Mittwoch, 3. Oktober 2012

Leben im Alter – eine Selbsteinschätzung

Dieser Tage stellte mein Ex-Kollege Otto Buchegger aus Tübingen seine Gedanken darüber ins Netz, wie man für ein Leben im Alter Vorsorge treffen sollte. Sie spiegeln seine Erfahrungen wieder. Der Text ist sehr lesenswert. Es sind die Erfahrungen eines etwa 70-Jährigen. Da ich etwa zehn Jahre älter bin als er, hat sich meine Perspektive bereits etwas verschoben. Ich möchte daher Otto Bucheggers Text ergänzen.


Ich will für meine Betrachtung das Alter nach der Pensionierung in drei Phasen einteilen. Sie entsprechen etwa den Jahrzehnten nach dem Eintritt in den Ruhestand. Von Person zu Person können die Phasen sich um bis zu fünf Jahre nach vorne oder hinten verschieben. Auch gibt es in dieser Hinsicht einen generellen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich betrachte nur den Fall, dass man das Alter mit einem Partner (normalerweise der Ehepartner) zusammen verbringt.

Phase I: Aktives gemeinsames Altern

Man fühlt sich frei von beruflichen Belastungen und Einschränkungen. Sofern die finanziellen Mittel ausreichen, kann man Dinge unternehmen, die vorher nicht möglich waren. Zum Beispiel lassen sich lange oder teure Reisen unternehmen. Sehr beliebt sind Kreuzfahrten (meist per Schiff) rund um die Welt. Man kann aber auch Hobbies betreiben, die Zeit und/oder Geld kosten. Bücher lesen und schreiben, den Schwarzwald durchwandern oder alte Uhren oder Autos sammeln fällt in diese Kategorie.

Phase II: Eingeschränkte körperliche Aktivität

Meist trifft es einen Partner früher als den andern, dass gesundheitliche Probleme auftreten. Das Thema Reisen muss dann abgehakt werden. Man will sich dann auch nicht in einem Teil der Welt aufhalten, wo medizinische Versorgung nur mit Mühe zu erhalten ist. Mancher heimatverbundene Gastarbeiter behält aus diesem Grunde seinen deutschen Wohnsitz bei. Selbst im eigenen Land gibt es hier graduelle Unterschiede. Man ist jedoch bestrebt, sich weitgehend selbst zu versorgen. Man behält die gewohnte Umgebung bei und führt den eigenen Haushalt weiter. Plötzlich ist es wichtig, dass die eigene Wohnung barrierefrei ist. 

Senioren sind nicht länger dem stundenlangen Fernseh-Konsum überlassen. Auch der Papierverbrauch durch Zeitungen lässt sich einschränken. Da immer mehr intellektuelle Angebote im Netz vorhanden sind, ist allerdings ein Mindestmaß an Digitaler Potenz nicht schlecht. Gemeint ist damit das Gegenteil von Digitaler Demenz, worüber in diesem Blog bereits berichtet wurde. Nach meiner Überzeugung überwiegen hier die Vorteile der Technik deren Nachteile. Auch dazu gibt es einige frühere Hinweise unter der Überschrift Senioren und Informatik.

Phase III: Altersschwäche

Irgendwann ist man nicht mehr in der Lage sich selbst zu versorgen. Dann begibt man sich in die Pflege. Diese wird entweder von Angehörigen oder von Fremden durchgeführt. War die Betreuung älterer Menschen früher ein Aspekt des Generationenvertrags, so ist dies heute meist nicht möglich oder nicht mehr gewollt. Es wird fremde Hilfe engagiert. Bei alleinstehenden Männern ist eine sehr beliebte Form die Polin, die monatsweise anreist und den Haushalt führt. Kommt dies nicht in Frage, bleibt das Seniorenheim. Eine Zwischenform heißt Betreutes Wohnen.

Als Altersschwäche ist hier sowohl die deutliche Abnahme der körperlichen wie der geistigen Leistungsfähigkeit gemeint. Die allseits beklagte Demenz schreitet meist über einen größeren Zeitraum fort. Das gilt besonders für zwei bekannte Formen, nämlich Alzheimer und Parkinson. Je älter wir werden, umso häufiger treten altersbedingte Leiden in den Vordergrund. Auch hier ist der Fortschritt zweischneidig. Indem bestimmte häufige Erkrankungen zurückgedrängt werden, treten andere umso stärker hervor.
                                                                           
Da viele meiner Leserinnen und Leser ebenfalls im Seniorenalter sind, bin ich gespannt auf deren Beiträge bzw. Kommentare. 

Nachtrag im Dezember 2012: Die Problemmatik des Alterns wird auch in einem späteren Eintrag noch einmal aufgegriffen.

Kommentare:

  1. Am 3.10.2012 schrieb Rul Gunzenhäuser aus Stuttgart:

    Ihre Phaseneinteilung ist verblüffend einfach und zutreffend. Ich kann genau den Zeitpunkt zwischen meiner I. und II. Phase bestimmen: Sommer 2009 ….

    Wenn Ihre Prognose richtig ist, kann ich noch etwa 5 Jahre in Phase II bleiben, d.h. noch in NN [am Stadtrand] wohnen, einkaufen, e-Potenzen nutzen usw. Ich merke aber, dass immer mehr Zeit für gesundheitliche Probleme und deren (provisorische) Behebung verwendet werden muss. Ein Einschnitt wird kommen, wenn ich auch in der unmittelbaren Umgegend nicht mehr selbständig Auto fahren kann. "Abenteuer-Fahrten" unternehmen wir seit 2009 nicht mehr.

    Vertrauen wir also Ihrem Modell und der dahinterliegenden Statistik. Wir können noch Einiges erleben, auch wenn wir abschnittsweise nur noch halbtags (frei) leben und den anderen Halbtag in medizinischen Vorhöllen verbraten.

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  2. Am 4.10.2012 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt:

    Die Drei-Phasen-Einteilung ist tatsächlich verblüffend. Mir (Jahrgang 1935) widerfuhr der Übergang von Phase I nach Phase II auch deutlich abrupt, wie dem Kollegen Gunzenhäuser. Bis 2011 (76-jährig) habe ich noch Vorlesung gehalten. Dann, im letzten Jahr, versagte mir die Stimme gegen Ende einer Vorlesung. Das war ein deutliches Signal aufzuhören. Mit dem Joggen ist es schon seit 2007 vorbei, wegen der Knie.

    So geht alles dahin. Wichtig ist die Erkenntnis, dass das so sein muss. Wie sonst anders?

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  3. Am 5.10.2012 schrieb Calvin Arnason aus Portland, Oregon:

    „I miss here what I consider the most important aspect of aging - to maintain relevance to and from the engagement with life. Traditionally that often includes family roles and continuation of career activities. If one separates from the career and the working world, then something of similar size needs to take that vacated space. In my observations hobbies and travel seldom suffice alone to satisfy that need for engagement.“

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