Donnerstag, 18. Juli 2019

Fake News per Telefon – Warnung für Leichtgläubige

Zum zweiten Mal innerhalb der letzten Wochen erhielten wir gestern einen überraschenden Anruf. Es meldeten sich angebliche Polizisten am Telefon, um uns bezüglich unserer Situation zu informieren.

Der gestrige Anrufer teilte uns mit, dass in unserem Stadtteil ein Einbruch in ein Einfamilienhaus stattgefunden habe. Man habe drei junge Männer osteuropäischer Herkunft gefasst. Vermutlich seien es Rumänen. Bei einem von ihnen habe man einen Zettel mit sieben Adressen gefunden. Darunter sei auch unsere. Die Verhöre gingen noch weiter. Auch ließe man unser Viertel noch eine Weile observieren, und zwar von Kollegen in Zivil.

Von mir möchte man wissen, welche Leute uns in den letzten Tagen besucht hätten und ob wir zu allen volles Vertrauen hätten. Ich nannte einige Handwerker und Sozialarbeiter, die wir alle schon seit längerem kennen. Speziell wollte man wissen, ob wir in letzter Zeit Kontakt zu verdächtigen Leuten, besonders aus Osteuropa gehabt hätten. Als ich dies verneinte, gab man mich weiter an einen Hauptkommissar Schneider. Dieser wollte wissen ob wir regelmäßig Geld bei einer Bank abholen. Dort gäbe es nämlich undichte Stellen, auch bei der Bank, bei der wir unser Konto hätten. Ob uns etwas verdächtig vorgekommen sei. Als ich sagte, dass wir nur Online-Banking machen, wollte man wissen, ob sich der Bildschirm schon mal auf ungewöhnliche Art verändert habe.

Auf alle Fragen von mir, etwa wo und wann denn der Einbruch gewesen sei, verweigerte man die Auskunft, und zwar aus Datenschutz-Gründen.

Als ich anschließend bei der nächsten Polizeistation nachfragte, ob man von dem Einbruch in unserem Stadtviertel wüsste, herrschte dort völlige Unkenntnis und Verwunderung. Diese Masche, sich als Polizei auszugeben, um an Information zu gelangen, sei aber im Großraum Stuttgart gerade sehr in Mode. Es bestehe keine Gefahr für uns, sofern wir nichts preisgeben, was für potentielle Einbrecher von Nutzen sei.

Ich entschloss mich dennoch, auf diesem Wege eventuell Betroffene zu warnen.

Dienstag, 16. Juli 2019

Geglückter Neustart für Europa

Spannend war es heute. Die magische Zahl hieß 374. Dieser Anzahl von Ja-Stimmen bedurfte es, damit Ursula von der Leyen Präsidentin der EU-Kommission wurde. Sie hat es geschafft. Es wurden 383. Das sind neun mehr als nötig. Die heutige Rede gab vermutlich den Ausschlag.

Vorgeschichte

Zwei EU-Insider unterhielten lange Zeit das Wahlvolk. Der Allgäuer Manfred Weber, Vorstandsmitglied der CSU, war von der Europäischen Volkspartei (EVP) zum Kandidaten erkoren. Europas Sozialdemokraten standen hinter dem Niederländer Frans Timmermans. Auch andere Gruppierungen ernannten Spitzenkandidaten für die Europa-Wahl im Mai 2019. Diese fielen jedoch kaum auf.

Das Vorschlagsrecht für den EU-Kommissar hat aber nicht das EU-Parlament, sondern der EU-Rat. Dies ist die Runde der 28 Regierungschefs. Zum letzten Mal gehörte das Vereinigte Königreich dazu. Dieses Gremium drückt den föderalen Charakter der EU aus. Vergleichbar zum deutschen Bundesrat sind hier kleine Länder überrepräsentiert. Dass dies im EU-Parlament ebenfalls der Fall ist, ist ein politisches Kuriosum.

Im EU-Rat bekam keiner der so genannten Spitzenkandidaten eine Mehrheit. Nach wochenlangem Ringen einigte man sich schließlich auf von der Leyen. Als deutsche Verteidigungsministerin war sie offensichtlich den Regierenden bekannter als die beiden Parlamentarier. Sie wussten, dass sie Dinge energisch durchsetzen konnte und dass sie dennoch stets sehr höflich und verbindlich blieb. Sie hatte den drei baltischen Staaten den Rücken gestärkt gegen Russland und sie hatte mit Frankreich und Spanien den Vertrag ausgehandelt, um ein gemeinsames Kampfflugzeug zu entwickeln.

Von der Leyens Einsatz und das Wahlergebnis

Ab dem Tage ihrer Ernennung zur Kandidatin wirbelte von der Leyen durch ganz Europa. Ihr standen zwei Wochen zur Verfügung. Sie verhandelte mit allen Parteien im EU-Parlament. Sie machte ihnen Zugeständnisse für den Fall ihrer Wahl. Diese betrafen den Klimaschutz, den Mindestlohn, die Migration und die Rechtsstaatlichkeit. Auch machte sie Hoffnungen in Personalsachen. Sie hat mit Leidenschaft gekämpft, scheute auch nicht das Klinkenputzen. Einen Tag vor der Wahl kündigte sie an, dass sie in jedem Falle ihr bisheriges Amt als Verteidigungsministerin abgeben würde.

Noch ist nicht klar, woher von der Leyen ihre Ja-Stimmen bekam. Die Stimmen der EVP und der Liberalen waren von Anfang an sicher. Die 16 deutschen Sozialdemokraten im EU-Parlament waren bei den Ja-Stimmen wohl nicht darunter. Die Rechtsradikalen (AfD) vermutlich auch nicht. Vielleicht hat sie einige Grüne aufgeweicht mit ihrer Bewerbungsrede am Morgen.

Regierungsbildung

Der Prozess, der zur Bildung der Kommission, also der Regierung, führt, ist skurril, ja haarsträubend. Sie muss je einen Vertreter oder eine Vertreterin jedes der 27 Länder nehmen, den oder die sie möglicherweise persönlich gar nicht kennt. Sie kann ihnen nur Aufgaben zuteilen, von denen das sendende Land meint, dass sie wichtig genug sind. Dann muss sie die Kommission vom Parlament absegnen lassen. Das Parlament kann einzelne Kommissare oder die Kommission als Ganzes ablehnen. Das kann Zeit und Ärger kosten.

Politische Konsequenzen

Mit von der Leyen übernimmt jemand das Amt des Kommissars, der nicht nur sehr qualifiziert, sondern auch sehr engagiert ist. Sie ist alles andere als eine Oma, die ihr Leben ausklingen lässt.

Sie will dem Bummelzug mit Namen Europa neuen Dampf verleihen. Deshalb ist mal wieder eine große Konferenz mit Bürgern im Jahre 2020 geplant. Europa soll stärker und einiger werden. Es soll an Einfluss gewinnen und Verantwortung übernehmen. Solche Absichtserklärungen gab es in der Vergangenheit viele. Von der Leyen ist zuzutrauen, dass sie es ernst meint.

Die Konzessionen, die sie in ihren Reden an das Parlament machte, waren in erster Linie Honigkuchen. Ob sie das Initiativrecht durchsetzen kann, ist zu bezweifeln. Das vom Parlament so geliebte Modell der Spitzenkandidaten ist im Grunde realitätsfern. Es ist der Versuch, den EU-Vertrag zu umgehen. Dass sie auch an die Stellung der Frauen denkt, bewies sie in ihrer Rede durch den Hinweis auf Simone Veil, die erste Präsidentin des EU-Parlaments.

Nachtrag vom 18.7.2019

Frau von der Leyens Erklärungen zu ihrer Kommisiionspräsidentschaft sind im Netz verfügbar.

Montag, 15. Juli 2019

Ziele und Methoden globaler Politik (Essay von Peter Hiemann)

Die Diskussion, die sich an Peter Hiemanns letztes Essay anschloss, war sehr lebhaft und intensiv. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass dies zu einem neuen Essay veranlasste. Es beginnt mit dem vitruvianischen Menschenbild, führt aus, welche Aufgaben die EU-Kommission hat oder haben könnte, verweilt anschließend auf der ‚Neuen Seidenstraße‘ und endet mit einer Abwägung über die Grenzen der KI. Konfuzius hat – wie so oft − zu allem etwas zu sagen.

Ich werde Kommentare, die im neuen Essay teils verbatim verarbeitet wurden, aus dem Blog-Archiv entfernen.

Hiemanns Stoff zum unterhaltsamen Lesen finden Sie, indem Sie hier klicken.

Mittwoch, 3. Juli 2019

Meinungsbildung und Orientierung in Europas Gesellschaften (Essay von Peter Hiemann)

Diese Woche demonstrierten die europäischen Regierungschefs, wie desolat das Verhältnis zwischen ihnen ist. Sie haben auch bewiesen, dass für sie die Existenz des EU-Parlaments für die Besetzung der EU-Spitzenjobs keine wesentliche Rolle spielt. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich auf ein Paket, dem schließlich alle 28 zugestimmt haben. Das Vereinigte Königreich stimmte ja noch ein letztes Mal mit. Auch unter den verbleibenden 27 sind die Unstimmigkeiten keineswegs ausgeräumt. Die Regierungen Ungarns, Polens und Italiens haben anscheinend nicht (mehr) das Ziel einer erfolgreichen EU. Das destruktive Paar Bannon und Salvini arbeitet energisch auf verschiedenen Ebenen weiter.

Peter Hiemann hat in den vergangenen Wochen einige Überlegungen zu den Themen Meinungshoheit und Orientierung angestellt. Es geht dabei um gesellschaftliche Navigation in der derzeitigen komplexen Welt. Die Assoziation mit einem Navi-System liegt zwar nahe, ist aber fern jeder Realisierbarkeit. Hiemann ist gerne bereit, sich der Diskussion zu stellen.

Klicken Sie bitte hier, um an den Essay zu gelangen.

Dienstag, 25. Juni 2019

José Encarnação über Computergrafik morgen und sein weltweites fachliches Engagement

José Luis Moreira da Encarnação (*1941) ist seit 2009 emeritierter Professor für Informatik der Technischen Universität Darmstadt. Er ist der Nestor der deutschen Computergraphik und wurde in Portugal geboren. Seinen Werdegang hatte ich anlässlich eines früheren Interviews wiedergegeben. Encarnação ist heute als Technologie- und Innovations-Berater für Regierungen, multinationale Firmen, Forschungsinstitutionen und Stiftungen tätig. Er ist ebenso beteiligt an der Konzeption und der Entwicklung von Forschungsvorhaben und Innovationsstrategien zur sozio-ökonomischen Entwicklung von Schwellenländern. Er war weltweit an der Gründung von mehr als 15 Spin-offs des Darmstädter Instituts für Grafische Datenverarbeitung beteiligt. Unter seiner Leitung wurde das INI-GraphicsNet (International Network of Institutions …) als Netzwerk aufgebaut, das heute aus Technologie-Transfer betreibenden Institutionen in Deutschland, Panama, Portugal und Spanien besteht. Es firmiert jetzt unter dem Namen „GraphicsMedia.net GmbH“. Encarnação ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Er ist gewähltes Mitglied der SIGGRAPH-Akademie der Association for Computing Machinery (ACM). Er trägt unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz sowie die Konrad-Zuse-Medaille und die Fraunhofer-Medaille. Er ist fünffacher Ehrendoktor (TU Lissabon, Uni Rostock, Uni Minho/Portugal, Nanayang University Singapore, TU Berlin) und vierfacher Ehrenprofessor (Lissabon, Hangzhou/China, Campinas/ Brasilien, Maribor/Slovenien).


Bertal Dresen (BD): Wie ich von Ihnen erfahren habe, ist Ihr Ruhestand alles andere als beschaulich und auf Südhessen beschränkt. Für welche Ihrer vielen Tätigkeiten spendieren Sie heute die meiste Zeit und Energie? Wo glauben Sie, dass Sie am meisten bewirken können und warum?

José Encarnação (JE): Meine Haupttätigkeiten – als „Informatik-Rentner“ –  liegen zurzeit in der Beratung und Unterstützung bei der Konzeption, der Entwicklung und der Umsetzung von Forschungsvorhaben und Innovationsstrategien zur sozio-ökonomischen Entwicklung, hauptsächlich von Schwellenländern wie z.B. Brasilien und Süd-Afrika, aber auch für mein eigenes Geburtsland Portugal.

Innovation wird für die Zukunft immer stärker das Fundament und der Haupt-Treiber für die sozio-ökonomische Entwicklung und damit auch für den Wohlstand und für das friedliche soziale Miteinander in einem Land. Innovation setzt aber auch riesige Investitionen, gezielte Strategien und entsprechende Forschungs-Infrastrukturen voraus. Wie können dann - und bei solchen hohen Kosten - Schwellen-Länder (wie z.B. Brasilien und Südafrika) und kleine Länder in Europa (wie z. B. Portugal) gegen große, sehr potente Länder, in welcher Form auch immer, mithalten und im weltweiten, globalen Innovations-Wettbewerb partizipieren, um davon auch zu profitieren und dadurch ihre eigene Zukunft einschließlich eigenem Wohlstand ebenso zu sichern, wie die eigene gesellschaftliche und sozio-ökonomische Entwicklung positiv zu gestalten? Diese Fragen beschäftigen und treiben mich sehr. Ich würde sehr gern versuchen, einen Beitrag zu ihrer Beantwortung zu leisten. Dies ist meine Hauptmotivation für einige meiner aktuellen Beratertätigkeiten, die auf meine mehr als 40-jährige Erfahrung in führender, leitender Funktion und Verantwortung für Forschung und Innovation, u.a. in der Fraunhofer-Gesellschaft, basieren.

BD: Das Fachgebiet Computergrafik, auf das wir am Schluss noch eingehen, hat sich dynamisch weiterentwickelt. Ihre Ausstrahlungskraft scheint geografisch keine Grenzen zu kennen. Bei welchen Lokationen oder Institutionen haben Sie die stärkste Wirkung hinterlassen? Was verbindet z. B. Rhode Island mit Panama und Singapur? Wie weit ist die internationale Kooperation von den gerade aktiven Personen abhängig?

JE: Ich bin mit 18 Jahren, also direkt nach dem Abitur in Portugal, nach Deutschland gekommen und bin in diesem Land in jeder Hinsicht „groß und alt“ geworden. Ich habe hier studiert, promoviert und beruflich Karriere gemacht, … aber auch eine Familie gegründet (inzwischen drei Kinder und neun Enkel!); man kann schon sagen, dass ich vollständig und erfolgreich integriert bin und mich in Deutschland sehr wohl fühle. Ich bin Deutschland auch sehr dankbar für alles, was es mir angeboten und ermöglicht hat. ABER ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass Fleiß, Intelligenz, Kreativität und Innovationsfähigkeit keine Nationalitäten kennen und auch keinen Reisepass besitzen …

Von dieser Überzeugung getragen war ich immer in meinen Forschungs- und Innovations-Aktivitäten sehr international orientiert und global agierend. Ich wollte mit den weltweit besten Forschern  in den interessantesten Projekten zusammenarbeiten, zu dem gemeinsamen  Erfolg beitragen und mit den dabei erzielten Ergebnissen auch mein Institut in Darmstadt (das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung − das IGD) vorantreiben, profilieren, finanziell sichern und zu einem weltweit führenden Institut auf unserem Fachgebiet machen. Ich glaube, dass mir das gelungen ist.

Ich wusste schon sehr früh und sehr wohl, dass es dabei weder möglich, noch sinnvoll, noch angebracht wäre zu versuchen, möglichst vieles nach Darmstadt zu holen oder zu versuchen in Darmstadt alles allein zu machen was an Forschung und Innovation in meinem Fachgebiet anstand und zur weiteren Entwicklung des Fachgebietes notwendig war. Ich war davon überzeugt, dass man stattdessen dafür ein internationales und globales Forschungs- und Innovations-Netzwerk für das eigene Fachgebiet aufbauen und pro-aktiv betreiben müsste. Alle, die Teil von bzw. als Partner in diesem Netzwerk werden sollten bzw. wollten, sollten zuerst lokal, d.h. in ihrem jeweiligen Land fachlich führend sein und sie sollten es auch als ihre primäre Aufgabe sehen – auch um die eigene Finanzierung über lokale Möglichkeiten und Programme zu sichern − die Themen, Probleme und Anwendungen, die lokal als wichtig und prioritär angesehen wurden, bestmöglich zu erforschen bzw. zu lösen.

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und erzielten Ergebnisse sollten dann, in einem zweiten Schritt, im Rahmen eines Technologie-Transfers innerhalb des Netzwerkes alle Mitglieder in einer abgestimmten und vertraglich geregelten Form zur Verfügung stehen und zu Gute kommen. Die Vision war es, einen eigenen Markt, so eine Art globale „Economy of Scale“ für die Forschung und Innovation im Gebiet der Graphischen Datenverarbeitung zu schaffen; davon sollte dann auch das Fraunhofer IGD profitieren und dabei eine führende und gestaltende Rolle übernehmen.

BD: Wie findet der Technologietransfer am effektivsten statt? Welche Bedeutung haben eigene Schüler, gemeinsame Projekte oder gegenseitige Besuche? Welche Erfahrungen genereller Art haben Sie gemacht?

JE:  Um den Technologietransfer nach und von Darmstadt aus effektiver zu machen und um für das eigene Institut, das Fraunhofer IGD, eine eigene, solide  „Economy of Scale„ für das eigene Fachgebiet zu schaffen, habe ich seinerzeit das INI-Graphics.net aufgebaut (INI = International Network of Institutions). Ich gründete weltweit und im Laufe der Zeit mit lokalen, prominenten Universitäten verschiedene Partnerschaften und z.T. auch neue  Einrichtungen für Research & Innovation (R&I) in Computer Graphics in USA, Panama, Korea, Singapur, Italien, Spanien und Portugal. Sie waren alle, jede für sich, unabhängige und selbstständige R&I-Einrichtungen in Computer Graphics, die ein sehr starkes, lokal geprägtes R&I auf dem Gebiet der Graphischen Datenverarbeitung betrieben haben, um dann, in einem zweiten Folgeschritt, mit den erzielten Ergebnisse und IPRs „über und in der Familie“, das INI-Graphics.net, international (global) zu agieren, zu vermarkten und zu vertreiben. Im Netzwerk wurde teilweise Forschungspersonal ausgetauscht und gemeinsame Projekte durchgeführt, um auch intern ein Know-How Transfer zu realisieren.

Das INI-Graphics.net sollte also die Basis und der Träger sein für eine starke, internationale, global agierende „Economy of Scale“ in R&I für die Graphische Datenverarbeitung, mit einem gewissen Führungs- und Gestaltungsanspruch des Fraunhofer-Instituts IGD in Darmstadt.

Das war damals die Grundidee, die Vision, und sie war wohl nicht ganz falsch, denn sie hat bis zu meiner Pensionierung sehr gut geklappt und erfolgreich Früchte getragen. Sie lebt sogar noch heute weiter, wenn auch in der neuen Form einer „GraphicsMedia.net GmbH“ und mit geänderter Besetzung und Führung, nämlich mit Gruppen in China (Beijing), Deutschland (Berlin, Kaiserslautern , Spanien (San Sebastian), Panama und Portugal (Guimarães). Sicherlich muss man aus der Erfahrung in der Vergangenheit lernen und es gibt selbstverständlich noch viel Raum für Verbesserungen und Optimierungen, aber die  Idee eines lokalen, starken und fokussierten Agierens und Betreibens von R&I, mit einem dann folgenden, globalen Vertreiben und Vermarkten der gewonnenen Erkenntnisse und der in Projekten erzielten Ergebnisse über ein eigenes Netzwerk, „die Familie“, scheint als solche richtig und ein erfolgversprechendes Modell für die Zukunft dieser Art von R&I Aktivitäten  zu sein.

Aber das hat auch nur deswegen ganz gut geklappt, weil die „richtigen Champions“ für die lokale Führung der einzelnen Gruppen gewonnen werden konnten. An jedem Standort wurde die Führung immer nach demselben Muster aufgebaut, nämlich eine doppelte „Führungs-Spitze“ mit einer starken, lokalen Forscherpersönlichkeit und mit einer zweiten Forscherpersönlichkeit mit starker Bindung an Darmstadt (ein Schüler von mir, ein ehemaliger Doktorand oder Visiting Professor, o.ä.). Wo die doppelte Führungs-Spitze gut funktioniert hat, war die Gruppe im Netzwerk sehr aktiv und sehr erfolgreich, wenn nicht, dann hat das z.T. sogar zur Auflösung und Aufgabe der jeweiligen Gruppe geführt. Aber auch hier zeigte sich … „Menschen“ machen es!

BD: Im Falle Ihres Heimatlandes Portugal geht Ihr Engagement offensichtlich weit über das rein fachliche hinaus. Mir scheint, als ob die Idee des CoLABS darauf abzielt, eine Forschungsstruktur aufzubauen, die eine Brückenfunktion enthält zwischen Grundlagen und Anwendung. Gilt hier die Fraunhofer-Gesellschaft als Modell? Wie weit ließ sich dieses Konzept bisher realisieren?

JE: Ein CoLAB (für Co-operatives Laboratorium) ist eine selbständige und unabhängige, neugegründete Forschungseinrichtung, die für ein aktuelles, für Portugal und seine Wirtschaft sehr wichtiges und sehr relevantes Thema fortschrittliche Forschung und Innovation (R&I) neu betreibt. Die an diesem Thema interessierte Industrie (Hersteller, Anwender, Nutzer, Betreiber, Verbände, etc., etc., die konkret einen Bezug und eigene Interessen bei diesem Thema haben; muss nicht nur nationale Industrie sein) muss sich am Gründungskonsortium für das CoLAB verbindlich und finanziell (cash!) beteiligen. Die für das Thema relevanten und notwendigen Partner aus dem akademischen Bereich (Unis, Forschungseinrichtungen, etc.) sollen andererseits auch Mitglieder im Gründungskonsortium des CoLABS werden; die Industrie soll aber im „Drivers‘ Seat“ des CoLABS sitzen, d. h. das „Sagen“ haben, aber nicht über das CoLAB allein bestimmen können.

Ein CoLAB ist also eine Art gemeinnützige Einrichtung, die in Deutschland als eine Mischung aus einem FhG- und einem DFKI-Institut verstanden werden kann. Für die ersten fünf Jahre gibt es eine Grundfinanzierung vom Staat; das Gründungskonsortium muss diese aber „matchen“ (ca. 50/50). Ziel eines  CoLABs ist es auch eine bestimmte Anzahl von „neuen“, für das jeweilige Thema wichtigen wissenschaftlichen Jobs zu schaffen; die Höhe der Grundfinanzierung ist auch von dieser Zahl abhängig. Geplant ist es, dass nach fünf Jahren ein CoLAB in der Regel eine sichere, eigene Finanzierung hat.

Die Thema X soll bzw. die Themen XY sollen für das Land, für seine sozio-ökonomische Situation und für seine wirtschaftliche Zukunft sehr relevant sein. Zur Lösung der Probleme oder zur Realisierung der Anwendungen die das Thema selbst impliziert, werden neue Technologien, neue Systeme und neue Innovationen gebraucht werden, die dann Gegenstand vom R&I des CoLABS sind. Wenn die vom CoLAB in der Behandlung des Themas entwickelten und erfundenen Innovationen wirklich neu und sehr innovativ sind, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben  und sich gut übertragen lassen, dann werden sie auch im globalen Innovationsmarkt ihren Platz und ihre Kunden finden; sie werden dann zu einem Geschäft für die bei ihrer Entwicklung im CoLAB beteiligte Industrie. Portugal wird dadurch und damit zu einem „Player“ im globalen Innovationsmarkt, mit allen Vorteilen, die das für seine Wirtschaft und sozio-ökonomische Entwicklung impliziert.

Wenn nicht, dann sind mindestens die Probleme gelöst oder die Anwendungen realisiert worden, die im Thema selbst impliziert waren. Man hat dann für Portugal zumindest das Thema fortschrittlich und innovativ erledigt und die dafür getätigten Ausgaben und Investitionen sind nicht „versenkt“ worden, d. h. sie sind nicht umsonst gewesen. Beispiele von solchen Themen sind u.v.a.: Digitalisierung der portugiesischen Produktions-Industrie; Digitalisierung der portugiesischen Weinindustrie; Integriertes und  intelligentes Brandmanagement und Feuerbekämpfung; R&I for the Atlantic; Green Ocean Technologies and Products; Sustainable CO2 Economy; Innovation in the Food Industry; Cyberphysical Systems and Cybersecurity; Smart Energy Services Innovation; Energy Storage; Future Built Environments; etc. etc.; etc..

Es wurde ein unabhängiges “International Panel for the Assessment and Evaluation of CoLAB Proposals” mit sieben Experten aus sechs Ländern vom portugiesischen Forschungsministerium (MCTES) ins Leben gerufen und von der portugiesischen Forschungsstiftung (FCT) gemanagt; ich bin der Chairman dieses Panels. Inzwischen sind in drei Evaluierungsrunden insgesamt 26 CoLABS genehmigt worden; wir reden immerhin - bei einer „Bootsstrapping“-Phase von fünf Jahren- über 5 x 26 = 130 Mio. EUR Base Funding in diesen 5 Jahren + 130 Mio. EUR der zugehörigen Industriekonsortien als Matching Fund, das bedeutet eine Gesamtfinanzierung dieser Initiative mit 260 Mio. EUR in 5 Jahren ... und das ist schon etwas! Da das vorgesehene und seitens des Staates vorhandene Finanzierungsgeld aber immer weniger wird und langsam ausgeht, werden wohl nicht mehr viele CoLABS noch dazu kommen.

Wenn 2/3 der CoLABS nach 5 Jahren immer noch überleben und sich stabil konsolidieren lassen, dann werden um die 20 CoLABS übrig bleiben und voll funktionsfähig sein. Diese werden die Innovationskraft von Portugal sehr wesentlich und sehr zielorientiert stärken, und das Land in der neuen digitalen und globalen Weltwirtschaft gut voranbringen und für Portugal einen Platz im globalen Innovationswettbewerb der Länder schaffen. Insofern könnte diese Konzeption und diese Strategie mit den CoLABS für Portugal zu einer Erfolgstory werden ... mal sehen! Die Zukunft wird es zeigen.

Das Begleiten, das Monitoring und die Kontrolle der 26 genehmigten CoLABS in der jetzt laufenden „Bootstrapping“- und Implementierungs-Phase wird z. Z. von der portugiesischen Innovationsagentur (ANI) wahrgenommen. Ob am Ende dieses Prozesses alle CoLABS gebündelt und zu einer eigenen Organisation werden (z.B. nach dem Muster der Fraunhofer-Gesellschaft in Deutschland oder der Catapult Labs in UK oder in einer anderen, für Portugal geeigneteren Form) ist noch nicht abschließend diskutiert und auch nicht politisch entschieden worden. Es könnte aber Sinn machen und die Position und Rolle der CoLABS im Land stärken und ihre Vertretung als Gruppe einfacher, stärker und effizienter machen. Das wird aber Gegenstand einer späteren Entscheidung in Portugal sein.

BD :  Der Weinbau am Douro oder der Algensalat von der Algarve mögen zwar für die Ernährung der Bevölkerung Europas große Perspektiven eröffnen, für uns Informatiker scheint die Digitalisierung der Themenbereich zu sein, wo unsere Kompetenz eine große Rolle spielt. Wie beurteilen Sie Portugals Bemühungen auf diesem Gebiet? Gibt es Dinge, die wir von Portugal lernen können?

JE :  Digitalisierung ist eine „Transformation“, also ein Prozess, der überall dort stattfindet, wo man Daten und Funktionen von „analog“ zu „digital“ transformiert. Das passiert z. Z. fast überall, bei praktisch allen heute bereits existierenden Technologien, Systemen, Anwendungen, Dienstleistungen, etc., etc. und dies in allen Gesellschafts- und Lebensbereichen: Diese „Transformation“ ermöglicht aber auch selbst neue Technologien, Systeme, Anwendungen, Dienstleistungen, etc., etc. an die man vorher nicht gedacht hatte oder die vorher nicht möglich waren.  „Digitalisierung“ ist dadurch auch ein „enabling“ Prozess. Die Gesellschaft wird damit in allen ihren Bereichen vollständig verändert. Es liegt jetzt an uns sie entsprechend zu gestalten.

Deswegen ist bei der Konzeption der CoLABS und bei der Evaluierung der Anträge, die dafür vorgelegt wurden, sehr viel Wert darauf gelegt worden, dass die neuesten IKT-Technologien und Informatik-Methoden bei der Erarbeitung der angestrebten und für die jeweiligen Ziele der CoLABS notwendigen Innovationen eingesetzt bzw. genutzt werden. Es wird dadurch erwartet, dass IKT und Informatik nicht nur als Werkzeuge, sondern auch zu „Enabler“ für die neuen Technologien, Systeme, Problemlösungen und Anwendungen zu dem jeweiligen, vom CoLAB bearbeiteten Thema werden. Damit wird „eine Digitalisierung“ dieses Themenbereiches realisiert und umgesetzt; durch die Menge der durch die 26 CoLABS insgesamt bearbeiteten Themen wird somit auch eine Digitalisierung „in der Breite“ erreicht. Ich glaube, dass das eine gute Strategie ist, um bei dem „Digitalisierungsprozess“ in einem Land wie Portugal gut und zügig in allen für das Land wichtigen Bereiche voranzukommen.

BD : Ihr eigentliches Fachgebiet, die moderne Computergraphik, ist heute geprägt von Visualisierung, Visual Computing, Digitale Medien, Virtual und Augmented Reality, Simulationen und Animationen, Games und vieles mehr. Mich würde daher zum Schluss interessieren, wie Sie die Zukunft Ihres Fachgebiet und zugehöriger Anwendungen in unserer, in Zukunft praktisch fast vollständig digitalen Gesellschaft sehen.

JE: Die heutige Generation der „unter 20 Jahre„ wächst und lebt in einer sich immer stärker digitalisierenden Gesellschaft, mit sozialen, digitalen Medien, mit Cybertechnologien (Virtual Realities – VR;  Augmented Realities – AR; Mixed Realities - MR), mit computer-generierten Simulationen und Animationen, mit Computer-Games, etc., etc.. Diese sind aber auch alles Techniken und Technologien der heutigen, modernen Computergraphik im weitesten Sinne.

Diese Generation von Menschen leben, handeln und akzeptieren ihre Art mit „digital media platforms“ wie YouTube, Facebook, Twitter, Google und Apple  zu leben. Sie bildet die wichtigste Kundenbasis von einigen der heute größten Firmen der Welt und sie haben auch keine Probleme in Akzeptanz und Benutzung der Cybertechnologien (VR, AR, MR), die sie von heutigen Simulations- und Animations-Anwendungen und auch von Computer-Games schon gut kennen und mit denen sie schon viele Erfahrungen gesammelt haben.

Diese Generation der „unter 20 Jahre“ wird aber auch der Kern der Menschen in unserer zukünftigen „Digitalen Gesellschaft“ sein und dort die Masse der arbeitenden Menschen bilden. Diese kommende Generation wird mit neuen Formen der Interaktion, der Sozialisation, der digitalen Dienstleistungen und der digitalen Anwendungen in unserer auf IKT-Technologien basierenden und von IKT-Technologien getriebenen „Digitale Gesellschaft“ leben, arbeiten und sozial agieren. Diese Generation ist daher vorbereitet und bereit, aber auch besser ausgebildet und besser „mentalisiert“ um sich auf solche Dienste und Anwendungen zu verlassen und sie zu nutzen. Sie fragen nicht „Warum?“ oder “Wieso?“, sondern eher „Für was?“ und „Wie?“; wir können sie die „Digital Natives“ nennen.

Gleichzeitig gibt es schon Firmen überall in der Welt, die an einer „Augmented Reality (AR) Revolution“ arbeiten, in dem sie AR Plattformen für das „Mergen“ von reellen und virtuellen Inhalten erfinden und entwickeln; diese digitale Inhalte (2D und 3D) werden kontext-abhängig miteinander verflochten und mit intelligenten Schnittstellen zur Nutzung durch die „Digital Natives“ zur Verfügung gestellt. Hierbei werden folgende Geräte und Methoden eine Verwendung finden: spezielle Brillen, Methoden von Computer Vision für Tracking, Lokalisierung und Rekonstruktion, aber auch Methoden des maschinellen Lernens und „deep neural networks“ für „natural language interfaces für diese „computer-generierte Realitäten“. Dadurch werden vielfältige Arten und Typen von neuen, intelligenten Schnittstellen, wie z.B. „digitale virtuelle Assistenten“ und „digitale Charaktere“ für die verschiedensten Zwecke und Anwendungen realisiert und zur Nutzung durch die „Digital Natives“ breit angeboten werden können.

Diese neue Formen von digitalen Diensten und digitalen Anwendungen werden eine optimale Überlagerung von realer Welt mit virtuellen Welten (Mixed Realities) darstellen; sie werden über „Cyberspace Umgebungen“ (Cyberspace Environments − CE) für die „Digital Natives“ entwickelt und angeboten werden. Es wird „CEs“ geben, speziell und optimiert für zu Hause, für den Arbeitsplatz, für die Schule, für das Krankenhaus, für Sport und Entertainment und für vieles mehr. Die „CEs“ werden miteinander verbunden, vernetzt und „interoperable“ sein; sie werden auf große Datenbanken zugreifen, Daten miteinander teilen und Mobilitätsmöglichkeiten ermöglichen. Das Ergebnis dieser „Innovationswelle“ werden neue Formen und Typen von Produkten und Systemen für neue Konzepte und Ziele für digitale, graphisch-interaktive und multimediale Dienstleistungen und Anwendungen in diesen „CEs“ für die „neue digitale Gesellschaft“ sein.

Dies wird neue Firmen, neue Märkte und neue Arbeitsplätze zur Folge haben, die sich in einer Art von „nach YouTube, Facebook, Twitter, Google und Apple - Ära“ fest etablieren werden. Es werden neue Märkte und neue Business Models entstehen. Wenn Europa dabei sein will und davon profitieren möchte, auch um ihre eigene sozio-ökonomische Entwicklung und ihren Wohlstand zu sichern, dann muss es sich an die Erforschung, Entwicklung und Realisierung solcher „CEs“, zugehörige Plattformen, Dienste und Anwendungen schnellstens heran machen. Andernfalls läuft Europa die große Gefahr die nächste „Digitale Revolution „( wieder?!) zu verpassen.

BD : Haben Sie vielen Dank, Herr Encarnao! Bei der Beantwortung meiner Fragen haben Sie uns Ihre Sichten und Erfahrungen zu Themen wie „Technologie Transfer“, „Rolle und Möglichkeiten der Schwellenländer im globalen Innovationswettbewerb“ und die „portugiesische CoLAB Initiative“ vermittelt und erläutert. Auch wagten Sie einen Blick in die Zukunft Ihres Fachgebiets, der Computergrafik.

Montag, 17. Juni 2019

Mietdeckel in Großstädten – nur ein Denkanstoß

Es ist offensichtlich ein weltweites Phänomen. Die Megastädte wachsen, das sie umgebende Land dünnt bevölkerungsmäßig aus. Früher hieß dies Landflucht. In Deutschland klagen Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Leipzig und Köln über einen starken Zustrom von Einwohnern und eine recht angespannte Wohnungssituation. Im Folgenden betrachte ich Berlin näher, obwohl in den andern genannten Städten gewisse Parallelen zu entdecken sind.

Berlin und die Berliner ließen die übrigen Deutschen manchmal staunen. Einst war Berlin Zufluchtsort für Kriegsdienstverweigerer, NATO-Kritiker und diverse linke Gruppen. Rudi Duschke ist uns allen in Erinnerung. Klaus Wowereits Slogan ‚Arm aber sexy‘ war kaum geeignet, das Mitgefühl der Berlin unterstützenden Bundesländer zu stärken. Jetzt, gut 50 Jahre nach Duschke, sind Berliner Politiker mal wieder dabei, meine Geduld zu strapazieren. Der linke Senat der Stadt trägt sich nämlich mit dem Gedanken, einen Mietenstopp einzuführen. Fünf Jahre lang sollen Mieten nicht erhöht werden dürfen. Manche sehen darin einen eklatanten Verstoß gegen unser Grundgesetz.

Abgesehen davon, dass die Eigentümer sich wehren und klagen werden, hoffe ich, dass der Markt seine Konsequenzen zieht. Ich wünsche mir, dass eine signifikante Zahl von Firmen, vor allem junger Firmen, aus Berlin wegzieht, so dass die Mitarbeiter der verbleibenden Firmen kein Problem mehr haben, Wohnungen zu finden. Leider ist in Berlin der Anteil der aus öffentlichen Mitteln geschaffenen Stellen unverhältnismäßig hoch. Hier wird es daher etwas länger dauern, bis sich eine Wirkung zeigt. Sie tritt erst ein, wenn die Verantwortlichen in den Geberländer wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen die Geduld verlieren und den Finanzausgleich der Länder kündigen. Ich rechne, dass dabei etwa ein Jahrzehnt vergeht.

Nachdem unter anderem aufgrund der 5G-Versteigerung der Bund reichlich Mittel besitzt, um in flächendeckende Netze zu investieren, wäre es an der Zeit die ländlichen Regionen etwas aufzuwerten. Junge Firmen sollten sich primär dort ansiedeln. Gäbe es Kapital, das frei investieren dürfte, würde es dahin fließen, wo junge Firmen entstehen. Der Bund könnte durch die Verlegung von Behörden den sich abzeichnenden Trend weiter unterstützen. Dass die Bundesländer da etwas tun werden, ist nicht zu erwarten. Einige von ihnen sind eh Stadtstaaten, andere neigen eher zu einer kurzsichtigen Kirchturmpolitik.

Bekanntlich ist Wohnraum in ländlichen Regionen kein Problem. Hier gibt es nicht nur viele leerstehende Wohnungen, sondern auch nicht ausgelastete soziale Einrichtungen wie Kliniken und Arztpraxen. Auch Schulen und Polizeistationen sind noch nicht überfordert. Warum denkt die Politik vorwiegend an Großstädte, wobei doch die mittleren Städte den Charakter unseres Landes prägen? Warum berichten Medien lieber über Probleme als über Lösungen?

Klaus Küspert aus St. Leon-Rot schrieb:

Viele junge Leute möchten halt bekanntlich gerne im Großstädtischen leben - deshalb ja auch der Zuzug Richtung Berlin, München, Leipzig,…Das gilt für ausländische Fachkräfte etwa aus Asien sogar noch stärker.

SAP z. B. tut sich mit seinem Standort Walldorf schon seit langem deshalb etwas schwer. Oder Zeiss mit Oberkochen. „Metropolregion Rhein-Neckar“ sagt eben dem Inder oder Chinesen auch nur beschränkt etwas  „Greater Frankfurt“ scheint gelegentlich zu helfen, ein bisschen zumindest. SAP hat mit Gründung des Innovation Centers in Potsdam und dergleichen reagiert. Telekom Labs in Berlin. IBM Watson in München usw.  Schambachs jüngste Firma (seit 2015), NewStore, hat ihre Entwicklertruppe auch hauptsächlich in Berlin - sogar in Sichtweite zum Reichstag.

Kann man gut oder schlecht finden. Ich sehe durchaus den Reiz des ländlichen Raums. Unsere erwachsenen Kinder sehen es teils anders. Vielleicht verschiebt sich diesbezüglich auch wieder etwas mit anwachsendem Lebensalter.

Bertal Dresen ergänzte:

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine gute Strategie ist, krampfhaft neuen Wohnraum zu beschaffen durch das Aufstocken von Garagen und Einkaufszentren oder das Schließen von Baulücken. Für diejenigen Jugendlichen, die sich von Party-Meilen angezogen fühlen, könnten Lösungen basierend auf dem Prinzip von Airbnb ausreichen. Ähnlich der Mode, so können sich die Vorlieben der jungen Leute innerhalb weniger Jahre ändern. Vielleich erhält dann ein anderes Lebensgefühl denn Vorrang, etwa die Nähe zur Natur oder die Selbstversorgung mit Lebensmitteln.

Ich sehe auch nicht ein, warum der Berliner Senat Mieten einfrieren oder Sozialwohnungen bauen muss für ausländische Ingenieure, Künstler und Programmierer, egal ob sie aus der EU, dem früheren Ostblock, dem britischen Commonwealth oder China kommen. Oder denkt er primär an deren Hauspersonal und ihre Dienstleister? Die kurz bevorstehende massenhafte Zurverfügungstellung von E-Tretrollern bietet außerdem eine Alternative zum ÖPNV, sofern es darum geht, Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsstelle zu überwinden.

Übrigens geht es hier nicht nur um den Reiz des ländlichen Raumes, sondern um Milliarden Euro, die falsch oder sinnvoll von öffentlichen Stellen investiert werden.

Lother Monshausen aus Bitburg schrieb:

Auch für Eigenheimbesitzer wie mich hält der Staat die gierigen Finger drauf. Bedenken Sie mal die immensen Kosten beim Brandschutz bei Neubauten! Man faselt immer von Mietern, aber nie über die Vorgaben, die ein Investor heute leisten muss. Es wird auch in Zukunft keine billigen Sozialwohnungen geben, weil staatliche Förderer in den Bundesländern das Sagen haben. Auch den Solidaritätsbeitrag wird man nie mehr los. Eine Klimasteuer wird bei einer Bundesregierung mit der "Grünen Partei" sicherlich kommen.

Fazit: Das Limit für staatliche Steuerabgaben bleibt! Nur haben diese einen anderen Namen. Das ist die Meinung von sehr vielen "normalen Bürgern", die das mittlerweile auch begriffen haben. Andere politische Parteien profitieren natürlich davon.

Peter Hiemann aus Grasse schrieb:   

Das Problem unbezahlbaren Wohnraums existiert gleichermaßen in Stuttgart, München und anderen Städten. Die Antwort auf die Frage "Warum berichten Medien lieber über Probleme als über Lösungen?" lautet: Es ist Aufgabe seriöser (!) Journalisten, über Pläne und Aktionen von Vertretern der Politik und Wirtschaft aufzuklären und zu berichten. 
 
Die politischen Entscheidungsträger haben den vorhersehbaren Engpass an bezahlbarem Wohnraum schlicht ignoriert bzw. nicht ernst genommen.Die Bewohner betroffener Städte finden die Kritik an politischen Entscheidungsträgern mehr als berechtigt. 

Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen. Jetzt ist guter Rat sehr teuer. Im Raum steht nun die Frage: Welche Möglichkeiten haben die Bürgermeister betroffener Städte, das Kind zu retten? 


Bertal Dresen ergänzte:

Man darf doch fragen, welches Problem es ist, das man lösen muss. Sie sagen, es sei das beschränkte Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Ich wende dagegen ein, es könnte auch der modehafte Dünkel sein, dass das Wohl der Menschheit in Megacities zu suchen ist.

Die Erwartungen, die Sie an Kommunalpolitiker stellen, sind übermenschlich. Sollten in fünf Jahren nur noch vor Ort gewachsenes Obst Absatz finden, müssten Wowereits Nachfolger und Kollegen heute Obstbäume pflanzen. Das überfordert sogar jede Form der Planwirtschaft.


Hartmut Wedekind aus Darmstadt schrieb:

Die Nazis nannten das 1936 Preisstoppverordnung. Das ist ein bekannter Akt. Das Messgerät, das mir einen Zustand darstellen soll, schlägt man kaputt. Mich regt das schon gar nicht mehr auf. Ein Preisstopp beruhigt die Gemüter, und das ist der Hauptsinn. Wenn der Stopp sich perpetuiert, hat das bekanntlich schlimme Folgen, in diesem Fall auf die Bausubstanz. Die wird dann wie in der ehemaligen DDR. Die Baufälligkeit dominiert dann. Die Klagen höre ich heute schon.

Bertal Dresen ergänzte:

Zur DDR-Tradition bekennt sich auch der fast 30-jährige Berliner Student und JUSO-Vorsitzende Kevin Kühnert. Ein Beitrag dieses Blogs vor einem Monat und die Titelgeschichte des SPIEGELs 24/2019 waren ihm gewidmet. Er fordert unter anderem die Verstaatlichung der Wohnwirtschaft.

Lothar Monshausen aus Bitburg schrieb: 

Die Bundesregierung hat heute (17.6.) Einiges beschlossen wegen der (teilweisen) Abschaffung des Solidaritätsbeitrags. Ob man das ernst nehmen kann? Bei der Grundsteuer wurde auch nur etwas Schwammiges auf die Bundeländer übertragen. Aus längjähriger Erfahrung, weiß auch jeder in abgelegenen Orten wie in der  Eifel, dass die Aussagen nur heiße Luft sind. 

Warum ziehen die händeringend nach Wohnungen suchenden nicht in abgelegene Dörfer, da gibt es leerstehende Häuser satt. Jeder will ja am besten im München, Hamburg oder Frankfurt wohnen, dafür hat man doch studiert, oder? Heute ist das Mobilfunknetz dort [d.h. in der Eifel] fast kaum vorhanden (habe ich selbst oft erlebt), aber man muss die gleichen Tarife zahlen bei der Telekom oder sonstigen. Hauptsache in Berlin geht es dem Flughafen gut...

Peter Hiemann aus Grasse schrieb:

Wir unterscheiden uns in der Sichtweise auf ein existierendes Problem: Ich sehe mich als Beobachter einer Kontroverse und versuche zu verstehen, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Sie sehen sich vermutlich als Verteidiger privater Vermieter und Immobilieninvestoren und vermuten, dass 'linksorientierte'  Regierungsvertreter die Gesetze des freien Marktes nicht kapieren bzw. einfach nicht akzeptieren wollen.

Ich füge dem drei Bemerkungen hinzu:
(1) Ich nehme an, dass Städte über moderne Computersysteme verfügen, die Experten  bei der Stadtplanung benutzen.  Moderne Planungen haben nichts mit der Planwirtschaft der ehemaligen DDR zu tun.
(2) Marko Rosteck, Sprecher der Deutsche Wohnen SE, hat erklärt: „ In den vergangenen Jahren haben immer wieder Vertreter der Kritischen Aktionäre ihr Rederecht genutzt  und  ihre Anliegen platziert.“ (Christian Russau, Vorstand des Dachverbands Kritische Aktionäre: „Wir fragen nach, legen den Finger in die Wunden. Denn Wachstum und Rendite beißen sich zu oft mit Umweltschutz, Frieden und Menschenrechten.“)
(3) Als Warren Buffett von Journalisten über seine Rolle in der heutigen Gesellchaft befragt wurde, antwortete er unmissverständlich: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen". „Meine Freunde und ich sind lange genug von einem milliardärfreundlichen Kongress verhätschelt worden. Es ist Zeit, dass unsere Regierung Ernst damit macht, allen gemeinsame Opfer abzuverlangen" .

Ich schlage vor, es bei der Feststellung unterschiedlicher Sichtweisen zu belassen. Unsere Sichtweisen spielen für kommende Entscheidungen sowieso keine Rolle.


Bertal Dresen ergänzte:

Die Erfahrungen, die meine Frau und ich als private Vermieter machten, waren sehr durchwachsen. Sie waren jedoch nicht so schlecht, dass wir dieses Geschäftsmodell total in Frage stellen würden.

Nochmals Bertal Dresen:
Wer die Mieten in den Metropolen künstlich niedrig hält, verschärft den Konflikt zwischen Stadt und Land. Es wäre ein Drama, sollte diese Art von Wirtschaftspolitik Schule machen. So sieht es Der SPIEGEL in seiner Online-Ausgabe. Also noch jemand, der die Politik des Berliner Senats für krottenschlecht findet.



Freitag, 14. Juni 2019

Auf den Spuren des Geistes (Essay von Peter Hiemann)

Peter Hiemanns Essays beruhen sehr oft auf einem Weltbild, das von der Biologie bestimmt ist. Umso überraschender ist es, dass er jetzt fast 40 Seiten lang sich bemüht, dem Phänomen Geist auf die Spur zu kommen. Da Hiemann in der DDR aufwuchs, nähert er sich diesem Thema äußerst vorsichtig und nur dank eines gerütteten Maßes an Altersweisheit.

Wir können nicht erwarten, dass er den Geist als stabile, identifizierbare Struktur sieht, dennoch gibt er ihm einen Platz in einem Interagierenden Körper-Geist-System. Der Geist – wie ihn Hiemann versteht – ist auch nicht abstrakt, sondern er ist ‚verwurzelt‘ in den chemischen und physikalischen Prozessen des Gehirns. Er ist eine Fähigkeit des Menschen und bildet die Grundlage unserer Denk- und Verhaltensweisen. Er wirkt wie ein Cocktail, sowohl beim Kleinkind wie beim Erwachsenen. Es überraschte mich etwas,  dass Hiemann meint, dass Computeranwendungen, die man als Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet, einen besonderen Einfluss auf den menschlichen Geist haben. Da lässt er hoffentlich noch mit sich diskutieren.

Als ich nach einem ersten Draufblicken auf den Text bemerkte, dass es mein Eindruck sei, dass einige Aussagen bereits in früheren Essays enthalten seien, entgegnete er:

Ich bin mir voll bewusst, dass ich in meiner Studie Informationen verwende, die in anderem Zusammenhang aus einer anderen Perspektive bereits eine Rolle gespielt haben. Frühere Aussagen über Trump, Putin und Xi betrafen deren Verhältnis zu demokratischen Prinzipien. In meiner Studie kam es mir darauf an, deren Methoden und Rollen im internationalen Kampf um globale Dominanz zu betonen. Auch die Informationen im Kapitel über Wurzeln des menschlichen Geistes habe ich bereits früher verwendet. Ich hielt es für angebracht, sie in der Studie wiederzuverwenden, weil sie im Rahmen des Kapitels über menschliche und artifizielle Intelligenz eine Rolle spielen. Insbesondere wollte ich den Unterschied zwischen menschlicher und artifizieller Intelligenz klarstellen. Auch aus der  Perspektive, dass mit Hilfe von AI-Methoden Prozesse im menschlichen Gehirn werden können, habe ich ein paar wesentliche Einblicke in neuronale Netzwerke wiederholt.

Klicken Sie hier, um zu dem Essay zu gelangen.