Dienstag, 8. Februar 2011

Meine Probleme mit kommerziellen Verlagen

Ein Grund dafür, warum ich diesen Blog einrichtete, waren meine Erfahrungen in letzter Zeit mit einigen kommerziellen Verlagshäusern. Mit Verlagen meine ich hier private Unternehmen, die wie eh und je vorwiegend in einer papierenen Welt leben und versuchen, mit meinen literarischen Ergüssen Geld zu verdienen. Kritische Diskussionen gibt es schon seit etwa 20 Jahren. Hier stehen meine persönlichen Eindrücke und Sorgen im Vordergrund.

Vorweg gesagt, ich habe nichts dagegen, dass Leute an mir Geld verdienen. Das tun ja auch andere, etwa Ärzte und Friseure. Eine Gemeinwirtschaft, in der weder Waren noch Diensten ein Preis zugeordnet wird, ist nicht mein Ideal. Nur müssen Preise in einem gewissen Verhältnis zu dem stehen, was ich als Mehrwert ansehe. Mit Mehrwert meine ich Dinge, die ich selbst gar nicht oder nur viel schlechter erreichen kann.

Fangen wir mit der Verbreitung der Texte an. Wenn man veröffentlicht, dann deshalb, um gelesen zu werden. Das Geldverdienen ist für einen Autor wie mich sekundär. Es ist eher eine mir angeborene Einstellung, die besagt: Was nichts kostet, kann auch nichts wert sein. Es ist mein Eindruck, dass die Verlage, mit denen ich es zu tun habe, − sie nennen sich ganz bescheiden Wissenschaftsverlage – kaum Aufwand betreiben, um für einzelne Artikel, Bücher oder Autoren zu werben. Man tut so etwas in diesen Kreisen anscheinend nicht.

Zum Glück gehöre ich nicht zu der Gruppe von Kollegen, die man bemitleiden muss, weil sie für ihr berufliches Fortkommen auf die Zahl ihrer Veröffentlichungen angewiesen sind. Diese armen Kollegen sehen sich immer mehr genötigt, ihren Texten gleich einen Scheck beizulegen, damit sich die Chancen ihres Beitrags verbessern, überhaupt angenommen zu werden. Das neue Schlagwort heißt Publikationsgebühren. Dass Verlage dieses Spiel zu ihren Gunsten mitspielen, ist zwar verständlich, aber auch ein Grund zur Sorge. Den Autoren gegenüber, die nicht zahlen wollen oder können, wäre es nur ehrlich, finanzierte Beiträge als Werbung zu deklarieren, bzw. anzugeben, wer wie viel dafür bezahlt hat. Es ist kein Wunder, dass die großen Forschungseinrichtungen immer mehr dazu übergehen, selbst Publikations-Server zu betreiben, um sich auf diese Weise von kommerziellen Verlegern abzukoppeln. Noch ist der freie Zugriff (auch ‚open access‘ genannt) auf Publikationen aus der Informatik ein Zukunftstraum. Die Leidtragenden werden dabei in Zukunft die Autoren sein, bei denen keine große Organisation im Rücken steht.

Will man Bekannte oder Freunde dazu bewegen, etwas von dem zu lesen, was man veröffentlicht hat, stellen sich besagte kommerzielle Verlage geradezu in den Weg. Man kann hoffen, dass der Bekannte sich irgendwann oder irgendwo Zugang zu dem betreffenden Druckerzeugnis verschafft. Bis das möglich ist, können Jahre vergehen (siehe unten!). Selbst wenn der Artikel auch elektronisch vorgehalten wird, verlangen einige Verleger horrende Gebühren für das einmalige Lesen. So sind 20-35 Euro für fünf Seiten keine Ausnahme, sondern die Regel. Die Abonnements für die gedruckten Ausgaben sind für normale Sterbliche ohnehin außerhalb ihrer Reichweite. Preise zwischen 500 bis 1500 Euro pro Jahr können nur Bibliotheken sich leisten, für die der Steuerzahler blutet. Bei über 100 Informatik-Zeitschriften, die ein einziger Verlag vorhält, kommen da stolze Beträge zusammen.

Als ich neulich versuchte, die etwa 200 von Google Scholar nachgewiesenen Zitate eines Buches zu finden, fand ich die 80% davon, die bei ACM, IEEE und ähnlichen nicht-kommerziellen Verlagen erschienen waren, problemlos im Internet. Nur an die Zitate aus den Büchern oder Zeitschriften der kommerziellen Verlagshäuser kam ich nicht heran. Anders ausgedrückt, ich war nicht bereit 35 Euro zu bezahlen, um zu überprüfen, ob das Zitat hilfreich ist oder nicht. Meine Schlussfolgerung: Die Kolleginnen und Kollegen, die heute noch bei kommerziellen Verlagshäusern publizieren, sollten sich fragen, ob sie damit sich und ihren Fachkollegen noch einen Gefallen tun.

Es gibt doch PaperC werden jetzt einige dem entgegenhalten. Das sind zwei ehemalige Berliner Studenten, die sich vorgenommen haben, das was sie bei ihren Studienarbeiten erlitten, andern Kommilitonen zu ersparen. Sie bieten etwa 5000 vorwiegend deutsche Fachbücher kostenlos im Volltext an. Ihr Geschäftsmodell sei das von Google, sagen sie. Sie kleben auf jede Titelseite drei Werbe-Banner. Ich bezweifele, dass dieses Geschäftsmodell bei diesem Unternehmen auf die Dauer trägt. Außerdem wird dieses Angebot von Verlagen weitgehend geheimgehalten. Auch findet man dort noch keine einzige Fachzeitschrift.

Ein paar Worte noch zu den papierenen Veröffentlichungen (Neudeutsch: Print media) selbst. Ihnen wohnen schon immer gravierende Probleme inne. Alle Zeitschriften, die ich kenne, haben ein Limit, was die Zahl der Seiten anbetrifft. Man hat mit einer bestimmten Seiten- und Heftanzahl kalkuliert und festgestellt, dass man damit gerade noch überleben kann. Kommt es dann in einem Jahr vor, dass plötzlich mehr Beiträge anfallen, als man nach der Begutachtung noch haben wollte, dann staut sich der Verkehr. Bei einer allen deutschen Informatikern bestens bekannten Zeitschrift gibt es daher zurzeit Wartezeiten zwischen Einreichung und Veröffentlichung von 12-18 Monaten. Das ist nicht nur für die Autoren verdrießlich, es passt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Für Geisteswissenschaftler mag es noch akzeptabel sein, für Naturwissenschaftler und Techniker ist es ein Skandal. Das zwischenzeitliche Online-Angebot kann man vergessen. Für meine Bekannten und Freunde ist es unerschwinglich (siehe oben!).

Liegt bei Zeitschriften die Vorgabe für die Seitenanzahl meist bei 6-8 Seiten, werden Bücher meist nur gedruckt, wenn sie mindestens 120 Seiten umfassen. Dass es dazwischen einen Bereich gibt, der für Autoren wichtig ist, etwa Institutsberichte, etwas längere Arbeitsanleitungen, und vieles mehr, das scheint das Verlagswesen kalt zu lassen. Das können die Universitäten oder die Autoren ja als ‚graue‘ Literatur in die Welt setzen. Graue Literatur ist das Zeug, auf das Bibliothekare und Buchhändler mit Verachtung herunterschauen. Bibliothekare und Buchhändler sind halt an altehrwürdige Verlage gewöhnt − oder soll ich sagen, festgewachsen − alles andere ist unter ihrer Würde oder nicht Teil ihres Geschäftsmodells.

Die Quintessenz: Nicht nur Physiker und Mathematiker müssen sich neue Wege suchen. Auch wir Informatiker sind gefordert. Eigentlich sollten wir in diesen Dingen eine gewisse Führungsrolle spielen. Stattdessen leiden oder schlafen wir. Einige von uns behaupten zwar, dass wir eine gewisse Zuständigkeit für neue Medien besäßen. Professionelle Verantwortung bezieht sich nach meiner Auffassung nicht nur auf Aussehen, Leistung und innere Struktur unserer Produkte, sondern auch auf deren Nutzbarkeit, Erschwinglichkeit und gesellschaftliche Relevanz. Ganz am Punkt Null muss man ja nicht anfangen. Unsere internationalen Fachgesellschaften wie die ACM und die IEEE Computer Society haben ja schon einiges ausprobiert. Ich empfehle den Verantwortlichen in der GI, sich das einmal in Ruhe anzusehen.

Ganz am Schluss noch eine Bitte um mildernde Umstände – wenn ich das mal so nennen darf: Ist man wie ich nahezu 80 Jahre alt, geht einem anscheinend etwas von der Geduld verloren, die es einem im mittleren Alter ermöglichte, relativ leicht über die Runden zu kommen. Jetzt ist man eher geneigt das zu sagen, was man für richtig hält, und zu tun, was einem als notwendig erscheint. Für das, was einem wie Spielchen von Erwachsenen vorkommt, hat man keine Lust mehr.

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