen. Während der Vorlesungszeit sollen wir in Gruppen von 2-3 Studenten einen Technical Report anfertigen und diesen dann präsentieren. Das erinnert mich stark an die Referate oder GFS‘, die wir zu Schulzeiten halten durften. Alle Professoren arbeiten mit Powerpoint-Folien, die sie anschließend in Atenea, den „Virtuellen Campus“ hochladen. Über Atenea kann man seine belegten Kurse einsehen und die Materialien herunterladen. Die bearbeiteten Hausaufgaben werden über diese Plattform digital abgegeben. Man muss sie dort innerhalb einer Frist hochladen.

Es war interessant festzustellen, dass jede Vorlesung mindestens zur Hälfte von ERASMUS-Studenten belegt ist. Hierbei dominieren Deutsche, Franzosen und Italiener. Da die Professoren wissen, dass viele der Studenten in ihrer Vorlesung nicht von der UPC kommen, wiesen sie anfangs deutlich auf die nötigen Vorkenntnisse hin. In einer Vorlesung wand sich der Professor speziell an die französischen Studenten und meinte, dass diese aufgrund ihres nur 3-jährigen Bachelors wahrscheinlich nicht die nötigen Vorkenntnisse hätten. Der deutsche Bachelor dauert auch nur drei Jahre. Der spanische hingegen umfasst vier Jahre.

Die UPC bietet auch eine Bandbreite an sportlichen Aktivitäten an. Für 28 € pro Monat kann man alle Räumlichkeiten jederzeit nutzen und an den größeren Sportkursen wie beispielsweise Zumba oder Badminton teilnehmen. Bei kleineren Kursen wie Klettern bedarf es einer Anmeldung. Diese Kurse sind aber sehr schnell ausgebucht. Man sollte sich am besten schon ein bis eineinhalb Monate vorher dafür anmelden.

Alltag und Freizeit

In Barcelona ist immer etwas los. Ständig gibt es größere Veranstaltungen oder es wird irgendwo etwas gefeiert. Es kann hier fast nicht langweilig werden. Ein kleiner Spaziergang durch die Stadt, einige Straßenmusikanten beginnen Volkslieder zu spielen und plötzlich fangen die Katalanen um einen herum an, ihre Volkstänze dazu zu tanzen. Besonders im September ist in Barcelona sehr viel los. Am 11.09 was der katalanische Nationalfeiertag und vom 18.09 bis zum 24.09 war die „La Mercè“, DAS katalanische Fest in Barcelona. Wenn man in diesem Zeitraum in Barcelona ist, darf man das auf keinen Fall verpassen. Massenweise sind Menschen auf den Straßen unterwegs und feiern. Überall in der Stadt sind Bühnen mit Live-Musikern aufgestellt und die ganze Woche über folgt eine Veranstaltung der nächsten. Am bekanntesten sind dabei die Castellers, die menschlichen Türme und der Correfoc (Feuerlauf). Mir haben besonders die sogenannten Giants gefallen. Dabei handelt es sich um riesige Figuren aus Pappmaché, die von Menschen getragen durch die Straßen laufen und tanzen.



La Mercè in Barcelona: Castellers

Neben den vielen Festlichkeiten bietet Barcelona auch Unmengen an Ausflugszielen. Besonders gut gefallen hat mir bisher Montserrat. Es eignet sich perfekt zum Wandern und Klettern. Auch Tarragona, Sitges und Girona habe ich bereits auf eigene Faust oder mit der ERASMUS-Gruppe von Barcelona besichtigt. Generell bieten die ERASMUS-Gruppen aus Barcelona viele verschiedene Ausflüge und Unternehmungen wie Stadttouren an. So kommt man gut rum und kann nebenbei auch sehr leicht andere Studenten kennenlernen.

Im ersten Monat in Barcelona bin ich viel durch die Stadt spaziert, um sie zu erkunden. Binnen kurzem habe ich mich zurechtgefunden. Nachdem ich unter der Woche mit meinem Studium beschäftigt war, nutze ich die Wochenenden, um Tourist zu spielen und die große Anzahl an Sehenswürdigkeiten in Barcelona kennenzulernen. Dass mehrere Museen Sonntagnachmittags freien Eintritt anbieten, kommt mir dabei sehr gelegen.

Finanzierung

Die Förderung, die ich durch das ERASMUS-Programm erhalte, ist bestenfalls ein Taschengeld. Es ist durchaus ratsam, vor einem Auslandsaufenthalt entsprechend Geld anzusparen. Pro Monat gebe ich im Mittel 160 € für Lebensmittel und Freizeitaktivitäten aus. Eingeplant hatte ich 200 € pro Monat. Dazu ist zu sagen, dass ich eher sparsam veranlagt bin. Gerade wenn man an vielen Ausflügen teilnehmen möchte, sollte man ein höheres Budget einplanen. So bieten die ERASMUS-Gruppen auch mehrtägige Reisen an, beispielsweise nach Madrid oder Marrakesch, die dann wesentlich teurer sind als ein Trip nach Tarragona.

Erstes Fazit

Bisher gefällt es mir in Barcelona sehr gut. Die Stadt ist so lebendig und es gibt unglaublich viel zu erleben. Möchte ich doch einmal dem Stadttrubel entfliehen, so fahre ich nur etwa eine halbe Stunde und bin an der Spitze des Montjuic mit einer tollen Aussicht über ganz Barcelona und besonders dem Hafengebiet oder ich bin am Strand von Castelldefels, der ab September bis auf einige Windsurfer komplett leergefegt ist. Im Alltag bieten sich mir viele Möglichkeiten, meine Spanischkenntnisse anzuwenden und zu erweitern. Da in Barcelona aber auch hauptsächlich Katalanisch gesprochen wird und viele Beschriftungen auf Katalanisch sind, mogeln sich automatisch auch einige katalanische Begriffe in mein Spanisch.


Kloster von Montserrat

Es war für mich eine Umstellung, von zuhause auszuziehen und in einer Großstadt zu leben. Ich gebe auch zu, dass mich am Anfang etwas Heimweh plagte, doch die Neugierde auf diese aufregende Stadt, die kontaktfreudigen Menschen, das Studium in Spanien, generell auf mein Auslandssemester ließen mich dies schnell vergessen. Ich bin mir sicher, dass ich hier noch weitere tolle Erfahrungen sammeln werde und dass ich mit Freude auf mein Auslandssemester zurückblicken kann.
 
[Der oben erwähnte  Folge-Bericht  ist inzwichen erschienen]

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Eindrücke eines Erstsemester-Studenten an der TU München

Mein Enkel studiert ab dem WS 2015/2016 das  Fach Wirtschaftsinformatik an der TU München (TUM). Er gab mir nach der ersten Woche einen recht ausführlichen Bericht über seine Erfahrungen. Mit seiner Zustimmung kopiere ich ihn für die Leser dieses Blogs.

Erfahrungsbericht

Nachdem die Schulzeit in Tübingen abgeschlossen war, blickte ich euphorisch der neuen Ära entgegen, Ich gierte nach dem Neuen. Freitag Abends kam ich in meiner Wohnung an, kurz Bett beziehen und Zähne putzen. Mehr war nicht mehr drin, denn am nächsten Morgen galt es noch Veranstaltungen der SET (Erstsemester-Einführungstage) wahrzunehmen. Ich hatte aufgrund meiner Führerscheinprüfung schon die ein oder andere Infoveranstaltung verpasst, weshalb es für mich umso wichtiger war, während der restlichen SET mit Kommilitonen in Kontakt zu kommen, damit diese mir zu einem kurzen Crashkurs ins Unileben verhelfen konnten.

Am Samstag gab es ein großes Frühstück für die 1-Semester der Informatik-Fakultät, anschließend eine Campus-Ralley. Hier galt es in Teams das Gelände zu erkunden und diverse Aufgaben zu bewältigen. Das Event diente aber primär dem Kennenlernen der anderen und so habe ich bereits Bekanntschaft mit Studenten der verschiedensten Fachschaften gemacht. Wirtschaftsinformatiker entpuppten sich jedoch als seltene Spezies, die kaum anzutreffen war. Was gleich auffiel waren die wohl doch nicht ganz so unbegründeten Klischees. So sind die Informatiker vom Typ her alle sehr "nerdy" (hab' lange überlegt aber für dieses Adjektiv gibt es keine Äquivalenten auf Deutsch). Die coolsten auf dem Campus sind eindeutig die Physiker. Insgesamt liegt das Durchschnittsalter meiner Kommilitonen bei 19 Jahren. Ich gehöre also wirklich noch zu den ganz "kleinen", selbst unter den Erstsemestern.

Der Sonntag hielt für uns neue Herausforderungen bereit. Die Fachschaft hatte ein Scotland-Yard-Spiel im großen Stil organisiert. Das Münchner Liniennetz bildete das Spielfeld und auf diesem musste nun Mr. X gefangen werden. Der Montag startete gleich mit der Immatrikulationsfeier. Der Präsident zapfte ein Fass der [universitätseigenen] Brauerei an und schenkte Bier aus. Doch bei 12.000 Erstsemestern (Master & Bachelor) waren die Vorräte nach wenigen Minuten aufgebraucht. Doch statt zu meutern verhielten sich die Massen gesittet. Ich war auch in der Lage zum ersten Mal Wirtschaftsinformatikerinnen kennen zu lernen. Eine davon war sogar eine ehemalige Klassenkameradin von mir, was natürlich eine große Überraschung war.

Die Folgetage reihte sich Vorlesung an Vorlesung, was aber noch sehr entspannt war, da Tutorübungen etc. erst ab dieser Woche beginnen. Sonderlich anspruchsvoll sind die Studieninhalte noch nicht. In Eidi (Einführung in die Informatik) näherten wir uns Java an, die beiden Mathe-Vorlesungen überschneiden sich zur Zeit noch thematisch. Beide behandeln die Mengenlehre, wobei im Falle Himstedt die Vorlesung sehr flach gehalten wird, sodass auch die TUM-BWLer mitkommen (Auf dem Campus werden sie neckisch als das ‚schwächste Glied des TUM-Kaders‘ bezeichnet).

Am meisten überzeugte mich jedoch die Einführung in die Wirtschaftsinformatik, eine Vorlesung, die von Helmut Krcmar gehalten wird. Er ist ein rhetorisch begabter, charismatischer Professor, der lebhaft mit starkem Praxisbezug und greifbaren Beispielen die Vorlesung sehr ansprechend gestaltet. Hier blieb bei mir mit Abstand am meisten hängen und ich wurde dazu verleitet, mich verstärkt für das Studium zu begeistern. Schließlich handelt es sich hierbei auch um das namensgebende Fach des Studiengangs und es tröstet mich darüber hinweg, dass das erste Semester mit Wirtschaftsinhalten geizt, da meine übrigen Fächer ja wie bereits erwähnt nur Themen der Mathematik und Informatik behandeln.

Auch wenn Ich noch nicht genug Vorlesungen hatte, um mir ein Urteil zu bilden, bin ich dennoch zu folgenden Schlüssen gekommen: 
  • Rein von der Infrastruktur her war die TUM als Uni die beste Wahl. Die Stadt München bietet aber auch ein gutes Fundament, um ihr ästhetisches Antlitz wirken zu lassen.
  • Ich weiß zwar noch nicht 100%ig, ob meine Wahl des Studienfachs die richtige war, aber ich bin fest überzeugt, dass die reine Informatik das garantiert nicht gewesen wäre.
Allein zu leben gefällt mir enorm, eine neue Form der Selbständigkeit, nach der ich mich immer gesehnt habe. Auch wenn meine aktuellen Wohnverhältnisse nicht wirklich zufriedenstellend sind, wird das durch die Tatsache, dass ich nun einen Single-Haushalt führe, mehr als wett gemacht und mit ein bisschen Glück finde ich zeitnah eine besser Wohnung für den sozialen Aufstieg. Man merkt, dass ein neues Kapitel, eine neue Ära angebrochen ist. Das Studium hebt sich deutlich von der Schule ab. Rückblickend kommt es mir vor, als wäre Ich Tübingen schon vor Jahren entflohen.

Das Klima an der Uni sagt mir deutlich mehr zu als das tendenziell eher aggressive Klima der Schule, wo es teilweise noch bis zur 10ten Klasse galt sich zu profilieren, wo 7t-Klässler Mitschüler aus der Klasse mobbten und in der 9ten der Wert einer Person noch durch Klamotten bestimmt wurde. All das ist an der Uni undenkbar. Derart primitives Gedankengut geistert weder durch Garching noch durch die Arcisstraße. Die Menschen sind kontaktfreudig und aufgeschlossen, und es ist auch mal erfrischend von Leuten umgeben zu sein, die einen Hund von einer Katze unterscheiden können. Es hat sich etwas etabliert, das selten auf dem Schulhof und noch seltener bei der BILD anzutreffen ist ... Niveau. Zusammenfassend kann man meine aktuelle Verfassung als glücklich bezeichnen, und ich bin zuversichtlich, dass das so bleibt.

Vorlesungsübersicht

Vorher hatte mein Enkel mir schon die Liste seiner Vorlesungen geschickt. Hier die Fächer mit den (aktuellen) Professoren: 
  •  Diskrete Strukturen - Bungartz, Hans-Joachim
  •  Mathematische Behandlung der Natur- und Wirtschaftswissenschaften - Himstedt, Frank
  •  Einführung in die Informatik - Brüggeman-Klein, Anne
  •  Einführung in die Wirtschaftsinformatik - Krcmar, Helmut
Bei allen Vorlesungen handelt es sich um Pflichtmodule. Da diese allein schon 31 Credits bilden, habe ich davon abgesehen, noch zusätzlich Wahlmodule zu belegen. Wie du sehen kannst, liegt dieses Semester ein starker Schwerpunkt auf Mathematik. Exakt 50% der Mathe-Einheiten, die ich während des GESAMTEN Studiums habe, fallen auf's erste Semester. Die BWL-Schwerpunkte werden erst ab dem 3ten Semester gesetzt. Begründet wurde dies damit, dass vorerst ein Grundfundament gebildet werden soll, welches bei allen Informatik-Studiengängen ähnlich ist. So teile ich mir bei diskreten Strukturen und der Einführung in die Informatik den Hörsaal mit sämtlichen Informatikstudenten, die die TUM zu bieten hat. So ein gleiches Fundament zeugt natürlich auch davon, dass ich die gleiche Ausbildung genießen werde wie reguläre Informatiker und somit auch als vollwertiger Informatiker wahrgenommen werden sollte. ;)

Ergänzungsfragen

Hier noch einige Ergänzungsfragen für den einschlägig interessierten Leser. Die Antworten illustrieren das Umfeld. Alle Vorlesungen des ersten Semesters sind in Garching. In späteren Semestern kommen Veranstaltungen im Bereich Arcisstraße/Gabelsberger Straße hinzu.

Bertal Dresen (BD): Welche wichtigen Veranstaltungen der Semester-Vorwoche entgingen Dir? Kannst Du sie nachholen?

Erstsemester-Student (ES): Mir entgingen die Vorkurse: Informationen zur Benutzung der TUM-Online-Plattform, dem Erstellen des Studienplanes etc. Dank meiner Kommilitonen und Internet-Tutorials der TUM (auf Homepage & Youtube) konnte ich aber aufholen und ins Studium "stolpern".

BD: Wie werden Eure Vorlesungen präsentiert (Tafelaufschrieb, Tageslichtprojektionen)? Benutzen die Professoren Mikrophone als Lautverstärker?

ES: Bei den Vorlesungen setzen die Professoren hauptsächlich auf Powerpoint-Präsentationen, welche sie über Beamer anzeigen. Anschließend werden die Folien auf Moodle hochgeladen. Dort können die Studenten mit ihrer TUM-Kennung zugreifen und sich die Unterlagen nachträglich ansehen. Bungartz greift als Einziger im Eifer des Gefechts auch mal auf die Tafel zurück. Diese kommt aber sonst nie zum Einsatz. Ein Mikrofon ist unerlässlich für die Professoren, egal ob es sich nun um einen 200- oder 700-Personen-Hörsaal handelt.

BD: Wie viele Zuhörer seid Ihr typischerweise pro Vorlesung? Werden Fragen gestellt und auch beantwortet?

ES: In den Vorlesungen sind die Professoren mit gigantischen Studentenmengen konfrontiert. In Vorlesungen wie die der Diskreten Strukturen oder Eidi reicht ein Hörsaal nicht aus, weshalb man sich im Interimshörsaal mit der Videoaufzeichnung aus dem "Haupt"-Hörsaal begnügen muss. Den beiden oben genannten Vorlesungen wohnen aber auch jedes Mal rund 1000 Studenten bei (Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und Games Engineering-Studenten). Wenn man nun aber nicht gerade im Interimshörsaal sitzt (dort wird im Regelfall die Videoübertragung ausgestrahlt), ist es immer möglich Fragen zu stellen. Auf diese wird auch immer gründlich eingegangen. Meistens handelt es sich jedoch nur um Studenten, die den Prof verbessern und auf Fehler auf seinen Folien aufmerksam machen.

BD: Schreiben die Zuhörer in den Vorlesungen fleißig mit? Gibt es Skripten zu kaufen? Was kosten sie? Hast Du sie alle erworben?

ES:  Mit dem Mitschrieb verhält es sich durchwachsen. Es variiert mit dem Kommilitonen, mit denen man sich einen Hörsaal teilt. Kaum sind (reine) Informatiker anwesend, wird man regelrecht von den Massen an Laptopdisplays geblendet. Meistens verleitet der aufgeklappte Computer aber zum Daddeln, worunter der Mitschrieb natürlich leidet. In Vorlesungen für Wirtschaftsinformatiker & TUM-BWLer greifen die meisten auf den Schreibblock zurück. Notebooks sind hier selten.

BD: Ich verstehe, dass Übungen erst noch kommen. Wir können evtl. später auf sie eingehen. Welche Lehrbücher werden empfohlen? Kannst Du sie in der Bibliothek ausleihen? Wieviel kosten sie im Schnitt? Was wirst Du machen?

ES: Ich habe gleich zu Semesterbeginn der Bibliothek einen Besuch abgestattet und mir sämtliche Fachliteratur unter den Nagel gerissen. Während die dicken Wälzer bei mir wohl zunehmend verstauben werden, lassen sich Bücher wie das von Krcmar sehr angenehm lesen. In jedem Fach haben wir grob 4-5 Werke als unerlässliche Fachliteratur empfohlen bekommen.

BD: Wie weit ist die Mensa entfernt? Was kostet Dich das Mittagessen? Schmeckt es Dir? Gibt es zwischendurch Pausen-Snacks?

ES: Die Mensa ist eine klare Verbesserung zur Schulzeit. Das Essen ist abwechslungsreich und die Auswahl auch mehr als zufriedenstellend. Die Preise sind aufgrund von Subventionen auch sehr günstig. Neben der Mensa gibt es auch noch eine Cafeteria, das Stucafé, sowie mehrere Imbissbuden auf vier Rädern. Auswahl ist auf dem Campus in Garching in jedem Fall gegeben.

BD: Wie lange bist Du morgens und abends unterwegs? Wie ich weiß, kannst Du nicht die ganze Strecke per U-Bahn fahren. Wie kommst Du zur Uni?

ES: Mit dem Semesterticket kann ich problemlos zwischen Innenstadt und Forschungszentrum Garching pendeln. Im Durchschnitt fahre ich 30 Minuten  ̶  egal ob es sich nun um die Hinfahrt oder die Fahrt in Richtung Innenstadt handelt. Die U6 fährt zu jeder Zeit und in sehr kurzen Intervallen. Wartezeiten werden höchstens durch meinen Anschlussbus verursacht, der dafür aber praktisch direkt vor meiner Haustür hält.

BD: Vielen Dank für den interessanten Bericht! Ich wünsche Dir für Dein Studium viel Erfolg.