Mittwoch, 18. Juli 2012

Von Milet nach Toledo – Reisewege des (mathematischen) Geistes

Nachdem Hans Diel und Peter Hiemann in ihrem Beitrag versucht haben, auf wissenschaftliche Weise zu erklären, wie Intelligenz in die Welt kam, will ich in diesem Essay illustrieren, wie ich mich bemüht habe, dem irdischen Weg des Geistes nachzuspüren. Ich beschränke mich heute auf den mathematischen Geist und auf Europa und den Nahen Osten. Die Intelligenz des Menschen umfasst zweifellos mehr als nur seine logischen und mathematischen Fähigkeiten. Auch gibt es Quellen (engl. hot spots) des Geistigen nicht nur in einer geografischen Region.

Nicht in Arkadien, nicht am Nil und auch nicht am Indus, sondern in Ionien wird die Heimat des reflektierenden Geistes, des ‚Homo reflectans‘, vermutet. Zwischen Troja und Milet soll er zuerst aufgetaucht sein. Das Gebiet liegt am Ostufer der Ägäis, in der heutigen Türkei. Das ist zumindest die Theorie eines Julian Jaynes (1920-1997). Das Bewusstsein des Menschen habe sich erst vor der Phase der klassisch-griechischen Hochkultur entwickelt. Zeitlich gesehen war dies zwischen dem Trojanischen Krieg und der Geburt des Homer, also zwischen 1300 und 700 v. Chr. Die Menschen vor dieser Zeit hätten kein Bewusstsein gehabt, ebenso wenig wie Tiere und Kinder vor dem dritten Lebensjahr. Erklärt wird es anatomisch durch die Entstehung einer Brücke zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte. Jaynes spricht daher von der bikameralen Psyche. Es ist dies eine sehr ansprechende Theorie. Viele Anhänger hat sie noch nicht gefunden, ganz zu schweigen von experimentellen Beweisen.

Da ich bei meinen Reisen durch die Welt gerne Orte von besonderer geistesgeschichtlicher Bedeutung aufsuchte, habe ich eine ganze Reihe von ihnen geschafft. Welche Gedanken mir an vier der besuchten Orte kamen, will ich hier erläutern. Vorne weg stelle ich einen kurzen Auszug aus dem jeweiligen Reisebericht [1].

Milet in der Westtürkei

Im Frühjahr 2003 besuchten meine Frau und ich den Ort, an dem sich einst die Stadt Milet befand. Er ist nicht weit weg von der modernen Stadt Kuşadasi mit ihren Ferienwohnungen und Segelyachten. In der Antike war Milet eine direkt am Meer gelegene Hafenstadt. Die Umgebung ist heute durch die Ablagerungen des Flusses Mäader vollkommen versandet. Bisher wurde lediglich ein kleiner Teil der Stadt, der so genannte Löwenhafen, ausgegraben


 Löwenhafen von Milet

Milet gilt als die älteste griechische Siedlung in Kleinasien. Sie wurde mehrmals zerstört, unter anderem von den Hethitern. Nach der um 1200 v. Chr. erfolgten Neugründung entwickelte sich Milet zu einer der erfolgreichsten Handelsstädte des ganzen Mittelmeerraumes. Sie hatte 80 Kolonien, unter anderem in Ägypten und entlang der gesamten Schwarzmeerküste. Der Berg, der heute vor dem Gelände der ehemaligen Stadt Milet liegt, war früher eine Insel. Vor dieser Insel fand 494 v. Chr. eine Seeschlacht gegen die Perser statt, die die Griechen verloren. Milet wurde danach persisch. Über dem Theater der Stadt befindet sich heute eine byzantinisch-türkische Festung, die die Gegend gegen Seeräuber schützen sollte. Nach dem ersten Weltkrieg wurden alle Griechen gezwungen, Kleinasien zu verlassen, wo sie über 3000 Jahre gelebt hatten. Ihre Kulturgüter befinden sich in Museen über die ganze Welt verteilt, sofern sie sich bewegen ließen.


 Theater von Milet

Milet kann man als eine der Ursprungsstätten abendländischen Geisteslebens bezeichnen. Neben Anaximander und Anaximenes gilt Thales (um 624-546 v. Chr.) als der bekannteste Vertreter der vorsokratischen Philosophie. Er war außerdem Mathematiker, Astronom und Ingenieur. Er wurde reich, da er gute Weinernten vorhersagen konnte und sich entsprechend viele Fässer zulegte. Er sagte eine Sonnenfinsternis voraus und erklärte einem Feldherrn, wie man mit Soldaten am besten über den Fluss Mäander kommt. Seine geometrischen Kenntnisse hatte er vermutlich bei Besuchen in Ägypten erworben. Ihn interessierten insbesondere Längen- und Winkelmessungen. Der Satz des Thales (‚Der Winkel im Halbkreis ist ein rechter‘) wird in seiner Bedeutung noch vom Strahlensatz übertroffen. Mit ihm lassen sich unzählige Probleme in der Geometrie lösen.

In dem oben zitierten Beitrag nahm Hans Diel die Entdeckung eines Gesetzes aus der Geometrie, den Satz des Pythagoras, als Beispiel für eine genuin menschliche Leistung. Wahrlich ein nettes Kompliment für einen ehemaligen Geometer wie mich! Historisch gesehen ist der Satz des Thales etwa 50 Jahre älter. Er hat mich als Schüler mindestens so sehr beeindruckt wie der Satz des Pythagoras. Pythagoras (570-510 v. Chr.) stammte von der Insel Samos und lebte hauptsächlich in Kalabrien.

Nicht verhehlen möchte ich, dass Thales die Mathematiker und Philosophen bereits früh in schiefes Licht brachte. Eine Magd, also eine junge Dame aus dem Volk, hätte ihn ausgelacht, als er  ̶  während er die Sterne beobachtete  ̶  in einen Brunnen fiel. Thales hat keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Darin war er nicht besser als sein Landsmann Homer, der etwa 200 Jahre früher lebte. Homer stammte ebenfalls aus Ionien. Smyrna, das heutige Izmir, ist eine der sechs Städte, die als mögliche Geburtsstadt genannt werden. Homer war eine Art Wandersänger und Märchenerzähler. Seine endlos langen Gesänge, die Illiad und die Odyssee, wurden von Zuhörern oder Nachfahren aufgeschrieben.

Syrakus auf Sizilien

Während eines Urlaubs auf Sizilien im Sommers 1996 machten wir einen Ausflug nach Syrakus (ital. Siracusa). Im Jahre 734 v. Chr. von Siedlern aus Korinth gegründet, wurde sie während der Punischen Kriege von Rom erobert. Später blühte die Stadt unter byzantinischer Herrschaft, ehe sie im Jahre 450 n. Chr. von Vandalen zerstört wurde.


 Griechisches Theater

Eine der Hauptattraktionen ist das griechische Theater aus dem Jahre 480 v. Chr. Es liegt an einem Hang mit direktem Blick auf das Meer. Das Theaterstück „Die Perser“ von Sophokles wurde hier uraufgeführt, wobei der Autor selbst mitspielte. Gleich daneben befindet sich ein unterirdischer griechischer Steinbruch, in dem Gefangene große Steinquader heraus brachen. Eine besonders auffallende Schlucht durch den Felsen heißt „Ohr des Dionysos“. Der Name kommt daher, dass man von dort aus Gefangene bei der Arbeit belauschen konnte. Aus der Römerzeit stammt ein Amphitheater. Der Mittelpunkt der Stadt ist die Halbinsel Ortyga. Das ist der Ort, an dem die ersten griechischen Siedler ihre Hütten bauten. Die heutige Kathedrale der Stadt war ehemals ein Tempel der Athene. Über 2500 Jahre wurde laufend an dieser Kirche gebaut.


Ehemaliger Steinbruch

Der bekannteste Sohn der Stadt Syrakus ist Archimedes (287-212 v. Chr.). Er war Mathematiker, Physiker und Ingenieur. Seine Ausbildung erhielt er in Alexandrien, wo er unter anderen mit Eratosthenes zusammenarbeitete. Er formulierte die Hebelgesetze und schuf dadurch die Grundlage für die spätere Entwicklung der Mechanik. Er soll angeblich gesagt haben: ‚Gebt mir einen Punkt [außerhalb der Erde], auf dem ich stehen kann, und ich werde die Welt aus den Angeln heben‘. Archimedes soll das nach ihm benannte Auftriebsprinzip durch Zufall beim Baden entdeckt haben, als aus dem randvollen Wasserbehälter jene Wassermenge auslief, die er beim Hineinsteigen ins Bad mit seinem Körpervolumen verdrängte. Mit dem Freudenschrei ‚Heureka!‘ (griech. für: Ich hab’s gefunden!) soll er unbekleidet auf die Straße gerannt sein.

Archimedes wird nachgesagt, die Römer bei ihrer Belagerung von Syrakus mit von ihm entwickelten Kriegsmaschinen aufgehalten zu haben. Dazu gehörten Wurfmaschinen und Katapulte oder auch Seilwinden, mit denen er ein voll beladenes Schiff, mit der gesamter Besatzung, durch Ziehen an einem einzigen Seil bewegen konnte. Außerdem soll Archimedes die Schiffe der Römer über große Entfernung in Brand gesteckt haben. Mit Hilfe von Spiegeln soll er das Sonnenlicht auf die angreifenden Schiffe umgelenkt haben.

Selbst sein Tod ist sagenumwogen. Als nach der Eroberung von Syrakus ein römischer Soldat ihn festnehmen wollte, soll er gerade dabei gewesen sein, geometrische Figuren in den Sand zu zeichnen. Als Archimedes den Soldaten mit den berühmten Worten: ‚Noli turbare circulos meos‘ (lat. für: Störe meine Kreise nicht!) zu Recht wies, soll dieser Archimedes erschlagen haben. Mich wundert’s nur, dass ein stolzer Grieche angesichts seines Todes plötzlich Latein spricht. Vermutlich wurde auch diese Episode von den Siegern in die Geschichtsbücher gebracht.

Wie Archimedes von einem Römer erschlagen wurde, so wurde die griechische Kultur von den Römern teils vernichtet, teils absorbiert. Die mathematischen und philosophischen Ideen gerieten größtenteils in Vergessenheit. Erst die Kalifen in Bagdad interessierten sich ab dem 8. Jahrhundert wieder dafür.

Chiwa in Usbekistan

Als wir im Sommer 1989 in Usbekistan waren, besuchten wir auch Chiwa. Mein Wiener Kollege Heinz Zemanek hatte mich auf die Idee gebracht. Wir machten einen Tagesausflug von Taschkent aus dorthin per Flugzeug. Chiwa ist eine Kleinstadt (30.000 Einwohner) am Unterlauf des Amu Darja, unmittelbar an der Grenze zu Turkmenistan. Die Provinz heißt Chorestan oder Chwarizm. Die Altstadt von Chiwa ist noch ringsherum von einer intakten Mauer umgeben. Wir betraten die Stadt durch das Tor Ata Darwasa. Dieses Tor liegt im Westen der Stadt, direkt neben der Festung Kunga Ark. In der Festung gibt es einen Palast mit Empfangshalle, Harem und Moschee, sowie eine Münzerei. Im Innenhof wurden die vom Chan gefällten Todesurteile vollstreckt. Gegenüber von der Festung liegt die Medrese Amin Chan mit dem berühmten unvollendeten Minarett (Kalta Minar).


Minarett Kalta Minar

Wir gingen an vielen anderen Medresen und Mausoleen vorbei. An einem Brunnen schöpfen Frauen Wasser. Der Brunnen sei für Frauen, die viele Kinder haben wollen. An der großen Karawanserei (Alla Kuli Chan) trafen sich einst die Händler, die mit ihren Kamelen ankamen. Die Medrese Kutlug ist die neueste und wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut. Im Palast Tasch Hauli (steinernes Haus) gibt es einen Harem und einen Gerichtstrakt. Die Palast-Moschee (Dschuma) ist eine 50 x 50 m große Halle mit hölzernen Säulen. Einige davon sind über 1000 Jahre alt. Es soll dies das einzige Gebäude der Stadt sein, das Chingis Chan nicht zerstörte. Er hätte es als Pferdestall benutzt. Chiwa hatte den Ruf, dass Sklaven hier besonders grausam behandelt wurden. Waren sie aufsässig, wurden sie mit den Ohren an die Stadttore genagelt. Die Sklaverei soll in Chiwa erst im Jahre 1920 abgeschafft worden sein, und zwar bei der Übernahme der Stadt durch die Kommunisten.


Denkmal für Al Chwarizmi

Als wir nach der Stadtbesichtigung für zwei Stunden uns selbst überlassen wurden, fragte ich nach dem berühmtesten Sohn der Stadt. Der Name Al Chwarizmi war jedoch niemandem geläufig. Durch reinen Zufall fanden wir jedoch sein Standbild außerhalb des Tores, durch das wir die Stadt betreten hatten. Das Denkmal war von russischen Mathematikern errichtet worden und trug die Aufschrift „Abu Abdullah Mahamed ibn Musa“ in arabischer und russischer Schrift. Das war nämlich sein richtiger Name.

Chiwa, russisch Xiva, gehörte einst zum persischen Kulturkreis. In der Wissenschaft und Literatur ist der persische Universalgelehrte Al Chwarizmi (780-850 n. Chr.) nur unter dem Namen seiner Heimatprovinz bekannt. Er war am Hofe des Kalifen Al Mamoun in Bagdad tätig. Nach der Eroberung Persiens durch die Ummayaden-Dynastie war Bagdad zur kulturellen Hauptstadt der Welt geworden. In einem Haus der Weisheit wurden systematisch griechische und indische (Sanskrit) Texte ins Arabische übersetzt.

Al Chwarizmi gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker, da er sich nicht nur mit Zahlentheorie, sondern auch mit Algebra als elementarer Untersuchungsform beschäftigte. In seinem Buch ‚Über das Rechnen mit indischen Ziffern‘ (arab. ‚Al-Kitab al-Dscham‘) stellte Al Chwarizmi die Arbeit mit Dezimalzahlen vor und führte die Ziffer Null aus dem indischen in das arabische Zahlensystem und damit in alle modernen Zahlensysteme ein. Von Al Chwarizmis Namen leitet sich der Begriff Algorithmus ab, von seinem Buch leitet sich das Wort Algebra ab.

Bagdad schuf sich eine Außenstelle in Andalusien. Wie wir gleich sehen werden, kamen Al Chwarizmis Werke (und auch andere) auf diesem Weg nach Westeuropa. In dem Vierteljahrhundert nach unserem Besuch haben sich Chiwa und Usbekistan vermutlich stärker in Richtung einer religiös geprägten, archaischen Gesellschaft hin bewegt, als zu der freien, der Wissenschaft gegenüber aufgeschlossenen Gesellschaft, wie sie zurzeit Al Chwarizmis bestand.

Toledo in Kastilien

Nach vielen Spanienbesuchen kamen wir im Sommer 2004 endlich nach Toledo. Wie mit keiner anderen Stadt, so verbinden sich mit Toledo 2000 Jahre spanische Geschichte. Nach den Römern kamen die Westgoten. Diese wurden 711 von Arabern besiegt. Nach der Reconquista wurde Toledo kastilisch und war die Hauptstadt Spaniens, bis Philipp II nach Madrid umzog. Die Stadt liegt auf einer Schleife des Flusses Tajo. Gotische Bauwerke gibt es keine mehr. Dafür gibt es ein Museum für gotische Kunst in einer von Arabern gebauten Moschee. An der Kathedrale der Stadt bauten einst französische, holländische und deutsche Bauleute. In der Sakristei hängen Bilder von El Greco, Tizian und anderen. In einem Nebenraum der Iglesia S. Tomé befindet sich das berühmteste Bild El Grecos. Es ist das Begräbnis des Conde de Orgaz mit den ausdrucksvollen Gesichtern seiner Zeitgenossen. In der ehemaligen Kirche S. Marcos ist heute das Stadtmuseum.


Ansicht von Toledo

Sehr ins Auge fallen die Spuren der jüdischen Bevölkerung der Stadt. In ihrem Viertel liegt nicht nur die zur Marienkirche (Santa Maria la Blanca) umgebaute frühere Synagoge, sondern auch das Haus El Grecos, des berühmten Griechen. In der Synagoge el Transito ist ein Museum der sephardischen Juden. Es zeigt die jüdische Geschichte in Spanien zwischen der Römerzeit und der Vertreibung im Jahre 1492. Im Alcazar regierten einst die spanischen Könige. Im Kloster Santa Cruz gibt es außer mehreren El Grecos auch eine Ausstellung von Kacheln (Azuelas).


 Santa Maria la Blanca (ehemalige Synagoge)

Die spanische Stadt Toledo ist der Ort, wo die Kulturstränge des Morgen- und des Abendlands sich vereinigten. Hier trafen Araber, Griechen, Juden, Römer und Germanen (vertreten durch die Westgoten) aufeinander. Toledo war die Hauptstadt des Westgotenreiches von der Völkerwanderung bis zum Jahr 712. Seine Blütezeit erlebte Toledo während des Kalifats von Córdoba und als Hauptstadt einer Taifa , d.h. eines Diadochenreiches, nämlich des Berberstammes der Dhun-Nuniden. Gleich zu Beginn der Reconquista wurde Toledo im Jahre 1085 durch Alfons VI. von Kastilien erobert. Von da ab ging es mit Toledo  ̶  überspitzt gesagt  ̶  bergab, fast tausend Jahre lang!!

In Toledo wurden einst die Arbeiten der Griechen und Araber aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und kamen so zu den Gelehrten des Abendlands. Das begann im 9. Jahrhundert, setzte sich aber nach dem Abzug der Araber fort. Al Chwarizmis Bücher wurden im 12. Jahrhundert unter anderem von dem Engländer Robert von Chester  und dem Italiener Gerard von Cremona übersetzt. Sie fanden sie in den von den Arabern hinterlassenen Bibliotheken Toledos. Einer der ebenfalls das Interesse der Europäer auf die Leistungen der Araber lenkte, war Gerbert d‘Aurillac, dem schon ein Blog-Eintrag gewidmet war.

Denken wir heute an Araber, so denken wir fast nur noch an die Islamisten. Diese verbrennen Bücher und zerstören Kunstwerke, nicht nur im Mittelalter, sondern auch im 21. Jahrhundert. Wie ich erst vor kurzem erfuhr, kamen nach dem Fall von Cordoba und Sevilla im Jahre 1492 eine Menge Bücher aus Spanien nach Timbuktu im heutigen Mali. Das war vor 600 Jahren, 400 Jahre nach dem Verlust von Toledo. Der von Salman Rushdie verewigte letzte Emir von Granada wird auch im Grab seine Seufzer nicht unterdrücken können, wenn er erfährt, dass diese Bücher und ihre Bibliotheken jetzt Gefahr laufen von Al-Qaida-Anhängern zerstört zu werden. Womit wir im Sommer 2012 angekommen wären.

Zusätzliche Referenz:

1.  Reiseberichte enthalten auf der CD Gunst und Kunst des Reisens aus dem Jahre 2009. Die CD ist auf der Homepage ihres Autors im Abschnitt Media beschrieben

Kommentare:

  1. Am 21.7.2012 schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

    ... habe Ihren Bericht „Von Milet nach Toledo“ mit Vergnügen gelesen.

    Sie können sich aber vermutlich vorstellen, dass ich bei Julian Jaynes Theorie, wie Bewusstsein
    in unsere Welt gekommen ist, gestutzt habe. Ich habe nicht vor, mich mit dessen Theorie näher zu beschäftigen. Aber folgender Text gab mir zu denken:

    „Die Menschen vor dieser Zeit („also zwischen 1300 und 700 v. Chr.“) hätten kein Bewusstsein
    gehabt, ebenso wenig wie Tiere und Kinder vor dem dritten Lebensjahr. Erklärt wird es anatomisch durch die Entstehung einer Brücke zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte.“

    Falls Jaynes mit „Brücke“ das Corpus Callosum des Gehirns (Gehirnbalken) gemeint hat,
    ist seine Aussage nicht aufrecht zu erhalten. Diese Brücke existiert auch bei Katzen.

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    1. Im Wikipedia-Artikel zum Corpus Callosum steht u.a.

      „Andererseits ist diese so genannte Split-Brain-Operation oder Callosotomie mit schweren Kognitionsstörungen verbunden, so dass sie heutzutage kaum noch durchgeführt wird. Außerdem tritt wegen der Durchtrennung des Balkens das danach benannte Split-Brain-Syndrom auf.“

      Kann es nicht auch sein, dass das ‚Kabel‘ schon früh vorhanden war, aber erst vor rund 3000 Jahren vom Menschen zur Signalübertragung und anschließenden Interpretation benutzt wurde?

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  2. Nachtrag vom 22.7.2012:

    Ich hatte einen historischen Bericht leicht verfälscht und tat damit den griechischen Frauen des Altertums möglicherweise Unrecht.

    Die Frau, die Thales auslachte, wird als 'thrakische Magd' bezeichent. Sie war also eine frühe Gastarbeiterin, die aus Mazedonien, also vom Balkan kommend, in einer ionischen Stadt beschäfigt war. Vielleicht klingt hier mit an, dass man in Mazedonien, woher später der große Alexander kam, in Bezug auf Allgemeinbildung damals noch etwas rückständig war.

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  3. Heute, am 26.7.2012 schrieb ich zu einer Sendung bei Arte (http://videos.arte.tv/de/videos/eine_frage_der_gene-6819794.html),
    auf die Peter Hiemann mich hingewiesen hatte:

    Die Bemerkung, dass alle Homos und nicht nur der Sapiens ein Bewusstsein hätten, wirft nur die Frage auf, was man unter Bewusstsein versteht. Bei Jaynes ist es das, was Menschen vor etwa 3000 Jahren nicht hatten. Die haben weder lange Balladen mündlich überliefert (wie Homers Zeitgenossen), noch hatten sie eine Schrift (wie Linear A oder B).


    Am gleichen Tag antwoetete Peter Hiemann wie folgt:

    Auch ich war gespannt, was die Experten des Beitrages zur Evolution des menschlichen Bewusstseins aussagen werden. Da war leider nichts außer der Bemerkung, dass es wohl dem Menschen vorbehalten ist, nicht nur zu wissen, sondern auch zu wissen, dass er weiß.

    Solange ich nichts Neues erfahre, halte ich mich an Luhmanns Arbeitshypothese:

    1. Bewusstsein und Kommunikation sind zwei unterschiedliche aneinander gekoppelte autopoietische Systeme.
    2. Man kann sich nicht vorstellen, dass ein Bewusstsein evolutionär entstanden wäre, ohne dass es Kommunikation gibt.
    3. Genauso wenig kann man sich vorstellen, dass es sinnhafte Kommunikation gäbe, wenn es kein Bewusstsein gibt.
    4. Mir scheint, dass der Kopplungsmechanismus die Sprache ist.

    Diese Aussagen habe ich wörtlich Luhmanns Buch „Einführung in die Systemtheorie“ entnommen (Seite 122).

    Einen Hinweis in dem Arte Beitrag könnte ich im weitesten Sinn als Bestätigung für Luhmanns Hypothese betrachten: Ähnliche Darstellungen von Tieren an Höhlenwänden kann man anscheinend überall finden, wo frühe moderne Menschen gelebt haben. Obwohl man davon ausgehen kann, dass sie verbal auf verschiedene Weise kommuniziert haben, haben sie ursprünglich ähnliche Symbole bei der Kommunikation verwendet.

    Luhmanns Arbeitshypothese erlaubt ihm auch, etwas zur späteren Entwicklung der Sprache selbst zu postulieren:

    „Nach dieser These muss es eine Zusammenentstehung von struktureller Kopplung und Autopoiesis im Bereich von Bewusstsein einerseits und im Bereich von Gesellschaft, von sozialer Kommunikation, andererseits gegeben haben, die in den Anfängen vermutlich mit relativ geringer Komplexität, mit relativ geringer Reichweite und Differenziertheit der Systeme, aber in den Zuständen, die wir kennen, mit einer enormen Komplexität ausgestattet ist, die sich in der Sprache selbst dann wieder findet.“ (Einführung in die Sytemtheorie Seite 123)

    Für Luhmann ist Bewusstsein die grundlegende menschliche Fähigkeit, Symbole zu kreieren und für die Kommunikation zu verwenden. Diese Fähigkeit erwarb der Mensch schon sehr frühzeitig, wie in den Höhlenzeichnungen an unterschiedlichen
    Orten der Erde belegt ist. Die Zunahme von Komplexität der bewussten (kommunikativen) Fähigkeiten des Menschen und seinen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten ist das Resultat selbstorganisierender evolutionärer Prozesse. Die Entstehung von Sprachen, um schließlich damit lange Balladen zu erzählen und schriftlich niederzulegen, ist sicher eine sehr lange Geschichte der Menschheit. Ob erst Homers Zeitgenossen in der Lage waren, interessante und spannende Geschichten zu erzählen, kann ich nicht beurteilen. Jaynes Aussage, „das Bewusstsein des Menschen habe sich erst vor der Phase der klassisch-griechischen Hochkultur entwickelt“, ist meines Erachtens zumindest „misleading“.

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