Dienstag, 26. Februar 2019

Merkwürdiges über die Schlacht bei Waterloo − einer Sternstunde Europas?

Mehrere Autoren, deren Bücher oder Essays ich dieser Tage las, erinnerten mich an eine der berühmtesten Schlachten der Geschichte, die vom Juni 1815 bei Waterloo. In ihr wurde Napoléons Schicksal endgültig besiegelt. Sein Stern war über Frankreich und Europa etwa 10 Jahre nach der Französischen Revolution aufgegangen. Im kollektiven Gedächtnis Europas bildet Waterloo einen dramatischen Höhepunkt. Für Frankreich und Napoléon war es ein letztes Aufflackern vor dem Untergang. Für seine Gegner war es die Stunde der endgültigen Abrechnung.

Napoléon, der verglimmende Stern

Der unter der Leitung von Clemens von Metternich (1773-1859) tagende Wiener Kongress war gerade dabei, die alte Ordnung Europas wiederherzustellen, als die Nachricht eintraf, dass Napoléon seinen Verbannungsort, die Insel Elba, verlassen habe. Er war in Antibes an Land gegangen und sammelte auf dem Marsch nach Paris immer mehr frühere Anhänger ein. Innerhalb von nur 100 Tagen hatte er auch wieder ein schlagkräftige Armee aufgestellt, mit der er den angreifenden britischen, österreichischen, preußischen und russischen Truppen entgegen zog.

In seinem Buch Sternstunden der Menschheit beschreibt Stefan Zweig (1881-1942) die Schlacht von Waterloo als eine dieser Sternstunden. Ihm hatte es der General Emmanuel de Grouchy (1766-1847) angetan. Der verfolgte im Auftrag Napoléons mit 40.000 Mann die Preußen nach der vorangegangenen Schlacht bei Ligny, fand sie jedoch nicht. Diese hatten nämlich nicht ihren Zug nach Nordosten fortgesetzt, wie erwartet, sondern waren nach Westen abgebogen, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Hätte er sich besser über die tatsächlichen Verhältnisse informiert und flexibler reagiert, wäre die Schlacht (und damit die Weltgeschichte) anders verlaufen – meinte Stefan Zweig.

Schlachtfeld am 18.6.1815

Um auch eine andere Sicht kennenzulernen, las ich eines der vielen Bücher über das Ereignis. Meine Wahl fiel auf Marian Füssels Waterloo 1815 (2015, 128 S.). Darin galt Napoléons Kritik vor allem dem General Michel Ney (1769-1815), seinem alten Kampfgefährten. Er wirft ihm vor Frankreich verraten zu haben, weil er Wellington nicht energisch genug angegriffen habe. Das habe Napoléon dazu gezwungen, seine Gardetruppen in die Schlacht zu werfen. Die Schlacht ging in dem Moment verloren, als die Garde nicht durchbrechen konnte und dabei die gesamte französische Front in Unordnung geriet. Wie ein Lauffeuer ging es plötzlich durch die Reihen: Die Garde weicht, rette sich wer kann. Sch…! (frz. La garde recule, sauve qui peut. Merde!).

Wellington, der Meister der Defensive

Arthur Wellesley, der Erste Herzog von Wellington (1769-1852) war Napoléons großer militärischer Gegenspieler in Westeuropa. Nach erfolgreichen Einsätzen in Indien organisierte er den militärischen Widerstand gegen Napoléon in Spanien und Portugal. Nach der Schlacht von Vittoria im Juni 1813 vertrieb er die Franzosen von der iberischen Halbinsel, was Ludwig van Beethoven dazu veranlasste, ein Orchesterwerk auf Wellingtons Sieg zu komponieren. Nach Castlereaghs Abberufung trat Wellington dessen Nachfolge als britischer Bevollmächtigter beim Wiener Kongress an. Nach Napolèons Rückkehr von Elba organisierte er den militärischen Widerstand.

Da Russen und Österreicher ihren Einsatz noch vorbereiteten, standen ihm zunächst nur 68.000 Mann zum Einsatz zur Verfügung. Davon waren rund 24.000 (35%) Briten, 18.000 (26%) Belgier und Niederländer, sowie 26.000 (39%) Deutsche. Diese setzten sich zusammen aus Hannoveranern, Braunschweigern, Nassauern  sowie der Königlichen Deutschen Legion (engl. King‘s German Legion, Abk. KGL). In der KGL kämpften Freiwillige, die vor oder während der Besetzung ihres Landes vor den Franzosen geflohen waren. Im Vergleich dazu hatte Napoleon 72.000 und Blücher 48.000 Mann. Die britischen Offiziere waren alle adlig, das Fußvolk galt als Abschaum der Gesellschaft.

Wellington 1816

Über 200 britische Offiziere waren am 15. Juni, dem Vortag des ersten Zusammenstoßes mit Napoléon auf einem Ball in Brüssel gewesen. Als Wellington von dem Heranrücken Napoleons erfuhr, soll er geschimpft haben. Napoléon habe ihn angeschmiert (engl. he humbugged me). Man zog sich daher von Quatre-Bras, wo der erste Zusammenstoß stattgefunden hatte, geordnet nach Norden zurück. Als die Franzosen nachsetzten, schanzte man sich entlang der Straße ein. Der Druck der Franzosen war jedoch relativ schwach (siehe unten), so dass das Geplänkel sich bis in den späten Abend hinzog.

An dieser Stelle soll Wellington gesagt haben: ,Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen‘. Dies wird aber von Wellington nicht bestätigt, so dass es auch keine englische Version dieses Zitats gibt. Jedenfalls wurde Wellington seit 10 Uhr über eine eigens eingerichtete Kurierkette laufend über die preußischen Bewegungen und Planungen informiert.

Blücher, der Marschall Vorwärts

Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819) hatte an der Völkerschlacht von Leipzig teilgenommen und verfolgte anschließend die sich zurückziehenden Franzosen. In der Neujahrsnacht 1814 setzte seine Vorhut bei Kaub über den Rhein. Er zog im Januar 1814 in Trier ein und zwei Monate später in Paris. Als Napoléon aus dem Exil auf Elba wieder auftauchte, wurden Blücher die preußischen Truppen in Belgien unterstellt. Es kam zu der Schlacht bei Ligny am 16. Juni 1815, in der die Preußen geschlagen wurden. Sie zogen sich daraufhin nach Norden zurück, bogen aber nach zwei Tagen nach Westen ab, um Wellington zu Hilfe zu kommen. Die Artillerie der Preußen wurde aktiv und beschoss französische Positionen. Die beiden Heerführer trafen sich zu Pferde, spät am Abend.

Blücher glaubte, die Kämpfe hätten sich nahe der Ortschaft Belle Alliance abgespielt und schrieb so auch nach Berlin. Wellingtons Telegramm nach London war in Waterloo aufgegeben. Dieser Name setzte sich dann auch für die ganze dreitägige Schlacht durch.

Nachmittag der Hannoveraner

Der irische Historiker Brendan Simm liefert mit dem Buch Der längste Nachmittag (2014, 191 S.) die Erklärung für das oben angedeutete Verhalten der Franzosen. Am dritten Kampftag, dem 18. Juni, konzentrierte sich der Kampf der Infanterie zunächst um den Besitz der beiden Gehöfte Hougoumont und La Haye Sainte, die beide zwischen den Fronten lagen. Im Falle des Hofes von La Haye Sainte (deutsch: Heiliger Hain) dauerte es fast bis 18 Uhr, bis dass der Hof von den Verteidigern geräumt wurde.

Landgut La Haye Sainte

Bei den anfänglich über 400 Verteidigern handelte sich um ein Bataillon der KGL, geführt von Major Georg Baring (1773-1848). Sie wurden mehrfach von der französischen Kavallerie überrannt, hielten aber aus, bis dass ihnen die Munition ausging. Baring überlebte mit etwa 40 Männern. Sie töteten über 1000 Franzosen. Baring fand sogar ein Pferd, nachdem zwei Mal sein Pferd unter ihm weggeschossen worden war. Nach Simms Meinung war dieser Teil der Schlacht für das Ergebnis entscheidend gewesen. Er verzögerte das Zusammentreffen der Hauptkräfte erheblich. Am Ende des Tages war Wellingtons Heer fast bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Doch im Vertrauen auf die von Blücher zugesagte preußische Hilfe hielt er stand. Auch die Franzosen hatten große Verluste erlitten, warteten aber vergeblich auf die Hilfe von General Grouchy. Die Zahlen lauten: Wellington 15.000 Tote und Verwundete, Blücher 7.000 und Napoléon 25.000.

Zwei Randbemerkungen: Der letzte Trompeter der KGL, ein Heinrich Engelbert Steinweg, wanderte später in die USA aus und gründete dort die Klavierbauerfirma Steinway. Die französischen Kürassiere trugen Brustpanzer. Bei Wellingtons Leuten waren sie als Bratpfannen begehrt − so hieß es − sofern sie nicht von Kugeln durchlöchert waren. Preußische Gardekürassiere trugen um 1900 ebenfalls erbeutete französische Brustpanzer – allerdings aus dem Krieg von 1871.

Fortgang der Geschichte

Nach der Schlacht von Waterloo begab sich Napoléon in englische Gefangenschaft. Diese brachten Napi – wie sie ihn nannten − auf die Insel St. Helena im Südatlantik, wo er 1821 starb. In Österreich regierte Metternich bis 1848, in Frankreich die Bourbonen, die in zwei Revolutionen 1830 und 1848 vertrieben wurden. Danach kam Napoléons Enkel an die Macht. In Preußen trat ab 1848 Bismarck hervor, der Deutschland 1871 in einen Krieg gegen Frankreich führte. Die Briten verloren damals ihr Interesse am kontinentalen Europa und bauten ihre Weltmacht aus. Das täten sie auch heute wieder gerne.

Sonntag, 10. Februar 2019

Entstehung und Verbreitung der Menschenrechte (Essay von Peter Hiemann)

Wenn Peter Hiemann einen Essay, den er vor einem Vierteljahr veröffentlichte, total überarbeitet, dann ist das ein Zeichen dafür, dass ihm das Thema keine Ruhe ließ. 

Es geht in dem Essay um die Frage, warum und wie entwickelte sich das Rechtsempfinden der heutigen Gesellschaft derart, dass es oft in Widerspruch zum codierten Recht gerät. Anstatt nach abstrakten philosophischen Kriterien sucht Hiemann nach den Prinzipien des Denkens, wie sie sich in den unterschiedlichen menschlichen Gemeinschaften herausgebildet haben. In den verschiedenen historischen Epochen, die der Homo sapiens durchlebte, haben sich diese Prinzipien verändert. Von den Prinzipien gelangt er zu den Menschenrechten und ihrer Festlegung in Gesetzen und zu den Gefühlen, die Menschen den bestehenden Menschenrechten entgegenbringen. Neben der Verwendung der Prinzipien der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, fordert er, dass zusätzlich die Prinzipien Autonomie, Respekt und Kooperation bei der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der demokratischen Orientierung von Gesellschaften angewandt werden. 

Freiheit wurde zu oft missbraucht, Gleichheit und Brüderlichkeit zwischen Menschen waren nur eine Illusion. Autonomie bedeutet, dass Menschen, Unternehmen und Staaten mehr oder weniger selbstorganisiert und verantwortlich handeln. Bei seinen Studien fand Hiemann heraus, dass Winston Churchill ein politischer Führer war, der wirklich wusste, wie man mit Beziehungen umgeht und wie man vernünftig innerhalb und außerhalb seines Landes handelt. Würde Churchill heute leben, würde er sich wohltuend von einigen heutigen Entscheidungsträgern absetzen.

Sie gelangen zu dem 32-seitigen Essay, indem sie hier klicken..

Donnerstag, 7. Februar 2019

Welt von gestern – Stefan Zweigs schmerzvoller Lebensrückblick

Stefan Zweig (1881-1942) war einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren. Seine Autobiografie mit dem Titel Die Welt von gestern erschien posthum 1942 in London und Stockholm. Sie hat den Untertitel: Erinnerungen eines Europäers. Im selben Jahr erschien auch seine, den meisten deutschen Gymnasiasten vertraute Schachnovelle. Zweig und seine zweite Frau nahmen sich gleichzeitig das Leben, und zwar im Februar 1942 in Petropolis, der Residenzstadt des einstigen Kaisers von Brasilien, unweit von Rio de Janeiro. Ich las das Buch gerade jetzt, weil Yuval Noah Harari mich daran erinnerte, dass die Idee des Liberalismus vor dem ersten Weltkrieg eine Hochblüte erreichte, an die man bisher nicht wieder herangelangt sei. Das Buch ist für jeden historisch Interessierten sehr zu empfehlen.

Wien der Kaiserzeit

Über Wien als die Hauptstadt der Moderne hatte ich schon einmal im Dezember 2012 berichtet. Mein Augenmerk lag damals auf Kunst und Wissenschaft. Zweig erlebte und liebte das Wien der endenden Kaiserzeit. ‚Leben und leben lassen‘ sei ein humaneres Motiv als der kategorische Imperativ Preußens – meint Zweig. Nicht die deutsche Tüchtigkeit habe gezählt, noch habe Hast den Alltag bestimmt. Zweigs jüdische Familie war durch Industrielle und Kaufleute geprägt. Als nachgeborenes Kind durfte er sich geistigen und intellektuellen Tätigkeiten zuwenden. Einen eventuellen Doktortitel würde die Familie sehr begrüßen, quasi als Ausdruck für den erfolgreichen gesellschaftlichen Aufstieg.

Schon seine Schulzeit empfand Zweig als Zeitvergeudung. Ihm widerstrebte – wie er sagt − das öde Lernen von scholastischer Materie. Die Schule der Kaiserzeit hätte offensichtlich die Aufgabe klarzumachen, dass die derzeitige Ordnung ewig ist und man sich ihr fügen sollte. Gesellschaftliche Themen seien tabu gewesen. Sich mit Sexualität zu befassen lag unterhalb der Würde der Wissenschaft (d.h. bevor Sigmund Freud auftrat). Mit 40 Jahren sei man noch nicht erwachsen gewesen. Die Rolle der Frau sei sehr eingeengt gewesen, wobei die Prostitution für Männer ein Art Ventil darstellte.

Morgendämmerung einer neuen Zeit

Sozialisten galten als die roten Rotten aus der Vorstadt, die sich am 1. Mai trauten im Prater aufzumarschieren. Auch erste Nazis operierten in den Randgebieten des Landes und forderten eine Trennung der Kirche von Rom. Für wahre Sensationen sorgte nur die Welt der Kunst. So wurde Gustav Mahler (1860-1911) mit 39 Jahren Chef der Wiener Hofoper. Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke zeigten, dass auch die Jugend Erfolg als Dichter haben kann, so wie einst der junge Buonaparte in Frankreich das Militär aufrüttelte.

Als Zweig mit 19 Jahren an die Uni Wien kam, bestimmten dort noch die das Deutschtum anhimmelnden Studenten mit ihren Burschenschaften das Bild. Zweig und seine Gesinnungsfreunde hatten nur Verachtung für sie übrig. Er selbst studierte Philosophie, was er mit einer Promotion abzuschließen plante. Lieber als in Vorlesungen zu gehen, las er viel und schrieb selbst erste Kurzgeschichten und Gedichte. Wie ein Kind freute er sich über die Druckerschwärze, nach der seine Gedichte rochen, über einen lobenden Brief Rilkes, sowie über die Vertonung einzelner seiner Gedichte durch Max Reger. Eine Art von wirtschaftlichem Durchbruch erzielte er, als Theodor Herzl (1860-1904), der Leiter des Feuilletons der ‚Neuen Freien Presse’ ihn einlud, regelmäßige Beiträge zu liefern. Herzl hatte als Journalist in Paris die Dreyfus-Affäre erlebt und forderte seitdem einen eigenen Judenstaat [Bekanntlich fand die von Herzl gegründete Zionistische Bewegung weltweites Interesse und führte schließlich zur Gründung des Staates Israel].

Aufenthalte in europäischen Metropolen

Nach Erreichen seines 20. Lebensjahres überraschte Zweig seine Familie und seine Wiener Freunde nicht wenig, als er ihnen eröffnete, dass er für ein Semester nach Berlin gehen würde. Berlin hatte sich gerade den Ruf erworben, jungen Künstlern offener zu begegnen als Wien. Er schloss sich dort einer Gruppe um den naturalistischen Dichter Peter Hille (1854-1904) an. Außerdem traf er auf Rudolf Steiner (1861-1925), dessen anthroposophische Philosophie gerade erste Blüten trieb. Besonders hoch schätzte er seine Kontakte zu Walther Rathenau (1867-1922) ein. Der bekannte jüdische Industrielle und Politiker hatte Aphorismen veröffentlicht unter einem Pseudonym. Er dachte international, vergöttere jedoch das Preußentum – so Zweigs Urteil. [Rathenau war Außenminister während der Weimarer Republik, verhandelte den Vertrag von Rapallo und wurde von Rechtsradikalen ermordet].

Bei einem Besuch in Brüssel traf er Emile Verhaeren (1855-1916), dessen Gedichte er anschließend ins Deutsche übertrug. Nach seiner in Wien abgeschlossenen  Promotion über den französischen Dichter Hippolyte Taine (1828-1893) gönnte er sich das ganze Jahr 1904 für einen Aufenthalt in Paris. Auch hier gewann er neue Freunde, so Leon Bazalgette (1873-1928), der die Werke von Walt Whitman ins Französische übersetzt hatte. Sehr intensiv waren die Kontakt mit Paul Valery und Romain Rolland (1866-1944), mit dem er später einen jahrelangen Briefwechsel führte. Er sah Rilke wieder und wurde von dem Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) zum Essen eingeladen. Rückblickend aus dem Jahre 1942 stellte dieses Paris für Zweig das alte Europa dar. Es waren die klassenlosen Kontakte, das Essen und Trinken und die von Pferden gezogenen Omnibusse. London, wo er sich nur zwei Monate aufhielt, hatte ihm dagegen relativ wenig zu bieten, da er – wie Zweig meinte – weder an Sport noch an Politik interessiert war.

Künstlerische Reifezeit

In einer Wohnung in Wien, die er als sein Standbein (frz.: pied-à-terre) bezeichnete, begann er damit Urschriften von Gedichten und Musikstücken zu sammeln. Es begann seine lebenslange Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag in Leipzig. Berühmte Schauspieler der Zeit, so Josef Kainz vom Burgtheater, baten ihn kleine Stücke für sie zu schreiben. Seine Werke erreichten ansehnliche Verkaufszahlen auf dem deutschen und internationalen Buchmarkt. Er unternahm Reisen ins englische und ins holländische Indien. Als er die USA besuchte, fand er seine eigenen Bücher in einem Laden in Philadelphia [Das Gefühl muss dem ähnlich gewesen sein, das ich empfand, als ich mehrere meiner Bücher in der amerikanischen Kongressbibliothek (engl.:Library of Congress) fand].

Zeit von Optimismus und Weltvertrauen

In der Zeit um 1910 war die Welt schöner und freier geworden. Flugzeuge und Zeppeline eroberten die Lüfte. Überall entstanden Sportpaläste und Schwimmbäder. Das Eisenbahnnetz wurde immer dichter. Auslandsreisen wurden einfacher und billiger. Aus Berlin, der Hauptstaat des preußischen Staates, entstand nach und nach eine Weltstadt. Ein internationales Publikum füllte die Straßen und Theater. Junge Männer rasierten sich die Bärte ab, Frauen wollten keine Korsetts mehr tragen.

Neue Firmen entstanden und neue Industrien. Alle wollten wachsen, so auch die Krupps und die Schneider-Creusot [beides bekannte Rüstungsfirmen]. Die Literaten glaubten an die Sozialistische Internationale. Sie würde einen Krieg verhindern. Zweig und seine Künstlerfreunde hofften auf eine alsbaldige Einigung Europas.

Erste Weltkatastrophe

Zuerst hoffte man, dass nach dem Attentat vom Sarajevo die Welt schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehren würde. Erst in den Wochen danach schaukelte sich die Stimmung hoch. In Deutschland wie in Frankreich, in Russland wie in Österreich wurde in den Massen ein latentes Hochgefühl geweckt, das sie alle zu Patrioten werden ließ. Ein Berliner Jude namens Ernst Lissauer, der wegen seiner geringen Körpergröße vom Militärdienst zurückgewiesen wurde, verfasste ein Hassgedicht auf England. Es verbreitete sich innerhalb von Tagen in ganz Deutschland und Österreich.

Zweig schaffte es, eine Anstellung beim Kriegsarchiv in Wien zu finden, um so dem Fronteinsatz zu entgehen. Auch der bereits 40 Jahre alte Rilke folgte ihm dorthin. Er selbst bemühte sich den Kontakt zu ausländischen Literaten und Künstlern aufrecht zu halten. So entstand ein intensiver Briefwechsel mit Romain Rolland, der in Genf beim Roten Kreuz tätig war. Zweig verfasste 1917 eine Tragödie mit dem Titel Jeremias, die allerdings nur in Zürich aufgeführt werden durfte. Das ermöglichte auch ein Treffen mit Rolland in Genf. Nach dem verlorenen Krieg wurde die k.u.k. Monarchie zerschlagen, Der Kaiser dankte ab. Noch während des Kriegs hatte Zweig eine herrschaftliche Villa in Salzburg erworben und verlegte 1920 seinen Wohnsitz dorthin. Während die Bevölkerung von einer Inflation schwer getroffen wurde, blieben Zweig seine im Ausland erzielten Einkünfte erhalten.

Weitere Stufen des Erfolgs

In der Zeit von 1924 bis 1933 erholten sich Europa und die Welt langsam von dem großen Gemetzel. Zweigs Bücher wurden wieder überall gelesen. Nach einer Schätzung des Völkerbunds galt er als der am meisten übersetzte Autor überhaupt. Eine russische Gesamtausgabe erschien, sein USA-Verlag war gut im Geschäft. Aus Anlass von Tolstois 100. Geburtsjahr erhielt er 1928 eine Einladung nach Russland. Er wurde bei der Reise von Maxim Gorki (1886-1936) betreut, fühlte allerdings, dass er überwacht wurde.

Auch zu italienischen Literaten knüpfte er Kontakte, insbesondere zu Benedetto Croce (1866-1952). Viele Künstler besuchten ihn in Salzburg, so Romain Rolland, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel. Die von ihm gesammelten Originale berühmter Werke der Musik und Literatur schenkte er der österreichischen Nationalbibliothek. Im November 1931 feierte der Inselverlag Zweigs 50. Geburtstag. Er selbst konnte inzwischen ganz gut von seinen Büchern leben. Er hatte viele Freunde in der ganzen Welt, ahnte jedoch nicht, dass sich sein Himmel plötzlich verdunkelte.

Nazi-Aufmärsche und Übersiedlung nach London

Wir Deutschen haben es fast vergessen, dass die Republik Österreich von Italiens Faschistenführer Benito Mussolini eine Garantie für ihre Unabhängigkeit erhalten hatte. Als Gegenleistung verlangte dieser die Beseitigung der Sozialisten und Kommunisten. Eine von Engelbert Dollfuß (1892-1934) gegründete Vaterländische Front versuchte eine entsprechende Politik umzusetzen. Man nannte dies auch den austrofaschistischen Ständestaat. Nach der Ermordung von Dollfuß im Juni 1934 wurde dessen Politik von Kurt Schuschnigg (1897-1977) weitergeführt. Kurz vorher, im Februar 1934, hatten die Sozialisten zu einem Volksaufstand aufgerufen. Als in diesen Tagen Zweigs Haus in Salzburg nach Waffen durchsucht wurde, veranlasste dies ihn, Österreich zu verlassen und nach England überzusiedeln. Zweig galt zwar als Pazifist, war aber denunziert worden.

Die in Deutschland sich abspielenden Entwicklungen waren Zweig bestens vertraut. Besonders genau beobachtete er die Stadt München, wo Erich Ludendorff und der auf Juden hetzende Agitator Adolf Hitler zusammenauftraten. Was ihm auch schon in Italien und Spanien zu denken gab, war die Feststellung, dass die Nationalisten nicht nur sehr militärisch organisiert auftraten, sondern auch überall über eine große Zahl neuer Autos und Motorräder verfügten. Es mussten also der Wirtschaft nahe stehende Kräfte im Hintergrund stehen. Im Jahr von Hitlers Machtergreifung (1933) verfasste Zweig das Libretto für die Oper Die schweigsame Frau von Richard Strauss (1864-1949). Obwohl Zweig bereits als verbotener Autor galt – seine Bücher landeten auf dem ominösen Scheiterhaufen − setzte sich Hitler dafür ein, dass diese Oper in Dresden uraufgeführt wurde. Weitere Aufführungen gab es jedoch nicht.

Zweig nahm sich zunächst eine kleine Mietwohnung in London. Er kam sich wieder wie ein Student vor. Politisch wollte er sich nicht mehr betätigen, da er ja schon in Österreich nichts bewirkt hatte. Irgendwann traf er auch G.B. Shaw und H. G. Wells, die bei einem Lunch ein Streitgespräch führten. Zweimal reiste er zwischen 1934 und 1939 in die USA zu Vortragsreisen, einmal auch nach Argentinien. Hier war für ihn das alte Europa noch am Leben, einschließlich seiner Zivilisation. Obwohl in Deutschland verboten, durften seine Bücher zunächst in Österreich weiter erscheinen, und zwar bis zum so genannten Anschluss im Jahre 1938. Danach wurden seine Werke nur noch in Schweden gedruckt, wodurch er seine internationale Leserschaft weitgehend behielt.

Faschisten und Nazis überrollen Europa

Nach dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes sah sich ein einst gedemütigter Hitler als Triumphator. Die Juden wurden ihrer Bürgerrechte beraubt und mussten die Straße fegen. Ihr Besitz wurde ihnen weggenommen. Die ganze Welt sah zu und schwieg. Als Neville Chamberlin aus München von einem Treffen mit Hitler und Mussolini zurückkehrte, feierte ihn das englische Unterhaus wie einen Helden. Frieden für unsere Zeit (engl.: peace for our time) so lautete sein Versprechen. Seine als Befriedung (engl.: appeasement) gefeierte Politik hatte zur Folge, dass niemand mehr an Rüstung dachte. Die bereits geplanten Luftschutzkeller wurden als überflüssig angesehen. Es bildete sich eine Wand zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen, die aus Angst ihre Heimat verlassen hatten. 

Zweig verlor seinen österreichischen Pass. Er war plötzlich staatenlos. Konnte er vor 1914 die ganze Welt ohne Pass bereisen, musste er sich jetzt in Konsulaten drängeln, wurde laufend vernommen und musste sich rechtfertigen. Galt er einst als Kosmopolit, war er jetzt ein Exote. An die Stelle von Liberalität und Internationalität traten jetzt Fremdenhass und Fremdenangst. Er verbrachte jetzt viel Zeit mit Sigmund Freud (1856-1939) zusammen, der auch in England im Exil lebte. In seiner Tiefenpsychologie hatte Freud ja gelehrt, dass jenseits von Vernunft noch sehr viel mehr im Menschen steckt. Als Freud im September 1939 starb, hielt Zweig eine Abschiedsrede auf ihn.

Ausbruch des zweiten Weltkrieges

Es tauchten immer mehr geflüchtete Juden auf. Nur noch Haiti und Santo Domingo erteilten Visa. Sofern es sich – wie fast immer in früheren Jahrhunderten − um gläubige Juden handelte, so konnte die Religion Trost bieten. Das war aber heute bei vielen nicht der Fall.

Zweig siedelte im August 1939 von London nach Bath über. Er hoffte, dass hier weniger Leute danach fragen würden, was auf dem Kontinent passiert und warum Hitler sich nicht an seine Zusagen hält. Er fühlte, dass er, falls ein Krieg ausbricht, England verlassen muss. Er wäre ja dann ein feindlicher Ausländer (engl.: enemy alien). Als im September 1939 Deutschland Polen angriff, erklärte England Deutschland den Krieg. Da Hitler die Österreicher zu Deutschen erklärt hatte, würden auch die Engländer wohl kaum einen Unterschied machen – befürchtete Zweig. Sein Europa, wie er es kannte und liebte, sei für ihn zerstört worden.

NB: Im Jahre 1940 begab sich Zweig zusammen mit seiner zweiten Frau nach Brasilien. Auch dort traf er auf Antisemitismus bei der aktuellen Regierung. Zweig tötete sich mit einer Überdosis eines Schlafmittels. In einem Abschiedsbrief schrieb er: Die Zerstörung seiner geistigen Heimat Europa habe ihn entwurzelt, seine Kräfte seien durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. Neuerdings wird berichtet, dass Zweig zum Exhibitionismus neigte.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Wie unsere Vorfahren Spanier wurden

Im Grenzlandgebiet Südeifel, auch Bekov genannt, wechselte die Nationalität der Bewohner mehrmals. Nach der fränkischen Landnahme im vierten und fünften Jahrhundert, d.h. während der so genannten Völkerwanderungszeit, geschah dies stets, ohne dass die Bevölkerung nur einen Zentimeter wanderte oder gar ausgetauscht wurde. Da der Begriff der Nation in der fraglichen Zeit noch eine andere Bedeutung hatte als heute, ist hier primär die politische Zugehörigkeit zu einem konkreten Herrschaftsgebiet gemeint, Da im Januar dieses Jahres gerade des 500. Todestages von Kaiser Maximilian I. (1459-1519) gedacht wurde, ist dies eine Gelegenheit sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Rolle dieser Herrscher für unsere Heimat spielte. Dabei tritt vor allem seine erste Gattin Maria von Burgund (1457-1482) ins Rampenlicht, die Erbin unserer damals zu Luxemburg gehörigen Heimat.

Haus Burgund

Das in karolingischer Zeit bestehende Königreich Burgund bildete einst das geografische Kernstück Europas. Es reichte von der Nordsee bis zum Mittelmeer. Im 14. Jahrhundert entstand als Lehen des französischen Königs das Haus Burgund. Es umfasste drei nicht verbundene Gebiete, die Grafschaft Burgund (mit der Hauptstadt Dijon), das Herzogtum Luxemburg, und die Grafschaft Flandern. Nach Philipp dem Kühnen, einem Bruder des französischen Königs, folgte zunächst Philipp der Gute. Dessen Sohn hieß Karl der Kühne (1433-1477). Er war eine der schillerndsten Gestalten der europäischen Geschichte. Er war bestrebt sein Lehensgebiet weiter abzurunden und wieder den Titel eines Königs zu erwerben. Dabei wurde er von England, Frankreichs langjährigem Kriegsgegner, unterstützt.

Burgund zur Zeit Karls des Kühnen

Einem großangelegten diplomatischen Versuch diente vom August bis November 1473 ein pompöses Treffen in Trier, an dem neben Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg auch drei Kurfürsten teilnahmen (Mainz, Trier, Brandenburg). Karl erschien, zur Überraschung aller mit einem Hofstaat von 250 Leuten und einem Truppentross von über 6000 Soldaten. Für ihre Neueinkleidung hatte er eine Summe von rund 40,000 flandrischen Pfund ausgegeben. Außerdem führte er wie immer wertvollen Schmuck, Porzellan und Wandteppiche mit sich. Jedenfalls stellte er damit alle anderen Teilnehmer in den Schatten. Karl selbst trug einen Hermelinkragen, der länger war als der, den ein Kurfürst zu tragen pflegte. Während der vier Monate fanden unter anderem aufwendige Bankette, Empfänge und Turnierspiele statt.

Die Verhandlungen wurden nach vier Monaten (angeblich aus Rücksicht auf den französischen König) ohne definitive Ergebnisse abgebrochen. Karl soll im Verlauf der Verhandlungen den Vorschlag des Papstes akzeptiert haben, seine 15-jährige Tochter Maria mit dem zwei Jahre jüngeren Kaisersohn Maximilian zu verheiraten. Dem Papst soll es darum gegangen sein, dem stets klammen Österreich finanziell unter die Arme zu greifen, damit es die Angriffe der Türken gegen die Christenheit besser abwehren kann. Einheimische Beobachter munkelten, dass ein Grund für den Abbruch auch an den zur Neige gehenden Weinvorräten des Trierer Kurfürsten gelegen haben könnte.

Karl der Kühne (von Peter Paul Rubens) 

Karl verfolgte das Ziel, die drei voneinander getrennten burgundischen Landesteile zu vereinigen. Zunächst versuchte er durch die Eroberung Lothringens eine Landverbindung zwischen den zwei südlichen Teilen zu schaffen. Damit geriet er allerdings mit den Eidgenossen in Konflikt, was er mit drei verlorenen Schlachten (Grandson, Murten, Nancy) und seinem Tod bezahlte. Die mit Piken bewaffneten schweizerischen Fußsoldaten waren den zu Pferde kämpfenden Rittern überlegen. Am Tag nach der Schlacht von Nancy wurde Karls Leichnam in einem zugefrorenen Tümpel entdeckt, seiner Kleider und aller Wertsachen und Waffen beraubt. Im Gegensatz zu heute galten schweizerische Truppen im Mittelalter als besonders grausam. So verbot es ihnen die von der Eidgenossenschaft erlassene Kriegsordnung lebende Gefangene zu machen, da dies die kämpfenden Truppen zu sehr ablenkte. Die in den Schlachten gegen Karl erbeuteten Wertgegenstände, die so genannte Burgunderbeute, kann heute noch in Museen besichtigt werden.

Hochzeit von Gent

Karls Tochter Maria war sein einziges Kind und stammte aus seiner ersten Ehe. Seine zweite Frau war kinderlos gestorben. Die dritte Frau, Margarete von York, war mit dem englischen Königshaus verwandt. Nach Karls Tod trat die Suche nach einem Bräutigam in ein neues Stadium, wobei der französische König Ludwig IX. die Ansicht vertrat, dass die Herrschaft (als so genanntes Manneserbe) an Frankreich zurückfallen müsste. Beide Frauen lebten zusammen in Flandern. Frankreich brachte seinen minderjährigen Thronfolger (franz.: dauphin) ins Spiel. Der Druck wurde erhöht, indem zunächst das Stammland (die Gegend um Dijon) annektiert wurde und Luxemburg und Flandern mit Einfällen bedroht wurden. Maria ließ Maximilian brieflich wissen, dass er weiterhin ihr Favorit sei. Die Bürgerschaft Flanderns war gespaltener Meinung. Es gab, vor allem unter den Kaufleuten, starke Stimmen für die Bindung an Frankreich. Jedenfalls trotzten sie ihrer Fürstin Rechte ab, die damals noch kein Herrscher in Europa abzugeben bereit war, so die Festsetzung von Steuern und das Führen eines Krieges.

Kaiser Friedrich forderte seinen Sohn auf, sich nach Flandern zu begeben, um vor Ort sein Interesse zu zeigen und seinen Anspruch zu vertreten. Als Maximilian Köln erreichte, wurde er dort vom Stadtrat verhaftet, weil der französische Gesandte verkündete, dass Maria bereits dem Dauphin ihr Wort gegeben habe. Dennoch schickte Maximilian seinen Getreuen Wolf von Polheim (1458-1512) weiter mit einer Vollmacht, die Eheschließung in seiner Vertretung (lat. per procurationem) zu vollziehen. Maria war einverstanden und man heiratete am 27. April 1477 in Brügge. Margarete von York, Marias Stiefmutter und Freundin, schickte daraufhin 100.000 Gulden nach Köln, damit Maximilian freigelassen werden konnte. Als er schließlich in Flandern ankam, wurde die feierliche Trauung ein zweites Mal vollzogen, dieses Mal am 19. August in Gent. [Mich erinnert Margaretes großherzige Tat an die sagenhafte Eleonore von Aquitanien, die einst das Lösegeld für Richard Löwenherz zahlte]

Die Ehe zwischen Maximilian und Maria verlief sehr harmonisch. Maria sprach zwar Französisch, Flämisch und Englisch. Sie verstand aber kein Deutsch. Anfänglich diente Latein als Verständigungsmittel, bis Maximilian hinlängliche Kenntnisse in Französisch und Flämisch erworben hatte. Nur wenige Tage nach der Heirat wurde Maximilian als Mitregent seiner Gattin inthronisiert. Die Stadtverwaltung Gents schwor ihren Treueeid. Im Gegenzug wurden den Gentern die Freiheiten, die ihnen Maria hatte zugestehen müssen, erneut zugesichert. Die Bedrohung von außen machte mehr zu schaffen. Frankreich versuchte unentwegt weitere ehemals französische Territorien aus der burgundischen Erbschaft zurückzuerobern. Es gelang Maximilian 1479 einen direkten Angriff französischer Truppen auf Flandern abzuwehren (Schlacht bei Guinegate). Es geschah dies dank der Hilfe von Söldnern aus Tirol. 

Familienbild mit Maximilian, Maria und Kindern

Maria  bemühte sich Maximilian mit dem burgundischen Hofzeremoniell vertraut zu machen und ließ für ihn neue, teure Kleider anfertigen. Sie versuchte ihm Eislaufen beizubringen. Beide frönten dem Schachspiel, gaben musikalische Darbietungen und lasen gemeinsam Ritterromane und klassische Literatur. Maria hatte ein besonderes Interesse am Reitsport. Bei einem Ausritt stürzte sie im fünften Ehejahr vom Pferd und starb an den Folgen des Sturzes.

Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Philipp (*1478), mit dem Beinamen der Schöne, und Margarete (*1480). Maximilian ließ die Kinder erziehen und früh verheiraten. Philipp heiratete später Johanna (genannt die Wahnsinnige), die Erbin des spanischen Thrones. Margarete heiratete deren Bruder. Philipps und Johannas Sohn wurde als Karl V. (1500-1558) deutscher Kaiser und die Niederlande (Flandern und Luxemburg) ein Teil Spaniens. Johanna war die Tochter von Ferdinand II von Aragon und Isabella I. von Kastilien, die in Spanien als die Katholischen Könige (span.: reyes catolicos) verehrt werden. Durch die Verbindung Habsburgs mit Spanien fühlte sich Frankreich völlig in die Zange genommen, was Jahrhunderte lang zu Reibereien führte.

Während in den Niederlanden und im übrigen Deutschland durch Luthers Reformation eine große Spaltung und ein Religionskrieg ausgelöst wurden, blieb das westliche Flandern und Luxemburg davon verschont. Als um das Jahr 1700 der spanische Zweig von dem österreichischen Zweig der Habsburger Monarchie getrennt wurde, blieben beide Landesteile bis 1794 bei Österreich. Die protestantisch gewordenen Holländer (auch Geusen genannt) wurden zur Plage, da sie das Luxemburger Land wie auch das Trierer Land mit Raubzügen heimsuchten.

Maximilians weiteres Schicksal

Als Witwer war Maximilians Position in Flandern sehr schwach. Das burgundische Erbe fiel an seinen vierjährigen Sohn Philipp. Maximilian konnte seine Herrschaftsrechte nun nur noch als Vormund seines Sohns ausüben, wurde aber als solcher von den Ständen nicht anerkannt. Im Februar 1486 wurde Maximilian in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und anschließend im Kaiserdom zu Aachen gekrönt.  Zwei Jahre später, von Januar bis Mai 1488, wurde Maximilian in Brügge von der Bürgerschaft der Stadt im Gefängnis festgehalten. Sein Vater Friedrich stellte darauf eine Armee zusammen, befreite ihn und schaffte es, die Lage in Burgund einigermaßen zu stabilisieren. Ein gekröntes Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches in der Hand von flandrischen Bürgern, das ging bestimmt einigen Vertretern der Oberschicht gegen den Strich. Maximilian half auch dem in Österreich verbliebenen Teil seine Familie, etwa indem er die Stadt Wien für sie zurückgewann.

Maximilian mit Bianca und Maria (Goldenes Dachl in Innsbruck)

Maximilians Versuche eine zweite Frau zu finden, hatten lange Zeit keinen Erfolg. Berühmt ist sein Versuch, die mit einer territorialen Mitgift ausgestattete Anne de Bretagne (1477-1514) zu gewinnen. Auch hier kam es zur Vertreter-Ehe. Sein Freund Wolf von Polheim stieg sogar mit der angetrauten Braut ins Ehebett (allerdings mit Schwert und Rüstung). Der Papst hat später diese Ehe annulliert. Anne de Bretagne bekam den französischen Dauphin als Mann, den Mann, den Maria von Burgund partout nicht haben wollte. Maximilian heiratete 1493 schließlich Bianca Sforza (1472-1510). die Tochter des Herzogs Galeazzo Sforza aus Mailand. 

Erwähnt sei noch Maximilians literarisches Schaffen. Im autobiographischen Roman Weißkunig beschreibt er seine Teilnahme an Festen und Turnieren. Im Versepos Theuerdank, das im Jahr 1517 erschien, erinnert er an seine erste Reise nach Flandern und das Werben um Maria von Burgund. Maximilians Leichnam wurde in Innsbruck, der Landeshauptstadt Tirols, beigesetzt. Marias Grab ist in Brügge.

 Herzogtum Luxemburg vor 1794

Zum Grenzverlauf in der Südeifel

Wenn ich als Kind meine Patentante in Eisenach im damaligen Landkreis Trier besuchte, hieß es in Niederweis: ‚Wir gehen jetzt ins Trierische‘. Beim Rückweg hieß es: ‚Lasst uns zurück nach Spanien gehen‘. Die vom Lambach gebildete Gemarkungsgrenze war einst die Landesgrenze. Nördlich von Bitburg verlief die Landesgrenze über Nattenheim nach Malberg und von dort über Sülm und Idesheim nach Gilzem und Minden. Es ist kein Zufall, dass meine Vorfahren alle von diesseits dieser Grenze stammen. Gemeinsam mit den Bürgern Luxemburgs gedenken wir heute noch gerne der Doppeladler-Zeit. Es war dies eine Zeit des Friedens und des Wohlstands. Beendet wurde sie, als 1794 französische Revolutionstruppen erschienen. Man nannte diese auch die Hosenlosen (frz.: sans-culottes).

NB.: Dieser Beitrag basiert fast ausschließlich auf Material, das in Wikipedia zur Verfügung steht.

Samstag, 19. Januar 2019

Lektionen für das 21. Jahrhundert (frei nach Yuval Noah Harari)

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari (*1976) hat mit mehreren seiner Büchern Aufmerksamkeit hervorgerufen. Im Januar 2014, also vor genau fünf Jahren, besprach ich sein 2011 erschienenes Buch über die Geschichte der Menschheit. Seinen Zukunftsroman Homo Deus stellte ich in seinem Erscheinungsjahr 2017 vor. Das Buch, das ich gerade las, hat den Titel 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Es erschien im Dezember 2018 und umfasst 459 Seiten. Ich entschied mich für die englische Version, nicht nur weil sie prägnanter formuliert ist, sondern auch weil sie billiger ist als die Übersetzung (12,99 anstatt 19,99 €).

Geschichte und ihre Lektionen

Wenn ein Historiker sich anmaßt, uns Lektionen zu erteilen, ist man geneigt, etwas mitleidig darüber hinwegzusehen. Bei Harari ist dies jedoch anders. Er erzählt ja nicht nur, wie es früher war, sondern hat sich auch mehr Gedanken über die Zukunft gemacht als die meisten von uns. Wie bei seinen früheren Büchern besticht der Autor nicht nur durch seine intellektuelle Unabhängigkeit und Beweglichkeit, sondern auch durch seine breite und unvoreingenommene Weltsicht. Sein Realitätssinn, sein trockner Humor und sein lockerer Stil sind beeindruckend.

Im vorliegenden Buch greift Harari 21 Themengebiete heraus, zu denen er mehr oder weniger gründlich überlegte Aussagen macht. Es sind fast immer Problembeschreibungen verbunden mit Prognosen und Ratschlägen. Die Themen sind in fünf Gruppen zusammengefasst, nämlich Technische Herausforderungen, Politische Herausforderungen, Verzweiflung und Hoffnung, Wahrheit, Anpassungsfähigkeit (engl. resilience). Die Zuordnung der Themen kann der beigefügten Tabelle entnommen werden. Anstatt auf alle 21 Themen einzugehen, greife ich im Folgenden diejenigen heraus, die mir besonders interessant erschienen.



Ernüchterung

Wer glaubt, dass einzelne Menschen keinen Einfluss auf die Weltgeschichte haben, der sei an Mohamed Bouazizi aus Tunisien erinnert. Er hat einst durch seine Selbstverbrennung die Arabische Rebellion ausgelöst. Menschen leben von und für Geschichten. In früheren Generationen waren dies Faschismus und Kommunismus. Sie sind lange überwunden. Das Versprechen einer liberalen Gesellschaft ist aber noch lange nicht eingelöst. Zwar breiteten sich Frieden und Wohlstand aus, aber seit 2008 greift eine Desillusionierung um sich. Brexit und Trump sind nur zwei Beispiele.

Die liberale Erzählung musste immer wieder Rückschläge erfahren. Das war 1914 der Fall, als alle Ansätze durch den ersten Weltkrieg zunichte gemacht wurde, aber auch 1939, als die Nazis über ganz Europa herfielen, und 1948, als der Kommunismus damit begann, sich auszubreiten. Wenn heute Nationalisten sich wieder breit machen, so haben sie keinerlei Antworten zu den drängenden globalen Problemen der Menschheit wie Hunger und Umweltzerstörung. Außerdem sind sie blind für die Disruptionen, die von Bio- und Informationstechnik gerade ausgelöst werden.

Arbeit

Von Automation und Digitalisierung werden sicherlich viele Arbeitsplätze verändert oder überflüssig gemacht. Es ist jedoch vollkommen falsch zu versuchen, die Arbeitsplätze zu schützen oder zu retten. Das betrifft besonders diejenigen, die heute eine Plagerei darstellen, etwa in der Holz-, Papier- und Druckindustrie. Man sollte sich jedoch um die betroffenen Menschen kümmern. Man muss auch älteren Mitarbeitern bei der Umschulung helfen. Junge Menschen sollte man vor aussterbenden Berufen warnen.

Gefährdet sind alle Berufe, bei denen routinemäßige Messungen und Auswertungen eine große Rolle spielen. Gebraucht werden Berufe, die sich sehr um Menschen kümmern. In diesem Sinne werden manche heute von ausgebildeten Medizinern ausgeübte Tätigkeiten überflüssig, so die eines Radiologen. Der Bedarf an Krankenschwestern und Pflegern wird weiter wachsen. Neue Berufe entstehen überall da, wo neue Technik zum Einsatz kommt. So erfordert jede Drohne, die vom Militär oder in der Wirtschaft eingesetzt wird, mindestens 20 Leute, um ihren Einsatz zu planen, sie zu steuern und um ihre Beobachtungen auszuwerten.

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) stellt das Versprechen eines kapitalistischen Paradieses dar. Sie ist vergleichbar mit dem Versprechen eines kommunistischen Paradieses, wo Nahrungsmittel, Wohnungen und medizinische und andere Dienstleistungen kostenlos sind − zumindest für die Funktionäre. In Israel genießen 50% aller orthodoxen Juden ein BGE. Sie vollführen religiöse Riten und setzen im Schnitt sieben Kinder in die Welt.

Freiheit

Meist entscheiden wir nicht aufgrund rationalen Denkens, sondern aufgrund von Gefühlen. Dass Google und Baidu bald mehr über unsere Gefühle wissen als wir selber, ist zu erwarten. Überhaupt können alsbald Algorithmen bessere Entscheidungen fällen als Menschen. Was das bedeutet, wissen wir noch nicht. Vermutlich werden wir uns aber daran gewöhnen.

Computer können kein Bewusstsein haben, da wir ja selbst nicht wissen, was es ist. Anstatt ein selbstfahrendes Auto zu bauen, das ethische Entscheidungen fällt, wird uns Tesla je eine altruistische und eine egoistische Version desselben Autos anbieten. Das ist eine leichter zu lösende Aufgabe.

Gleichheit

Dass alle Menschen gleich seien, war nie mehr als eine Illusion. Selbst Jäger und Sammler waren unterschiedlich begabt. Mit dem Landbesitz wurden die Unterschiede offensichtlicher. Bis zum Jahre 2100 werden Leute, die reicher sind, nicht nur gesünder sein, sondern auch begabter sein und besser aussehen als der Rest. Sie werden vor allem mehr Daten besitzen. Wenn vor die Wahl gestellt, ob ich meine Daten Privatleuten oder dem Staat gebe, ist die Antwort nicht immer gleich. Der Autor gibt seine Daten jedenfalls lieber an Mark Zuckerberg als dem russischen Staat.

Zivilisation

Es sei eine Aussage über den gesellschaftlichen Fortschritt, wenn wir den Begriff der Zivilisation benutzen. In zivilisatorischer Hinsicht haben wir mit den entferntesten Gruppen unserer Erde mehr gemeinsam als mit unsern Vorfahren von vor 100 Jahren. Manche Autoren (unter anderem Pankaj Mishra) sehen die Menschheit auf dem Weg zu einer einheitlichen Weltzivilisation. Der von Autoren wie Samuel Huntington vorhergesagte Zusammenprall (engl. clash) beziehe sich auf Kulturen, nicht auf die Zivilisation. Einzelne Merkmale, wie die Stellung der Frau oder die Haltung gegenüber Homosexuellen, ändern sich zwar äußerst langsam, aber immer in Richtung von mehr Toleranz und Diversität.

Ökologie

Die Rettung der globalen Naturschätze wie Korallenriffe, Regenwald oder Polareis überfordert einzelne Länder. Dasselbe gilt für einige der von Menschen verursachten Bedrohungen wie Klimawandel und Atomkrieg. Um gegenzusteuern, bedarf es internationale Kooperation.

Religion

Das Thema Religion sei irrelevant für die Lösung technischer oder politischer Fragen. Es gibt jedoch häufig Anlass zu einer Identitätsdiskussion. Diese kann dazu führen, dass sich eine Ethnie völlig überbewertet. Das jüdische Volk, das 0,2% der Weltbevölkerung ausmacht, sieht sich gerne auf derselben Ebene wie Christentum, Islam und Buddhismus. Zu sagen, das Judentum sei wichtig, also einflussreich, sei typisch für die Denkweise von Antisemiten. Dass 20% aller Nobelpreise an Juden gingen, sei kein Verdienst der jüdischen Glaubensgemeinschaft, sondern das Ergebnis der Befruchtung einzelner jüdischer Gruppen durch die Ideen der europäischen Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert.

Manche der ethischen Regeln, die man mit den Lehren großer Religionen in Verbindung bringt, sind älteren Datums (Hammurabi, Konfuzius). Der Moralbegriff lässt sich sogar bei allen Säugetieren ausmachen, die in Verbänden leben. Auch sie versuchen es, unnötiges Leid zu vermeiden. Der Monotheismus erwies sich als besonders intolerant gegenüber andern Denkweisen und Bewegungen. So hat Kaiser Theodosius im Jahre 391 schließlich die Olympischen Spiele verboten, nachdem sie viele Jahrhunderte lang Griechen aus dem gesamten Siedlungsraum zusammengeführt hatten.

Das Bedürfnis nach Religiosität ist universell. Wo und wann immer es zu Opfern und Leiden kommt, werden religiöse Vorstellungen zur Erklärung bemüht. Davon zu unterscheiden sind die Ausprägungen in Form bestimmter Organisationen.

Immigration

Die vielen Wanderbewegungen belegen, dass einige Kulturen besser, d.h. beliebter sind als andere. Syrer zieht es nach Deutschland anstatt nach Saudi-Arabien, obwohl das Land nicht reicher ist, aber einen besseren Ruf hat bezüglich seiner Aufnahmebereitschaft. Toleranz verlangt nicht, dass Anti-Semitismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie geduldet werden müssen. Ein Gastland darf erwarten, dass spätestens die dritte Generation sich voll angepasst hat.

Rassismus

Der Begriff der Rasse ist überholt. Anstatt Rassisten bestimmen heute Kulturisten die Diskussion. Kulturelle Unterschiede können nicht übersehen oder geleugnet werden. Ihr Ursprung ist nicht biologisch, sondern historisch zu erklären.

Terrorismus

Der Terror ist die Methode eines Schwächlings, eines Unterlegenen. Er weiß, dass er nicht die Oberhand gewinnen kann. Er will aber Schrecken verbreiten und die Leute verunsichern. Deshalb hofft er, dass die Tat Eindruck macht. Einstürzende Türme bewirken mehr als viele Tote. In Europa sterben jährlich im Schnitt 50 Menschen durch Terroranschläge, verglichen zu 80.000 durch Verkehrsunfälle. In Israel sind es rund 500 Terroropfer pro Jahr. Der entschlossene Einsatz der Polizei ist eminent wichtig, nicht jedoch der ausführliche Pressebericht. Die Situation ändert sich, sollten Terroristen in den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen.

Krieg

Krieg ist ein Auswuchs menschlicher Dummheit, und Dummheit endet nie. Kriege führen äußerst selten zu einem Gewinn. Putin scheint dies jedoch nicht zu glauben, vor allem wenn er den Eindruck erweckt, dass es andere sind, die für ihn die Drecksarbeit machen wie auf der Krim und in der Ostukraine. Ein Cyberkrieg ist besonders hinterhältig. Jemand kann ein Stromnetz in Michigan lahm legen, ohne den Atlantik zu überqueren.

Säkularismus

Was man einst von frommen Herrschern erwartete, erwartet man heute vom säkularen Staat. Er soll auf dem Moralgefühl der Edlen und der Weisheit der Klugen basieren. Er soll sich darum kümmern, dass Wahrheit, Mitgefühl, Gleichheit und Freiheit beachtet werden. Er ist der Charter der Menschenrechte verpflichtet. Wieweit Menschenrechte einmal auch auf Cyborgs, Übermenschen oder Intelligenz besitzende Maschinen ausgedehnt werden müssen, ist eine offene Frage.

Ignoranz

Wie bereits erwähnt, sei es als Mythos erkannt, dass ein Individuum vorwiegend rational denkt. Das Gefühl breche immer wieder durch. Oft bilden wir uns ein, mehr zu wissen als wir tatsächlich tun. Wissen zu besitzen heißt noch nicht, dass wir es auch anwenden. Die Beeinflussung durch Kollegen (engl.: group think) ist nicht zu leugnen. Davon sollen selbst Wissenschaftler nicht ausgenommen sein.

Post-Wahrheit

Sowohl im politischen wie im wirtschaftlichen Leben spielt Werbung, auch Propaganda genannt, eine erhebliche Rolle. Wenn immer die einfache Wahrheit nicht reicht, kommt ihre Weiterentwicklung zur Post-Wahrheit (engl.: post-truth) zum Einsatz. Fake news sind eine besonders aktuelle Form. Entscheidend ist, dass man damit Menschen beeinflusst. Ihre Verbreitung erfolgt gezielt. Ihre Wirkung ist weit gestreut und lang anhaltend.

Bildung

Das Lernen von Fakten wird immer unattraktiver. Viel günstiger ist das Suchen im Netz. Was Wikipedia an Wissen enthält, kann man während eines Lebens kaum noch lesen. Was davon in 2050 noch relevant ist, ist heute schwer zu sagen. Es scheint, als ob geistige Beweglichkeit und emotionale Ausbalancierung eine zunehmende Rolle spielen werden. Die Frage stellt sich: Wie kann man zu einer Selbstkenntnis gelangen, die nicht gleich ist mit dem, was Amazon, Google und Baidu bereits über einen wissen?

Sinn des Lebens

Über den Sinn des Lebens haben Menschen überall auf der Welt und zu allen Zeiten nachgedacht. Sie haben sich eine Unzahl von Geschichten (engl.: stories) erzählt. Einige sagen, unser Leben sei Teil eines großen, unendlich andauernden Zyklus, in dem Alles mit Allem verbunden ist. Nach heutiger wissenschaftlicher Lehrmeinung kann diese Ewigkeit bestenfalls 13,8 Milliarden Jahre angedauert haben. Davor gab es kein Leben. Sollte jemand mehr als eine Million Jahre gelebt haben, muss er zwischendurch ein Dinosaurier und davor eine Amöbe gewesen sein. Sowohl nach buddhistischer wie nach hinduistischer Lehre muss jeder Mensch sein persönliches Dharma, sein Daseinsgesetz, finden.

Will man seinem Leben Sinn geben, kann dies nur geschehen, indem man es in einen Zusammenhang zu etwas stellt, was größer ist als man selbst. Das kann die Familie sein, die Region oder die Weltbevölkerung. Nach Hararis Meinung zählt dabei nur, was entweder die Kreativität oder die Freiheit von Menschen fördert. Von mehreren Beispielen, die er anführt, seien zwei erwähnt (a) ein Gedicht schreiben oder (b) einem Mädchen dabei helfen Lesen zu lernen. Oder anders ausgedrückt: Sinnvoll ist, was Leiden reduziert. Das Leben ist nämlich mehr als nur eine Erzählung.

Meditation

Aus seiner persönlichen Erfahrung berichtet der Autor, dass es eine besondere Form von Meditieren war, die ihm half. Es sei die Vipassana-Methode. Sie baut darauf auf, genau zu beobachten wie der eigene Atem den Körper verlässt bzw. in ihn eintritt. Anschließend verfolgt man, wie das eigene Gehirn Stimmungen und Gefühle erzeugt. Man kann auch sagen, dass das Gehirn (engl. brain) hierzu benutzt wird, von etwas, dass man als Geist oder Psyche (engl. mind) bezeichnet. Damit sind wir aber bereits in einem Bereich des Wissens, wo noch vieles offen ist.