Montag, 14. März 2011

Informatik und arabische Revolutionen

Neben Erdbeben gibt es auch politische Beben. Ein solches erleben wir gerade in der arabischen Welt. Dass es dabei einen Bezug zur Informatik gibt, mag einigen Leuten entgangen sein. Ich erinnere hier daran und lasse mich dabei zu einigen weiterführenden Gedanken verleiteten. Wenn ich dabei etwas mutige Analogien verwende, so ist dies als pädagogisches Hilfsmittel zu verstehen.

Mit der Selbstverbrennung des 26-jährigen Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid begann die tunesische Revolution. Bouazizi, der Informatik studiert hatte, war arbeitslos und betätigte sich als Obstverkäufer, um seine Familie zu ernähren. Er soll sich selbst vor dem Gouverneurs­gebäude in Brand gesetzt haben, um gegen die Konfiszierung seines Obst- und Gemüsestandes durch die Polizei zu protestieren. Da er sich die Lizenz als Obstverkäufer nicht leisten konnte, arbeitete er schwarz. Laut Spiegel Online besteht die Familie darauf, dass es ein Unfall war. Er hätte sich zwar mit Benzin übergossen, wollte sich jedoch nicht umbringen. Wie auch immer.

Dieser Fall bringt in Erinnerung, dass allein mit der Förderung von Bildung und Ausbildung weder bei uns, noch in Entwicklungsländern, etwas entscheidend Positives erreicht ist. Es werden im ungünstigsten Falle nur Hoffnungen auf ein besseres Leben geweckt, die das Land (noch) nicht erfüllen kann. Wer in Bildung investiert, kommt nicht umhin dafür zu sorgen, dass es später auch adäquate Verdienstmöglichkeiten gibt. Das Wort ‚Arbeitsplatz‘ ist – wie fast immer in diesen Diskussionen –  nicht der richtige Begriff. Bei Arbeitsplätzen denkt man primär an abhängig Beschäftigte. Solche Stellen kann es erst geben, nachdem sie entweder vom öffentlichen Dienst oder von Unternehmern geschaffen wurden. Unternehmer tun dies nur, wenn sie ihr Geschäft über das hinaus expandieren möchten, was sie in eigener Person oder mit Unterstützung durch Familienangehörige bewerkstelligen können. Der öffentliche Dienst wiederum lebt von der privaten Wirtschaft, es sei denn der Staat ist der einzige Unternehmer im Land. Es muss daher Selbständige geben, bevor es Angestellte geben kann. 

Es genügt daher nicht, die Eliten von Morgen in den Methoden und Techniken von heute und deren theoretischen Grundlagen – sofern es sie gibt – auszubilden. Sie sollten vielmehr lernen, neue geschäftliche Chancen zu erkennen und zielgerichtet zu ergreifen. ‚Entrepreneurship‘ ist wichtiger als ‚employability‘, um es neudeutsch zu sagen.

Nach Tunesien kam der Aufstand in Ägypten, der zu Mubaraks Rücktritt am 11.2.2011 führte. Beide Aufstände wurden von Journalisten als Facebook-Revolutionen bezeichnet. Das ist natürlich übertrieben. Die Informatik löst Revolutionen nicht aus; sie kann sie nur beschleunigen. Auch hier spielen junge, gut ausgebildete Menschen, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlen, eine dominierende Rolle. Wie ich mir das Netz­geschehen vorstelle, habe ich in einem früheren Beitrag anhand der Internet-Aktivitäten im Zusammenhang mit Stuttgart 21 beschrieben. Natürlich hat es einige Beobachter gewundert, dass man in Afrika so viele Internet-Nutzer antrifft.

Wir sollten nicht nur über die Auslöser und den Verlauf der Umwälzungen in der arabischen Welt reden, sondern auch über die Konsequenzen nachdenken. Sie sind zwar noch nicht erkennbar, aber unausweichlich.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jetzt eine Völkerwanderung stattfinden wird, wie sie Mitteleuropa seit dem frühen Mittelalter nicht mehr erlebt hat. Sie dauerte damals einige Jahrhunderte, jetzt geht es schneller. Die Situation, in der sich das Römische Imperium im dritten und vierten Jahrhundert nach Christus befand, war teilweise vergleichbar mit derjenigen, in der sich Süd- und Mitteleuropa heute befinden. Wir haben einen wesentlich höheren Lebensstandard als die Völker um uns herum, verfügen über ein Rechtssystem, in dem man sich als Einzelperson, Gesellschaft und Wirtschaft entfalten kann, und besitzen überstrapazierte militärische Streitkräfte – ähnlich wie die Römer. Damals verfügten die im Norden Europas lebenden Stammesgemeinschaften über höhere Geburtenraten, größeren wirtschaftlichen Hunger und mehr Wagemut – so wie heute die Völker Afrikas und der arabischen Welt. Wer gewann, wissen wir. 

Wie sehr das römische Heer damals überfordert war, zeigt das Felsrelief in Bischapur im heutigen Iran, das an die Gefangennahme von Kaiser Valerian im Jahre 260 nach Christus erinnert. Zum Hindukusch ist es von dort nicht mehr allzu weit.


 Ausschnitt aus Felsrelief von Bischapur

Interessant ist es, sich die Methoden anzusehen, die die Germanen benutzten, um im römischen Reich Fuß zu fassen. In den ersten Jahrhunderten kamen nur einzelne Männer (und ganz wenige Frauen) ohne ihre Familien und verdingten sich als Landarbeiter, Hauspersonal oder Söldner. Da es Universitäten in unserem Sinne nicht gab, erhielten Kinder aus vornehmen Familien andere Formen von Stipendien. So wurde Arminius, der Sohn eines Cheruskerfürsten, von einer römischen Familie adoptiert und in Rom im Verwaltungs- und Kriegswesen ausgebildet. Nach und nach übernahmen die Einwanderer Verwalterfunktionen für Latifundien oder wurden Offiziere, die einzelne Truppenteile leiteten. Später kamen Franken und Goten in ganzen Familien- und Sippenverbänden. Als Foederaten übernahmen sie von den Römern die Verwaltung ganzer Provinzen oder die militärische Sicherung größerer Gebiete. Sie absorbierten das römische Rechtssystem und die römische Kultur und bauten Klöster und Kirchen für eine neue Religion. Der Franke Karl der Große wiederbelebte im Jahre 800 schließlich das römische Imperium. 

Dass Immigranten damals so leicht Arbeitsplätze beim Militär finden konnten, lag daran, dass es keine Wehrpflicht gab. Wir sind gerade dabei, diese zweifelhafte Errungenschaft der Französischen Revolution wieder abzuschütteln. Aber selbst die Grande Nation ließ in der Vergangenheit viele ihrer Schlachten von Fremdenlegionären schlagen. Es wird Zeit, dass wir dies auch tun.

Verblüffend für viele Beobachter ist, dass in den ganzen Umwälzungen der letzten Monate das Terrornetzwerk Al Qaida so gut wie verstummt ist. Es scheint sich herauszustellen, dass es weder eine politische noch eine soziale Massenbewegung repräsentiert. Selbst eine so außergewöhnliche Aktion wie die am 11. September 2001 in New York und Washington, war nicht das Werk von im Volke verwurzelten revolutionären Führern. Ähnlich wie bei der RAF in Deutschland rekrutierten die Täter sich aus selbsternannten Eliten. Es waren alles Söhne reicher Familien aus Ägypten und Saudi-Arabien, die in der deutschen Diaspora von muslimischen Hasspredigern radikalisiert wurden. 

Wenn ihnen jetzt das eigene Volk zeigt, wie gut man auf sie verzichten kann, besteht die Chance, dass diese Bewegung austrocknet. Schön wäre es. Vielleicht bekommt dann Al Qaida nach 30 Jahren einen Filmnachruf, so wie wir dies gerade der Baader-Meinhof-Bande gewähren. Für die Mitwelt wäre es besser, man könnte den Wunsch nach Ruhm auf diese Art befriedigen, statt dass man sich mit Donnerschlägen Aufmerksamkeit verschaffen muss.

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