Samstag, 19. Februar 2011

Bachelor und Master – eine Diskussion ohne befriedigendes Ergebnis

Am 18.2.2011 schrieb ich dem Kollegen Uwe Baumgarten in München:

… mit Interesse habe ich Ihr heutiges Interview in der Computerwoche gelesen. Leider vertreten Sie darin die bekannte Position einiger Hochschullehrer, dass der Master der Regelabschluss sein soll. Dagegen habe ich seit Jahren vehement opponiert. Die Hochschulen sollten meines Erachtens eine Antwort auf zwei gesellschaftlich wichtige Fragen finden, nämlich:

(1) Wie können wir die heute bereits unakzeptable Studiendauer (und Abbruchquote) reduzieren?
(2) Wie können wir es erreichen, dass bei uns ein immer höherer Prozentsatz eines Jahrgangs einen berufsqualifizierenden Abschluss bekommt?
Stattdessen sagen Sie, Bachelors seien nicht zu gebrauchen und nur durch eine noch längere Studiendauer (Bachelor + Master) könne man das heutige Niveau halten. Schande auf Ihr Haupt! 

Am gleichen Tag antwortete Herr Kollege Baumgarten:

…ich wirke nun schon seit vielen Jahren an der TU München und ich stehe mit voller Überzeugung dahinter, dass ich den Studierenden, die ich in den Bachelor-Studiengängen ausbilde, sehr empfehle, danach auch den Masterabschluss zu machen. Soweit mein täglicher Alltag. Dass es natürlich auch andere Interessen und Wege gibt, das sehe ich und das betone ich auch in allen Diskussionen. Ihre beiden Punkte verstehe ich sehr wohl und wir waren, so glaube ich, in den letzten Jahren mit unseren Maßnahmen auch sehr erfolgreich. 

(ad 1) Die Studiendauer ist nicht mehr unakzeptabel lang und die Abbrecherquote ist reduziert.  Natürlich verlassen uns einige Bachelorabsolventen aus gutem Grund und das unterstütze ich auch, da sie selbstverständlich eine gute Qualifikation besitzen.

(ad 2) Auch dazu tragen wir hoffentlich bei. Das spricht aber nicht dagegen, den Master-Abschluss anzuschließen.

Ich ließ nicht locker und hakte am selben Tag nach:

… so leicht können Sie mich nicht überzeugen. Ich gebe zu, ich kenne nicht die allerneuesten Daten. Zuletzt habe ich mich im Jahre 2007 mit dem Thema Studiendauer und Abbruchraten für meinen Beitrag im Informatik-Spektrum  beschäftigt. Damals schrieb ich:

Nach 14 Semestern haben erst Zweidrittel der Studierenden ihr Studium beendet. Dieselbe Studie [HIS-Kurzinformation A1/2005] enthält auch eine Rangliste der Universitäten. An der Spitze liegen die Humboldt-Universität Berlin und die TU München mit je 10,7 Semestern, am Ende die Universität Frankfurt mit 19,3 Semestern. Der Median der Universitäten liegt bei 12,3 Semestern. Die Folge dieser Entwicklung ist eine Situation, in der deutsche Absolventen, die ihre akademische Grundausbildung meistens erst mit 26 bis 29 Jahren abschließen, im europäischen Vergleich mit Absolventen aus andern Ländern konkurrieren müssen, die mit 23 bis 24 Jahren einen (nahezu) gleichwertigen Hochschulabschluss bekommen können.

Zur Abbruchrate schrieb ich damals: 

Die Informatik liegt zwar im Rahmen anderer Ingenieurfächer [49 % an Unis, 21 % an FHs], wird aber sowohl von Medizin wie von den Rechtswissenschaften deutlich distanziert. Bei beiden Fächern liegt die Abbruchrate nur bei 10 bis 15 %, d.h. um einen Faktor Drei niedriger.

Meine Schlussfolgerung war: Wenn wir Informatiker uns so um unsere Studierenden kümmern würden, wie Mediziner und Juristen dies offensichtlich tun, hätten wir bei über 20.000 Studienanfängern (fast) kein Fachkräfteproblem mehr.

Sie haben bestimmt neuere Daten und könnten ein anderes Bild malen.

Zum Thema höhere Studierrate. Es wäre schade, wenn all die studierfähigen jungen Leute zu den Geisteswissenschaftlern gehen müssten, weil die MINT-Fächer sich lieber abkapseln. Auch finde ich die Politik der bayrischen Landesregierung verständlich, den Ausbau von Fachhochschulen zu forcieren. Die Ausbildung ist billiger. Außerdem haben die Absolventen in fast allen technischen Fächern einen guten Ruf. Wenn Unis sagen, diese ‚Massenausbildung‘ ist nicht ihr Bier, dann sollte man sie in Schönheit (und Hochmut) sterben lassen, bzw. in reine Forschungs­anstalten umwandeln.

Gleich anschließend erwiderte Herr Kollege Baumgarten:

Ich bin sicher, dass es sich lohnt, das genannte Bild noch etwas weiter auszumalen. Und auch über die Studierrate und die "Massenausbildung" sollten wir uns unterhalten. Wenn ich an der TUM in Garching aus dem Fenster schaue und im benachbarten Maschinenwesen in jedem Jahr ca. 1000 Studierende im ersten Fachsemester sehe, bekommt man einen Eindruck universitärer Ausbildung.

Nachbemerkung:

Vielleicht hilft uns eine Leserin oder ein Leser und stellt aktuelle Zahlen über Studiendauer und Abbruchraten bereit. Wichtig wäre es auch, Informationen darüber zu erhalten, wie Bachelors von der Wirtschaft angenommen werden und im Beruf klarkommen. Die Diskussion ließe sich dann auf einer fundierten Basis fortsetzen. Bis jetzt war sie nicht sehr befriedigend.

Nachtrag am 23.2. 2011

Heute bat mich Hartmut Wedekind seinen Text zur BaMa-Problematik ins Netz zu stellen. Er bezieht sich darin auf seine Erfahrungen an einer kalifornischen Universität (Berkeley) und schlägt den Bogen zu Wilhelm von Humboldt und Immanuel Kant. 

Kommentare:

  1. Am 20. 2. 2011 schrieb Ernst Denert aus Grünwald bei München:

    Herr Baumgarten hat Recht: der Master muss der Regelabschluss an Unis sein, und - füge ich hinzu - der Bachelor sollte es an den Fachhochschulen sein. Denn wir brauchen hierzulande vor allem Spitzenleistungen und dafür Spitzenleute. Davon hat man nie genug, Durchschnitt dagegen gibt es reichlich.
    Mein Erfolg in der Führung von Softwarehäusern (Softlab, sd&m, IVU) beruhte vor allem darauf, nur sehr gute Leute einzustellen, ganz überwiegend mit Diplom in Informatik und benachbarten Fächern. Natürlich gibt es auch Aufgaben, für die man geringere Qualifikation benötigt, aber dafür sind nicht die Unis da.
    Wer ein MINT-Fach studiert hat, weiß wie schwer das ist und dass man dazu seine Zeit braucht, mir ging es jedenfalls so mit der E-Technik. Das ist nicht gleichbedeutend mit überlangen Studienzeiten, denen man natürlich begegnen muss. Die öffentliche Diskussion (Politik, Medien), in der der Bachelor als Heilmittel für kürzere Studienzeiten und weniger Studienabbrecher propagiert wird, ist oft geprägt von Leuten mit geistes- oder sozialwissenschaftlichem Studium. Sie haben die Schwere eines MINT-Fachs nicht erfahren und deshalb nur eine begrenzte Urteilsfähigkeit.
    Also: Keine Schande auf Baumgartens Haupt, sondern Asche auf Ihres, lieber Herr Dresen!

    Am 21.2.2011 haben Herrn Denert und ich telefoniert. Wir haben festgestellt, dass wir uns in folgenden Punkten einig sind:

    (1) Es wäre gut, wenn der Titel Master Universitäten vorbehalten bliebe. Es ließen sich dann leichter Rückschlüsse auf die Art und das Niveau der Ausbildung schon anhand des Titels ziehen.

    (2) Auch die von Universitäten vermittelte Bachelor-Ausbildung sollte die Absolventen berufsfähig machen. Die Berufsfertigkeit kann eine akademische Ausbildung ohnehin nicht erreichen. In diesem Punkte sollte die universitäre Ausbildung der Ausbildung an Fachhochschulen nicht (allzu sehr) nachstehen.

    (3) Ein Bachelor-Abschluss von Fachhochschulen sollte auch als hinreichende Voraussetzung für ein Masterstudium (und evtl. angeschlossener Promotion) an Universitäten akzeptiert werden, allerdings nur bei überdurchschnittlichen Noten.

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  2. Zum Wedekind-Text: Auch zu meinen bleibenden Eindrücken von einer Universität im Mittleren Westen (Ohio State) gehört, dass es nicht uninteressant ist, wenn zukünftige Krankenschwestern und Atomphysiker ihre Jugendzeit auf demselben Campus verbringen. Das nicht-akademische Leben gewinnt an Farbe, die Qualität der Lehre kann trotzdem sichergestellt werden. Es ist alles nur eine Frage der Organisation.

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