Donnerstag, 10. Februar 2011

Wikipedia hat die Schlacht gewonnen

Vor Jahren hatte ich mir vorgenommen, Wikipedia nicht zu zitieren. Inzwischen habe ich meine Meinung teilweise geändert. Die Zahlen sind schlicht überwältigend: über 200 Sprachen, sechs Millionen Einträge in der englisch-sprachigen Version, über eine Million in der deutschen.

Lange Zeit habe ich mich der Kritik der vier bekannten Informatiker (Denning, Horning, Parnas und Weinstein) angeschlossen, die Ende 2005 in einem CACM-Beitrag eine ernsthafte Warnung aussprachen. Sie verwiesen bei Wikipedia auf sechs Risiken, nämlich Ungenauigkeit, eigenartige Motivationslage, unbewiesene Kompetenz, Flüchtigkeit, begrenzter Abdeckungsbereich und mangelnde Verlässlichkeit der Quellen. Immerhin sahen die Autoren schon damals in Wikipedia ein ‚interessantes soziales Experiment‘, was die Erfassung (engl. compilation) und die Kodifizierung von Wissen betrifft. Das wurde es in der Tat.

Ich finde inzwischen immer mehr Beispiele, wo Wikipedia die ausführlichste und zuverlässigste Quelle ist, ja die einzige. In einem im Jahre 2006 im Informatik-Spektrum erschienenen Beitrag hatte ich 20 Einträge der Kategorie „Computer Pioneers“ verglichen. Ursprünglich fielen mir die großen quantitativen und qualitativen Unterschiede ins Auge. Das hat sich geändert, wie ein Vergleich der damaligen (2005) und heutigen (2010) Seitenanzahlen zeigt (siehe Tabelle). Die zuerst etwas knapp geratenen Beiträge wurden ergänzt, die langen gestrafft, alle wurden systematischer gegliedert und sind um Objektivität sehr bemüht. Das merkt man sogar im Falle von Bill Gates. Damals enthielt die englische Ausgabe von Wikipedia insgesamt 144 Beiträge in dieser Kategorie (List of pioneers in computer science), heute sind es 53. Auch das scheint Fortschritt zu sein.



Generell lässt sich sagen, dass Wikipedia die Schlacht gegen konventionell erstellte Nachschlagwerke gewonnen hat. Vor Jahren schon gab es einen Vergleich mit der Encyclopaedia Britannica. Je nach Lesart war die Fehlerrate gleich oder nur knapp schlechter. Die Firma Brockhaus hat die Publikation von gedruckten Lexika eingestellt. Auch die Online-Version des Brockhaus hat kaum noch Chancen. Bei aktuellen Vergleichen zog sie den Kürzeren gegenüber Wikipedia. Selbst Microsoft hat mit seiner Online-Enzyklopädie Encarta kapituliert.

Beim Zitieren werde ich in Zukunft unterscheiden zwischen Faktenartikeln und Meinungsartikeln. Bei Faktenartikeln hätte ich kaum noch Bedenken. Auf die Angaben zum Geburts- oder Todestag eines Prominenten kann man sich vermutlich verlassen. Meinungsartikel würde ich eher nicht verwenden. Wenn ich eine Meinung zitiere, möchte ich wissen, bzw. angeben können, wessen Meinung es ist. Die des ‚anonymen Schwarms‘ ist uninteressant. Nach wie vor habe ich den Eindruck, dass bei den Wikipedia-Autoren junge Männer stark überwiegen, deren Schaffenskraft durch ihre Tagesarbeit nicht ganz ausgeschöpft ist. Wie bei den Blogs einiger Boulevard-Medien würde ihr Output vermutlich stark zurückgehen, wenn es zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens keinen Internet-Zugang mehr gäbe. Gemeint ist, wechselnd mit den Zeitzonen.

Meine eigene Prognose von 2006 wurde weit übertroffen. Ich hatte gesagt: „Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, wird es bald keine Google-Suche mehr geben, die nicht mindestens ein Ergebnis aus Wikipedia präsentiert.“ Fast immer liegt ein Treffer aus Wikipedia heute auf dem ersten Platz der Ergebnisliste.

Das gilt natürlich auch bei einem so aktuellen Thema wie WikiLeaks. Dafür spendiert die deutsche Version von Wikipedia stolze 13 Seiten. Man wird also sehr gründlich informiert, sogar besser als über Steve Jobs und Richard Stallman. Die (anonymen) Autoren sind allerdings recht vorsichtig bei Formulierungen wie diesen:
  • WikiLeaks setzt … ein grundsätzliches öffentliches Interesse an den Informationen voraus.
  • Das Projekt gibt an, denen zur Seite stehen zu wollen, „die unethisches Verhalten in ihren eigenen Regierungen und Unternehmen enthüllen wollen“.
  • Kerngedanke von WikiLeaks ist die Idee des freien Zugangs zu Informationen, die öffentliche Angelegenheiten betreffen.
Es kann durchaus sein, dass manche Leser auch darin bereits eine eher positive Bewertung und Stellungnahme sehen. Verweisen möchte ich auf die sich anbahnende Diskussion zu diesem Thema in meinem Eintrag vom 5.2.2011 in diesem Blog.

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