Dienstag, 1. März 2011

Freier Wille – nur eine Illusion?

In dem Blog-Eintrag zu Metzingers Theorien von Bewusstsein und Seele hatte ich das Thema ‚Willensfreiheit‘ bewusst ausgelassen. Man kann es nicht mit ein paar Sätzen abtun.

Da ich im vorletzten Satz das Wort ‚bewusst‘ verwende, können Sie schon meine Tendenz erahnen. Ich habe nämlich Schwierigkeiten mit den Interpretationen, die einige namhafte Gehirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer verkünden. Im Endres/Gunzenhäuser-Buch [S. 93] hatten sich die Autoren mit den Beobachtungen von Benjamin Libet auseinandergesetzt. Obwohl seine Schlussfolgerungen nicht überzeugend sind, werden sie immer noch zitiert. Er hatte nämlich nachgewiesen, dass eine verstärkte Gehirntätigkeit einsetzt etwa 200 bis 300 Millisekunden, bevor wir uns bewusst für etwas entscheiden.

Es ist ein Artikel von Michael Pauen in Spektrum der Wissenschaft (März 2011), der mich veranlasst, schon jetzt meine Gedanken zu diesem Thema aufzuschreiben. Die Tatsache, dass unsere Rechtsordnung auf den Prinzipien Verantwortung und Schuld aufbaut, liefert zwar keine Begründung naturwissenschaftlicher Art, macht aber klar, wie wichtig das Thema ist. Wird die Willensfreiheit geleugnet oder als Illusion hingestellt, brauchen wir keine Justiz mehr.

Der Beitrag des Philosophen Pauen ist sehr unbefriedigend. Er sagt im Grunde nur, dass die naturwissenschaftlichen Erklärungen, die er kennt, nicht viel weiter helfen. Er lehnt auch die von Wissenschaftlern wie Roger Penrose vertretene Meinung ab, dass die Antwort im nicht-deterministischen Verhalten von Synapsen zu suchen ist. Penrose deutete den freien Willen bekanntlich als makroskopischen Quanteneffekt (so genannte Mikrotubuli). Dass das Unterbewusstsein eine Rolle spielt, wie dies der Bremer Neurologe Gerhard Roth nachgewiesen hat, ist schon eher einzusehen.

Am ehesten kann ich auch hier die Gedankengänge von Thomas Metzinger nachvollziehen. Er geht davon aus, dass unser Gehirn, sowohl bewusst wie unbewusst, ein Repertoire von Zielen angelegt hat. Kleinkinder haben noch keine Ziele. Erwachsene haben eine Unmenge von Situationen erlebt, oder bei andern Menschen beobachtet, wo sie sich fragten, was sollte hier mein Ziel sein, oder welche Ziele hat der andere verfolgt. Die daraus gewonnene Information wurde gespeichert, teils im frontalen Hirnbereich, teils näher am Stammhirn. Alle als möglich angesehenen Ziele wurden bewertet, sowie die Wege, die zu dem jeweiligen Ziel führen. Über die dabei benutzten Kriterien sind wir uns nur zum Teile bewusst oder haben es vergessen. So müssen wir uns nicht jedes Mal, wenn wir Durst haben, erneut klar machen, dass Trinken helfen könnte. Über die vielen Einzelziele und Erfahrungen hinweg abstrahieren wir. Das nennen wir dann Wünsche bzw. Überzeugungen. Ihre neuronalen Korrelate kennen wir noch nicht. Viele Wissenschaftler glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir sie entdecken.

Stehen wir vor einer Wahl, fängt unser Gehirn von sich aus an zu arbeiten. Es benutzt dabei die vorhandenen Informationen, teils im Unterbewussten, teils im Bewussten. Dabei werden wir von unsern Wünschen und Überzeugungen beeinflusst, um nicht zu sagen, geleitet. Da das Gehirn weiß, wie wir in ähnlichen Situationen reagiert haben, und was zum Erfolg führte, kann es uns helfen, wieder zu einer Entscheidung zu kommen. Wie wir uns im Endeffekt entscheiden, hängt von der Gesamtheit der Daten ab, die uns im jeweiligen Augenblick zur Verfügung stehen, bzw. den übrigen Parametern, die Relevanz haben. Zu diesen Parametern gehört die gesamte physikalische und chemische Umwelt, unser augenblickliches Befinden und die Art, wie wir unsere Situation beurteilen. Die Entscheidung wird von der Großhirnrinde (med. Cortex) wahrgenommen oder als ‚getroffen‘ registriert, nachdem diese Vorarbeiten abgeschlossen sind. Das kann einige 100 Millisekunden in Anspruch nehmen. 

Manche Entscheidungen treffen wir, bevor die Großhirnrinde es bemerkt hat. Diese Entscheidungen heißen Reflexe. Es gibt angeborene und antrainierte Reflexe. Erfolgreiche Sportler, Akrobaten und Musiker sind auf sie angewiesen.

Selbst wenn unsere Entscheidung zu 99,9% durch Umstände, Vorgeschichte und persönliche Veranlagung bestimmt war, mag sie für Außenstehende durchaus originär und spontan erscheinen. Auch bei uns selbst ist ein sehr starkes Gefühl vorhanden, dass wir uns frei entscheiden können. Dies ist Teil unseres Selbstbildnisses geworden. Ich tendiere daher mit Metzinger zu der Auffassung, dass Willensfreiheit eine Bezeichnung für eine ganz besonders komplexe Gehirnleistung ist. Ob sie nur beim Menschen anzutreffen ist, ist noch nicht geklärt.

Jede Entscheidung, die wir treffen, basiert auf unserer individuellen Lebens­geschichte, also auf der Summe unserer Erfahrungen und Präferenzen. Dieses Wissen wurde nicht zufällig gesammelt, sondern es wurde eine Auswahl getroffen. Diese wurde stark davon beeinflusst, was als nützlich, schädlich oder irrelevant erkannt wurde. Insofern trägt jeder Verantwortung für die Voraussetzungen seines Tuns, und damit für sein Tun. Nur dasjenige Verhalten, das von der Gesellschaft bewertet wird, trägt zu diesem Lernprozess bei. Die Skala der Bewertungen reicht von Missbilligung bis Anerkennung, mit vielen dazwischen liegenden Nuancen.

Hinweisen möchte ich darauf, dass es im Internet eine ganze Reihe von Filmen gibt, die das Thema Willensfreiheit behandeln. Sowohl Gerhard Roth wie Thomas Metzinger kommen in einem Dreiteiler zu Wort, den 3SAT und ZDF sendeten.

1 Kommentar:

  1. Es gibt keine Schwierigkeiten, freie Willensentscheidungen zu begründen, solange
    1. „wollen“ ausschließlich auf bewusstes, vor allem selbstbewusstes Erleben bezogen wird
    2. nicht versucht wird, das Phänomen Bewusstsein auf Interaktionen zwischen Neuronen oder gar biochemische Reaktionen in Nervenzellen zu reduzieren bzw. damit erklären zu wollen.

    Thomas Metzinger ist der Auffassung, dass Bewusstsein als „eine neue Art von Organ“ interpretiert werden kann. Bewusstsein ist demnach ein emergentes Phänomen der menschlichen Evolution und erlaubt dem Menschen, „sein Verhalten nicht nur genauer zu kontrollieren und anzupassen, sondern es ist auch eine notwendige Bedingung für soziale Interaktion und kulturelle Evolution“.

    Metzingers Definition von „Bewusstsein“ liefert eine gute Basis für philosophische Betrachtungen unter Berücksichtigung der Grenzen zwischen biologischen und allgemeinen geistigen Phänomenen. Über subjektive Phänomene bewussten Erlebens und individuelle freie Willensentscheidungen lässt sich kaum etwas sagen. Jedes Individuum erlebt bewusstes zielgerichtetes Handeln entsprechend seiner individuellen Freiheitsgrade, der Nutzung seiner Freiheitsgrade und der mentalen Bewertungen seiner Erfahrungen. Der bei weitem größte Anteil der dabei beteiligten neuronalen und körperlichen Prozesse führt nicht zu bewusstem Erleben. Selbst erworbene Gewohnheiten werden nur zum Teil bewusst reflektiert.

    Betrachtet man die geistige Entwicklung eines Individuums selbst als einen evolutionären Prozess, kann man die Fähigkeit des Entscheidenwollens als im Gehirn angelegten
    Selektionsmechanismus interpretieren. Ob und welche Entscheidungen ein Individuum selektiert, hängt von dessen Alter, Bildung, Erfahrung und Lebensumständen ab.

    In dem von R. D. Precht konstruierten hypothetischen Gespräch zwischen Schopenhauer und Libet sagt Schopenhauer: „Und Sie glauben mit der Uhr bewiesen zu haben, dass es eine unbewusste Unfreiheit und eine bewusste Freiheit gibt?“ Und Libet antwortet: „Na ja, bewiesen ist ein großes Wort. Aber ich glaube daran.“

    Wenn das verwirrende Thema Willensfreiheit auftaucht, halte ich mich an die Eselsbrücke „unbewusst = unfrei, bewusst = frei“.

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