Samstag, 21. Juli 2012

Nizza – da arbeiten, wo andere Urlaub machen

Was hätte ich mir Schöneres wünschen können, als frisch verheiratetet an die Côte d‘ Azur versetzt zu werden. Von April 1962 bis September 1963 traf es mich. Anfang 1962 erfuhr ich, dass Mitarbeiter gesucht würden für ein Projekt im französischen Labor der Firma in La Gaude bei Nizza. Ich meldete mich und wurde kurz darauf von dem englischen Projektleiter (Ken Hanford) in Stuttgart interviewt. Er fand, dass meine Qualifikation ausreichte und er machte mir ein Angebot.

Für das Drum und Dran der Abordnung gäbe es jemanden in der deutschen Personalabteilung, der dafür zuständig sei. Dieser Herr erklärte mir, welche Umzugskosten die Firma übernimmt und wie hoch die Ausgleichszahlungen für die höhere Miete und die Lebenshaltungskosten seien. Da sich dies alles sehr gut anhörte, beschlossen meine Frau und ich, dieses Experiment zu wagen. Wir wussten, dass meiner Frau das größere Opfer zugemutet wurde. Sie musste ihre berufliche Tätigkeit in Deutschland aufgeben und es war wenig wahrscheinlich, dass sie in Frankreich etwas Gleichwertiges finden könnte. Wir machten uns also auf nach Nizza. Dort lief alles wie am Schnürchen. Wir wohnten zunächst im einzigen Hotel der Stadt mit einem Schwimmbecken auf dem Dach (dem Hotel Splendid), bis dass wir eine Wohnung gefunden hatten.

Anfänge der Programmiersprachen

In meiner Düsseldorfer Zeit von 1959 bis 1962 hatte ich die Anfänge höherer Programmiersprachen kennen gelernt. Ich hatte sowohl mit COBOL gearbeitet als auch mit Fortran. Das gab mir sehr wichtige Vorkenntnisse für die in der Fachwelt jetzt anstehenden Fragen. Fortran war von einem Team entwickelt worden, das für einen bestimmten Hersteller (IBM) arbeitete. Außerdem hatten die Entwickler sich bemüht, für die Sprache einen Kompromiss zu finden zwischen guter Lesbarkeit durch den Menschen und effizienter Übersetzbarkeit durch die Maschine. Da höhere Sprachen sich erst noch durchsetzen mussten gegenüber der Programmierung in Maschinensprache wurde im Zweifelsfalle der Effizienz Vorzug gegeben. Dass dies richtig war, bewies der unglaubliche Siegeszug für Fortran, der heute nach 50 Jahren noch nicht beendet ist. Gegen beide Aspekte, Herstellerabhängigkeit und Effizienzrücksicht, entstand eine Gegenbewegung. Sie wurde nicht von Ingenieuren sondern von mathematisch inspirierten Kollegen getragen.

Es entstand der Vorschlag für eine Programmiersprache, die praktische Mathematiker besonders ansprechen sollte. Nach mehreren Iterationen erhielt sie den Namen Algol 60. Algol ist eine Abkürzung für ‚Algorithmic Language‘; die Zahl 60 steht für 1960, das Entstehungsjahr der Sprachdefinition. Gegenüber Fortran erschienen mir zwei Eigenschaften wesentlich, die Groß- und Kleinschreibung von Variablennamen und die Rekursion. Für Ingenieure und theoretisch arbeitende Mathematiker sind beides keine weltbewegenden Aspekte.

Die Groß- und Kleinschreibung von Variablennamen setzt einen größeren Zeichensatz voraus, als normalerweise bei Lochkartengeräten zur Verfügung steht. Programme wurden damals fast nur über Lochkarten in die Rechner eingegeben, zumindest bei IBM. Unter Rekursion versteht man in der Mathematik, wenn für eine Definition einer Funktion die Definition selbst benutzt wird. Manche Leute werden schon stutzig, wenn sie dies hören. Es gestattet dies in manchen Fällen sehr elegante Definitionen, wenn dadurch die Benutzung von Iterationen vermieden werden kann. Der Preis, der für diese mathematische Raffinesse von einem Übersetzerbauer bezahlt werden muss, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Die Sprache COBOL hat da ihre Stärken, wo Fortran (und natürlich auch Algol) schwach sind. Im Mittelpunkt stand bei COBOL die Frage, wie Datenelemente, Sätze und Dateien beschrieben werden können. Dafür gab es einen Programmteil, Data Division genannt, der nur einmal geschrieben werden musste für alle Programme, die dieselben Daten verwandten. Diese Beschreibungen bildeten die Basis für so genannte Datenverzeichnisse (engl. ‚data dictionaries‘). Außerdem gab es sehr ausgefeilte Möglichkeiten, um das Erscheinungsbild festzulegen, wie Daten in einem Druckformular oder auf dem Bildschirm aussehen sollten. Erst durch die Sprache Pascal wurde ähnliche Konzepte auch anderswo bekannt gemacht.

Projekt Algol und das französische Labor der IBM

Bei dem Projekt ging es darum, einen Algol-Übersetzer für einen schon länger im Markt befindlichen Rechner (IBM 7090) zu entwickeln. Unsere Projektgruppe umfasste Mitglieder aus verschiedenen europäischen Ländern. Neben dem Projektleiter gab es einem weiteren Engländer, je einen Franzosen, Holländer, Österreicher und Schweden und drei Deutsche. Während ich aus Düsseldorf dazu stieß, kamen die beiden andern deutschen Kollegen aus dem Stuttgarter Raum und waren beides Schwaben. Einer von ihnen war Junggeselle; der andere war verheiratet und hatte einen dreijährigen Sohn. Mit einer Ausnahme (Peter Lucas aus Wien) waren alle Beteiligten Neulinge auf dem Gebiet des Übersetzerbaus.


IBM Labor in La Gaude (Foto IBM)

Auf die technischen Aspekte des Algol-Projekts will ich hier nicht weiter eingehen. Das Projekt wurde Anfang 1963 (genau am 1. April) abgebrochen, da IBM sich verstärkt auf die nächste Generation von Rechnern (das spätere System/360) konzen­trieren wollte. Erwähnen möchte ich noch, dass ich aufgrund meiner COBOL-Kenntnisse damit beauftragt wurde, die Firma IBM bei den Bemühungen zu vertreten, die darauf zielten für COBOL in Europa einem offiziellen Standard festzulegen. Federführend war dafür ein Zusammenschluss aller europäischen Rechnerhersteller, ECMA genannt (engl. European Computer Manufacturers‘ Association). ECMA hatte seinen Sitz in Genf. Um die Standardisierung zu unterstützen, sollte auch eine Übersetzung der COBOL-Sprachelemente in Deutsch, Französisch und Spanisch vorgenommen werden. Über das Schicksal dieses Teilprojekts berichtete ich in meinen Erinnerungen an Heinz Schappert.

NB: Später erfuhr ich, dass ein Versuch, für dieselbe Maschine einen Algol-Übersetzer zu entwickeln, an der University of Illinois unter dem Namen ALCOR Illinois unternommen worden war. Es war dort, wo zwei Münchner Kollegen, die ich später sehr gut kennenlernte (Manfred Paul und Rüdiger Wiehle) ihre beruflichen Sporen verdienten. Ab 1964 wurde ein Algol 60 Compiler für die neue Rechnergeneration der IBM, das System/360, im Böblinger Labor von Hans-Jürgen Hoffmann und seinen Mitarbeitern entwickelt. Als dieses Projekt von Deutschland nach Schweden transferiert wurde, verließ Hoffmann die IBM, um Professor in Darmstadt zu werden.

Für die übrigen meist in Hardware-Projekten engagierten französischen Mitarbeiter des Labors waren wir eine Exotengruppe. Die Atmosphäre des Labors, vor allem das Essen, gefiel uns sehr gut. Das Labor in La Gaude hatte einen deutsch sprechenden Mitarbeiter damit betraut, uns Dreien bei der Wohnungssuche und bei Behördengängen zur Verfügung zu stehen. La Gaude ist eine Kleinstadt nordwestlich von Nizza auf halber Höhe. Wie ihre Nachbarstadt Vence ist La Gaude direkt an die Ausläufer der Seealpen gepresst. Über der Stadt ragt ein hoher Tafelberg. Das IBM Labor wurde von einem bekannten Architekten als großes X und auf Stelzen stehend in die Landschaft gesetzt. Es war erst, kurz bevor ich dorthin kam, bezogen worden.

Als junge Familie in einer Ferienumgebung

Wir fanden innerhalb von wenigen Tagen eine Wohnung in einer modernen Wohnanlage nicht weit von der Uferpromenade, der Promenade des Anglais. Der Stadtteil von Nizza heißt La Californie. Die Miete war zwar höher als wir es erwartet hatten, aber diese Art Wohnungen, so hieß es, hat halt ihren Preis. Sie werden meist nur für kurze Perioden als Ferienwohnungen vermietet. In unserem Falle war der Eigentümer ein Franzose, der in Algerien lebte. Da wegen der politischen Entwicklung in Algerien der Eigentümer plötzlich die Wohnung selber benötigte, mussten wir nach etwa einem Jahr umziehen. Wir fanden zum Glück in derselben Wohnanlage eine ähnlich schöne Wohnung, die sogar vom Balkon aus einen Blick auf die Altstadt und die Bucht von Nizza bot.


Blick vom Balkon unserer Wohnung

In meiner ganzen beruflichen Laufbahn hielt ich mich nie so exakt an die tägliche Arbeitszeit wie hier. Da alle drei deutschen Projektmitarbeiter im Stadtgebiet von Nizza wohnten, bildeten wir eine Fahrgemeinschaft. Jeder von uns fuhr nur jeden dritten Tag im eigenen Auto die etwa 10 Km zum Labor. Im Falle der beiden verheirateten Männer brachten uns unsere Ehefrauen morgens zum vereinbarten Treffpunkt. Am selben Treffpunkt warteten sie bereits nachmittags gegen 17 Uhr. Im Sommer hatten sie dann meist die Badesachen dabei, so dass wir den Rest des Tages am Strand verbringen konnten.

Meist zog es uns dann in die westlichen Vororte von Nizza wie Cagnes und Antibes. Am Wochenende ging es schon einmal etwas weiter, sei es nach Cannes oder ins Estérel. Alle Freunde und Verwandte, die immer einmal nach Nizza wollten, hatten nun einen Grund mehr dies zu tun. Dass Nizza außer im Sommer auch im Winter attraktiv sein kann, war für uns neu. Ich unternahm meine ersten Ausflüge auf Skiern in uns bis dahin unbekannten Skiorten in den nahen Seealpen, so in Auron und Valberg.

Nachwuchsglück im Ausland

Während dieser Zeit lebten meine Frau und ich „wie Gott in Frankreich“. Meine Frau nahm Französisch-Kurse in der Berlitz-Schule und studierte die französische Kochkunst, sei es durch eigene Experimente oder den Besuch einheimischer Restaurants. Ein gewisses Unsicherheitsgefühl trat auf, als sich nach einem halben Jahr die Geburt unseres ersten Kindes ankündigte. Sollte man sich für die Geburt nicht lieber in eine deutsch sprechende Umgebung begeben, dachten wir. Wir taten es nicht. Die Geburt verlief ohne Komplikationen. 

Die Schwangerschaft meiner Frau stieß auf Interesse des französischen Staates. Er war bereit, finanzielle Zuwendungen zu zahlen, wenn meine Frau sich einer Reihe frühzeitiger Untersuchungen und ausführlichen Beratungen unterzog. Obwohl hier gewisse Grundkenntnisse der französischen Sprache erforderlich waren, ließ sie alles tapfer über sich ergehen. Als wir nach der Geburt wissen wollten, ob wir auch für die hohe Prämie in Frage kämen, von der manche französische Frauen während der Schwangerschaftskurse schwärmten („im Bauch ist meine neue Waschmaschine“), erhielten wir eine Absage. Die Prämie erhalten nur Eltern, deren Kinder die französische Staatsangehörigkeit besitzen. Dies können wir für unser Kind nur beantragen, wenn wir fünf Jahre im Lande gelebt haben.

Für die Geburt hatten wir eine private Kinderklinik (Sainte Hélène) ausgesucht. Ich hatte meine Frau mittags hingebracht. Zwei Stunden später erhielt ich den Anruf, dass die Geburt abgeschlossen sei. Als ich wieder am Eingang der Klinik erschien, wurde ich mit folgenden Worten begrüßt: „Congratulation! Vous avez une petite jolie fille“. Unter der wissenschaftlich gut fundierten Pflege von Mutter und Großmutter gedieh unsere Tochter prächtig.

Erwähnen möchte ich noch, dass meine Frau fast in den Ruf kam, keinen Ehemann zu besitzen. Als ich mal wieder in Genf zu tun hatte, streikte das Personal von Air France, so dass ich die Rückreise per Bahn antreten musste. Die neue Zimmernachbarin meiner Frau machte große Augen, als nach vier Tagen doch ein Mann erschien. Dass das erste Kind etwas Besonderes ist, sei am Beispiel der Baby-Waage erklärt. Beim ersten Kind in Nizza hatten wir eine Waage gemietet und sie wurde jeden Tag zweimal benutzt. Beim zweiten Kind in den USA mieteten wir wieder eine Waage, benutzten sie jedoch nicht. Beim dritten Kind mieteten wir keine Waage mehr.

Leben und Erlebtes an der Côte d‘Azur

Es gehört zu den weit verbreiteten Meinungen über Nizza, dass es hier weder Frost noch Schnee gibt. Unsere Wohnung in Nizza war nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter bewohnbar. Sie verfügte über eine Fußbodenheizung. Nicht so gut dran war ein Kollege, der direkt im Ort La Gaude wohnte. Seine Wohnung hatte keine Heizung. Dafür besaß sie einen Wassertank, der in Dachhöhe neben dem Haus montiert war. Als plötzlich nicht nur Schnee fiel, sondern es auch einige Nächte fror, hatte der gute Kollege weder Heizung noch fließendes Wasser. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als für einige Tage in ein Hotel umzuziehen.

Dass Schnee sehr ungewöhnlich war, wusste auch die Leitung des IBM Labors. Einmal fielen schon tagsüber drei Millimeter Schnee. Gegen Mittag verkündete daher die Laborleitung, dass das Labor um 15 Uhr schließen würde, damit alle Mitarbeiter sicher nach Hause kämen. Mehrere französische Mitarbeiter trauten sich dennoch nicht, im eigenen Auto die kurvenreiche Strecke von La Gaude nach Nizza zu fahren. Deshalb bot sich einer unserer drei deutschen Mitarbeiter an, die Wagen einiger französischer Kollegen den Berg hinunter zu fahren. Wer ihn wieder nach oben brachte, um seinen eigenen Wagen zu holen, weiß ich nicht mehr. Von den französischen Kollegen im Labor haben wir natürlich auch einiges gelernt. Dazu gehört die im Süden Frankreichs übliche Form des Boule- oder Boccia-Spiels. Es heißt hier Petanque. In jeder Mittagspause wurden im Umfeld des Labors mehrere Partien ausgetragen, an denen wir teilnehmen konnten.

Die Küche von Nizza besitzt einige Besonderheiten. Den Salat aus Nizza (Salade niçoise) kennt man auch bei uns und er enthält keine Überraschungen. Anders ist es mit Ratatouille und Tripes. Beim Ersteren handelt es sich um ein undefinierbares Gemüse (bestehend aus Tomaten, Kürbis und Auberginen). Tripes kennt der Schwabe unter der Bezeichnung Innereien. Ich habe diese nur einmal bestellt, meine schwäbischen Kollegen schon mal öfters. Gab es besonders schöne Fleischstücke in der Kantine des Labors, konnte man fast sicher sein, dass es sich um Pferdefleisch handelte. Ich hatte in diesem Falle nicht die geringsten Hemmungen, wissend, dass Pferde zu den heikelsten Haustieren gehören, was ihr Futter betrifft. Die Fischsuppe Bouillabaisse wird zwar eher mit Marseille in Verbindung gebracht als mit Nizza. Als ein Kollege und ich sie einmal bestellten, aß ich davon nur die wenigen mir erkennbaren Fischteile. Mein Kollege aß die ganze Terrine leer, so als ob es eine Erbsensuppe wäre. Am nächsten Tag kam er nicht zur Arbeit.


Wochenende am Strand von Cannes

Im Hafen von Nizza gab es eine Besonderheit, die am offenen Straßenfenster verkauft wurde. Es war dies eine Art Pfannkuchen aus Hirsemehl (den Namen habe ich vergessen). Er schmeckte ausgezeichnet, besonders gut, mit einem Glas Rotwein dazu. In den Selbstbedienungsläden (im Supermarché) in der Californie war Rotwein billiger als Milch. Es gab Zweiliterflaschen für weniger als zwei Franken (etwa eine D-Mark). Mineralwasser kostete je nach Marke weniger oder mehr. Wenn Ebbe in der Kasse war, konnte man zur Not von Tomaten, Brot und Wein leben. Manche Einheimische sollen davon gelebt haben, und nicht nur in Notzeiten.

Mit dem Brot gab es allerdings ein Problem. Nur ganz am Anfang gaben wir uns der Illusion hin, dass man bei einem Bäcker immer Brot bekommt. Es gab dies nämlich nur dreimal am Tage, morgens um 8 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Sobald das frisch gebackene Brot verkauft war, konnte man bestenfalls noch ein paar Zwiebacke bekommen, die in einer versiegelten Packung angeboten wurden. Als Abschiedsgeschenk kaufte ich meiner Frau ein dickes buntes französisches Kochbuch. Erst bei dem detaillierten Studium einiger Rezepte stellten wir fest, dass die dort benutzten Mengenangaben nicht für den Privathaushalt, sondern nur für große Betriebs- oder Hotelküchen geeignet waren.

In der Firma hatte ich nie ein Sprachproblem. Immer gab es jemand, der mir mit Englisch weiterhalf, sollte mein Versuch eine Konversation in Französisch zu beginnen, scheitern. Anders war es im privaten Umgang. Gingen wir zum Einkaufen, gaben wir immer einem Selbstbedienungsladen den Vorzug. War das Geschäft darauf nicht eingerichtet, haben wir es einfach umfunktioniert. Man zeigte mit den Fingern auf das, was man haben wollte, und hielt dem Verkäufer einen möglichst großen Geldschein hin. Manchmal versagte auch diese Methode.

Als ich von einem Frisör, auf dessen Stuhl ich bereits saß, gefragt wurde, wie er meine Haare schneiden sollte, sagte ich ihm, natürlich auf französisch, möglichst kurz. „Ah, comme les soldats“ war seine Reaktion. Ich verließ seinen Stuhl, nur mit Stoppeln auf dem Kopf. Was mir oben gegen meinen Willen an Haaren geraubt worden war, wollte ich wenigstens teilweise kompensieren. So wie viele Franzosen in der Gegend, ließ ich mir einen relativ schmalen  Schnurbart wachsen. In Frankreich sagte niemand etwas. Wo ich damit auffiel, war zuhause in Deutschland. Nicht dass jemand mich deshalb angesprochen hätte. Des Öfteren konnte ich jedoch feststellen, dass am Nebentisch das Gespräch plötzlich auf Bärte kam.

Da ich Französisch als erste Fremdsprache hatte, konnte ich alles lesen und vieles verstehen. Nur mit dem Sprechen haperte es etwas. Unsere Frauen waren teilweise besser, teilweise schlechter dran als wir Männer. So meinte meine Frau, dass ihre blonden Haare ihr im Straßenverkehr von Vorteil gewesen seien. Immer wieder hätten männliche Autofahrer ihr die Vorfahrt eingeräumt, ob berechtigt oder unberechtigt.

Wie Kinder mit dieser Situation fertig werden, bewies der dreijährige Sohn meines Kollegen. Als eine Kindergärtnerin sich bei seiner Mutter darüber beschwerte, dass der Sohn immer wieder mit anderen Kindern streiten würde, gab der Sohn die folgende Erklärung dazu: „Einige von den Kindern haben Dinge zu mir gesagt, die ich nicht verstanden habe. Deshalb habe ich sie sicherheitshalber verhauen“. Dass Kinder schneller als Erwachsene lernen, bewies dasselbe Kind. Wenn seine Mutter an einer Tankstelle vorfuhr, und der Tankwart nicht verstand, was sie wollte, schrie der Sohn aus dem Auto: „Plein, s’il vous plait“. Das heißt „Volltanken!“ auf Deutsch.

Jährlicher Blumenkorso

Beginnend mit dem Blumenkorso im Mai ist Nizza den ganzen Sommer über von Touristen überlaufen. Schlagartig mit der ersten Septemberwoche wird es dann  relativ ruhig. In der Lokalzeitung (Nice Matin) häufen sich dann die Berichte über Familienfeiern und gesellschaftliche Ereignisse. Auch das Umland verdient dann schon mal Interesse, wie die Bergschlucht Gorge de Loup, oder das Musée Leger in Biot oder die Bilder von Matisse und die Skulpturen von Picasso in Grasse bzw. Vallauris.

Eine besonders schöne Erinnerung verbinden wir mit dem Besuch eines weihnachtlichen Volkstheaters in einem Bergdorf in der Nähe von Sospel. Wie in einer italienischen Oper konnten wir zwar keine Texte verstehen, dafür waren aber die Bühnenszenen umso aussagekräftiger. Selbst beste Französisch-Kenntnisse hätten uns nur zum Teil geholfen. Alle Schauspieler sprachen die lokale Mundart, die dem Italienischen näher kommt als dem Französischen. Nach der Vorstellung, also fast um Mitternacht, gab es für alle Teilnehmer noch ein festliches Essen.

Der deutsche Kollege, der unverheiratet war, fiel bei Einheimischen wie bei den Mitgereisten durch einige besondere Marotten auf. So war er im April weit und breit der Einzige, der im Meer badete. Etwa einmal pro Vierteljahr fuhr er zur großen Einkaufstour nach Stuttgart. Er könne von dem, was es hier gebe, nicht leben, meinte er als Schwabe. Er kam dann zurück mit deutschen Konserven, deutschem Brot und deutscher Wurst. Das Einzige, was wir tatsächlich vermissten, war deutsches Schwarzbrot. Als wir ihn baten, bei seiner nächsten Einkaufstour in diesem Punkte an uns zu denken, willigte er ein. Ziemlich überrascht war ich jedoch, als er mir eine Portion Schwarzbrot aus seinem Kofferraum überreichte. Für sich selbst hatte er noch etwa ein Dutzend Pakete dabei.

Abschied von der Riviera

Ehe wir Nizza verließen, machten meine Frau und ich noch eine Reise im eigenen Auto entlang der gesamten Riviera. Meine Schwiegermutter blieb mit unserer Tochter in Nizza. Zuerst fuhren wir nach Westen über Marseille hinaus bis in die Camargue. Anschließend fuhren wir in Richtung Osten zur italienischen Riviera und kamen bis nach Genua und Portofino.


Im Hafen von Cassis

Einige Ereignisse dieser Fahrten blieben im Gedächtnis. Der Ritt auf einem für die Camargue so typischen Schimmel war nur anfangs so vergnüglich. Bald darauf entschied das Pferd, dass es jetzt lieber in seinen Stall möchte. Es setzte diesen Entschluss sofort in die Tat um, unabhängig davon was Reiterin oder Begleiter dachten. Die als Trost gedachten Wachteln, die es in einem Restaurant in Les Saintes Maries de la Mer zum Abendessen gab, erwiesen sich als sehr zierlich. Da der Monat August vorbei war, gab es auf der französischen Seite der Riviera kaum noch Touristen. In ganz Frankreich waren die Ferien zu Ende.

An der italienischen Seite der Riviera war noch lebhafter Betrieb, vor allem in Savona und San Remo. Die Stadt Genua beeindruckte mit schönen Geschäften. Der Ausflug nach Portofino endete vorschnell. Es muss an einem Sonntag gewesen sein. Nachdem wir uns in einer kilometerlangen Schlange der Stadt genähert hatten, schickte uns die Polizei wieder in die umgekehrte Richtung, da es in der ganzen Ortschaft keinen freien Parkplatz gab.

Spätere Besuche in Nizza

Die Verbindung nach Nizza riss auch später nicht ab. Da auch später immer wieder Kollegen aus beruflichen Gründen nach Nizza versetzt wurden, ergab sich 1971 eine Gelegenheit, mit drei kleinen Kindern einen Urlaub in Nizza zu verbringen. Wir tauschten einfach die Wohnungen. Der Kollege verbrachte seinen Deutschland-Urlaub in unserem Haus in Sindelfingen und wir nutzten seine Wohnung in Nizza. Es war dies eine Penthouse-Wohnung in einem mehrgeschossigen Haus. Man fuhr per Fahrstuhl direkt in die Wohnung. Von der Terrasse gab es einen herrlichen Blick auf das Mittelmeer. Baden konnte man im hauseigenen Schwimmbecken.

Als unsere in Nizza geborene Tochter im Jahre 2000 mit Mann und Kindern ihren Sommerurlaub im Estérel einplante, schlossen meine Frau und ich uns an. Wir konnten ihr zeigen, in welcher paradiesischen Gegend sie vor 37 Jahren auf die Welt gekommen war. Im Sommer 2010 verbrachten meine Frau und ich einen gemeinsamen Urlaub in Antibes und besuchten Orte und Freunde, die wir kannten, aber auch neue Attraktionen wie das Museum der modernen Kunst in Nizza.

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