Donnerstag, 18. Oktober 2012

Können Hochschulen einem Land schaden?

Ich setzte heute die etwas unangenehme Diskussion fort, die ich vor einer Woche in diesem Blog wieder aufgegriffen habe. Damals war der Anlass die Frage, wer den Hochschulangehörigen ihre Veröffentlichungen bezahlen soll – sie selbst, die Steuerzahler oder die Leser?

Die Frage, die im heutigen Titel steckt, scheint auf einen ungeheuerlichen Verdacht hinzuweisen. Ich rüttele bei vielen an einer Glaubensgewissheit. Dass einzelne Studierende oder Altersgruppen an der Hochschule auf die schiefe Bahn geraten können, dafür gab es immer wieder Indizien, nicht nur in den 1960er Jahren. Es gibt dabei Unterschiede zwischen Universitätsstädten und Fächern. Berlin, Frankfurt und Freiburg waren schlimmer als Aachen, Karlsruhe und Eichstätt; die Geistes- und Sozialwissenschaftler waren stärker gefährdet als die Ingenieure und Physiker. Dass die staatlichen Hochschulen als Einrichtung aber dem Gemeinwesen schaden könnten, das sie alimentiert, passt nicht in die landläufige Vorstellung.

Mein Kollege Peter Mertens, Emeritus einer bekannten deutschen Universität, brachte mich auf die Idee, meine Leser einmal etwas zu schockieren. Er wies mich dieser Tage zum wiederholten Male daraufhin, dass den Hochschulen von staatlicher Seite in wesentlichen Aspekten falsche Anreize gegeben werden. In einem Vortrag [1], den er im letzten Jahr in Zürich hielt, belegte er dies zwar nur mit vielen eher anekdotischen Fallbeispielen, aber doch sehr überzeugend. Er zeigte, dass in seinem Fach, der Wirtschaftsinformatik, die deutschen Hochschulen Gefahr laufen, dem Wirtschaftsstandort Deutschland Schaden zuzufügen.

Ich werde jetzt diese neue Gruselgeschichte nicht Schritt für Schritt erklären, sondern verweise auf die Arbeit von Mertens. Nur so viel: Die falschen Anreize ergeben sich primär daraus, dass Bewerber für Planstellen an Hochschulen vielfach nur nach einem einzigen Kriterium bewertet werden, den Veröffentlichungen in internationalen Fachjournalen (mit AAA-Bewertung). Dem gegenüber stellen die Anforderungen an einen Lehrstuhlinhaber so etwas wie die Disziplinen eines Zehnkampfs dar. Für die Auswahl des akademischen Nachwuchses benutze man vielfach eine Zielfunktion

mit den Variablen xi und den Gewichten gi. Die zehn Variablen xi sind in der folgenden Tabelle beschrieben. Alle erhalten das Gewicht 1 nur x3 erhält Gewicht 91. Wo solche Bewertungen angewandt werden,  ̶  meint Kollege Mertens  ̶  wäre jemand schlecht beraten, wenn er sich für Forschungsprobleme interessieren würde, die nur für Deutschland relevant sind. Außerdem kann er davon ausgehen, wenn er in Englisch veröffentlicht, dass seine Ergebnisse früher in Ländern zur Anwendung kommen, die  mit uns im Wettbewerb stehen, als zuhause in Deutschland.

Was Mertens für die Wirtschaftsinformatik konstatiert, gilt meines Erachtens erst recht für einen Professor der Informatik, der Ingenieurwissenschaften, der Architektur oder gar der Kunst. Hier kommt noch hinzu, woran ich im früheren Blog erinnerte, dass nämlich die Leistungen eines Fachmanns auf diesen Gebieten nicht an seinen Publikationen bewertet werden (sollten), sondern an Entwürfen, Erfindungen und Produktideen, einschließlich deren Realisierung. Wäre es so und gäbe es eine Einheit von Forschung und Lehre (‚Humboldt 2.0‘ nennt es Mertens), dann brauchte man sich in diesen Fächern um den Nachwuchs keine Sorgen zu machen.


 Zehnkampf-Disziplinen eines Hochschullehrers (nach Mertens [1])

Nach Mertens schaden die falschen Anreize seinem akademischen Fachgebiet. Irgendwann bleiben Studenten weg und damit die öffentlichen Mittel. Diese Sorge ist aus seiner Sicht verständlich. Die Konsequenzen, die ich befürchte, sind allerdings erheblich gravierender. Zerstört wird nicht nur ein einzelnes universitäres Lehrgebiet, sondern die Wirtschaft des Landes wird geschädigt, und damit unser Wohlstand. Deshalb habe ich die Darstellung möglicher Konsequenzen von Peter Mertens etwas modifiziert. Ein Land, dem fähige und motivierte Entwickler fehlen, wird im internationalen Wettbewerb zurückfallen. Aus dem Exportüberschuss wird ein Defizit. Ein zu großes Defizit führt zu Sparmaßnahmen und zur Rezession. Die globale Wirtschaft verschiebt nämlich laufend den Ort ihrer Wertschöpfung, und zwar nicht nur bei der Suche nach Bodenschätzen und Kostenvorteilen (z.B. niedrige Löhne und Steuern), sondern auch entsprechend den zur Verfügung stehenden technisch qualifizierten Arbeitskräften.


Falsche Anreize und ihre Folgen (frei nach Mertens [1])

Eng verwandt mit der Frage, welche Anreize wir geben, ist die Frage nach anerkannten Lehrmeistern und Vorbildern. Da wir leicht dazu neigen, nur auf das Ausland zu schauen, habe ich mich in diesem Blog bemüht, auch in Deutschland einige Leitbilder zu identifizieren. Sie finden sie vor allem in den folgenden beiden früheren Beiträgen Unternehmer und Erfinder aus der Informatik, Teil I und Teil II. Dies sind übrigens zwei meiner am meisten gelesenen Beiträge. Aber auch die Kategorien: Erinnerungen an verstorbene Kollegen und Interviews mit lebenden Kollegen dienen diesem Zweck.

Einen Punkt aus dem Vortrag von Peter Mertens möchte ich noch kommentieren. Es ist auch in der Industrie nicht üblich, dass Kollegen konstruieren, also entwerfen, die nie ein Produkt gebaut oder getestet haben. Für Hochschulleute ist es deshalb sehr empfehlenswert, mit dem vergleichenden Testen zu beginnen. Viele Kollegen in der Industrie haben als Tester angefangen und wechselten später in die Entwicklung. Sich in die Rolle eines Nutzers zu versetzen, kann sehr lehrreich sein. Von echten Fehlern, die man dabei entdeckt, gelangt man zu Ideen für Erweiterungen für neue Nutzergruppen. Es ist wichtig, auch an Hochschulen über technische Produkte und professionelle Dienste nachzudenken. Man sollte dies nicht als unwissenschaftlich abtun, als Fachhochschulniveau.

Zu dieser kritischen Betrachtung, zu der mich Kollege Mertens ermunterte, möchte ich eine zweite hinzufügen. Es geht dabei um die zwangshafte Verwissenschaftlichung der Ingenieurfächer. Ich kleide meine Gedanken zunächst in die Worte meines früheren IBM-Kollegen Tom Simpson aus Wheaton, MD. Er nahm an der Nachfolge-Tagung zu Garmisch teil, die 1969 in Rom stattfand, und hatte einen Text eingereicht, der als ‚Masterpiece Engineering‘ überschrieben ist. Brian Randell, der Schriftführer der beiden NATO-Konferenzen, hat mehrmals versucht, diesen Text zu veröffentlichen. Er wurde immer wieder daran gehindert. Er steht jetzt auf der Homepage seiner früheren Universität (Newcastle upon Tyne). Die Geschichte spielt in Italien im 15. Jahrhundert. Ich zitiere daraus in Englisch.

It seems that a group of people had gotten together to discuss the problems posed by the numbers of art masterpieces being fabricated throughout the world; at that time it was a very flourishing industry. They thought it would be appropriate to find out if this process could be "scientificized" so they held the "International Working Conference on Masterpiece Engineering" to discuss the problem…

Production was still not reaching satisfactory levels so they extended the range of masterpiece support techniques with some further steps. One idea was to take a single canvas and pass it rapidly from painter to painter. While one was applying the brush the others had time to think. The next natural step to take was, of course, to double the number of painters but before taking it they adopted a most interesting device. They decided to carry out some proper measurement of productivity. Two weeks at the Institute were spent in counting the number of brush strokes per day produced by one group of painters, and this criterion was then promptly applied in assessing the value to the enterprise of the rest. If a painter failed to turn in his twenty brush strokes per day he was clearly under-productive.

Regrettably none of these advances in knowledge seemed to have any real impact on masterpiece production and so, at length, the group decided that the basic difficulty was clearly a management problem. One of the brighter students (by the name of L. da Vinci) was instantly promoted to manager of the project, putting him in charge of procuring paints, canvases and brushes for the rest of the organization.

Die Moral dieser Geschichte lautet: Auch wenn man Farben, Leinwände und Pinsel nach wissenschaftlichen Methoden herstellt oder beschafft, und alle Arbeitsabläufe rational organisiert, heißt das nicht, dass automatisch Gemälde entstehen, die man als Kunstwerke akzeptiert. Fortschritte des Wissens sind kein Allheilmittel. Oder anders gesagt: Ingenieure und Informatiker, die meinen durch 'bessere' Methoden alle Probleme lösen zu können, werden enttäucht sein. Es bleibt ein Bereich, der sich der Wisssenschaft nur schwer erschließt. Hier hilft die Empirie, auch Management genannt. Empirisches Wissen kann äußerst nützlich sein, auch wenn es keine erklärende Theorie dazu gibt.

Studierende der Informatik und der Ingenieurwissenschaften müssen lernen, zuerst nach Problemen, Anwendungen und Produktideen zu suchen, dann nach Methoden, die bei der Lösung bzw. Realisierung helfen – nicht umgekehrt. Methoden sind das Mittel, Produkte und Dienstleistungen der Zweck. Würden wir nur noch Leute haben, die über Probleme und Methoden zu ihrer Lösung debattieren, aber keine, die Probleme auch lösen, also die besten Wissenschaftler der Welt und die schlechtesten Unternehmer, wäre dies nicht optimal für das Land. Die dauernde Privilegierung der Wissenschaft gegenüber andern Bereichen der Gesellschaft kann – im Extremfalle – diese Situation herbeiführen. Eine Wirtschaft, die nur Banker und keine Auto- und Maschinenbauer mehr kennt, wäre leichter zu verkraften.

Probleme können durch Anwendungen an ein Fachgebiet von außen herangetragen werden. Das muss sein und ist wichtig. Nur ist das nicht die einzige Quelle. Das Fachgebiet Informatik kennt sehr viele Probleme und Aufgaben, die sich von innerhalb des Fachgebiets ergeben. Alles, was mit der Anpassbarkeit, der Benutzbarkeit, den Kosten, der Lebensdauer, den Nebenwirkungen, der Sicherheit, der Wartbarkeit, der Zuverlässigkeit unserer Produkte und Dienste zu tun hat, ist ein dem Fachgebiet inhärentes Problem.

Schließlich ist Verwissenschaftlichung in den technischen Fächern auch nicht mit Mathematisierung gleichzusetzen. Wie schon des Öftern gesagt, dienen Mathematik und Formale Methoden zur Beschreibung von Phänomen oder Problemen, nicht zu deren Erklärung bzw. Lösung. Damit Sie aber nicht glauben, ich sei gegen die Wissenschaft oder gegen die wissenschaftliche Methode, möchte ich Sie beruhigen. In einem früheren Eintrag dieses Blogs sagte ich: Die Menschheit hat nichts Besseres, um ihr Verständnis der Welt zu verbessern und um viele ihrer Probleme zu lösen.

Zusätzliche Referenz

1. Mertens, P.: Die Zielfunktion des Universitätslehrers der Wirtschaftsinformatik – Setzen wir falsche Anreize? 10th International Conference on Wirtschaftsinformatik. 16.-18. Februar 2011, Zürich. Ein Video des Vortrags gibt es auch.



Nachtrag am 24.10.2012:

Die folgende Passage in den VDI-Nachrichten, dem Sprachrohr der Ingenieure, sollte zur Besorgnis Anlass geben:

Gewandelt haben sich in den vergangenen Jahren aber andere Anforderungen der Universitäten. „Die Qualität der Publikationen war bislang kein zentraler Faktor, jetzt wird es immer wichtiger“, hat Jeschke festgestellt. Ursache dafür ist die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat begleitete Exzellenzinitiative. „Universitäten suchen Forscherpersönlichkeiten, die in der Lage sind, in der Spitzenliga deutscher Universitäten mitzuspielen. Die Publikationsliste ist bei der Auswahl ein zentraler Benchmark“, sagt sie.




Nachtrag vom 29.10.2012:

Mit seinem Kommentar in diesem Blog lieferte Gerhard Goos ungewollt einen Beweis für meinen Verdacht, dass die Tätigkeit der Hochschulen uns nicht immer zum Segen gereicht.

Kollege Goos erwähnte mit Recht, dass ich fast mein gesamtes Fachwissen nicht an Hochschulen erworben habe. Als Folge davon neige ich nicht dazu alles, was Hochschullehrer sagen, von Vorherein für Gold zu halten und alles, was von außen kommt, für Blech zu erklären. Ich bin in diesem Punkte total unverbildet und werde es auch bleiben. 

Manchmal könnte man meinen, es gäbe eine Art von Verschwörung. Indem man nur das, was in AAA-Journalen publiziert wird, für Wissenschaftler als wissenswert erklärt, ist alles andere per Definition unwissenschaftlich. Da junge Gehirne leicht zu beeinflussen sind, glauben einige von diesen, dass es reicht, nur ‚wissenschaftlich‘ gebildet zu sein. So vererbt sich die Kurzsichtigkeit.

Mit Goethe möchte ich ausrufen: Mehr Licht! Hinterfragt, was man Euch sagt. Lasst Euch nichts vormachen. Fragt nach den wahren Innovatoren und Erfindern Eures Faches, also auch nach denen, die nicht alles in AAA-Journalen veröffentlichten.

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