Freitag, 4. März 2011

Erinnerungen an Heinz Gumin (1928 – 2008)

Für mich war Heinz Gumin so etwas wie der Grandseigneur der deutschen Informatik. Als Vorstandmitglied der Siemens AG lag ihm die Sichtweise eines Informatik-Herstellers nahe, was mir sehr entgegenkam. Während seiner beruflichen Laufbahn hat er die Entwicklungsgeschichte der Großrechner in verantwortlicher Position miterlebt.

Ich lernte Gumin näher kennen während seiner Zeit als Präsident der GI. Er war dritter GI-Präsident von 1973 bis 1977 nach den Universitätsprofessoren Hotz und Paul. Während seiner ersten Wahlperiode von 1973-75 war ich Mitglied des GI-Präsidiums. Während Gumins Amtszeit wuchs die GI von unter 500 auf über 1500 Mitglieder. Zu den wichtigen Weichenstellungen, die er vornahm, gehören die Erarbeitung einer Satzung, in der der Fachstruktur Rechnung getragen und das Briefwahlprinzip eingeführt wurde. Die Etablierung einer eigenen Mitgliederzeitschrift, des Informatik-Spektrums, wurde vorbereitet. Auch die Kontakte zur amerikanischen Schwestergesellschaft ACM und zu europäischen Fachgesellschaften lagen ihm sehr am Herzen. Die GI brachte sich sehr stark in die Gründung der ECI ein, einer europäischen Kooperation von Informatik-Gesellschaften. Da er sich persönlich mit der Planung von modernen Bürogebäuden zu befassen hatte, konnte ich ihm einen Gefallen tun, indem ich eine der von ihm geleiteten GI-Präsidiums­sitzungen (am 11.7.1975) in der gerade fertiggestellten Hauptverwaltung der IBM in Stuttgart-Vaihingen arrangierte. Er ließ sich die gründliche Besichtigung des Gebäudes nicht entgehen.


  
Heinz Gumin 2004

(mit Genehmigung des Bildarchivs des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach)

Während meiner Zeit an der TU München (1993-1997) traf ich Heinz Gumin regelmäßig in seiner Funktion als Vorsitzenden der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. Er organisierte zwei Mal pro Semester eine Vortragsveranstaltung mit Abendessen in einem Gästehaus der Firma Siemens auf dem Gelände des Nymphenburger Schlosses. Alle Münchner Professoren der Fachbereiche Elektrotechnik und Informatik waren eingeladen. Die Themen betrafen meist Grenzgebiete zwischen der Technik einerseits und Kunst, Kultur, Geistes- und Lebenswissenschaften andererseits. Gumin war hier immer ein sehr charmanter und anregender Gastgeber. Gumin starb kurz nach seinem 80. Geburtstag. Die Erinnerung an ihn wird wachgehalten durch den Heinz Gumin Preis für Mathematik, den die Carl Friedrich von Siemens Stiftung ab 2010 alle drei Jahre an einen herausragenden Mathematiker verleiht.

Für wichtige Lebensstationen und Ehrungen sei auf den Nachruf von F.L. Bauer im Informatik-Spektrum Heft 32,3 (2009) verwiesen. Anlässlich der Verleihung der Konrad-Zuse-Plakette im Jahre 2005 gab Gumin ein sehr ausführliches Interview, in dem er über seinen eigenen beruflichen Werdegang und insbesondere über seine Beziehungen zu Konrad Zuse erzählte. Dank dieses im Internet verfügbaren Videos kann man auch heute noch seine ruhige und bedächtige Ausdrucksweise erleben. Gumin war in Dortmund geboren und hatte in Berlin, Tübingen und Münster Mathematik studiert. Gleich im Anschluss an seine Promotion bei Hans Hermes ging er Anfang 1955 als Entwicklungsingenieur zu Siemens nach München. Im Jahre 1966 übernahm er den neugegründeten Geschäftsbereich Datenverarbeitung. Er wurde 1969 in den Vorstand der Siemens AG berufen.

Seine Abteilung entwickelte und baute den Transistorrechner Siemens 2002, der in Deutschland zwischen 1959 und 1966 einen beachtlichen Marktanteil erreichte. Gumin stellte den Rechner auf der Eastern Joint Computer Conference 1958 in Philadelphia, PA, vor. Neben COBOL und Fortran verfügte das System auch über einen Algol-60-Compiler. Unter seiner Leitung kooperierte Siemens eine Weile mit der Firma RCA (Radio Corporation of America) und lieferte deren IBM-kompatible Rechner aus. Als RCA überraschend aus dem Computergeschäft ausstieg, stand Siemens wieder allein da. Gumin erlebte und gestaltete anschließend die Phase, als Siemens im europäischen Verbund mit CII, ICL und Philips den Markt aufrollen wollte. Er war auch bei den beiden nationalen, von der Bundesregierung betriebenen Lösungen involviert, als zuerst Telefunken und später Nixdorf integriert wurden. Schließlich initiierte er 1975 die Zusammenarbeit mit Fujitsu. Der langfristige Erfolg von Siemens im Informatik-Bereich blieb jedoch aus, wenn man von der Ausgründung Infineon absieht.

Außer zu Heinz Gumin hatte ich regelmäßige Kontakte zu mehreren andern Kollegen aus dem Hause Siemens. Man traf sich bei Fachveranstaltungen der GI oder des deutschen ACM-Chapters. Besonders hervorheben möchte ich Heinz Schwärtzel, den GI-Präsidenten der Zeit von 1989 bis 1991 und späteren Leiter des Forschungs­instituts FAST in München. Er unterstützte mich und das Projekt MeDoc sehr effektiv, indem er mir seinen Mitarbeiter Michael Breu als Projekt-Koordinator auslieh. Am Projekt MeDoc, das ich zwischen 1994 und 1997 von der TU München aus leitete, waren 30 deutsche Hochschulen und 14 Fachverlage beteiligt. In den 1970er Jahren hatte ich Kontakte zu Heinz Görling (leider infolge eines Skiunfalls früh verstorben), sowie Horst Biller, Peter Donner, Christoph Haenel, Rudolf Haggenmüller, Gerhard Held und Werner Remmele. Die meisten von ihnen waren in der Systemsoftware-Entwicklung von Siemens tätig, andere im Zentralen Forschungsbereich. Obwohl Siemens damals über große technische Kompetenz auf den Gebieten Rechnerbau und Software-Entwicklung verfügte, sah man in die Firma IBM den Branchen­primus, dem man nacheifern wollte. Die fachlichen Kontakte waren stets von gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen geprägt.

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