Dienstag, 24. Juli 2012

Leben ist nicht gleich Leben, dennoch ist die Erde einzigartig

Mit diesen Worten lässt sich der Inhalt eines Buches zusammenfassen, auf das Hans Diel in einem der letzten Beiträge zu diesem Blog verwies. Es geht um das Buch mit dem Titel "Unsere einsame Erde"  von P.D. Ward und D. Brownlee. Die englische Version erschien im Jahre 2000. Ich habe es inzwischen auch gelesen. Was meine bisherigen Vorstellungen des Phänomens Leben betrifft, hat das Buch einige Dinge etwas zurechtgerückt. Es gibt nicht das Leben, sondern eine Unzahl von Lebensformen. Man muss zumindest zwei Gruppen klar unterscheiden. Der Einfachheit halber nennt man sie die primitiven und die höheren Formen. Genauso gut könnte man sagen Leben 1 (L1) und Leben 2 (L2).

Zu L1 gehören vor allem Bakterien und Viren. Das eine ist pflanzliches, das andere tierisches Leben. Beide sind enorm widerstandsfähig. Sie können monate-, wenn nicht jahrelang ohne Stoffwechsel auskommen. Sie sind immun gegen Kälte und Hitze, innerhalb sehr großer Grenzen. Sie benötigen keinen Sauerstoff zum Leben. Auch hohen Druck oder Bestrahlung aus dem Kosmos halten sie aus. Es gäbe keinen Grund anzunehmen, dass es L1 nicht überall im Weltall gibt. Dass es auch so ist, daran darf noch gezweifelt werden.

Einzelliges L1 gab es schon sehr früh auf der Erde, etwa nach 400 Mio. Jahren nach ihrer Entstehung. Es basiert auch auf dem Kopieren von DNA-Strängen. Nur liegen diese ungeschützt in der Zelle herum. Darüber wie die DNA entstand, wird immer noch gerätselt. Die Vermehrung ist ungeschlechtlich. Ein sehr interessanter Stamm sind die Archaeen. Sie leben auf so genannten Schwarzen Rauchern. Das sind Thermalquellen in der Tiefsee. Mikroorganismen, auch Mikroben genannt, gibt es millionenfach in jedem Klumpen Erde, mehrere Kilometer tief.


Meteorit ALH84001  ̶   Mikroskop-Ausschnitt

Jährlich landen etwa ein halbes Dutzend Brocken schwerer als 500 Gramm auf der Erde, die vom Mars stammen. Man glaubt, versteinerte Formen von L1 auf ihnen entdeckt zu haben, ist sich aber nicht ganz sicher. Den ersten solchen Brocken (ALH84001), der 1996 auf dem Grönlandeis gefunden wurde, habe ich im Smithsonian Museum in Washington, DC, gesehen.

Die Form L2, also höheres Leben, gäbe es nur auf der Erde. Davon sind die Autoren überzeugt. Wir Menschen und die Geschöpfe um uns herum seien einmalig im Universum! Man kann dies als neo-ptolemäische, geozentrische Weltsicht auffassen. Bei Claudius Ptolemäus war die Erde das physikalische Zentrum der Welt. Dieser Teil der Theorie ist wesentlich gewagter. Er ist auch am wenigsten durchdacht.

L2 entstand auf der Erde erst nach 3,4 Mrd. Jahren. Es benötigte Sauerstoff, flüssiges Wasser und passable Temperaturen. Sauerstoff gab es erst nach 2 Mrd. Jahren in signifikanten Mengen auf der Erde, erzeugt von Lebewesen der Form L1. Woher das viele Wasser kam, das auf der Erde ist, ist noch ungeklärt. L2 startete mehrmals und wurde mehrfach zerstört. Man schätzt heute, dass es in der Erdgeschichte 15 Katastrophen gab, die ein Massensterben zur Folge hatten. Am bekanntes sind das Perm-Trias- und das Kreide-Tertiär-Ereignis, abgekürzt  P/T- bzw. K/T- Ereignis.

Den Durchbruch erhielt das L2 durch die so genannte Kambrische Explosion vor 600 Mio. Jahren. Was alles dabei eine Rolle spielte, ist noch unbekannt. Die Anzahl der Arten, Familien und Stämme hat sich seither eher verkleinert als vergrößert. Ein Beispiel einer im Kambrium allgegenwärtigen, aber danach verschwundenen Klasse von Lebewesen sind die Triboliten. Den Dinosauriern und Säbeltigern ging es bei dem K/T-Ereignis an den Kragen. Nur kleine Tiere blieben übrig, darunter die Säugetiere. Man stellt sich heute das Ereignis als Einschlag eines Asteroiden auf der Halbinsel Yukatan vor. Er muss einen Durchmesser von mehreren Kilometern gehabt haben und traf die Erde vor etwa 65 Mio. Jahren. Das aufgeworfene Material umkreiste mehrmals die Erde und kam monatelang in der Form von Meteoriten herunter. Der Himmel war verdunkelt, die Temperaturen sanken. Dass L2 heute existiert, sei reine Glückssache.

Die Evolution kann zu komplexen Lebensformen führen, muss aber nicht. Auf jeden Fall wirkt sie ungleichmäßig und in Sprüngen. Die Entwicklung von Schalen, Skeletten und Kiefern aus Kalk erwies sich für L 2 vorteilhaft. [Ich bin geneigt hinzufügen: Ob die Hervorbringung von Intelligenz diesen Effekt aus Sicht der Erde auch hat, muss sich noch herausstellen]

Um L2 zu ermöglichen, verfügt die Erde über besonders günstige Bedingungen. Sie ist nicht zu kalt und nicht zu warm. Die tödlichen Bombardements haben aufgehört. Die kosmische Strahlung hält sich im Rahmen. Das Verhältnis von Ozeanen zu Landmassen schafft ein stabiles irdisches Klima. Als einziger uns bekannter Himmelskörper verfügt nur die Erde über eine nennenswerte Plattentektonik. Diese fördert neues Material nach oben und begünstigt die Entstehung der Artenvielfalt (Diversität). Dadurch verbessern sich die Überlebenschancen für L2. Wir Menschen stellen in dieser Hinsicht eine Gefahr dar. Nicht nur verschlechtern wir die Lebensbedingungen für einige Arten. Wir haben sogar schon einige eliminiert und treiben es weiter. L1 zu eliminieren, dazu haben wir keine Chance. Es könnte jederzeit aus dem Weltall zurückkehren.

Der von Frank Drake 1961 angegebenen Formel für die Wahrscheinlichkeit von Zivilisationen im Weltall wird eine verbesserte Formel gegenübergestellt. Da die Autoren der Meinung sind, dass es kein L2 außerhalb der Erde gibt, ist das Ganze etwas witzlos. Obwohl zugestanden wird, dass sowohl L1 wie L2 anderswo ganz andere Eigenschaften haben könnten als auf der Erde, werden nur die Bedingungen als relevant angesehen, die auf der Erde eine Rolle gespielt haben mögen. Oder anders gesagt: Da wir nicht wissen, welche Formen von Leben möglich sind, wieso können wir angeben, welche Bedingungen zu seiner Entstehung beitragen oder nicht? Diese Ungewissheit verfolgte mich während des ganzen Buches.

Nach Ansicht der Autoren zielten neuere Untersuchungen und Weltraumprojekte darauf, die beiden Theorien des Buches (L1 überall, L2 nur auf der Erde) zu bestätigen oder zu widerlegen. Das Projekt SETI sucht seit 1990 nach Nachrichten von intelligenten Wesen (also L2) im Weltall. Es wurden bisher keine Signale festgestellt, also auch kein Widerspruch zur Theorie. Die Mondgesteine, die Apollo 11 zur Erde brachte, waren steril. Die Viking-Sonden auf Mars fanden auch nichts, nicht einmal Mikroben. Außer Mond und Mars gibt es noch viele zu untersuchende Himmelskörper. Es darf also weiter spekuliert werden.
                                                                                     
Außer den beiden erwähnten Theorien müsste noch eine dritte Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Sie wird von den Autoren im Schlusskapitel angedeutet. Vertreter von außerirdischem L2 könnten die Erde entdeckt haben. Sie fanden sie so einmalig, dass sie beschlossen, sie wie einen Zoo zu behandeln. Sie halten nicht nur sich selbst versteckt, sondern sorgen auch dafür, dass kein fremdes L1 oder L2 zu uns gelangt. Diese Theorie ist nur dann widerlegbar, wenn den Außerirdischen ein Fehler unterlaufen würde. Auf den Absturz eines UFOs wartet man schon lange.

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