Mittwoch, 26. August 2020

KI aus Sicht einer in Deutschland lebenden Ausländerin

Kenza (196x) ist eine gebürtige Marokkanerin, die in Berlin lebt. Ihr voller Name lautet Kenza Ait Si Abbou Lyadini. Sie ist als Senior Manager Robotics and Artifical Intelligence bei der Deutschen Telekom in deren IT-Bereich tätig. Sie hat ein Buch vorgelegt mit dem Titel Keine Panik, ist nur Technik (2020, 224 Seiten). Das Buch hat den Untertitel: Warum man auf Algorithmen super tanzen kann und wie wir ihnen den Takt vorgeben. Es ist ein Einstieg für alle, denen die Angst vor Technik zu schaffen macht.

Mehr über die Autorin

Die Autorin sagt von sich, dass sie als kleines Mädchen ihre Mutter gebeten habe, ihr Rechenaufgaben zu geben, sowie ein Heft mit Stift, um Lösungen einzutragen. Diese Faszination fürs Rechnen habe sie später auf den PC übertragen. Heute brenne sie für die Themen KI (künstliche Intelligenz), Diversity und Networking.

Sie genoss eine Ausbildung zum Bachelor of Engineering an der Universität Valencia. Daran schloss sich ein Master of Engineering an der Technischen Universität Berlin. Sie nahm am Führungskräfteentwicklungsprogramm der Deutschen Telekom AG teil. Außerdem besitzt sie den Titel Certified Scrum Master der Scrum.org. Ihr Berufsweg führte von der Telecom S.L. in Valencia und Barcelona zur T-Systems, einer Tochter der Deutschen Telekom in Berlin. Sie war hier zunächst als Senior Project Manager - Line Office of Strategic Deals & Solutions tätig. Zwischendurch arbeitete sie als freier Mitarbeiter (engl. Freelance) für Porsche, Volkswagen, Audi, Air Berlin, Hermès, L’Oréal, und IBM. Die Autorin engagiert sich in der Werbung für MINT-Berufe bei Frauen und tritt in Vorträgen und Diskussionsbeiträgen ein für Frauen und Technik.

Ausgewählte Themen

Die 13 von der Autorin ausgewählten Themen sind in der folgenden Liste wiedergegeben. Sie kreisen zwar um das das Unterthema KI, adressieren aber auch Fragen der Technik-Akzeptanz im weiteren Sinne.

  • Die kunterbunte Welt der Technik (Unbegründete Ängste)
  • Denk doch mal nach, Maschine! (Codes und Algorithmen)
  • Wie künstliche Intelligenz das Tanzen lernt (Was KI von uns braucht)
  • Leider entsprechen Sie nicht unseren Anforderungen (Wie Daten verzerrt werden)
  • Auch Maschinen wollen nur das eine (Programme entscheiden über Geld)
  • Die Kunst, Angst in Zahlen auszudrücken (Anwendungen in der Versicherungsbranche)
  • 'Sie kenne ich doch. Sind sie nicht gestern bei Rot über die Ampel gegangen?' (Gesichtserkennung)
  • 'Baby, you can drive my car' (Autonomes Fahren)
  • Man erntet, was man codet (Roboter in der Ernährung)
  • Mit KI gegen Stürme, Eis und Hitzewellen (Anwendung im Umweltschutz)
  • Chefvisite beim RoboDoc (Digitalisierung im Gesundheitswesen)
  • Computer wie wir (Liebe in Zeiten der Algorithmen)
  • Ich hack mir die Welt, wie sie mir gefällt (Besseres Leben dank Technik)

Bewertung einiger KI-Techniken im Hinblick auf ihre Anwendungstauglichkeit

Auf zwei KI-Anwendungen verlässt die Autorin sich fast täglich. Sie macht häufigen Gebrauch von Jelbi. Das ist ein KI-System der Berliner Verkehrsbetriebe, das für die jeweilige Tageszeit die schnellste Verbindung zwischen zwei Punkten im Berliner Verkehrsverbund berechnet. Sie verlässt sich zu 100% darauf, dass aller Spam aus ihren E-Mails entfernt wurde. Das war noch vor 10 Jahren eine lästige Angelegenheit, bevor sich eine KI-basierte Lösung durchsetzte.

Nicht ganz so weit haben es einige Anwendungen gebracht, über die schon lange gesprochen wird. Die Autorin sieht in ihnen jedoch ein großes Potential. Zwei Beispiele: An der Gesichtserkennung wird an vielen Stellen gearbeitet. Offensichtlich wurden bisher nur Teilerfolge erzielt. Alle Welt träumt davon, dass der Vergleich mit dem Passbild demnächst zur Identifizierung ausreicht. Das würde eine Unzahl neuer Anwendungen ermöglichen, von der Eingangskontrolle zu Gebäuden bis zum Abschluss von Handelsgeschäften. Sehr bezeichnend ist die Tatsache, dass die besten Ergebnisse bei weißen Männern erreicht werden. Afrikaner, Asiaten und Frauen schneiden schlechter ab. Das liege am Fehlen von Testdaten. Dass der Kühlschrank aufgrund seines Inhalts einen Essensvorschlag macht, wird wohl noch eine Weile Zukunftsmusik sein.

  
Hoffnungen und Mängel

Man spricht von Starker KI, wenn die Maschine mehrere Intelligenzen besitzt. Das gibt es vielleicht in 30 Jahren, wenn überhaupt. Es gibt (noch) keine KI, die aus verzerrten Trainingsdaten nicht-verzerrte Ergebnisse erzielt.

Die Autorin hält sich für eine Verfechterin für Gleichberechtigung und Diversität. Ihr missfällt es, dass die Attribute ‚durchsetzungsfähig‘ und ‚zielstrebig‘ hauptsächlich auf Männer bezogen werden. Sie kommen bei Bewerbungen von Frauen noch kaum vor. Wenn alle Bewerbungen von derselben Jobbörse vermittelt werden, sei die Gleichbehandlung von Männern und Frauen nicht zu erreichen. besonders dann, wenn KI-Software eine entscheidende Rolle spielt. Lerndaten können zu einer Einseitigkeit (engl. bias) führen, wenn sie vorwiegend von männlichen Bewerbern stammen. Auch die automatische Gesichtserkennung und Spracherkennung leiden darunter, dass mehr getan wird für Männer als für Frauen.

Neuere Anwendungen

Durch KI wird ein Präzisions-Ackerbau ermöglicht. Die Firma Microsoft hat sich damit in Indien engagiert. Für einen Einsatz zur Pränatalen Feindiagnostik per Ultraschall wäre die Autorin ein interessierter Kandidat. Dass Roboter im OP dem Arzt dabei helfen, indem sie ein Endoskop mit einer kleinen Kamera führen, findet sie in Ordnung. Jeder, der über KI redet, erwähnt das Selbstfahrer-Dilemma (engl. trolley problem). Das ist die Frage, wer im Zweifelsfall Vorrang bekommt − wenn nur einer überleben kann − das Kind oder die Oma. Es ginge dabei um Prinzipienethik (Kant) versus Nutzenethik (Utilitarismus).

Stolpersteine

Nicht allgemein bekannt sind einige der Fehlleistungen, auf die das Buch aufmerksam macht. Die Autorin muss die Kenntnis darüber in ihrer praktischen Arbeit gewonnen haben. Zwei Beispiele: Wer mit einem iPhone oder iPad von Apple ein Hotelzimmer bucht, muss möglicherweise mehr für das Zimmer bezahlen als jemand, der-ein Gerät eines anderen Herstellers verwendet. Obwohl WhatsApp für die Anwendung End-zu-End-Verschlüsselung bietet,  ist es nicht auszuschließen, dass Werbung generiert wird, der das Gesagte als Basis dient.

Selbst-Darstellung

 
Lassen wir am Schluss Kenza Ait Si Abbou selbst zu Wort kommen, die ja schon seit 15 Jahren in der IT-Branche arbeitet:

Wir müssen nicht plötzlich alle programmieren können – aber wir müssen all unsere Erfahrung einbringen. Damit die Technik den Menschen bestmöglich unterstützen kann. Damit Artifical Intelligence Aufgaben übernehmen kann, die uns freier in unserer Zeit- und Zukunftsgestaltung machen. Dies kann umso besser gelingen, je mehr Informationen wir für die Robotik zur Verfügung stellen können. Durch authentische und diverse Teams, die die Vielfalt der Zukunftswünsche und auch –ängste spiegeln. Als Frau bringe ich hier eine andere Sichtweise als meine oft männlichen Kollegen ein. Meine internationale Erfahrung gibt mir die Möglichkeit des Perspektivwechsels. Meine Erfahrungen aus Job, Familie und Lernen bieten mir eine fundierte Basis. Das ist es, was ich in meinen Vorträgen, Talks und Workshops weitergebe.

1 Kommentar:

  1. Interessant ! Aber
    - IBM hat alle Aktivitäten in Gesichtserkennung vom Markt zurückgenommen -- zu hohe Fehlerquote bei nicht-weiße Leute.
    - Microsoft hat am 18.8. (nach 14 Jahre) wieder ein Flugsimulator auf dem Markt gebracht. Dieses Mal mit Einsatz von KI !!! Also seit 10 Tagen bin ich nicht mehr ansprechbar. Im Lauf dieser Woche kommt der erste Patch, dann bin ich nicht mehr erreichbar :-) Stuttgarter Flughafen ist der 8. groesste Flughafen von Deutschland, aber ist nicht zu finden in dieser Version, aber Flugplätze von Poltringen und Überberg oder Rossfeld sind vorhanden ;-) wo ich heute drüber geflogen bin.

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